Mütterbashing

Ich weiß nicht, ob diese Entwicklung etwas Neues ist, oder ob es das schon immer gab und es bislang nur an mir vorüber gegangen ist. Was ich aber weiß ist, dass es mich extrem nervt, wie wahllos immer wieder irgendeine beliebige Elterngruppe angegangen wird.

Vor Kurzem waren es die Mütter, die, könnten sie die Zeit zurückdrehen, lieber auf Kinder verzichten würden. Die Gründe waren dabei so individuell, wie es die Menschen im Allgemeinen so sind. Viele Mütter nahmen dies zum Anlass, um endlich einmal offen über die nicht so schönen Seiten des Mutterdaseins zu sprechen, die allermeisten jedoch ohne diesen absoluten Anspruch, den Muttergedanken an sich in Frage zu stellen. Ich war dankbar für die Diskussionen, fand ich doch schon immer, dass das einzig wahre Mütterideal gerade gerückt gehörte.

Bereits nach kurzer Zeit jedoch spalteten sich die Diskussionen in zwei Strömungen. Die erste wurde von den Übermüttern angetrieben, die um nichts in der Welt verstehen konnten, wie auch nur eine einzige Mutter nicht beim Anblick ihrer herzallerliebsten Kinder in Glückseeligkeit versinken konnte. Die zweite ging all diejenigen Mütter an, die den Hashtag #regrettingmotherhood nur dafür nutzen, um mal ein bisschen Dampf abzulassen, wo doch das Original um das völlige Bereuen des Mutterseins ging und nicht nur um einzelne Aspekte und dass dieses teilweise Bedauern eben nicht ausreichende Legitimierung war, um sich in diese Diskussion mit reinzuhängen.

Als nächstes folgte eine Diskussion über die „perfekten“ Mütter, die versuchen, den Spagat zwischen Arbeit, Familie, Freunden und Freizeit zu meistern. Dieser Artikel wurde auf einer Mütterseite auf Facebook online gestellt und anstatt sich mit dem eigentlichen Problem bzw. den Ursachen auseinanderzusetzen, stürzten sich 95% der ersten 20 Kommentatorinnen auf den Halbsatz „weil es dort keinen Hort gibt“ und verurteilten die Mütter, warum sie denn überhaupt Kinder in die Welt gesetzt hätten, wenn sie ja doch nicht bereit wären, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Da könnt ich kotzen.

(Anstatt in diese Diskussion einzusteigen, mein Masochismuslevel ist dafür nicht hoch genug, kommentierte ich den ursprünglichen Artikel: Der Punkt ist, dass die meisten Frauen versuchen, den Männern in der männerdominierten Arbeitswelt zu gleichen bzw. mit ihnen in Konkurrenz treten. Und während der erfolgreiche Topmanagermann die Kindererziehung, den Haushalt und die Organisation des sozialen Lebens seiner Frau überlässt, will die erfolgreiche Frau ALLES + Mann/Beziehung alleine unter einen Hut bringen. Wenn sich frau Hilfe sucht wie bspw. eine Haushaltshilfe, sich mit dem Mann in alle Pflichten reinteilt, der Mann also bei den kranken Kindern daheim bleibt oder sie von Kindergarten und Schule abholt, oder der Mann das gemütliche Abendessen mit Freunden organisiert, dann droht nicht automatisch der Burnout. So aber steckt die Frau in ihrem traditionellen Rollenverständnis fest, will aber gleichzeitig modern sein und es in der Arbeitswelt da draußen packen und zerreißt sich sprichwörtlich, um dieses Ziel zu erreichen.)

Aktuell wird dieser Blogbeitrag diskutiert. Ein Artikel, der es sich, wie ich finde, wieder viel zu einfach macht. Sobald man einem der angeführten Kriterien für eine gute Mutter nicht 100% entspricht, ist man automatisch eine schlechte Mutter. „Eine gute Mutter bist du, wenn du dabei deinem Kind zugleich auch mit alledem ausstattest, was es braucht, um die Welt für sich zu entdecken und seinen eigenen Platz in ihr zu finden.“ Ich gehe wohlwollend davon aus, dass es der Autorin bei dieser Aussage nicht allein um materielle Dinge ging, denn damit wären mehr oder weniger sämtliche Hartz-IV-Mütter schlechte Mütter. Aber der Satz zeigt wunderschön, dass ein solches Kriterium auch im ideellen Sinn schwer bis gar nicht erfüllbar ist. Was soll denn die Mutter machen, die selber in ihrer Kindheit vernachlässigt wurde, die noch auf der Suche nach ihrem eigenen Platz in der Welt ist, woher soll sie denn wissen, welche Ausstattung ihr Kind braucht?

