Damals und heute

Der Große ist mittlerweile eine Schulkind – der Schuleinführungspost folgt irgendwann – und war heute den zweiten Tag in der Schule. Er hatte ja schon ein wenig Bammel, als ihm bewusst wurde, dass er jeweils 45 Minuten am Stück stillsitzen muss, aber ansonsten überwog ganz klar die Vorfreude.

Ein bisschen schüchtern war er, als er gestern das erste Mal das Klassenzimmer betrat, so viele neue, unbekannte Gesichter, das Gewusel der Eltern, die noch Fragen an die Lehrerin hatten, dazwischen weinende Kinder, die sich im Klassenzimmer geirrt hatten. Typischer Montag Morgen also.

Als ich ihn nachmittags vom Hort abholte, spielte er mit einem älteren Kind und es war keinerlei Schüchternheit mehr zu spüren. Die zuständige Hortnerin bestätigte meinen Eindruck, dass alles gut sei und es keinerlei Probleme gab. So was hört man als Eltern doch gerne 🙂

Heute Morgen ein ähnliches Chaos wie gestern, ich musste noch die Schulbücher bezahlen, 39,45 Euro bitte passend, die ich gestern nicht hatte und anderen Eltern ging es ähnlich. Mein Sohn beschwerte sich zudem gestern, dass er noch gar kein Mathematikbuch bekommen hätte und ich fragte nach, ob diese generell schon ausgegeben wurden, was die Lehrerin verneinte. Ich sah außerdem einen Stapel Hausaufgabenhefte auf dem Lehrerschreibtisch liegen und eines sah aus wie das meines Jungens und machte mir keine weiteren Gedanken. Beim Ausräumen des Ranzens allerdings lag sein Hausaufgabenheft noch jungfräulich drin und auf meine Nachfrage schauten mich zwei riesige Augen an und meinten, das sie das noch nie gesehen hätten und gar nicht wussten, dass das das Hausaufgabenheft sei. Also bekam er für morgen die Aufgabe, das Heft seiner Lehrerin zu geben.

Beim heutigen Abholen vom Hort bemerkte ich, dass der Süße eine mir fremde Jogginghose anhatte. Als ich ihn danach fragte, meinte er, er hätte eingepullert und als Ersatz diese Hose bekommen. Da er bei großen Ereignissen nachts vor Aufregung öfter mal einpullert und dies auch in den letzten beiden Nächten der Fall war, hielt sich meine Überraschung durchaus in Grenzen. Erstaunt war ich nur, dass es tagsüber, quasi bei vollem Bewusstsein erfolgte. Die Hortnerin erklärte mir auch noch mal den Sachverhalt und bat darum, die Hose bitte zeitnah wiederzubekommen, da ihr Kontingent an Wechselsachen sehr beschränkt sei.

Auf dem Heimweg fragte ich den Großen, ob er mir erzählen möchte, wie das Malheur passiert sei. Wollte er nicht. Ich konnte sehen, dass es ihm peinlich war, so als großes Schulkind. Also erzählte ich ihm meine Geschichte, der er gespannt lauschte:

Mir ist als Kind etwas ganz ähnliches passiert. Ich war vielleicht 8 oder 9 Jahre alt, also ein paar Jahre älter als du jetzt. Ich war mit meinen Eltern – deinen Großeltern – im Urlaub an der Ostsee. Das war in den Winterferien und genau zu dieser Zeit war Fasching. Du kennst Fasching, das mit dem Verkleiden?
Es gab dort am Ferienort eine spezielle Faschingsveranstaltung für Kinder, mit einem großen lustigen Programm. Die Veranstaltung fand in einem großen Saal statt und in einer Ecke des Saals stand ein großer, eiserner Käfig. Der Moderator, der die Spiele und Lieder und Tänze ankündigte, sagte ganz am Anfang, dass alle, die nicht Mitsingen und Mittanzen und bei den Spielen mitmachen, zur Strafe in den Käfig kommen würden.

„Und da hattest du große Angst, oder?“, fragte mich mein Kind.

