25 Jahre

Es geht derzeit durch alle Medien und auch ich habe meine Geschichte zum Mauerfall. Wenige Tage vorher war ich 12 geworden, hatte so am Rande etwas von den Ausreisewellen mitbekommen und meine Mama war regelmäßig bei den Montagsdemonstrationen dabei. Da sie aus diversen Gründen nicht sonderlich glücklich mit dem System war, war es für sie selbstverständlich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas dagegen zu unternehmen. Sie dachte wohl auch über Ausreise nach, aber das Risiko war ihr zu hoch.

Im Tal der Ahnungslosen lebend, gab es nur spärliche Informationen, Westfernsehen hatten wir nicht, wir mussten uns darauf verlassen, was hinter der Hand gemunkelt wurde. Durch die Abgeschiedenheit war allerdings meine Schulzeit relativ unproblematisch. Zwar wurde der Westcomic eingezogen, wenn ihn ein Lehrer fand, aber größere Repressalien gab es deswegen nicht. Ich kann mich auch nicht an großartige Agitation erinnern. Vermutlich waren wir (meine Schule oder auch nur meine Klasse) das kleine gallische Dorf.

Doch auch schon zu dieser Zeit zeichnete sich eine kleine dunkle Wolke am Horizont ab. Ich war immer eine gute Schülerin, mir fiel das Lernen leicht und ohne großen Aufwand konnte ich gute Noten erzielen. Das Abitur wäre da an sich die logische Konsequenz gewesen, wären wir nicht eine besonders leistungsstarke Klasse gewesen, in der ein Drittel der Schüler ganz oben mitspielte. Jedoch durften pro Klasse nur ein oder zwei Schüler auf die EOS (Erweiterte Oberschule) wechseln, um dort ihr Abitur zu machen. Jungen konnten den Umweg über die Armee gehen, sich langfristig verpflichten, um dann so studieren zu können. Für mich blieb da allerdings nichts. Ich durfte eine Lehre machen, wenn ich Glück hatte, durfte ich mir wegen der guten Leistungen noch eine halbwegs interessante Richtung aussuchen, wenn ich Pech hatte, musste ich das machen, was gerade gebraucht wurde. So wie meine Mama, die für ihr Leben gerne Köchin geworden wäre, aber Lageristin machen musste. Als Begründung sagte sie mir, sie hätte wegen einer Allergie nicht Köchin werden dürfen, was jedoch ziemlich unwahrscheinlich ist, da sie mir meine tatsächlichen Allergien erst nach langen Jahren geglaubt hat und ich hab sie noch nie mit irgendwelchen Allergieanzeichen oder Ekzemen gesehen.

Im Osten gab es zu jener Zeit noch Samstagsunterricht und der Sonnabend wäre der 11.11. gewesen. Wir planten bei uns in der Klasse etwas zu diesem Anlass, wollten uns anscheuseln und seltsame Sachen anziehen. Ich war vorbereitet, doch sollte es anders kommen.

Meine Eltern hatten irgendwie von der Grenzöffnung erfahren und am 10. November, direkt nach dem Unterricht, setzten mich meine Eltern in unseren Trabbi, packten ein paar Klamotten dazu und dann ging es direkt nach Berlin zu meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter. Wir kamen am frühen Abend an, doch leider waren unsere Verwandten ausgeflogen, vermutlich schauten sie sich, wie so viele andere auch, den Westen an. Wir saßen im Auto und warteten und warteten. Es wurde langsam kalt im Auto, doch wir harrten aus. Sollte auch nur der Hauch einer Chance bestehen, dass die Mauer tatsächlich offen war und dies auch noch die nächsten Tage sein, würde meine Mama nicht eher wieder heimfahren, bis sie sich selbst davon überzeugt hatte.

Irgendwann nach Mitternacht kamen sie dann, Onkel, Tante und die beiden Kinder. Während wir uns im Wohnzimmer aufwärmten, erzählten sie mit glänzenden Augen, was sie alles erlebt und gesehen hatten. Die vielen Menschen, die bunten Lichter, die Stimmung. Wir beschlossen, am nächsten Morgen gemeinsam einen Ausflug in den Westen zu machen. Für mich war das alles unwirklich, das ganze Ausmaß der Ereignisse konnte ich gar nicht erfassen, wie auch. Bis auf die eine oder andere Rüge – ich hatte einmal den Kopf von Erich Honecker in einem Schulbuch mit Bleistift schwarz gemalt, das gab dann einen Eintrag ins Klassenbuch und ich musste das wieder wegradieren – hatte ich nicht zu leiden. Ich war bis auf ein Jahr immer stellvertretende Gruppenratsvorsitzende, der Rat tagte viermal im Jahr, quatschte ein bissl rum und gestaltete eine Wandzeitung zu irgendwas harmlosen wie „Bunter Herbst“ oder verfasste einen Bericht vom letzten Treffen mit der Patenbrigade, an die ich mich heute beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, und das war es auch schon an politischer (Zwangs-)Bildung.

