Dunkle Wölkchen

Nachdem ich nun schon gute 3 JahreWochen hier in meiner neuen Firma tätig bin, hat sich die erste Euphorie gelegt und ich durfte ein wenig hinter die Kulissen schauen. Und wie so oft, tummeln sich da in den dunklen Ecken die Wollmäuse und man findet die arbeitstechnischen Rattenköttel, die der Außenstehende auf gar keinen Fall zu sehen bekommen darf.

Die Kollegen sind zum Glück immer noch zum größten Teil nett, nur kann ich diese mittlerweile in supernette, nette und schön-dass-sie-gerade-Urlaub-haben Kollegen unterteilen. Eine Kollegin ist ein wahrer Wirbelwind und bei den gemeinsamen Mahlzeiten gibt sie das Thema vor. Ich finde sie laut und völlig überdreht, aber bin mir dennoch nicht sicher, ob ich sie nun voll doof oder doch supersympathisch finde. Was ich allerdings doof finde ist, dass ich dadurch nichts von den anderen Kollegen erfahre, was diese so erlebt haben oder wie ihre Meinung zu den gerade besprochenen Themen ist. Und bei so manchem Kollegen bin ich mir ziemlich sicher, dass deren Geschichten viel interessanter sind als ihre.

Nur das Genie beherrscht das Chaos! Dies scheint manchmal das Motto der Firma zu sein. Mich wundert das wenig, so etwas habe ich bisher in jeder Firma erlebt, die innerhalb kurzer Zeit enorm gewachsen ist. Und innerhalb von 15 Jahren von einer Handvoll Mitarbeiter auf über 1000 anzuwachsen, ist schon eine Leistung, bei der die Prozessoptimierung und -dokumentation immer in den Hintergrund rückt. Da sich jetzt die Mitarbeiterzahlen eingependelt haben, nimmt man das Versäumte in Angriff, was aber zunächst erstmal bedeutet, sich durch einen riesigen Haufen ungeordneter Dokumente zu wühlen und das Wissen aus den Köpfen der Mitarbeiter zu ziehen, die dafür natürlich keine Zeit haben. Ist so ein bisschen wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen, lohnt sich aber am Ende. (Im Übrigen habe ich ein ähnliches Chaos auch in den ganz ganz großen Firmen erlebt, nur wurde es dort schon wesentlich besser verwaltet 😀 )

Das Chaos beschert mir jede Menge Arbeit. Ich darf Formulare entwerfen, mit den Kollegen sprechen, Arbeitsanweisungen schreiben, mir das Gejammer der Kollegen anhören, vorhandene Prozesse überarbeiten, den Weltschmerz der Kollegen lindern und nebenbei versuchen, nicht selber völlig im Chaos zu versinken. Ich mag zwar eine technische Ausbildung haben, aber trotzdem kenne ich noch nicht alle Systeme und Programme und gleich gar nicht die Zusammenhänge. Wer sagte, dass neue Mitarbeiter in der Probezeit noch nicht so produktiv sind, weil sie sich ja erst einarbeiten und angelernt werden müssen, der hat noch NIE in einem aufstrebendem IT-Unternehmen gearbeitet. Die Schonfrist endet dort nach der Mittagspause des ersten Arbeitstages 😉

Da das Unternehmen seine Brötchen hauptsächlich mit der Erbringung von Dienstleistungen für andere Unternehmen verdient und diese Dienstleistung vorwiegend darin besteht, papierne Belege in ein elektronisches System zu klöppeln und es extrem uncool kommt, wenn auf den Belegen Marmeladenflecke oder Kaffeeränder prangen, ist der Verzehr von Speisen und Getränken an sämtlichen Arbeitsplätzen im Unternehmen untersagt. Es gibt zwar auf jeder Etage einen Wasserspender und im Kantinen- und Konferenzbereich Soft- und Kaffeegetränkespender zur kostenfreien Benutzung, aber mir nützt das wenig. Denn wenn mein Blick nicht ab und zu auf ein in der Nähe befindliches Getränk fällt, vergesse ich schlicht, etwas zu trinken. Meist werd ich dann erst durch nervige Kopfschmerzen dran erinnert, dass ein Besuch an der Wasserstelle längst überfällig ist. Bei uns im Bereich, wo keine Belege bearbeitet werden, hat es sich etabliert, Wassertrinkflaschen, wie man sie von Sportlern kennt, zu benutzen, aber dennoch darf man sich dabei nicht erwischen lassen, da sonst eine Abmahnung droht. Cheffe ist da relativ entspannt, der stiefelte auch schon mit seiner Kaffeetasse durchs Büro, aber wenn hier jemand – was gar nicht so unüblich ist – vom Vorstand aufkreuzt, dann sollte die Wasserflasche gut versteckt sein.

