Pädagogisch nicht besonders wertvoll

Inspiriert durch Blumenelfes Beitrag, in dem sie sich unter anderem wünscht, nicht immer nur Heile-Welt-Blogeinträge zu lesen, möchte ich ein wenig von unserem Erziehungsalltag schreiben.

Es gibt bei uns genau drei feste Regeln, an die sich der Große, und später auch die Kleene, halten muss:

  1. Nicht in Steckdosen fassen oder an oder mit ihnen spielen. Wir haben zwar Steckdosenkindersicherungen, aber neugierige Kinderfummelhände machen davor nicht halt.
  2. Nicht auf dem Stubensofa rumtoben. Wenn er hopsen, klettern oder sonstigen Unsinn machen möchte, dann kann er das auf seinem Sofa in seinem Zimmer machen.
  3. Die Katzen werden nicht geärgert. Dazu gehört das Jagen, Kneifen, am Schwanz ziehen oder auf die Nase stupsen.

Regel 1 wird konsequent befolgt, bei Regel 2 + 3 gibt es immer wieder Ausreißer. Während Verstoß gegen 2. eine Freifahrt ins Kinderzimmer nach sich zieht, regeln de Katzen die Einhaltung von Punkt 3 selber. Mit teils schmerzhaften Folgen, aber ohne erkennbaren Lerneffekt beim Kind. Lernen durch Schmerz funktioniert eben nicht immer.

Der Große hat im Wohnzimmer eine eigene Spielecke, in der er sich austoben kann, teilweise mit Beteiligung der Katzen, die Lego-Räder oder rollende Matchboxautos genauso spannend finden wie das Kind. Die Spielsachen dürfen nach Gutdünken verwendet und kombiniert werden, wenn dadurch etwas kaputt geht oder nicht mehr verwendet werden kann, dann muss das Kindlein lernen, damit klar zu kommen. Dazu darf sich allerdings gerne an der elterlichen Schulter ausgeheult werden. Wir haben gemerkt, dass Ermahnungen oder Erklärungen zum sorgfältigen Umgang mit Spielmaterial genau Null Effekt haben, aber die Praxis sehr wohl ein guter Lehrmeister ist.
Das gesamte Kinderzimmer ist mehr oder weniger zur Verwüstung frei gegeben, allerdings sind Verschönerungsaktionen mit Farbe oder Aufklebern mit uns abzusprechen. Für Aufkleber steht der Kopfteil seines Bettes zur Verfügung, welches er nach Belieben dekorieren darf. Für zeichnerische Ambitionen gibt es eine Maltafel für Kreide und Whiteboardmarker und bis auf eine Ausnahme blieben wir dadurch von Malaktionen auf der Tapete verschont. Wenn er mit Bunt- oder Filzstiften malen möchte, kann er sich jederzeit Papier bei uns abholen. Desweiteren möchten wir, dass wenigstens ein schmaler Trampelpfad bis zum Bett spielzeugfrei bleibt.

Mindestens einmal die Woche lassen wir das Kind seine Spielsachen wegräumen, damit die Putzkolonne ungehindert durch die Wohnung wirbeln kann. Das klappt wunderbar, denn alles, was nach einer großzügig bemessenen Aufräumzeit noch auf dem Boden liegt, wird weggesaugt. Wir helfen natürlich beim Aufräumen, wenn wir darum gebeten werden und bis auf winzige Legosteine sind bisher wohl alle Spielsachen dem großen Saugmonster entkommen.

Die Spielsachen sind aus Holz, Plastik, Gummi, Stoff, Papier oder was auch immer. Wir haben es mit Holzbauklötzen versucht, aber Legosteine pappen nunmal besser zusammen und lassen sich höher stapeln. Eine Armee von Plüschtieren belagert das kindliche Bett so sehr, dass das Kind fast gar keinen Platz zum schlafen hat. Eines davon wegräumen geht gar nicht, da jedes Plüschi wichtig und heiß geliebt ist. Die absoluten Favoriten sind allerdings Fahrzeuge jeglicher Art. Je abgeschrammter, je besser. Und wehe, ich wage es, ein Auto wegzuwerfen, weil es nur noch 3 Räder und keinerlei Lack mehr hat. Und Fußbälle. Und Murmeln. Hauptsache es rollt, sehr zur Freude der Katzen.

