Vorlesen

Wie das manchmal mit Themen so ist, taucht ein bestimmtes immer wieder innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums auf. In letzter Zeit war es bei mir das „Vorlesen für Kinder“.

Das fing vor einigen Wochen auf Arbeit an, als meine kinderhabenden Kollegen sich über Conni-Bücher unterhielten und ich mein komplettes Unwissen zu diesem Thema zugeben musste. Meine Kollegen schauten mich an wie ein Auto, völlig ungläubig, dass es überhaupt ein Elternteil auf dieser Welt gibt, der noch nie etwas von Conni und ihren Abenteuern gehört hatte. Eine Kollegin übernahm darauf hin die Aufklärarbeit und gab mir eine kurze Einführung ins Conni-Universum. Trotzdem sie sich viel Mühe gab und mit großer Begeisterung erzählte, konnte sie mich nicht vom Sinn oder Nutzen dieser Buchreihe überzeugen.

Eine Woche später war dann der „Vorlesetag“ dieses Jahr und es gab Nachrichten- und Blogbeiträge dazu. Spannend waren die zu diesem Anlass zitierten Studien zum Vorlesen, die klar deutliche Vorteile des Vorlesens aufzeigen konnten, gleichzeitig aber auch eine erschreckend hohe Anzahl an Kindern erwähnte, die selten oder nie vorgelesen bekommen.

Gestern wiederum kam die Sprache im Kollegenkreis erneut auf das Thema Vorlesen und sämtliche daran beteiligten Eltern erzählten die gleiche Geschichte, nämlich dass ihre Kinder die vorgelesenen Bücher alle auswendig könnten und die Eltern sofort beim kleinsten Fehler korrigierten. Ich konnte – mal wieder – nicht mitreden, denn wir haben unserem Großen noch nie eine Geschichte doppelt vorgelesen.

Das wiederum machte mich nachdenklich, ob denn regelmäßiges wiederholtes Vorlesen bekannter Bücher oder jedes Mal neue Inhalte lesen dem Kind mehr Vorteile bringt. Da meinem Mann und mir als Kinder nie vorgelesen wurde, können wir eigene Erfahrungen nicht als Grundlage nehmen. Zu meiner Nachdenklichkeit kam die Erzählung eines sehr guten Freundes hinzu, dessen Vater ihm aus einem Fundus von 20-30 Bilderbüchern jeden Abend eines vorgelesen hatte und er dies jetzt mit seinem Sohn genauso handhabe.

Ich habe keine Ahnung, wie Kinder in diesem Fall ticken, ob die gewohnten Geschichten beruhigender wirken, weil man sie eben kennt und weiß, wie sie ausgehen oder aber ob unbekannte Geschichten die Fantasie mehr fördern und die kindliche Neugierde unterstützen. Wie hält es denn meine Leserschaft, neue Geschichten oder Wiederholungen?

In diesem Zusammenhang fingen mein Mann und ich an zu diskutieren, welche Bücher für welches Alter geeignet seien und ob es irgendwo Altersempfehlungen für Bücher gibt, analog den FSK-Angaben für Filme*. Wir suchten daraufhin im Internet, aber so richtig prickelnd fanden wir das Gefundene auch nicht.

Weswegen ich nachgedacht habe, welche Geschichten wir bislang in den letzten 4 Jahren vorgelesen haben, wie gut diese ankamen und welche Geschichten in Zukunft noch folgen könnten. Hier nun die Ergebnisse.

Angefangen haben wir mit einer Geschichtenzettelbox, in der unterschiedlich lange Geschichten auf jeweils ein Kärtchen gedruckt war. In der Box waren 50 Geschichten und diese jeweils maximal 5 Minuten lang. Gedichte, kurz nacherzählte Märchen oder Fantasiegeschichten, alles ohne große Aufreger und Bösewichte. War insgesamt sehr gut für den Vorleseeinstieg geeignet.

Danach haben wir mit Fix und Fax weitergemacht. Eine Comic-Geschichte erstreckt sich über 3 Seiten und die Themen sind recht vielfältig, aber absolut kindgerecht. Es werden Schurken gefangen, die eine Kamera gestohlen haben, es werden alten Omas die Einkaufsbeutel nach Hause getragen, es werden Rätsel gelöst oder der Schulweg vom Schnee freigeschaufelt. Da die Geschichten aus der DDR stammen, wird besonders viel Wert auf Hilfsbereitschaft und Solidarität gelegt, ohne jedoch die damalige Doktrin zu vermitteln. Und meiner Meinung sind Hilfsbereitschaft und Solidarität nach wie vor vermittelnswerte Tugenden, heute vielleicht sogar noch mehr als damals.
Teilweise gibt es Fortsetzungsgeschichten, die einen längeren Erzählstrang verfolgen, doch auch da sind die einzelnen 3-Seiten-Kapitel in sich geschlossen, so dass man nicht per se in der Verlegenheit kommt, noch das nächste Kapitel lesen zu müssen.
Durch die überschaubare Länge und die vielen Bilder eignen sich die Geschichten gut für 2-3 Jährige, da das Kind durch die Bilder eventuelle Textverständnisschwierigkeiten kompensieren kann.

