Die größten Ängste und Sorgen

Als wir am Montag die Feindiagnostikuntersuchung hatten, klärte uns der Professor auch über die Risiken und Wahrscheinlichkeiten von Chromosenfehlern auf. Da der häufigste Fehler bei Menschen nun mal Trisomie 21 ist, drehte sich das Gespräch hauptsächlich darum. Da der Professor bei dieser Aufklärung nicht sonderlich sensibel vorgegangen ist, bin ich seit Montag in Panik, dass unser Kind evtl. diese Chromosomenstörung hat. Mein Mann sieht das Ganze eher pragmatisch, ihm reicht die Wahrscheinlichkeit von 1:270 aus, um es als unwahrscheinlich bzw. nicht relevant abzuhaken. Mir gelingt das leider nicht so gut.

Seit Montag belese ich mich über T21, stöbere in Foren, scanne den Untersuchungsbericht akribisch nach Abweichungen bei den Messwerten, die auf die Krankheit hindeuten können. Und auch, wenn ich nicht wirklich etwas finde, wird meine Angst immer größer. Bei meiner Suche stieß ich in einem Forum auf einen Beitrag, der ein wenig provozierend fragte: „Panik wegen Trisomie 21 – Was sind eigentlich die größten Ängste und Sorgen in Bezug auf das Leben mit einem Menschen, der diese Behinderung hat?

Die meisten antworteten darauf, dass sie Angst vor Ausgrenzung durch die Gesellschaft und die Familie haben. Sie fürchten sich vor Fragen, warum sie denn keine Untersuchungen machen bzw. nicht abtreiben lassen haben. Betroffene berichteten von den Kämpfen mit Behörden und Krankenkassen, die sie so nicht erwartet haben.

Mich lässt diese Frage seitdem nicht mehr los. Auch ich stellte mir diese Frage und suchte nach Antworten. Was sind meine Ängste?

Meine Angst ist, dass ich das Kind nicht werde so lieben und annehmen können, wie es ist. Ich habe Panik davor, dass mir nach der Geburt dieses glitschige Bündel auf den Bauch gelegt wird und ich nur denken kann: nehmt es wieder weg, ich will es nicht haben. Ich fürchte mich davor, dass mich die gesamte Situation überfordert, dass ich das Kind vernachlässige und keine emotionale Bindung zu ihm aufbaue. Ich habe eh schon eine tief verwurzelte körperliche Abneigung gegen bestimmte äußerliche Merkmale, unter anderem Glubschaugen, Augenweitstand oder Hautknubbel. Ich weiß nicht, woher diese Abneigung kommt und warum es ausgerechnet diese Merkmale sind, während mir andere wie Feuermale oder amputierte Gliedmaßen egal sind. Auch kann ich mir 100 mal einreden, dass eine solche Abneigung totaler Blödsinn ist, die körperliche Reaktion des Ekels kann ich dennoch nicht unterdrücken. Und unglücklicherweise haben Kinder mit T21 sehr oft Glubschaugen und Augenweitstand. Werde ich mich also vor meinem eigenen Kind ekeln?

Meine Mutter wird sich weigern, dieses Kind so wie ihren ersten Enkel zu behandeln, ihn immer wieder mal für ein paar Tage zu sich zu nehmen oder auch mal mit ihm in den Urlaub zu fahren. Für mich bedeutet das, dass wir nie mehr kinderfrei, niemals auch nur ein kleines bisschen Entlastung und Erholung vom Alltag haben werden. Ich habe Angst davor, was dies mit meiner Psyche machen wird, immerhin habe ich eine entsprechende Vorgeschichte, die ich derzeit zwar gut im Griff habe, mit der ich mir solch außergewöhnliche Belastungen nicht zutraue.

Ich habe Angst vor all den Komplikationen, die sich daraus ergeben. Dass dieses Kind mehr Förderung braucht, und ich deswegen nicht wie gewünscht arbeiten gehen kann, was wiederum nicht unerhebliche finanzielle Einschränkungen nach sich zieht, da ich nunmal der Hauptverdiener in unserer Familie bin. Dass ich diesem zusätzlichen Druck nicht gewachsen sein werde.

Was mir hingegen weniger Angst macht, sind die Reaktionen der Gesellschaft. Ich wurde als „normaler“ Mensch schon oft genug angefeindet und beleidigt, nur weil jemandem meine Kopfbedeckung oder mein Gesicht nicht gefiel. Gegen solche Angriffe kann ich mich wehren. Genauso gegen Behördenwillkür oder Falschinformationen. In der heutigen vernetzten Zeit ist der Austausch mit anderen Betroffenen kein Problem mehr und gerade die T21er sollen sich gut organisiert haben.

So liege ich also im Bett, grübele über meine Ängst und über unsere Zukunft, weine immer wieder verzweifelt in mein Kissen, darauf bedacht, den friedlich neben mir schlafenden Mann nicht zu wecken. Dabei schleicht sich ein Gedanke, ein Gefühl ein, dass ich mein Kind schon länger nicht mehr im Bauch gespürt habe. Auch beim Ultraschall war es schon so ruhig gewesen. Was, wenn das Kind in meinem Bauch schon gar nicht mehr lebt? Fühlt sich der Bauch nicht gerade auch etwas schlaff an?
JETZT macht sich wirkliche Panik breit. Ich klopfe und wackel an meinem Bauch und bete immer wieder dieses Mantra: Bitte verlass mich nicht, bleib bei mir, bitte verlass mich nicht, bleib bei mir! Ich presse beide Hände mit aller Kraft gegen meinen Bauch und warte atemlos, ob sich vielleicht nicht doch etwas tut, ob ich eine kleine winzige Bewegung erahnen kann. Bitte verlass mich nicht, bleib bei mir! War da nicht etwas, hat es mich dort gerade gestupst? Vermutlich war es nur Einbildung. Ich presse meine Hände weiter auf meinen Bauch und die Verzweiflung wächst.

Da, das war jetzt aber eindeutig ein Tritt. Und noch einer. Und noch einer. Ich weine immer noch, aber diesmal vor Erleichterung. Glaube ich jetzt tatsächlich immer noch, dass ich dieses Kind nicht lieben und nicht mit all meiner Kraft für es kämpfen werde, wenn es nicht der Norm entsprechend auf die Welt kommt? Habe ich jemals wirklich sowas geglaubt? Ich lächle noch ein wenig unsicher, noch sind nicht alle Zweifel verflogen, werden es wohl auch nie sein. Aber die Panik hat sich gelegt und hat wieder der Zuversicht Platz gemacht.

Egal, was kommt, wir werden das schon hinkriegen!

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2 Kommentare zu “Die größten Ängste und Sorgen

  1. Mama-I sagt:

    Du wirst das Kind lieben, hab keine Angst! Und das Risiko ist wirklich sooo gering! Das schafft Ihr schon!

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