Auszeit

Ich habe mir tatsächlich die letzten Tage eine Auszeit gegönnt. Nicht nur vom Bloggen, sondern auch von meinem Alltag. Anlass war, dass eine alte Freundin, die ich länger kenne, als ich freiwillig zugeben würde, vor 3 Wochen in einer dramatischen Aktion ein Kind bekommen hat.

Diese Freundin, nennen wir sie Franzi, wurde mit mir zusammen eingeschult und wir gingen dann 8 Jahre lang in eine Klasse. Wir verstanden uns von jeher gut, waren aber nie beste Freundinnen, was hauptsächlich daran lag, dass ich für ein solches Verhältnis nicht geschaffen bin oder da vermutlich völlig verquere Vorstellungen habe.

Als Kind nimmt man für gewöhnlich die Dinge einfach so hin, wie sie sind und so dachte ich mir auch nichts dabei, als ich sie zuhause besuchte und Franzis familiäre Verhältnisse direkt erlebte. Es roch seltsam und ihre Eltern benahmen sich anders als meine, aber das hatte ich bei anderen Klassenkameraden auch schon erlebt und ich dachte, dass das eben nur eine weitere Facette von Familienleben ist. Allerdings eine, die mir nicht so gut gefiel und so trafen wir uns meistens außerhalb Franzis Wohnung.

Nachdem ich nach der 8. Klasse aufs Gymnasium gewechselt bin und sie weiter auf der Mittelschule blieb und ihren Realschulabschluß machte, verloren wir uns aus den Augen, obwohl wir immer noch im selben „Dorf“ wohnten. Wir sahen uns nur noch einmal wieder, zum Klassentreffen vor 10 Jahren. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass sie von einer bewegten Vergangenheit erzählt hatte, von Brüchen im Lebenslauf, aber auch, dass sie zu diesem Zeitpunkt hart daran arbeitete, wieder auf die Füße zu kommen.

Ich selber war mehr als genug mit meinem Leben beschäftigt und so blieb es bei dieser kurzen Begegnung. Bis ich vor einiger Zeit einen Suchlauf bei Facebook startete. Ich suche dort regelmäßig nach alten Bekannten, da ich selbst nur unter Pseudonym auftrete und nur von Insidern gefunden werden kann. (Eine kurze Google-Suche bestätigt meine Strategie, mein echter Name wird genau 2 mal gefunden, die Fundstellen lassen aber nur wenige weitere Schlüsse zu.) So spüre ich immer wieder mal Klassenkameraden oder Studienkollegen auf, so eben auch Franzi.

Wir stellten einen losen Kontakt her, wollten uns irgendwann mal treffen, ohne dies aber zu konkretisieren. Zum Jahreswechsel postete sie eine Meldung, die darauf hinwies, dass sie schwanger ist. Neugierig wie ich bin, fragte ich nach dem Termin und sie meinte, am 12. Januar wäre der errechnete Termin. Ui, dass es schon so bald sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Sie war entsprechend aufgeregt und unsicher, da ihr jegliche familiäre Unterstützung fehlte.

Franzis Mutter war bei der Geburt ihres Bruders zusammen mit ihm gestorben, der Vater ist unbekannt. So kam sie mit 3 Jahren zur jüngeren Schwester ihrer Mutter, welche die Vormundschaft für sie übernahm. Mehr als die nötigste Pflege war jedoch nicht drin, von Liebe oder Geborgenheit ganz zu schweigen und nur der großzügige Scheck für die Pflegeeltern verhinderte, dass Franzi ins Heim abgeschoben wurde. Ihre Tante, die größere Schwester ihrer Mutter, kümmerte sich ab und zu in den Ferien um sie, aber viel Zuwendung erfuhr sie dort auch nicht, da, so vermutet Franzi, der Mann der Tante wohl ihr Vater sei und eine mehr oder weniger länger dauernde Affäre mit ihrer Mutter hatte, was wiederum die Tante nicht sonderlich lustig fand und das daraus resultierende Kind sie immer wieder schmerzlich daran erinnerte.

Sobald Franzi alt genug war, kehrte sie dieser Familie den Rücken und kümmerte sich fortan um sich selbst. Im Laufe der Jahre erfuhr sie immer mehr Details und jedes kleine Puzzlestück entfremdete sie mehr von ihrer Familie und vor einigen Jahren war das Maß voll und sie brach den Kontakt komplett ab. Nach Franzis Aussage besteht der Großteil ihres Freundeskreis aus jungen, schwulen Männern, so dass es auch von dieser Seite her schwer wird mit hilfreichen Tipps für eine frischgebackene Mutter. Umso dankbarer war sie, als ich meine Hilfe anbot und ihr per Chat immer wieder den Rücken stärkte und ihr sagte, dass sie das alles gut macht und eine Mama auch mal verzweifeln dürfe.

Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die virtuelle Hilfe nicht ganz ausreicht, vor allem nach der kräftezehrenden Geburt, und so bot ich ihr an, für ein paar Tage bei ihr zu wohnen. Die Geburt war echt nichts für schwache Nerven. 9 Tage nach dem errechneten Termin ging sie ins Krankenhaus, wo sie da behalten und die Geburt eingeleitet wurde. Sie quälte sich 4 Tage lang durch unregelmäßige Wehen, Untersuchungen, CTGs und wechselndes Krankenhauspersonal, bis das ganze Theater mitten in der Nacht mit einem Notkaiserschnitt beendet wurde. Keine Sekunde zu früh, denn der kleine Kerl war völlig entkräftigt, ebenso wie seine Mama. Durch die Not-OP war der Schnitt, meiner laienhaften Meinung nach, besonders groß und auch die Naht sah eher nach Metzger aus. Entsprechend große Probleme hatte Franzi mit der Narbe, die ständig zwackte und ziepte und generell irgendwie immer im Weg war.

Wir vereinbarten also, dass ich für 3 Tage bei ihr bin, bevor ich für ein paar weitere Tage bei meinen Eltern bin. So war es für mich nur eine Fahrt und quasi 2 Fliegen mit einer Klappe.
Nur hatten wir zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen von unserem Zusammenleben. Franzi ging von einem verspäteten Schullandheimausflug aus, wo wir Mädels es uns gemütlich machten und über alte Zeiten quatschen, während ich mehr so an große Schwester und tatkräftige Hilfe dachte. Sie hatte auch die Energie und den Bewegungsdrang eines 11 Monate alten Babies völlig unterschätzt und war leicht angesäuert, als meine Süße ihren Süßen am ersten Nachmittag mit ihren Gebrabbel und Gekrabbel in seiner Ruhe störte, was dieser mit ausgiebiger Quengelei quittierte. Erschwert wurde die ganze Situation dadurch, dass sich Franzi seit der Rückkehr aus dem Krankenhaus jeglichen Fernseh- oder Radiokonsum versagte, damit ihr Prinz (O-Ton) ja nicht durch die Geräusche gestört würde.

Sie wurde auch nicht müde, diese Störung am nächsten Tag ihrem gesamten Freundeskreis auf die Nase zu binden. Ich schob es nachsichtig auf den noch völlig durcheinander gewirbelten Hormonhaushalt und sagte nichts dazu. Stattdessen bot ich ihr an, mal eben fix durch die Wohnung zu saugen, da sie immer wieder betonte, wie sehr sie der Schmutz störte. Es war nicht sonderlich dreckig, sondern eben so, wenn ein Erwachsener und eine Katze sich den Wohnraum teilen, Katzenhaare, ein paar Flusen und Krümel, aber weit entfernt von versifft, jedoch nicht in Franzis Augen, sie ist da vorgeprägt durch die Wohnung ihres Vormundes, die meist vor Dreck starrte. Mein Angebot schlug sie jedoch aus mit der Begründung, dass sie das ja alles auch alleine machen können muss, wenn ich nicht mehr da bin. Ich versuchte, dagegen zu argumentieren, dass ich ebenso Dreck mache, aber sie wollte nichts davon hören. Dann eben nicht.

Genau das Gleiche mit dem Angebot, ihr sehr quengeliges Baby für eine Weile ins Tragetuch zu nehmen, damit er sich beruhigt und sie das aber wegen der Kaiserschnittnarbe nicht könnte. Das gleiche beim Essen machen. Danach habe ich aufgegeben, irgendetwas anzubieten. Ich verstehe, dass sie nicht in irgendeiner Schuld bei mir stehen will, würde das aber auch niemals aufrechnen und hoffe, in der Richtung nichts angedeutet zu haben.

Da ich wusste, dass Franzi nicht in Reichtümern badete, hatte ich ihr angeboten, unsere aussortierten Babyklamotten mitzubringen. Ich suchte alle Sachen zusammen, gab schweren Herzens auch ein paar Lieblingsstücke her und packte 4 Windelkartons voll. Ursprünglich wollten wir die Sachen bei Ebay verticken, doch hatte ich keinerlei Lust, mich darum zu kümmern, weswegen ich eigentlich ganz froh war, die Sachen auf diese Weise los zu werden und noch einem lieben Menschen eine Freude machen zu können.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, vielleicht dass sie neugierig die Kartons öffnet, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. Oder das sie mir sagt, sie packt sie ganz in Ruhe aus, wenn ich wieder weg bin. Auf jeden Fall nicht, dass ich sie kurz vor meiner Abreise bitten würde, doch mal nachzuschauen, ob was brauchbares für sie dabei wäre. Lustlos öffnete sie die Kartons, schaute wenig begeistert auf die zugegeben offensichtlich bereits getragenen Sachen und packte sie kommentarlos zusammen. Dann stand sie auf, öffnete einen Schrank und meinte, dass dieser voll mit Klamotten wäre und zeigte mir ausgewählte Stücke: ein Strampler von Steiff, diverse Bodies von Baby Walz, diverse andere Markenklamotten, alle angeblich gebraucht, aber fast wie neu aussehend.
Zugegeben, ich war bitter enttäuscht und hätte am liebsten die Kartons wieder mitgenommen. Stattdessen bat ich sie, die Sachen an Mütter zu verschenken, welche Klamotten benötigten, was Franzi auch zusagte.