Als wir mit den Mäusen durch waren – bei derzeit 11 Bänden dauert das ein wenig – suchte mein Mann eine Geschichte aus seiner Kindheit aus, die Drei lustigen Gesellen von Eno Raud. Es wird von den Abteuern der 3 Wichtel Moosbart, Muff und Halbschuh erzählt. Um mitzubekommen, inwieweit unser Nachwuchs einer solch langen Geschichte folgen kann, haben wir ihn jeden Abend erzählen lassen, an was er sich vom Tag zuvor noch erinnert. Wie meist bei Kindern waren das völlig nebensächliche Details wie bspw. dass der Orden einen abgebrochenen Zacken hat oder dass das Gras nicht grasgrün sondern moosbartbartgrün war. Mit ein wenig Nachhilfe konnte er sich aber auch an die eigentliche Geschichte erinnern. Die Erzählung selbst ist kindgerecht, erzeugt ab und zu Spannung, manchmal muss man auch ein wenig um die Helden bangen, aber am Ende geht alles gut aus.

Nach den Wichteln probierten wir es mit einem Klassiker: Pippi Langstrumpf! Ein tolles Buch, tonnenweise Blödsinn und „interessante“ Ideen für das heranwachsende Kind. Mathematik ist doof, ach, da geh ich doch lieber in den Wald! In 10 Metern Höhe über ein Seil balancieren, klar doch. Aus Kindersicht absolut klasse, aus Elternsicht sieht man sich schon den Nachwuchs in die nächste Notaufnahme fahren 😉
Eigent sich vermutlich für größere Kinder so ab der 2. Klasse besser als für Vorschulkinder, die noch völlig diffuse Vorstellungen von Schule haben und es tatsächlich für bare Münzen nehmen könnten, einfach mal so Schulstunden ausfallen lassen zu können.

Für unseren Italienurlaub hatte ich eine besondere Vorleserunde geplant, nämlich Den kleinen Prinzen. Über dieses wunderbare Buch brauche ich nicht viel zu schreiben. Es eignet sich hervorragend zum Vorlesen, die Bilder sind kindlich, die Kapitel ausreichend lang oder kurz. Für unseren dreiwöchigen Urlaub passte die Kapitelanzahl genau und ich habe mich ebenso wie unser Kind jeden Abend aufs Vorlesen gefreut.

Als sich abzeichnete, dass der Große in die Wilhelm-Busch-Schule eingeschult wird, nahmen wir das zum Anlass, ihm allabendlich Das Große Wilhelm Busch Album vorzulesen. Unsere Ausgabe ist schon ein wenig älter, die Seiten leicht vergilbt und die Zeichnungen alle noch schwarz-weiß. Man merkt, dass die Geschichten aus einer Zeit stammen, in der Leid und Tod ständiger Begleiter der Menschen waren, denn es wird relativ freimütig mit diesen Themen umgegangen. Da kann es dem heutigen, wohlbehüteten Kind ein wenig schwer fallen, die Geschichten immer richtig einzuordnen.
Grundsätzlich eignet es sich aber gut zum Vorlesen, die Bilder geben dem noch nicht lesenden Kind etwas zur Beschäftigung, während es der Stimme des Vorlesers lauscht.

Mein Mann versuchte es danach mit den Grimmschen Märchen, fand die aber teilweise so gruselig, dass wir uns schnell nach einer Alternative umschauten. Noch schneller, als das Kind öfter Alpträume von den Märchen hatte, weswegen ich die weniger gängigen Märchen abseits von Dornröschen und Rapunzel auch nur für ältere Kinder empfehlen kann.

Die Alternative präsentierte sich uns in Form Des kleinen Hobbits, welcher dann die Grundlage für eingangs erwähnte Diskussion war. Die Geschichte um Elben und Zwerge ist natürlich klasse für Kinder und besonders unser Großer kann sich die seltsamsten Fabelwesen ausdenken. Doch sind auch alle Kämpfe für kleinere Kinder geeignet, machen vielleicht die riesigen Spinnen zu sehr Angst und was ist eigentlich mit dem Drachen?
Es stellte sich heraus, dass das Buch auf eine völlig andere Weise eine Herausforderung fürs Kind ist: Mama, was ist denn ein Hobbit, ist das sowas wie ein Regenwurm? Was bitte soll denn ein Bühl sein? Und warum heißt Bilbo Beutlin und nicht Beutel, wenn es doch auch Beutelsend und nicht Beutlinsend heißt?
Wenn man dieses Buch also vorliest, sollte man sich auf einige extra Erklärrunden einstellen.

Uns stellt sich nun die Frage, welche Bücher sich an den Hobbit anschließen werden. Der Herr der Ringe steht zum jetzigen Zeitpunkt natürlich außer Frage, aber ich bin in letzter Zeit auf einige Bücher gestossen, die sich wohl ganz gut dafür eignen werden.