Mir geht es aber allein nicht so sehr um den Artikel an sich, sondern um die Reaktionen darauf. Freudig, bereitwillig stürzen sich die guten Mütter auf die schlechten, machen ihnen verbal Vorwürfe noch und nöcher und vor meinem Auge sehe ich eine Frau, die all diese Kommentare liest, und immer mehr verzweifelt, weil sie doch genau auch nichts anderes sein möchte als eine gute Mutter, aber nicht weiß, wie sie das erreichen soll. Weil sie womöglich als Kind immer klein gehalten wurde, geschlagen, missbraucht oder wasauchimmer. Die nie gelernt und erlebt hat, wie ein gutes Zuhause aussieht, wie es sich anfühlt, als Kind geliebt zu werden. Die bestimmt Vorstellungen von einem besseren Leben und einer harmonischeren Beziehung mit ihren Kindern hat, ihr aber bei Konflikten einfach nichts anderes einfällt, als auszuticken. Weil sie es selbst nie anders erfahren hat.

Und dann kommen die Mütter, die diesen schrecklichen Kreislauf durchbrochen haben und brüllen diesen schlechten Mütter ins Gesicht: „Sieh her, ich war stark genug, ich habe es geschafft, ich bin besser als du! Los, beweg deinen Hintern, wenn ich das schaffe, dann kriegst du das ja wohl auch hin.“ Und vor meinen inneren Auge wird das Häuflein Elend immer kleiner und elendiger.

All diesen virtuellen Keulenschlägen ist gemein, dass die meisten dieser Menschen denken, ihre polasierende Meinung sei das einzig Wahre und Abweichungen werden nicht zugelassen. Nicht einer versucht auch nur ansatzweise, sich in die Lage der diskutierenden Frauen hineinzuversetzen, mal die eigene Perspektive zu wechseln und Verständnis für Andere zu entwickeln. Es muss immer nur draufgehauen werden, Hauptsache, es wird jemand getroffen und es tut ordentlich weh. Denn nur dann kann das eigene Ego triumphierend über dem anderer Müttern stehen, hat das eigene Leben einen Sinn. Dann kann man ruhigen Gewissens über die eigenen Unzulänglichkeiten hinwegsehen, die Imperfektionen vergessen, die jeder Mensch hat, egal, ob er will oder nicht.

Ich glaube, was mich vor Allem an diesen Diskussionen nervt ist, dass ich in den seltensten Fällen den oben angeführten Meinungen entspreche. Ich habe auch einen Artikel zum Bedauern geschrieben, gebe aber meine Kinder freiwillig nicht mehr her. Ich stelle mich auch dem Spagat als Vollzeit arbeitende Mutter und Ehefrau. Ich bin genauso eine schlechte Mutter, weil es mir nicht immer gelingt, „gut“ zu sein.
Jeder einzelne dieser verständnislosen, polarisierenden Kommentare trifft eben auch mich, verletzt auch mich. Und so gerne ich mich für einzigartig halten würde, denke ich, dass ich eben auch nur eine von vielen bin, der es so geht und ich finde, dass diese Individualität der Mütter viel zu wenig Gehör und Anerkennung findet.

Nachträglicher Gedanke: Wenn es diesen Übermüttern bei Diskussionen so schwer fällt, sich in andere hineinzuversetzen und den Perspektivwechsel zu wagen, wie machen sie das dann bei ihren Kindern?

Advertisements

3 Kommentare zu “Mütterbashing

  1. Nenu sagt:

    Danke :*
    Ich sehe das ähnlich. Ich muss sagen, ich bin eine sehr glückliche Mutter (bisher), ich denke ich mache meine Sache ganz gut. ABER nur weil es jemand anders macht, vielleicht auch nicht zufrieden mit ihrem Leben ist, steht es mir doch nicht zu, das zu kritisieren? Allenfalls kann ich Zuspruch spenden, Verständnis zeigen, aber vor allem eins: zuhören. Damit ist allen Parteien mehr geholfen.
    Es ist aber leider wirklich ein Phänomen der Netzwelt, dass man – auch und gerade im Schutzmantel der Anonymität – munter aufeinander eindrischt, um das eigene Geltungsbedürfnis zu befriedigen. Das ist schade, denn ein Netz ist doch eigentlich da, um Menschen zu verbinden.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mama-I sagt:

    Ganz Deiner Meinung. 👍

    Gefällt 1 Person

  3. einspluseins sagt:

    Möchte einfach nur danke sagen: Danke! Du hast so recht.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s