Liebe und Schmerz

Dem einen oder anderen mag es aufgefallen sein: meine Blogaktivität hat rapide abgenommen. Der Adventskalender ist nur zur Hälfte fertig geworden – die andere Hälfte gibt es nächsten Advent, da mindestens die Negativ- und Positivcharts fertig werden sollen – und ohne diese Beiträge sieht es seit September insgesamt doch recht mau aus. Ist nicht so, dass ich nichts mehr zu erzählen hätte, ganz im Gegenteil, in mir stauen sich so viele Geschichten, dass ich überlege, zwei weitere Blogs zu starten.

Immer, wenn es mir nicht gut geht, habe ich das Bedürfnis zu schreiben. Über mein Elend, meine Dämonen, meine seelischen Schmerzen. Gerade in den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass ich definitiv noch viele weitere Sitzungen bei meiner Psychologin gebraucht hätte, ihre Öffnungszeiten (9-15 Uhr) sich Null mit meinen Arbeits- bzw. den Hortzeiten vereinbaren lassen. Heute Nacht ist es wieder besonders schlimm und eine kleine, unschuldig gestellte Frage meines Mannes war der Auslöser.

Der Große ist wie üblich seit Weihnachten auf Urlaub bei den Großeltern, morgen soll er wieder nach Hause kommen. Mein Mann freut sich richtig auf ihn, während mir nur ein tiefer Seufzer gelang. Er fragte mich, ob ich denn den kleinen Rabauken gar nicht vermisst hätte. Wenigstens so ein bisschen. Und was soll ich sagen: Nein. Hab ich nicht.

Diese Tatsache hat mich erschreckt. Sie hat mich traurig, wütend und hilflos gemacht. Seit einiger Zeit nagt in mir das Gefühl, dass ich keine gute Mutter mehr für ihn bin und diese Frage hat diesen Eindruck bestätigt. Ich möchte damit keine Reaktionen à la „doch, du bist eine fantastische Mutter“ erzeugen, ich weiß, dass dem so nicht ist.

Mir geht mein Junge seit geraumer Zeit gehörig auf den Senkel. Wenn ich ihn sehe, bin ich genervt, ich möchte mich nicht mit ihm beschäftigen, wenn er mir etwas erzählt, höre ich nur halbherzig zu und viel zu oft brülle ich ihn nur noch an. Bei den kleinsten Fehltritten ticke ich aus. Bis er weint. Und wenn ich ihn weinen sehe, ist es mir egal. Ich empfinde dann nichts, außer vielleicht ein wenig Triumph.

Mich ekelt mein Verhalten an. Ich hasse mich dafür, mache mir ständig bittere Vorwürfe. Dauernd rede ich mir ein, dass ich das Kind doch lieben müsse, es ist meines, er ist klein, er braucht Liebe, Verständnis, offene Ohren und Arme. Dinge, die ich ihm nicht gebe, obwohl ich müsste. Manchmal denke ich, er wäre ohne mich besser dran, weniger Verletzungen und er könnte seine abwesende Mutter glorifizieren.

Ich frage mich, wie es soweit kommen konnte, denn früher war es ganz anders. Als er klein war, liebte ich ihn abgöttisch. Allein der Gedanke, dass ihm etwas zustoßen könnte, hat mein Herz zusammenkrampfen lassen. Ich habe es nicht ertragen, ohne ihn zu sein, denn nur in meiner Anwesenheit konnte ich sämtliche Gefahren von ihm abwenden. Mir blutete das Herz, wenn ich sah, wie schnell er groß wurde, aber gleichzeitig war ich unglaublich stolz auf ihn und auf alle Dinge, die er gelernt hat. Über allem hing jedoch die Angst, dass das von jetzt auf gleich vorbei sein könnte, wie ein Damoklesschwert über unseren Leben.

In der Vergangenheit wurde ich oft gefragt, wie viele Kinder ich denn mal haben möchte. Ich antworte stets mit: Mindestens zwei, falls mal eins kaputt geht. Als dann das erste Kind da war, erkannte ich, wie schrecklich wahr diese als Scherz gedachte Antwort war. Mir wurde bewusst, dass ich es wohl in der Tat nicht überleben würde, wenn mein süßer kleiner Junge sterben würde. Hätte ich noch andere Kinder, so könnte ich mich nicht einfach aus dem Leben stehlen, sondern müsste für diese weiter da sein, müsste diese lieben und könnte sie wachsen sehen.

Aber noch bevor ich mit der Süßen schwanger war, in einer eh sehr turbulenten und aufwühlenden Zeit, tat mein Herz etwas, was ich nie für möglich gehalten hatte. Es entliebte sich von meinem Kind. Anfangs tat das sogar gut, denn ich lebte nicht mehr jeden Tag in Angst, ich konnte mein Kind loslassen, es in den Kindergarten schicken oder allein mit dem Papa etwas unternehmen lassen. Zu meinem größten Bedauern bin ich dabei unfassbar weit übers Ziel hinaus geschossen.

Bei den Hypnosesitzungen bei meiner Psychotheurapeutin tauchte dieses kleine Mädchen auf. Ein Kind, dem nicht zugehört wurde, welches viel zu selten in den Arm genommen wurde, das nie gehört hat, dass die Mutter stolz auf es ist, welches zu oft geschlagen und noch öfter angeschrien wurde.
Und ich bin derzeit dabei, ein weiteres solches Kind zu erzeugen.