Zunächst sei Die verrückte Ballonfahrt mit Professor Stegos Total-locker-in-der-Zeit-Herumreisemaschine genannt. (Der englische Titel ist weniger sperrig und lautet schlicht: Fortunately, the Milk!).
Was eben so passiert, wenn Daddy Milch holen geht, weil sonst die Kinder ihre Frühstücksflocken trocken oder mit O-Saft essen müssen. Ganz ehrlich, ich hab mir gewünscht, dass es dieses Buch schon gegeben hätte, als ich klein war, denn die Geschichten in meinem Kopf waren so ähnlich wie die in diesem Buch.

Ein wenig düsterer und deswegen für nicht ganz so kleine Kinder ereignet, ist Coraline. (Wenn es irgendwie möglich ist, sollte man eine illustrierte Ausgabe erwerben, ich habe die englische Version mit Zeichnungen von Chris Riddell, die das Gruselige noch ein wenig verstärken.) Für Kinder ab 8 oder 9 Jahren.

Aus einer ähnlichen Liga kommt Maurice der Kater. (Wer übersetzt eigentlich so schludrig die Originaltitel, „Der fantastische Maurice und seine gebildeten Nagetiere“ klingt doch wesentlich faszinierender als „Maurice der Kater“, oder?). Die Geschichte ist relativ komplex und nicht ganz gewaltfrei, ebenso wird das Thema Sterben bzw. Tod thematisiert, jedoch auf durchaus kindgerechte Weise. Auf die vom Herausgeber angegeben „ab 7 Jahre“ würde ich persönlich 1 oder 2 Jährchen drauf schlagen.
Dennoch ein tolles Kinderbuch, welches neben den Tiffany-Aching/Weh-Büchern den Einstieg in die Scheibenwelt leicht macht.

Soweit meine Erfahrungen mit Büchern und Vorlesen.
Welche Kinderbücher sind euch besonders lieb? Wie schätzt ihr ab, für welches Altersklasse ein Buch geeignet ist?

 

* Bei manchen FSK-Freigaben frage ich mich schon, wie die Bewerter da drauf kommen. Letztes Wochenende sahen wir uns mit dem Großen „Mordecai“ an, freigegeben ab 6 Jahren, und kamen während des Films immer wieder in Erklärungsnot, da doch diverse Menschen recht plastisch den Tod fanden und es von sexuellen Anspielungen nur so wimmelte. Vermutlich wird einem das wohl nur richtig bewusst, wenn neben einem ein aufgeweckter 6-jähriger Junge sitzt und fragt, was denn diese oder jede Redewendung bedeutet oder er sagt, dass er gut verstehen könne, warum die eine Frau Reiten so toll findet, damals auf dem Pony im Zoo hat ihm das nämlich auch mächtig Spaß gemacht o.O

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2 Kommentare zu “Vorlesen

  1. Bislang lesen wir nur bei der Bettflasche vor, mal das gleiche, mal was anderes. Wenn wir sonst Bücher anschauen, blättert Junior derzeit noch viel zu schnell um, als dass ich mit Vorlesen hinterherkommen würde. Ich werde sicher Bücher mehrfach vorlesen – ich selbst lese gute Bücher auch gern mehrfach 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Nenu sagt:

    Bei uns ist es ja nun so, dass die Haselmaus noch sehr klein ist. Wir lesen zwar fast ausschließlich Bilderbücher mit ihr, die (laut Aufdruck) für 2-3jährige gedacht sind, aber selbst die hat man ja in 5-10 Minuten durch.. da sie aber einen unglaublichen Lesehunger aufweist und an manchen Tagen locker 3-4 Stunden nur mit Büchern verbringen kann, stellt sich da schon aus rein pragmatischen Gründen nicht die Frage, ob man das Doppelt-Lesen vermeiden kann.. 😆 Hinzu kommt, dass sie auch ganz energisch einfordert, dass dieses oder jenes Buch gelesen wird, manchmal dann auch x-mal hintereinander. (Besonders gerne dann Bücher, die ICH eigentlich nicht so toll finde – z.B. „Eberhard, der Baggerfahrer“ 😩 … Manchmal lasse ich diese Bücher nach besonders langen Sitzungen für eine Weile verschwinden 😜)
    Ich finde das auch gar nicht so schlimm – in den meisten Bilderbüchern lässt sich auch nach mehrmaliger Lektüre noch Neues entdecken und für die Maus ist es hervorragendes Sprachtraining, habe ich festgestellt.
    Ich für meinen Teil kaufe auch gern (zu gern!!) neues Lesefutter, weil es so viele wunderschöne Bücher gibt… Und weil ICH öfter mal etwas Abwechslung brauche. 😉
    Ich selber bin übrigens jemand, der ein gutes Buch gerne immer wieder liest und es mit jedem Mal fast noch lieber gewinnt.

    Gefällt 1 Person

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