Ja, ich hatte sehr große Angst, in den Käfig zu kommen. Da die Veranstaltung recht lange dauerte, musste ich irgendwann auch mal aufs Klo. Aber ich traute mich nicht, denn wenn ich aufgestanden und aufs Klo gegangen wäre, hätte ich in der Zeit nicht mitklatschen und mittanzen können und dann wäre ich bestimmt in den Käfig gekommen.

Der Junge nickte verständnisvoll.

Irgendwann konnte ich es nicht mehr zurückhalten und habe eingepullert. Mir war das total peinlich, aber ich hatte doch so furchtbare Angst.
Heute weiß ich, dass es total doof war, solche Angst zu haben. Niemand wäre eingesperrt worden, weil er mal aufs Klo musste, aber damals als Kind wusste ich es eben nicht besser.*

Wir liefen weiter und schwiegen eine ganze Weile.

Ich fragte ihn, ob er mir denn jetzt erzählen würde, warum er eingepullert hat. Er wollte. Zögernd erzählte er, dass er in der Schulstunde merkte, dass er aufs Klo musste, aber sich nicht melden wollte. Er wartete und es wurde immer schlimmer. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, meldete sich und durfte aufs Klo gehen. Kurz vorm Erreichen der Klotür konnte er es aber nicht mehr zurückhalten und das Unglück war passiert. „So kurz vorm Ziel!“, meinte ich und er nickte nur traurig.

Ich fragte nach, warum er sich nicht eher gemeldet hat? Er hätte sich nicht getraut. Was er denn befürchtet hat, dass passieren könnte? Das ihn die anderen Kinder auslachen. Ob sich denn auch schon andere Kinder mal gemeldet hätten, weil sie aufs Klo mussten? Ja, viele. Ob denn diese Kinder ausgelacht wurden? Nein, wurden sie nicht. Warum er dann denke, dass ausgerechnet er ausgelacht würde? – Schweigen!

Einige Zeit später meinte er leise, dass er noch nicht so richtig wüsste, wie das mit dem Klo wäre und wo das genau ist und wie das funktioniere. Ich sagte ihm dann, dass er seine Lehrerin (die wirklich eine total Liebe ist) das alles fragen kann und wenn er unsicher ist, kann er ihr das sagen und sie zeigt ihm bestimmt, wo die Toiletten sind und beantwortet alle seine Fragen.

Abschließend gab ich ihm noch den Tipp, in den Pausen aufs Klo zu gehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in der Schulstunde muss, wesentlich geringer.

Trotz dieser dramatischen Thematik verlief das ganze Gespräch völlig unaufgeregt und an sich entspannt. Ich bin so stolz auf mein Kind, welches mir so sehr vertraut, dass es mir seine Geschichte erzählt und seine Ängste anvertraut hat. Hoffentlich verliert er nie dieses Vertrauen ❤

*Das darauf von meiner Mutter folgende Donnerwetter samt der Tracht Prügel verschwieg ich meinem Kind. Meine Ma hat nie nach den Gründen gefragt, ich hatte ihr Schande gebracht, ein so altes Mädchen das noch einpullert, sowas peinliches und nur das war ihr wichtig.

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2 Kommentare zu “Damals und heute

  1. Wow, ich finde auch, dass du super reagiert hast und genauso toll, dass der Große sich am Ende getraut hat, das zu erzählen. So muss das sein. Meine Mutter hat meine Angst früher auch einen Dreck geschert und manchmal habe ich Probleme, mir vorzustellen, wie „richtiges Verhalten“ in solchen Situationen geht. Danke für den Denkanstoß. ❤

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    • xayriel sagt:

      Ich hatte mir damals gewünscht, dass ich gefragt werde, warum das passiert ist, denn ich hatte immer einen wie ich fand guten Grund für mein Handeln. (Ob der wirklich so gut war, sei mal dahin gestellt.) Die Standpauke empfand ich als doppelte Bestrafung und wusste, dass ich das mal anders machen wollte. Insofern ist meine Mutter ein tolles Vorbild, ich muss immer nur alles anders machen 😉

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