So ein Kindergarten

Am Dienstag hatten wir das Gespräch mit der Erzieherin des Großen. Ich habe sie zum ersten Mal gesehen, ist ein ganz liebe, noch recht jung.

Wir sprachen über den Großen und sein mitunter unterirdisches Benehmen. Sie fragte, seit wann das so wäre und wir sagten, seit G., sein ehemaliger Erzieher, von heute auf morgen den Kindergarten verlassen hat. Mehr oder weniger zu diesem Zeitpunkt wurde auch seine Schwester geboren. A., die Neue, erklärte, dass der Weggang Gs für alle überraschend kam und niemand weiß, warum er gegangen ist.

Sie selber hat versucht, den Kontakt zu ihm herzustellen, bekam jedoch keine Antwort. Sie meinte, wir könnten noch bei der Leitung nachfragen, aber mein Mann schüttelte nur den Kopf. Hätte er schon gemacht, aber keine Antwort erhalten. Uns wundert das alles sehr und natürlich gibt es die wildesten Spekulationen. Ich vermute, er hat sich mit dem Chef oder einem Elternpaar überworfen, denn in einer Infomail vom Kindergarten wurden alle darüber informiert, dass G nach 3-monatiger Kündigungsfrist den Kindergarten verlässt und bis dahin freigestellt ist. Sollten schwerwiegendere Sachen vorgefallen sein, wäre er mit Sicherheit fristlos gekündigt worden.

Unser Kind erzählt leider nur sporadisch vom Kindergarten, aber wenn er erzählt, dann bezeichnet er sich selber immer noch als Gs Kind. Dazu muss man wissen, dass 2 bis 3 reguläre Kindergartengruppen in einer großen Gruppe auf einer Etage zusammen sind und jedes Kind einen sogenannten Bezugserzieher hat, der die Entwicklung des Kindes überwacht und bei Fragen und Problemen von Kindern und Eltern bereit steht.
Von sich aus hat unser Großer noch nie von A erzählt, erst auf Nachfrage bestätigte er, dass er jetzt ein A-Kind sei.

Mit dem Weggang Gs gab es zudem strukturelle Umbauten im Kindergarten. Mehrere andere Erzieher haben sich krank gemeldet oder gekündigt, so dass die heißgeliebten, regelmäßigen Montagswanderungen in ein nahe gelegenes Wäldchen ausfallen mussten.
Jeden Freitag war Experimentetag, wo G sehr anschaulich den Kindern ein bestimmtes Thema näher gebracht hat. Einmal erklärte er bspw., warum frische Blätter grün und alte Blätter braun sind und warum die braunen Blätter gut brennen, die grünen hingegen gar nicht.
Auch die anderen Tage hatten bestimmte Themen, aber ich gehe davon aus, dass diese, da nicht so umfangreich, fortgeführt wurden.

Auf jeden Fall sind allein die Ereignisse im Kindergarten schon ziemlich heftig und müssen von so einem kleinen Kind erstmal verarbeitet werden. Dass dann zusätzlich noch die kleine Schwester kam, hat dem ganzen die Krone aufgesetzt. Er brauchte einfach einen Prellbock, um seine ganze Wut, den Ärger und seine Ängste irgendwie abzubauen. Und diesen Job mussten und müssen wir wohl oder übel übernehmen.

Wir sprachen dann noch über Möglichkeiten, den Kleenen dabei zu unterstützen. Ganz wichtig dabei ist, ihm immer wieder zu erklären, warum G nicht mehr da ist. Wir haben uns darauf geeinigt, dass er eine Arbeit in seiner Heimatstadt gefunden und deswegen weggegangen ist. Nur deswegen und nicht, weil er den Großen nicht mehr mag oder was auch immer er sich eingeredet hat.

A sucht zusätzlich das Gespräch mit dem Großen, sobald sie dazu Gelegenheit hat, denn derzeit sind mehrere Erzieher krank und sie kümmert sich zeitweise allein um 25 Kinder, und will auch noch mal ausloten, was sie in Sachen G ausrichten kann. Außerdem meinte sie, dass sie Gs Ansichten nicht unbedingt teile, was die Vorschulbildung angehe. Es ist durchaus angezeigt, dass er Lesen, Schreiben und Rechnen lernen kann, wenn er das von sich aus möchte. Es wäre entwicklungstechnisch jetzt eh an der Reihe, dass er einfache Rechenaufgaben lösen und seinen Namen schreiben könne. Na, wenn es nur das ist, das kriegen wir hin. Ich hab von einer Freundin vor einiger Zeit einen Tipp zu altersgerechten Lernhilfen bekommen und da werden wir einfach mal aktiv werden. (Werde dazu evtl. noch einen separaten Beitrag verfassen.)

Zum Schluss tauschten wir uns noch über die Macken unseres Rabauken aus. Wie er genau weiß, dass es falsch ist, der Katze auf den Schwanz zu latschen. Wie entnervend es ist, wenn er gefragt wird, warum er das tut und dann entweder gar keine Reaktion oder ein genuscheltes „ich weiß nicht“ kommt. Er kennt alle Regeln, entscheidet sich dennoch, diese nicht zu befolgen. Als er das jetzt zu Hause machte, fragte ich ihn, warum. Als erstes kam wieder „ich weiß nicht“, doch das ließ diesmal ich nicht gelten. Ich hakte nach, er zierte sich und ich zählte von 3 runter. Seltsamerweise wirkt dieser kleine Countdown immer. Spätestens beim Luftholen zu 1 hat er plötzlich eine Antwort parat. Selbst bei so simplen Sachen wie „welche Eissorte möchtest du?“ muss der Countdown her, sonst stehen wir ewig vor der Eistheke.
Als ich also von 3 runter zähle, sagt er mir bei 2, dass es ihm Spaß mache. Auch, wenn er keine 2 Sekunden später die Aussage widerrufen hat, denke ich, dass das der Wahrheit recht nahe kommt.

Nun stellt sich die Frage, warum macht ihm das Spaß? Weil er sich als Rebell fühlen kann? Weil die Trotzigen im Kindergarten die Helden sind? Geht der Gruppendruck schon los? Ist es der Versuch, unsere Aufmerksamkeit zu kriegen? Oder Eifersucht auf seine Schwester? Weil der eigentlich coole Job als großer Bruder in echt ziemlich uncool ist?
Vermutlich wird es eine Mischung aus allem sein.

A und wir sind uns ziemlich sicher, dass es für den Großen besser wird, wenn er offiziell als Vorschulkind zählt. Dann bekommt er wesentlich mehr Geistesfutter, es gibt wieder regelmäßig Ausflüge, diesmal in Schulen, und er ist mit seinen besten Freunden, nachdem einer davon, ein chinesischer Junge wegen Sprachdefiziten zurückgestellt wurde, in einem kleinen, elitären Kreis.
Seit letzter Woche geht er jeden Donnerstag zur Ballschule, exklusives (Fußball-)Training nur für ihn. Es gefällt ihm, er mag den Trainer und er lernt neue Tricks.

Ich bin zwar noch skeptisch, aber die letzten beiden Tage waren recht friedlich, vielleicht entspannt sich die Situation ja langsam. Unser Verständnis für seine schwierige Situation ist aber mit Sicherheit ein guter Anfang.

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