Schlafenszeit ist gegen 20 Uhr, sollte am nächsten Tag kein Kindergarten sein, gerne auch etwas länger. Trotz dieses späten Zubett Gehens kommt es vor, dass das Kindlein bereits um 6 Uhr morgens auf der Matte steht und bespaßt werden möchte. Diese Aufgabe übernimmt dann bei uns der Fernseher, während mein Mann daneben als Aufsichtsperson auf dem Sofa döst. Wenn wir unser Kind schon vor dem TV parken, stellen wir ihm wenigstens was Gescheites ein, nämlich KIKA. Kindgerechte Sendungen ohne Werbung, nur etwas nervig in der Geräuschkulisse.

Überhaupt Fernsehen. Das läuft bei uns relativ viel, meist als Hintergrundbeschallung, so wie bei anderen das Radio. Nur hat Radio den Nachteil, dass dort immer die ewig gleichen Lieder laufen und die aufgesetzte Fröhlichkeit sich nicht auf mich überträgt. Da es tagsüber bei den privaten Fernsehsendern nicht viel anders ist, läuft dann bei uns meist ZDFinfo. Vielleicht können wir durch die Dokumentationen noch etwas lernen.

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Schmeckt jemandem das Essen nicht, kommt eben etwas anderes auf den Tisch. Bei uns muss niemand hungern, es wird aber auch niemand zum Essen gezwungen. Sollte unser Kind entscheiden, dass es nach 3 Löffeln satt ist, dann ist es eben so. Sollte es nach der 3. Brötchenhälfte immer noch Hunger haben, dann ist es eben so. Zudem steht immer eine Dose mit Süßigkeiten rum, aus der sich das Kind nach Belieben bedienen darf. Nur kurz vor den Mahlzeiten wird der Gummibärchenverzehr eingeschränkt. Ab und zu mopse ich ein paar Süßigkeiten aus dieser Dose, weil sie sonst schlecht werden. Dies ist kein Scherz, der Große isst so wenig aus seiner Schatzkiste, dass manche Sachen nach 2 oder 3 Monaten aussortiert werden müssen.

Unser Kind ist dreckig. Also nicht immer, aber spätestens nach 5 Minuten. Noch schneller, wenn es frisch gewaschene Sachen an hat. Da Umziehen aller 5 Minuten keinen Sinn macht, bleibt es eben dreckig. Am Ende des Tages klopfen wir den gröbsten Dreck von ihm ab.
Zähne werden jedoch immer gut geputzt, morgens und abends. Wir haben früh damit angefangen unter Zuhilfenahme der bösen Zahnzwerge, welche mit ihren Picken nachts Löcher in ungeputzte Kinderzähne schlagen. Diese Geschichten hatten so großen Erfolg, dass der Große nicht einschlafen kann, wenn seine Zähne nicht geputzt sind.

Wir bespaßen unser Kind nicht rund um die Uhr. Wir gehen nicht jeden Tag raus an die frische Luft, nicht mal, wenn die Sonne scheint. Manchmal dümpeln wir einfach den ganzen Tag in der Wohnung rum.
Wir schreien das Kind auch mal an. Besonders, wenn es richtig Blödsinn gemacht hat. Oder wenn es uns nach dem dritten Ansprechen oder Ermahnen immer noch nicht gehört hat. Manchmal gibt es Situationen, wo das eben passiert und wo Erklärungen einfach nicht wirken. Weil wir es schon 10 mal erklärt haben. Oder das Kind einfach nicht zuhört. Oder es eben ein anstrengender Tag war.

Wir sind Verfechter der gewaltfreien Erziehung, da mein Mann und ich dies in unserer Kindheit nicht erfahren durften, uns aber noch sehr genau daran erinnern können. Gerade bei diesem Hintergrund ist die Umsetzung des Vorsatzes nicht immer einfach, ist es doch die vermeintlich schnellste und einfachste Lösung, um den eigenen Willen durchzusetzen. Bis auf eine Ausnahme ist es uns bisher gelungen. Ich ärgere mich, dass es die Ausnahme gab, dass mir keine bessere Alternative eingefallen ist. Ich kann es aber auch nicht rückgängig machen, sondern nur daraus für die Zukunft lernen. Ich habe damals mit dem Großen über die ganze Situation gesprochen und mich bei ihm entschuldigt.

