Wahllichtbildvorlage

Heute morgen war also mein Termin bei der Polizei. Und natürlich hab ich mir letzte Nacht einen Riesenkopp darum gemacht, wie das heute ablaufen wird und ob ich überhaupt eine brauchbare Aussage machen kann, immerhin ist der Vorfall ja schon ein knappes halbes Jahr her und so wahnsinnig lange konnte ich mir die Bösewichter nicht angucken. Ich wälzte mich also unruhig im Bett hin und her und bin dann ohne auch nur etwas geschlafen zu haben, wieder aufgestanden.

Ich bin trotzdem einigermaßen fit bei der Polizei angekommen und nach einer kurzen Erklärung ging es auch schon los. Mir wurde ein Blatt vorgelegt, auf dem 8 Bilder von Frauen abgebildet waren. Nur zwei davon sahen aus, als wenn sie nicht von Drogensüchtigen vom Straßenstrich stammen würden, sehr verlebt, sehr fettige Haare, sehr ungepflegtes Erscheinungsbild. Sorry, falls ich damit Jemandes Gefühle verletze, aber ich kann es nicht besser beschreiben. Mehrere hatten noch die falsche Haarfarbe.

Ich konnte mich relativ schnell auf eine der beiden verbleibenden Personen festlegen, sagte aber auch gleich dazu, dass ich sie nur am Pflegezustand, der Haarfarbe und der Frisur erkennen würde, nicht aber an bestimmten Gesichtszügen. Für solche Details waren die Umstände zu ungünstig.

Der Beamte legte mir daraufhin ein Blatt hin, auf dem 8 Bilder von Männern abgebildet waren. Aber hier musste ich komplett passen. Alle sahen sehr südländisch aus, alle hatten schwarze Haare und eher rundliche Gesichter und nur einer hatte keinen Schnauzbart. Ich hab dem Polizisten dann auch gesagt, dass es bei den Männern nichts bringt.
Ich hätte raten müssen und Lotto spielen bei dem Thema ist doof. Ich will ja auch niemand falsches beschuldigen.

Nach dem Bilder gucken kam der Papierkram. Der Beamte schrieb im Zwei-Finger-Suchsystem und malträtierte die Tastatur so sehr, dass ich jeden Moment dachte, die zerbricht gleich. Ich dachte bisher immer, mein Mann hätte einen harten Anschlag beim Schreiben, aber ich wurde heute eines besseren belehrt. Vermutlich liegt es noch an der alten Schule auf mechanischen Schreibmaschinen, wo man wirklich mit aller Kraft auf die Tasten hämmern musste, um die gewünschten Buchstaben zu entlocken. Vom Alter her hätte es bei dem Beamten jedenfalls passen können.

Ich wartete geduldig, dass der Beamte den Schreibkram fertig hat und schaute mich derweil im Zimmer um. Das Zimmer selbst war nikotingelb gestrichen, überheizt und sehr stickig. Das würde auch erklären, warum den Beamten eine sehr herbe Duftmarke umgab. Sein ihm gegenübersitzender Kollege bearbeitete in aller Seelenruhe diverse ausgedruckte Emails von Onlineanzeigen, jede ordentlich abgestempelt und zusammengetackert. Er löste die Heftklammern professionell und schnippte sie dann seitlich hinter sich vom Schreibtisch. Dort stand aber leider kein Papierkorb, sondern die Klammern landeten einfach auf dem Boden. Ein kurzer Blick auf die beachtliche Sammlung verbogener Heftklammern signalisierte mir, dass der gute Mann das schon immer so machte ™.

„Mein“ Beamter druckte sich mittlerweile einen Wolf und gab mir einen dicken Stapel, den ich unterschreiben sollte. Dabei fiel mir auf, dass er vergessen hatte zu notieren, wen ich denn nun eigentlich als Täterin erkannt haben will. Er nahm also die Blätter wieder an sich, korrigierte im System den Fehler und druckte alles erneut aus. Diesmal unterschrieb ich auch brav und dachte, ich könnte dann gehen. Aber nein, es fehlte noch das Formular A43. Ich konnte mich also weiter im Zimmer umschauen.

So bewunderte ich die antike, handgeschmiedete Wetterstation des Klammer-Übeltäters. Sah die beiden nicht minder antiken Radios. Die an der Pinnwand festgenadelten Schreiben zur Amtshilfe, die alle mehrere Jahre alt waren. Eine Deutschlandkarte, die so alt aussah, als würde sie bei der leisesten Berührung zu Staub zerfallen, aber immerhin schon die wiedervereinigte Republik zeigte. Zwei Werbewandkalender. Und eine Grünpflanze, welche sich sichtlich wohl in diesem subtropischen Klima fühlte. Die Rollläden waren heruntergelassen und von draußen dröhnte das dumpfe Hämmern der Großbaustelle nebenan herein. Wenn das den ganzen Tag so ging, hatten die beiden abends bestimmt immer gut Kopfschmerzen. Und ich konnte verstehen, warum sie die Fenster nur ungern öffneten.

Der Beamte hatte dann auch das letzte Formular fertig, erklärte mir kurz den Inhalt und ich unterschrieb brav. Jetzt war der Termin aber wirklich vorbei und ich wurde noch zur Tür gebracht, damit ich auch ja nicht irgendwo falsch abbiege und hochgeheime Ermittlungsarbeit ausspionieren könnte 😉

Schade eigentlich, ich finde Polizeiarbeit nämlich unglaublich spannend. Sind ja letztendlich auch nur Menschen 🙂

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2 Kommentare zu “Wahllichtbildvorlage

  1. blumenelfe sagt:

    Spannend ist es wirklich, wir wurden im Frühling dazu geladen unsere Fingerabdrücke zum Vergleich beim kriminalpolizeilichen Erkennungsdienst abzugeben. Faszinierend das mal von innen zu sehen 🙂

    Eine Wahllichtbildvorlage nach 1 Jahr, wäre für mich persönlich allerdings auch kaum möglich gewesen.

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  2. xayriel sagt:

    Was ist denn passiert, dass sie eure Fingerabdrücke brauchten? Und wie haben sie das gemacht, so wie im Fernsehen oder doch ganz anders? Ich find das auch total spannend 🙂

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