Fragen über Fragen

Weißt du noch, wie wir damals dem Schneetreiben zugeschaut haben? Dicke Flocken schwebten aus einem blauen Himmel herab, an dem nur noch ein paar weiße Wolken vorüber zogen. Der unten vorbei rauschende Verkehr verblasste im Tanz der Eiskristalle, alles war friedlich, die Welt ganz weit weg.

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Und doch schob sich ein Gedanke in dieses Idyll. Werde ich mich tatsächlich in einigen Jahren an diese Szene erinnern, werde ich denken, wie schön der Moment war? Wie geht es eigentlich den Menschen da draußen, die unfreiwillig unterwegs sind? Hatten sie auch solche Momente, die sie in sich aufsogen, sie festhalten wollten, in Erinnerungen an andere, bessere Zeiten?

Besteht die Möglichkeit, dass meine Familie und ich irgendwann ebenso unfreiwillig unterwegs sein werden und nehme ich dann die Schneeflocken mit? Wie geht es weiter mit diesem Land, mit Europa? Was passiert, wenn alle Staaten sich weiter einigeln und die Grenzzäune immer zahlreicher und höher werden? Was geschieht mit unserer Gesellschaft, wenn rechtes Gedankengut scheinbar immer salonfähiger wird?

Schon länger beschäftigt mich das Thema Krieg, dessen Ursachen und Frühwarnzeichen. Neben wirtschaftlichen Interessen entstehen Kriege hauptsächlich, weil ein/e Volk/Religion/Rasse sich überlegen oder unterdrückt fühlt und andersartige Völker/Religionen/Rassen nicht akzeptieren und am liebsten auslöschen möchte. Diese Konflikte sind selten rational und immer von Vorurteilen geprägt. Um eine Rechtfertigung zu haben, werden systematisch Ängste geschürt und es findet eine Entmenschlichung des Gegenübers statt. Das war bei der Judenvernichtung so, im Balkankrieg, in Ruanda, …

Wenn ich mir die heutigen Parolen anschaue, überkommt mich zunehmend ein mulmiges Gefühl:

  • Die Flüchtlinge zerstören unsere Abendländische Kultur.
  • Die Asylanten nehmen uns die Jobs/Wohnungen/Lehrer weg.
  • Wir werden alle in Armut versinken, weil unser Sozialsystem wegen der vielen Flüchtlinge kollabiert.
  • Das feige Pack soll doch in der Heimat bleiben und dort diese verteidigen.
  • Das sind alles nur Sozialschmarotzer.
  • Dieses Viehzeug vergreift sich hemmungslos an unseren deutschen Frauen.

Was ist, wenn nicht mehr nur geplante Asylunterkünfte brennen? Wenn Geflüchtete in einem Bus nicht mehr nur verbal attackiert werden? Wenn die ach so friedlichen Pegidianer nicht mehr nur „spazieren“ gehen? Wenn die am lautesten Brüllenden nicht mehr nur als Mehrheit wahrgenommen werden, sondern es tatsächlich sind, weil das einfache Volk einfache Lösungen und vermeintliche Sicherheit bevorzugt?

Sind dann meine Familie und ich gefährdet, weil wir uns diesem Gedankengut vehement entgegenstellen? Was könnte außerdem gegen uns verwendet werden, unsere Ausbildung, meine Blogeinträge, meine Freunde? Werden wir dann fliehen müssen, um unser Leben zu retten? Was nehmen wir in diesem Fall alles mit? Hätten wir genug Geld bzw. Wertgegenstände, die wir zu Geld machen könnten? Wohin könnten wir fliehen?

Wie schnell kann eine Gesellschaft eigentlich kippen? Und haben wir wirklich so wenig aus unserer Vergangenheit gelernt?