 

Wir sind sicher nicht die perfekten Eltern, jedoch geben wir das Beste im Rahmen unserer Möglichkeiten. Ich denke oft, dass wir mehr mit dem Kind machen sollten, mehr raus, mehr Spielplatz, mehr Malen. Doch das würde auch mehr Kraft kosten. Ich könnte diese bestimmt die erste Zeit aufbringen, aber eben nicht für lange.  Was passiert, wenn mir die Energie ausgeht, ich wieder in ein dunkles Loch stürze, weil mir der Kontakt zur den Mitmenschen zu viel wurde. Ist dem Kind dann damit mehr geholfen? Oder ist es so, wie es jetzt ist, unsere Ideallösung?

Solche Fragen stelle ich mir immer wieder, überprüfe immer wieder mein eigenes Verhalten, überlege, was wir optimieren können. Fakt ist, dass meine psychischen Erkrankungen tiefgreifend waren und nicht so wahnsinnig lange zurück liegen und das Gleichgewicht, welches ich mittlerweile gefunden habe, immer noch sehr fragil ist.
Kann ich trotz dieser Vorgeschichte eine gute Mutter sein? Ich denke schon, da es meiner Meinung nach nicht darauf ankommt, wie pädagogisch wertvoll das Spielzeug ist oder ob nur ökologisch unbedenkliche Lacke verwendet wurden.

Viel wichtiger ist, ob das Kind Liebe und Respekt erfährt. Und das bekommen unsere Kinder jederzeit in vollem Umfang.

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8 Kommentare zu “Pädagogisch nicht besonders wertvoll

  1. blumenelfe sagt:

    Du weißt gar nicht wie dankbar ich Dir für diesen Artikel bin!
    Ich habe einen im weiten Sinne ähnlichen Post als Entwurf gespeichert, war mir bisher aber doch noch ein wenig unsicher ob ich ihn so tatsächlich veröffentlichen kann.
    Danke, es ist der erste Post den ich lese, bei dem ich nicht das Gefühl bekomme eine schreckliche Mutter zu sein 🙂

    Und nein, es macht keinen Sinn Deine Kraft aufzubrauchen, wenn die Gefahr besteht, dass Du erneut in ein tiefes Loch fällst. Davon haben weder Dein Mann noch Du etwas und am aller wenigsten Eure Kinder!
    Es ist toll, dass es Dir besser geht und absolut sinnlos den jetztigen Stand auf´s Spiel zu setzen.

    P.s. die Fragen stelle ich mir auch immer wieder

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    • xayriel sagt:

      Ich habe ca 2 Tage gewartet, bis ich auf „Posten“ gedrückt habe. So ein Post macht mich ja auch angreifbar, aber letztendlich wars mir dann egal 🙂

      Ich überleg noch, ob ich einen Post zu meiner Vorgeschichte mache, einfach zum besseren Verständnis, aber noch fehlt mir ein wenig der Mut dazu.

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      • blumenelfe sagt:

        Mach es doch passwortgeschützt, ich habe auch Teile meiner Geschichte auf dem Blog, aber eben mit Passwort. Dann hast Du es geschrieben & wer sich wirklich dafür interessiert, kann ja danach fragen.

        Ich gehöre dann übrigens zu den Interessenten. Dein Text kam mir so… mhm… bekannt vor.

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  2. Reh sagt:

    Schön geschrieben 🙂 und die Frage nach mehr draußen,basteln,malen und weissdergeier: das bringt nix. Dann malen die kinder anders als in unserer Vorstellung und man wird grillig. Das Angebot war dann verschwendete Energie 😀

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  3. Nenu sagt:

    Danke für diesen Post – der spricht mir aus der Seele. So oder so ähnlich wirds wohl bei uns auch laufen. ❤

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  4. Mama-I sagt:

    Daumen hoch!!! Sehr schön zu lesen! Und die Vorgeschichte würde mich sehr interessieren, denn ich hab auch eine (und bin überzeugt, dass man dann auch eine sehr gute Mama sein kann, oder gerade deshalb.).

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