Den Spiegel vorgehalten

Nachdem mich gestern ein Hilferuf meiner Schwangerschaftsvertretung Susi auf Arbeit erreichte, habe ich also heute meinen Kollegen mal wieder einen Besuch abgestattet. Da heute der Nachfolger meines Chefs, welcher uns leider zum Jahresende verlässt, um in meiner alten Firma anzufangen, zur Einarbeitung da war, saß Susi heute bei den IT-Kollegen im Büro.

Susi hatte beim ersten Kennenlernen einen ambivalenten Eindruck bei mir hinterlassen, den ich nicht richtig einordnen konnte. Sie war nicht wirklich unsympathisch, aber irgendwie konnte ich sie auch nicht richtig leiden, ohne genau zu wissen, warum.

Wir unterhielten uns über ihre Fragen und kamen auf ihre bevorstehenden Dienstreisen zu sprechen und ich fragte sie, ob sie schon mal in unserer Außenstelle an der Ostsee war, einfach um zu wissen, ob sie schon Bekanntschaft mit den Kollegen dort gemacht hat. Stattdessen erzählte sie mir ausführlich, dass sie die Kollegen nicht kannte, aber dafür die Stadt oder besser gesagt das Stadion, schließlich fahre sie ja zu fast jedem Auswärtsspiel ihrer Lieblingsmannschaft.

Einige Zeit später kam das Gespräch irgendwie auf ihren Freund und dessen Dienstfahrzeug und sie erzählte stolz, dass er damit heute nach Stadt-irgendwo-in-Hessen unterwegs ist. Meine Bewunderung hielt sich in Grenzen, immerhin war das sein Job. Sie fing darauf hin an, von Waffen zu sprechen und glänzte dadurch, dass sie wusste, dass ein bestimmter Gewehrtyp bei Stargate benutzt würde. Um das ganze zu toppen, posaunte sie hinaus, dass sie ALLE Science Fiction Serien auswendig könnte und zählte diese auch kurzerhand auf. Wir wurden kurz darauf sehr schief von ihr angeschaut, dass wir nicht sofort sämtliche Erzählstränge aller Bud Spencer und Terence Hill Filme parat hatten.

Es gipfelte darin, dass ich mir einen unfreiwilligen Witz wegen des fremdländischen Nachnamens eines neuen Kollegens, der gerade 4 Tage an Bord ist, erklären lassen musste. Susi meinte abschließend, sie hätte ja nur Russisch in der Schule gehabt, worauf hin ich erwähnte, dass ich auch Russisch hatte, dazu Englisch, Französisch und ein wenig Latein. Aber Susi hatte dafür Naturwissenschaften in der Schule, jawollja!

Und hier merkte ich dann endlich, was mich so unglaublich nervte: bei allem, was man sagte, trat man unbewusst in einen Wettkampf mit Susi, den sie unbedingt gewinnen musste. Sie übertrumpfte die Aussagen der anderen immer und freute sich diebisch, dass sie in ihren Augen besser ist als die anderen. Und ständig den anderen unter die Nase zu reiben, dass diese selber schlechter sind, bringt keine Sympathiepunkte.

Was für mich allerdings sehr erschreckend war ist, wie sehr mich Susi an mich selber erinnert hat. Als ich jünger war, war ich haargenauso wie sie. Ich musste mir auch ständig beweisen, dass ich besser bin als die anderen. Ich wusste mehr, ich hatte mehr erlebt, ich war klüger und ich interessierte mich nicht die Bohne, wie es anderen damit ging. Kurz, ich war ein arrogantes Arschloch. Ich konnte auch nie verstehen, warum andere mich nicht mochten, wo ich doch so toll war.

Ich habe lange und hart lernen müssen, dass ich mich nicht darüber definiere, um wie viel ich besser war als andere, dass Wissen und Intelligenz mangelnde Empathie und fehlenden Respekt nicht aufwiegen und es tatsächlich nicht schaden kann, sich selber nicht als Nabel der Welt zu sehen. Ich reagiere immer noch ein wenig empfindlich, wenn mich jemand in einen solchen Wettkampf drängt, zu tief sitzen die Mechanismen, die mich auch gern diesen Kampf gewinnen, mich auch über den anderen erheben lassen wollen. Ich habe mich heute nur jeweils ganz kurz auf diese Kämpfe eingelassen, mir ist es schlicht nicht mehr wichtig, diese zu gewinnen. An den Reaktionen meiner Kollegen konnte ich sehen, dass diese auch keine Lust auf solche Auseinandersetzungen hatten.

Susi hat mir also heute wunderbar einen Spiegel vorgehalten, ein Zeitportal zu einem jüngeren Selbst von mir. Zugleich hat sie mir auch gezeigt, dass sich die Quälerei der vergangenen Jahre gelohnt hat, dass ich doch eine ganze Menge an meiner Persönlichkeit gearbeitet und auch schon ein großes Stück geschafft habe. Es hat mir aber auch gezeigt, dass noch ein gutes Stück Weg vor mir liegt.

Aber der Anfang ist gemacht und darauf bin ich stolz 🙂

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