Das gleiche gilt für Handies. Absolutes Handyverbot in der gesamten Firma. Weil auf den Belegen vertrauliche, personenbezogene Daten stehen und mittlerweile jedes Handy eine mehr oder minder leistungsfähige Kamera hat, ist die Benutzung untersagt. Muss ich es trotzdem benutzen, dann muss ich mich auspiepsen und das Gebäude verlassen.
Der Datenschutz hat auch eine recht interessante Konseqenz: Es dürfen nur bestimmte Fenster zum Lüften geöffnet werden. Diese Fenster sind alle mit Fliegenschutzgittern versehen und zwar nicht, damit die Insekten draußen bleiben, sondern damit die Belege bei Durchzug drin bleiben. Es ist wohl in der Vergangenheit mal passiert, dass beim Lüften ein Windstoss einen Packen Belege nach draußen pustete und dann eine Heerschar Mitarbeiter versuchte, die davonflatternden Papiere wieder einzufangen.

Was mir allerdings ganz schön dolle ein wenig die Stimmung verhagelte war, als ich letzte Woche erfuhr, wie das Zeitabrechnungssystem hier funktioniert. Die Zeit wird mittels Chipkarte beim Kommen und Gehen erfasst, ebenso die Pausenzeiten. Das Ganze wird in einem elektronischen System verarbeitet und man kann recht zeitnah den aktuellen Stand seines Zeitkontos abfragen. Es wird minutengenau abgerechnet, allerdings nicht die ersten 30 Minuten der Mehrarbeit. Wenn ich also ganz dringend noch etwas fertig machen möchte und deswegen 20 Minuten länger bleibe, dann schenke ich diese 20 Minuten der Firma. Bleibe ich 30 Minuten mehr oder länger da, wird mir das wiederum komplett angerechnet. Ich dachte nun in meinem jugendlichen Leichtsinn, ich arbeite jeden Tag 20 Minuten länger, da kann ich Freitag eine Stunde eher gehen, weil da der Große Fußballtraining hat.
Ha, falsch gedacht. Ich muss jetzt jeden Tag zirkeln und nachrechnen (lassen), ob ich es schaffe, 30 Minuten länger zu arbeiten oder ob ich nach Punkt 8 Stunden nach Hause gehe. Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass das im Sinne des Erfinders ist. Zumal mein Arbeitstag quasi vom Busfahrplan und den Hortzeiten des Großen bestimmt wird und der Bus hier nur alle 20 Minuten kommt.
Mein Chef hat sich auch tierisch über diese Regelung aufgeregt, aber sie scheint wohl rechtlich wasserdicht zu sein. Er versucht trotzdem immer wieder mal, dagegen anzugehen, vielleicht lässt sich ja eines Tages der Vorstand erweichen und diese Regelung wird wieder rückgängig gemacht.

Es ist also nicht alles so rosig hier im Paradies, aber derzeit sind es nur kleinere dunkle Wölkchen. Hoffen wir, dass es nicht mehr werden!

Ein Kommentar zu “Dunkle Wölkchen

  1. Evy sagt:

    Das mit den 30 min. finde ich mysteriös, aber…wer weiß

    Kollegen, die den Mittagstisch okupieren, gibt es überall und ich finde das traurig. Vermutlich bekommen sie nicht die Aufmerksamkeit, die sie haben wollen und reagieren deswegen so.

    Ansonsten: Du scheinst deine Aufgabe dort voll auszufüllen XD

    Gefällt 1 Person

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