So standen wir also am nächsten Morgen vor einem noch gänzlich geschlossenem Stück Berliner Mauer. In der Zeitung oder im Radio waren die Stellen durchgegeben, an denen an diesem Tag die Mauer zusätzlich zu den bereits bestehenden und hoffnungslos überfüllten Grenzübergängen geöffnet werden sollte. Als geübter DDR-Bürger standen wir geordnet in einer Schlange und warteten. Die Stimmung war seltsam, angespannt und voller Vorfreude. Ich freute mich, meinen Cousin und meine Cousine wiedersehen zu können, wir hatten uns viel zu erzählen.

Irgendwann kam ein Bagger oder Kran oder irgendein anderes technisches Gerät und hob einige Betonteile aus der Mauer, hüben wie drüben, und fertig war der Grenzübergang. Wir liefen auf die andere Seite, wo wir von einer jubelnden Menschenmasse empfangen wurden. Meine Mama weinte, vor Erleichterung und vor Glück, für sie war es die Erfüllung ihrer Träume. Inmitten der Menschen standen drei LKW mit heruntergeklappten Ladeflächen, von denen Menschen Plastebeutel (wow, Plastebeutel, in bunt, sowas hatten wir nicht im Osten) mit Begrüßungsgeschenken – ein Paket Kaffee, ein Bund Bananen, Schokolade, etc. – an die Ossis verteilten. Tengelmann, Plus und Edeka hatten jeweils einen Wagen hingestellt, niemand wollte sich diese Chance der frühzeitigen Neukundenprägung entgehen lassen.

Wir liefen durch die Menschenmassen, nahmen die Beutel in Empfang und dann ging es weiter. Wo wir genau lang gelaufen sind, weiß ich nicht mehr, kann mich erinnern, irgendwann spät abends am Kudamm gewesen zu sein und irgendwann tagsüber holten wir an einer Bank, natürlich wieder mit ausgiebigem Schlangestehen, unser Begrüßungsgeld ab. In einem Supermarkt holten wir uns Getränke in Dosen, was wir bisher nur mal im Urlaub in der CSSR gesehen hatten. Es war eine Dose Miranda und eine Dose SchwippSchwapp für mich, was meine Eltern sich holten, weiß ich nicht mehr. Den ersten Schluck vergesse ich nie, die Kohlensäure prickelte ein wenig unangenehm, der Orangengeschmack war ein wenig zu aufdringlich und ein klitzekleinwenig bitter und ich dachte nur, so also schmeckt der Westen.

Als es schon lange dunkel geworden war, kehrten wir in die Wohnung meines Onkels zurück und tauschten unsere Erfahrungen aus. Wir hatten uns nach der Grenze von Onkel und Tante getrennt, schließlich kannten sie den Kudamm schon, sie wollten sich andere Ecken ansehen. Am Sonntag waren wir nochmal drüben, und abends sind wir wieder nach Hause gefahren, am Montag mussten alle wieder arbeiten und die Kinder in die Schule.

Und seit dem?

1992 wechselte ich nach der 8. Klasse aufs Gymnasium und machte 1996 mein Abitur. Danach studierte ich und machte 2002 mein Diplom. Das Wintersemester 1999/2000 verbrachte ich in Finnland. 2003 nahm ich einen Job im Westen an und pendelte zwischen Ost und West bis 2005, als ich ins Schwabenland zog. 2003 kaufte ich mir mein erstes eigenes Auto, ohne jahrelang darauf warten zu müssen. 2006 kehrte ich in meine Heimat zurück. Unser Freundeskreis besteht aus Ossis und Wessis, Niederländern, Italienern, Rumänen, Russen, Isländern, …

Meine Eltern hatten ein wenig mehr Schwierigkeiten, in dem neuen Land zurecht zu kommen, was hauptsächlich daran lag, dass ihre alten Betriebe geschlossen wurden. Mein Papa ging für einige Jahre als Wochenendpendler ins Saarland, bis er eine Umschulung machte und einige Jahre in dem neuen Beruf arbeite. Als dies gesundheitlich nicht mehr möglich war, machte er eine erneute Umschulung und arbeitet jetzt eben in diesem Beruf.
Meine Mama arbeitete einige Jahre als Vertreterin für Sportartikel im Einzelhandel, bis die Firmenzentrale im Niedersächsischen pleite ging. Dann schulte auch sie um und arbeitet seitdem als Verkäuferin. Meine Eltern reisen viel, einmal im Jahr ans Meer, Ostsee oder Mittelmeer, einmal im Jahr in die Berge, österreichische oder bayerische Alpen.

Für unsere Familie war der Mauerfall eine Chance, die wir, so denke ich, ergriffen und das beste daraus gemacht haben. Darauf bin ich stolz und ich bin ebenso stolz darauf, Teil der Nation zu sein, der die friedliche Revolution gelang. Und ich bin dankbar, unendlich dankbar!

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3 Kommentare zu “25 Jahre

  1. Wow. Ich war 8 als die Mauer fiel und Wessi. Irgendwie hab ich damals wenig davon mitbekommen, nur „alle freuen sich ungpd schauen stundenlang fern“.

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  2. Mama-I sagt:

    Total spannend! Danke ☺. Ich war 3 und hab keine eigenen Erinnerungen.

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  3. Wirklich super spannend Deinen Bericht zu lesen, solche Einblicke bekommt man ja eher selten, wenn man niemanden kennt… mein Schwager in spe kommt zwar aus dem Osten, war allerdings auch noch sehr jung.

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