Richtig frostig wurde es am 2. Tag, als sie ihren obligatorischen Spaziergang machte, der in der Vergangenheit immer drei Stunden dauerte, in denen ihr Schatz friedlich und dick eingemummelt schlief. Wir begleiteten sie, mein Mädchen nicht ganz so dick eingepackt, und liefen durch die Straßenschluchten, in denen eisig der Wind um die Ecken pfiff. Nach zwei Stunden fragte ich, ob wir wieder heim gehen können, da ich völlig durchgefroren sei. Nur widerwillig gab sie meinem Wunsch nach und es wunderte mich dann auch nicht, dass sie am nächsten Morgen meinte, sie müsse am Mittag ganz dringend weg und ich müsste den Besuch um einen Tag verkürzen.

Wäre ja alles kein Problem gewesen, da ich eh vor hatte, zu meinen Eltern zu gehen. Nur waren beide so richtig heftig krank, mein Pa mit Grippe trotz Impfung und meine Ma mit Bronchitis, und überhaupt nicht in der Lage, sich um irgendwas zu kümmern. Wir waren alle von einem Tag später ausgegangen, in der Hoffnung, dass meine Eltern bis dahin das Schlimmste überstanden hätten. So musste jetzt ein Alternativprogramm her, denn ich hatte absolut keinen Bock, wieder nach Hause zu fahren.

Unabhängig von allen Spannungen, die zwischen Franzi und mir aufkamen, tat mir die Abwesenheit von Heim und Familie so gut, dass sogar meine Schmerzen im Rücken nachließen. So schmerzfrei war ich eine ganze Weile nicht mehr und das allein wog die Widrigkeiten mehr als wieder auf.

Da ich wusste, dass meine Eltern sich unglaublich auf meinen Besuch gefreut hatten und so gerne ihre Enkelin gesehen hätten, vereinbarte ich mit ihnen, dass ich kurz bei ihnen vorbei schaue, bevor ich mich auf den Heimweg mache.
Meine Ma sah aus wie der Tod auf Latschen, völlig kaputt lag sie im Bett. Meinem Pa ging es vergleichsweise gut, denn die Impfung hatte immerhin bewirkt, dass die Grippe nicht so heftig und langwierig bei ihm wütete. Mein Mädchen nutzte ihre neu gewonnene Freiheit in der absolut kindersicheren großelterlichen Wohnung und erkundete alles fröhlich quietschend, was wiederum meine Ma veranlasste, aufs Sofa ins Wohnzimmer umzusiedeln, um ihre Enkelin besser beobachten zu können.
Als ich nach einer Stunde meinte, dass mir überhaupt nicht nach Autobahn ist, sagte mein Pa, dass sie eh davon ausgegangen wären, dass ich wenigstens bis zum nächsten Tag bliebe. Hatte ich irgendwie anders verstanden, war aber keineswegs böse drum.

Aus der eintägigen Verlängerung wurden 4 Tage, in denen es meinen Eltern zusehends besser ging. Wir mussten nur meine Ma immer wieder bremsen, denn sobald es ihr ein Stückchen besser ging, fing sie an, in der Wohnung zu wirbeln. Erst war es nur Essen kochen, dann Wäsche waschen, später Betten neu beziehen. Und wirklich jedes Mal sagte sie hinterher, dass sie die Aktion ganz schön angestrengt hätte und sie wohl doch nicht so gesund ist, wie sie gerne wäre. Und jedes Mal sagte ich ihr, dass sie aufpassen solle, dass diese Besserungen trügerisch sein können und sie sich einfach noch ein wenig ausruhen sollte. Ich könnte ja auch Aufgaben übernehmen, wie Wäsche aufhängen und so. Aber nicht mit meiner Mutter. Ich hätte ihr förmlich den Wäschekorb aus der Hand reißen und sie ans Sofa festbinden müssen, um sie vom Wäsche aufhängen abzuhalten.

Früher hätte ich solche Kämpfe gekämpft, jetzt lass ich sie einfach machen. Sie ist alt genug.

So kehrten meine Süße und ich gestern wieder nach Hause zurück, ich mit einem Abschiedsgeschenk in Form eines fetten Schnupfens im Gepäck, den ich mit viel Schlaf auskuriere. Meine Männer haben ordentlich die Stellung gehalten und sich sehr gefreut, dass wir wieder da sind.

Wieder da sind auch meine Rücken- und Schulterschmerzen, welche natürlich durch meine Rückkehr ausgelöst wurden. Allerdings bin ich noch unsicher, ob es an unserer Familiensituation liegt oder aber ob der ganz normale Alltag mit Behörden, Briefen und Bewerbungen mich überfordern. Ich werde das die nächsten Tage mal genauer analysieren.

Auch, wenn die Woche nicht so verlief, wie ich mir das vorgestellt hatte, tat mir die Auszeit gut und ich hab ein wenig Kraft sammeln können.

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