Was mich zusätzlich in Panik versetzt ist, dass sich das im Moment alles zu wiederholen scheint. Ich schaue mein süßes kleines Mädchen an und mein Herz zerspringt fast vor Liebe und Stolz. Ich möchte jede Sekunde bei ihr sein, keinen Moment in ihrem Leben verpassen, immer in der Gewissheit, dass das alles viel zu schnell vorbei sein kann. Wenn ich morgens das Haus verlasse, denke ich zwangsläufig daran, dass sie eventuell nicht mehr nach Hause kommt. Wenn ich sie ins Bett lege, rechne ich jeden Abend damit, dass sie nicht mehr atmet, wenn ich ein paar Stunden später nachschaue. Grundsätzlich jede Situation birgt eine potentielle Gefahr in sich.
Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob sich bei ihr die Geschichte wiederholt, ob ich mich erneut entliebe, um den täglichen Panikattacken zu entgehen. Oder ob ich es dieses Mal schaffe, mit dem Herzen bei ihr zu bleiben und weiterhin eine liebende Mutter zu sein.

Zudem quält mich die Ratlosigkeit, wie es mit meinem Jungen weiter geht. Dass sich etwas ändern muss, steht außer Frage. Denn da wartet ein kleiner Junge darauf, geliebt, respektiert und beachtet zu werden. Die Welt ist schon voll genug von seelisch verkrüppelten Menschen – einer davon bin ich – da braucht es keine weiteren mehr.

Irgendwie muss ich es schaffen, mich wieder in ihn zu verlieben, ihn mit vor Liebe und Stolz platzendem Herzen anschauen zu können, an seinen Lippen zu kleben, wenn er mir mit leuchtenden Augen seine Welt erklärt und bereit sein, wenn er kuscheln möchte oder getröstet werden will. Ich will ihn wieder vermissen, wenn er nicht da ist. Dafür nehme ich auch gerne sämtliche Panikattacken in Kauf und ertrage die Katastrophenbilder in meinem Kopf.

Bleibt nur zu hoffen, dass der angerichtete Schaden noch nicht zu groß ist und tatsächlich noch etwas übrig ist, das gerettet werden kann.

8 Kommentare zu “Liebe und Schmerz

  1. Ich muss zugeben, ich musste erstmal über deinen Beitrag nachdenken, bevor ich jetzt antworte. Mein erster Gedanke war: „Das fühlt sich bestimmt furchtbar an.“ Und dann dachte ich mir, dass du doch unglaublich wütend auf deine Eltern sein musst, bei dem was du wegen deiner Kindheit jetzt durchmachen musst. Bist du das? Mir ist erst vor einiger Zeit klar geworden, dass ich das meiner Mutter nicht verzeihen kann. Viele der Tränen, die ich weine, haben ihren Ursprung damals. Und mir geht es übrigens ähnlich: Ich tue auch alles dafür, dass ich meine psychischen Wunden nicht an mein Kind weiter gebe. Kann din Mann noch mehr machen? Meinst du denn, der Zustand des Entliebens bleibt so? Oder ist das nu eine Schutzreaktion deiner Seele? Auf jeden Fall tut es mir sehr leid, dass es dir so geht. 💜💛💚

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    • xayriel sagt:

      Ich war früher wütend, aber jetzt nicht mehr. Meine Ma ist ja genauso wie ich ein Produkt ihrer Erziehung und hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes getan, auch wenn es vielleicht hinten raus nicht so dolle war. Außerdem ändert Wut nichts an den Tatsachen, macht die Vergangenheit nicht ungeschehen und raubt nur unnötig Energie.
      Das Einzige was ich tun kann ist, die Situation zu ändern, den Teufelskreis zu durchbrechen und eine ein wenig bessere Mutter zu sein – jeden Tag aufs Neue.

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  2. stahldame sagt:

    Auch von mir ein spontanes „oh shit“ und eine virtuelle Umarmung (wenn du möchtest). Mein Kleiner ist ja grade zweieinhalb Wochen alt, da berührt mich dein Post sehr.
    Ich sehe aber einen großen positiven Aspekt: Du reflektierst. Du hinterfragst dich und dein Verhalten, und du arbeitest an dir. Und daher wird es deinem Großen eben nicht genauso gehen wie es dir ging, sondern besser.
    Alles Gute!

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    • xayriel sagt:

      Danke für deine aufbauenden Worte und herzlichen Glückwunsch zum Nachwuchs 🙂
      Umarmungen nehme ich gerne! Und ja, Reflektion ist wichtig, aber führt eben auch zu solch schmerzlichen Erkenntnissen …

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  3. Mama-I sagt:

    Ich schicke dir auch eine feste Umarmung. Das hört sich nach einer großen Qual an. Ich finde es klasse, dass Du etwas ändern willst. Kannst Du nicht einen anderen Therapeuten aufsuchen, mit anderen Zeiten? Schieb es nicht vor der her. Euch kann bestimmt geholfen werden ❤.

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    • xayriel sagt:

      Anderer Therapeut? Bei der Therapeutenunterversorgung krieg ich vermutlich in 3 Jahren einen 😉
      Ich werd mal mit meiner Therapeutin reden, vllt. hat sie ja eine Idee, hab ja noch 10 oder 15 Sitzungen „übrig“.

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      • Mama-I sagt:

        Ohje :-(. Ich hatte vorhin noch eine andere Idee. Ich weiß, Ratschläge sind auch Schläge 😐. Aber… hadt Du eigentlich für Deinen Sohn auch so einen Entwicklungs-Blog wie für Deine Kleine? Falls nein… vielleicht wäre das auch eine Art Selbsttherapie. Ihn versuchen, durch die liebevolle Brille zu sehen, und da wieder rein zu wachsen? Kam mir nur so in den Sinn :).

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