Nerdgasm

Als ich im März 2001 anfing, meine Diplomarbeit über UMTS zu schreiben, waren wenige Monate zuvor die Lizenzen für sagenhafte 90 Milliarden Euro versteigert worden. Analysten sagten damals voraus, dass von den sechs Bietern nur 3 jemals wieder diese Ausgaben zuzüglich Netzausbau amortisieren können. Fand ich damals einen klasse Einstieg und hat mich unglaublich motiviert 😉

Um überhaupt zu wissen, worum es bei UMTS geht, musste ich mich erst einmal grundlegend mit Mobilfunk beschäftigen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon mein drittes Handy, aber außer anrufen und SMS schreiben konnte ich nichts damit anfangen. Na gut, ich hatte auch ein oder zweimal Snake auf dem Nokia 3410 gespielt. Ich hatte allerdings schon leidvoll herausgefunden, dass es verschiedene Netze gibt. Als ich in Finnland war, schloss ich einen Mobilfunkvertrag ab und musste mir separat dazu ein Handy kaufen, da die Finnen das Konzept des gesponserten Telefons nicht kannten. Wieder zurück in Deutschland schloss ich einen deutschen Vertrag ab, verzichtete auf das Handy, da ich ja schon eines hatte, und bekam im Gegenzug dafür 200 Euro geschenkt. Fand ich als Student richtig klasse.

Blöd nur, dass mein Mobiltelefon nur im GSM-900 funken konnte, Viag Interkom aber eine GSM-1800-er Frequenz belegte. So lernte ich gleich ebay mit kennen und ersteigerte mir ein passendes Handy für 100 Euro. Mein altes, für mich unbrauchbares Handy verkaufte ich für 50 Euro an eine Studienkollegin und hatte am Ende immer noch 150 Euro gut gemacht. Ich glaube, ich habe das in Drinks und Klamotten investiert, wie man das eben als arme Studentin so macht 😀

Meine alten Handys waren noch echte Knochen, die man neben dem Telefonieren auch als Wurfgeschoss oder zur Selbstverteidigung einsetzen konnte. Sie gingen auch nicht kaputt. Mein heutiges schnurloses Festnetztelefon ist samt Ladestation kleiner als die Handys damals.
Ein Kollege in der Firma, in der ich die Diplomarbeit verfasste, hatte zu jener Zeit das Non-Plus-Ultra der Mobilfunktechnik: ein Handy mit Farbdisplay. Waren zwar nur 3 Farben (rot, blau, grün) + schwarz, aber damit war er der King. Selbst sein Chef, der „nur“ den Nokia Communicator hatte, konnte dagegen nicht anstinken. Ich hab mich immer ein wenig geschämt, wenn ich mein türkises Allerweltsnokia aus der Tasche kramte.

Zur Einstimmung in das ganze Thema sollte ich zusammen mit den richtigen Experten ein Konzept erarbeiten, wie man mobiles Ticketing bei den örtlichen Verkehrsbetrieben umsetzen könnte. Damals waren RFIDs gerade im Kommen, genauso wie der doppelte Barcode, der heute als QR-Code bekannt ist. Das größte Problem war damals sicherzustellen, dass das mobile Ticket auch wirklich von den Verkehrsbetrieben ausgestellt und vom Fahrgast bezahlt worden ist. Es gab die fantastischsten Verrenkungen, eine unpraktischer als die andere. Ich habe leider vergessen, welche Lösung letztendlich in die Testphase ging, aber ich war stolz wie Oskar, als nicht ganz so unwichtiger Teil dabei gewesen zu sein.

In meiner Arbeit selbst sollte ich die beiden Bezahlsysteme Prepaid und Rechnung gegenüber stellen und versuchen, Szenarien zu entwickeln, wie man die Vorteile dieser Systeme für die jeweils andere Option nutzen kann und welche Synergieeffekte sich daraus ergeben könnten. Mir sind tatsächlich welche eingefallen, die später, viel später vom Magenta-T auch umgesetzt worden und heute gang und gäbe sind. Als ich eines Tages einen Werbespot mit einem von mir entwickelten Feature im Fernsehen gesehen habe, bin ich fast von meinem Höckerchen gekippt.
Und bevor jemand fragt: Nein, ich bin damit nicht reich geworden, alle Rechte an „meinen“ Erfindungen habe ich an die Firma abgetreten, bei der ich über dieses spannende Thema schreiben durfte. Sie haben mir allerdings im Gegenzug jeden Monat ein klein wenig Geld geschenkt. Fand ich nett 🙂

Ich bin kein Early Adopter, ich warte lieber, bis die Technik bezahlbar ist und die Kinderkrankheiten ausgestanden sind. Ich laufe nicht jedem Trend sofort hinterher, dafür habe ich schon zu viele „das ist die Zukunft“ in der Versenkung verschwinden sehen. So dauerte es auch bis Weihnachten 2011, bis ich mir endlich ein Smartphone zulegte. Lange überlegte ich hin und her, ob ich so viel Geld wirklich ausgeben will und ob ich das überhaupt brauche, Internet für unterwegs, ging doch bis dahin auch. Als dann aber mein zweites Walkman-Handy altersbedingt sein Leben aushauchte, wagte ich den Schritt.

Ich habe es bis heute nicht bereut und frage mich, wie ich jemals ohne diesen kleinen Schatz leben konnte. Immer wieder gibt es Situationen, da bin ich einfach nur fasziniert von den Möglichkeiten der modernen Technik, ich staune und freue mich wie ein Schnitzel, was so ein kleines Ding alles kann. Aktuell beschert mir die Fußball-WM jede Menge solcher Glücksmomente, jedes Mal, wenn ich in letzter Minute meine WM-Tipps abgebe oder mir zu später Stunde per Livestream in gestochen scharfer Qualität die Spiele auf meinem Handy anschaue:

handy

Da geht mir echt einer ab, da feier ich innerlich und krieg dieses dusslige Grinsen nicht aus dem Gesicht.

Genauso wie vor 4 Wochen. Da steuerte ich per Handy unseren Fernseher über WLan an, da die dazugehörige Fernbedienung nach nur wenigen Wochen in unserem Besitz die plötzliche Bekanntschaft mit Apfelsaft nicht überlebte, originaler Ersatz zu teuer ist und Universalfernbedienungen weder das Universum noch Spezialfunktionen bedienen können.
Ich startete den Sendersuchlauf, kopierte die Senderliste auf einen USB-Stick, lud mir am Rechner ein kleines Programm zum Editieren der Liste aus dem Netz, sortierte alles nach unseren Vorstellungen, kopierte alles wieder zurück auf den Stick und von dort auf den Fernseher. Und dann brauche ich eine halbe Stunde, bis ich das richtig begriffen habe. Als ich klein war, gab es nur 2 Sender und die meisten TV-Geräte konnten nur schwarz-weiß. Man musste zum Umschalten aufstehen und bis zum Fernseher hinlatschen und nach Mitternacht gab es gar kein Programm mehr, nur noch das Testbild.

Manchmal, wenn ich ein Spiel auf dem Handy zocke oder ein eBook lese, denke ich an die Zeit zurück, als mein Handy nur 6 SMS speichern konnte und das Display nur 2 oder 3 Zeilen hatte.
Das ist gerade mal 13 Jahre her.

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