Mein erster Tatort

Tatortfolge: 949 „Schwerelos“

In unserer säkularisierten Welt fehlen mitunter Götzenbilder, welche man anbeten und verehren kann. So bildete sich vor einiger Zeit ein neuer, weltlicher Kult heraus: die Tatortfangemeinschaft, die sich allsonntaglich 20:15 Uhr vor den TV-Empfangsgeräten der Nation einfindet und den neuen Göttern huldigt. Solche Gemeinschaften sind mir per se suspekt und vergangene Kritiken und Drehbuchskandale wirkten auf mich nicht sonderlich werbewirksam. Meine Eltern sind große Fans des Münsteraner Tatorts, wobei sie den eigentlich nur wegen der Wortgefechte zwischen Boerne und Thiel schauen. Bin ich gerade zu Besuch, wenn eine dieser Folgen läuft, so hab ich eben mit halben Auge mitgeschaut.

Mein Mann hatte gestern den ganzen Tag frei bekommen, die Kinder waren auch zeitig im Bett, das restliche Fernsehprogramm war absolut unterirdisch, also gab ich dem Tatort eine Chance. Ich wollte doch mal schauen, was dran ist an diesem Hype.

Als erstes überraschten mich die ruhige Kameraführung und der ebenso ruhige Schnitt. In letzter Zeit scheint es einen Konkurrenzkampf zu geben, wer mehr verwackelte Bilder in Videoclipmanier mit millisekündlich wechselnden Schnitten packen kann. Mir steht da noch sehr lebhaft ein Wallander vor Augen, bei dem ich nach 10 Minuten wegschalten musste, weil ich vom Zuschauen seekrank geworden bin.
Doch dieser Tatort nahm sich Zeit, zeigte lange Schwenks, hielt die Kamera absolut ruckelfrei. Es passte zu meiner gestrigen Stimmung. Die Musik folgte leider einer Unsitte, wirklich jede Sekunde untermalen zu müssen, fügte sich aber gut in das Gesamtbild ein.

Die Story ist schnell erzählt und das ist auch genau das Problem, dass ich mit diesem Tatort habe. Jeder, wirklich jeder der Protagonisten musste nebenher seine privaten Probleme lösen. Das jüngere Ermittlerpärchen hatte wohl in vergangenen Folgen eine Affaire, die vermutlich er beendet hat und sie jetzt zutiefst seelisch getroffen und zu allem Überfluss auch noch schwanger zurückblieb. Das ganze wurde noch in die Ermittlungsgeschichte eingebettet, damit es noch ein Tatort und nicht ein reines Beziehungsdrama blieb.

Irgendeine dieser TV-Analyse-Satire-Formate, Switch oder Walulis sieht fern oder ähnliches, hatte auch mal den Tatort im Allgemeinen aufs Korn genommen und zeigte, wie die privaten Probleme den eigentlich Fall verdrängen und es ohne großes Rumgeheule einfach nicht mehr geht. Damals dachte ich, dass dies eine übliche satirische Überhöhung war, seit gestern weiß ich es besser. Ganz massiv fiel es mir auf, als mein Mann kurz vor Tatortende heim kam und ich ihm versuchte, die Geschichte zu erzählen. Ohne die Nebenschauplätze reichten 3 Sätze, um den kompletten Fall zu erzählen.

Die Auflösung lies mich zudem mit einigen Fragen zurück. Warum musste das Tatwerkzeug unorthodox entsorgt werden, wo doch der Täter eh nicht belangt werden konnte? Woher hatte der Täter das notwendige Wissen, die Tat zu begehen? Kommt das Pärchen nun wieder zusammen?

Als Fazit bleibt bei mir hängen, dass mehr Krimi und weniger Privates der Geschichte ganz gut getan hätte. Dass die privaten Probleme über mehrere Folgen thematisiert werden, macht das Ganze zu einem Fortsetzungsroman, bei dem mir wichtige Teile verborgen blieben, was ich insofern doof finde, da ich bislang davon ausging, dass jede Folge für sich allein stehen kann.
Dennoch habe ich mich gut unterhalten gefühlt, und das ist wohl das entscheidenste aller Kriterien. Ob ich mir allerdings noch weitere Tatorte antun werde, ist eher unwahrscheinlich.

Wie sind eure Erfahrungen? Gibt es Ermittlerteams, die generell mit besseren Drehbüchern und weniger Privatkrams versorgt werden? Welche Teams kann man eher abhaken, welche sollte man unbedingt mal gesehen haben?

6 Kommentare zu “Mein erster Tatort

  1. Das mit dem „mehr Krimi weniger Privates“ ist der Grund, warum mein Mann keinen Tatort schaut.

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  2. kueken0709 sagt:

    Hihi, falls du noch mal einen Dortmunder Tatort schaust, zur Info: Das (ehemalige) Ermittlerpärchen hat sich getrennt, weil sie schwanger war und das Kind hat abtreiben lassen ohne, dass er es wusste (oder zumindest ohne, sSs er es wollte, das weiß ich nicht mehr so genau 😊)

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    • xayriel sagt:

      Aber gestern waren sie doch getrennt und sie immer noch schwanger. Ich finde das alles sehr verwirrend.

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      • kueken0709 sagt:

        Ja, getrennt sind sie. Fand nur die Schlussszene nicht so eindeutig. Das Ultraschallbild war ein altes.

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        • xayriel sagt:

          So wie ich das verstanden hatte, fand er das US-Bild und rennt ihr daraufhin hinterher. Von einer Abtreibung war da nichts bekannt – aber das ist genau das, was ich meine, man muss X vorherige Folgen kennen, um der Handlung folgen zu können. Wenn ich sowas will, guck ich Lindenstraße (die ich im übrigen auch noch nie gesehen habe 😉 )

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          • kueken0709 sagt:

            Ja, das stimmt, teilweise muss man wirklich die vorangegangenen Folgen gesehen haben um die Entwicklung der Charaktere zu verstehen. Andererseits macht das auch den Tatort aus, jedes Mal einfach nur ein ermittelnder Kommissar ohne Persönlichkeit ist auch blöde

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