Projekt Weihnachtsbaum

Alle Jahre wieder versuchen wir uns an der Kunst des Weihnachtsbaumschmückens. In meiner Familie hat dieses Kunsthandwerk eine lange Tradition, welches auch entscheidende Teile meiner Kindheit prägte.

So wurde damals Anfang Dezember die Jagd auf den richtigen Baum eröffnet. Als DDR-Kind war dies immer mit besonderen Schwierigkeiten verbunden und nicht selten wurden 2 ziemlich krüppelige Bäume gekauft, dann die Zweige des einen Baumes in extra gebohrte Löcher des anderen Baumes gefriemelt und am Ende kam ein halbwegs brauchbares Ergebnis raus, welches aber trotzdem weit entfernt vom Prädikat „schön“ war.

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Unser diesjähriges Ausgangsmaterial, Gattung schwedische Nordmanntanne.

Dann kam die Wende und sowohl die Auswahl als auch die Qualität der dargebotenen Bäume besserte sich. So wurden mein Papa und ich abermals Anfang Dezember losgeschickt, um den jährlichen Wohnzimmerschmuck zu ergattern. Wir fuhren unzählige Weihnachtsbaummärkte ab, aber so richtig konnte uns kein Baum überzeugen. So blieb als letzter Ausweg nur das um die Ecke liegende Gartencenter, wo wir mehr oder weniger auf Anhieb fündig wurden. Wir wiederholten dieses Ritual einige Jahre, bis ich meinen Papa irgendwann überzeugen konnte, doch direkt und als allererstes ins Gartencenter zu fahren.

Meine Ma pflegte indessen ein ganz eigenes Ritual und zwar fand sie grundsätzlich jeden Baum nicht qualifiziert genug, unser gute Stube für 2 Wochen zu verzieren. Bei den Zonenkrüppelkiefern waren ihre Einwände ja noch nachvollziehbar, bei den Nachwendetännchen schon weniger. Zumal das erste Urteil immer schon gefällt wurde, wenn das Bäumchen noch in seiner Maschenhülle steckte. Und war erst einmal das Urteil ergangen, war es äußerst schwierig für uns, sie doch noch vom Gegenteil zu überzeugen.

Das Bäumchen wurde nach dem Erwerb erstmal auf dem elterlichen Balkon bei Wasser und Frischluft zwischengelagert, bis er dann am 23. Dezember (keinen Tag früher, keinen Tag später) in den antiken, gusseisernen Ständer geklemmt und ins Wohnzimmer geschleppt wurde. Mein Papa und ich verbrachten nun die nächsten Stunden damit, den Baum zu dekorieren, während meine Ma in der Küche der Weihnachtsgans ordentlich einheizte.

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Der Tradition folgend zuerst die Lichterkette.

Wie immer eröffnete das Aufbringen der Lichterkette den Verzierungsreigen. Erst, wenn alle Etagen, Ecken und Zweige ordentlich ausgeleuchtet waren, durfte in diw nächste Phase übergegangen werden. Und da unsere ostproduktive Lichterkette nur 16 Kerzen hatte, war dies durchaus eine Herausforderung. Dann folgten die großen Kugeln, dann die mittleren. Je nach von Mama vorgegebenem Motto folgten dann Vögel oder Strohsterne oder Holzspielzeug. Manchmal auch eine Kombination zweier Motive. Aber niemals alle zusammen, bloß nicht den Baum überladen.
Zum Abschluss kam immer das Lametta. Dazu wurde das aus dem Intershop gegen teure Westmark eingetauschte Bleilametta vorsichtig aus der Verpackung gelöst und in kleine Häufchen zu je drei Streifen auf dem Sessel verteilt. War alles Lametta gehäufelt, wurde es ebenso gleichmäßig auf dem Baum verteilt.

Mein Pa und ich begutachteten anschließend das Kunstwerk und waren wir der Meinung, dass es der mütterlichen Kritik standhalten könne, gaben wir den Baum zur allgemeinen Begutachtung frei. Meist wurde der Baum ein wenig skeptisch betrachtet, mitunter gab es auch ein Stirnrunzeln, sehr selten verbale Unmutsbekundungen, jedoch nie Lob, aber spätestens am 24. Dezember, wenn wir alle gemütlich nach der Bescherung zusammen saßen, wurden dann die magischen Worte gesprochen:

Ach, haben wir einen schönen Baum!

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Früher war mehr Lametta!

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