The Day The Music Died

Duschen ist eine wunderliche Sache. Es wäscht nicht nur den Dreck von der Haut, sondern reinigt immer auch ein wenig die Seele und manchmal bricht es den verkrusteten Schmodder um lang vergessen geglaubte Erinnerungen auf. Als heute morgen das heiße Wasser in kleinen Rinnsalen gen Abfluss strömte, musste ich an eine einschneidende Szene von vor 23 Jahren denken.

Es war im Musikunterricht in der 9. oder 10. Klasse. Ich liebte das Fach Musik, ich war mit Begeisterung dabei, ich sang eifrig alle Lieder und lauschte gebannt den meist von Platte abgespielten Musikstücken. Meine Eltern hatten es nicht so mit Klassik und die viel zu seltenen Stunden in der Schule öffneten für mich jedes Mal neue Fenster in unbekannte Welten. Von den wenigen im Unterricht vermittelten Anhaltspunkten brachte ich mir selber das Notenlesen bei, so dass ich Liederbücher benutzen und danach singen konnte.

Damals gab es noch kein Internet, kein Youtube, keine Wikipedia. Wir hatten eine übersichtliche Schallplattensammlung daheim, die zu 40% aus Heavy Metal Scheiben von Uriah Heep, Black Sabbath oder Deep Purple und zu 50% aus Schlageralben von Roland Kaiser, Udo Jürgens oder Andy Borg bestanden. Die restlichen 10% waren Märchenplatten. Mein Papa hatte noch ein Tonbandgerät und viele Bänder dazu, aber die Qualität war doch eher bescheiden, das Einlegen kompliziert und das Finden eines bestimmten Liedes fast unmöglich, da im Inhaltsverzeichnis der selbst aufgenommenen Bänder die Zeitangaben fehlten. Erst Anfang der 1990er Jahre hielten bei uns zuhause Kassetten und CDs Einzug. Meine Eltern hatten nie gelernt, ein Instrument zu spielen und standen daher meinem Wunsch wenig verständnisvoll gegenüber.

Aber all dies war kein Problem, es gab Radio, später gab es MTV und ich hatte meine Stimme. Ich trällerte gern und viel und vor allem schief, wie mir immer wieder von allen Seiten gesagt wurde. Allerdings gab es auch niemanden, der mir Tipps gab, wie ich denn weniger falsch singen könnte. Der einfachste ist sicherlich, sich in ein Ohr einen Finger zu stecken, mir war es lange Zeit ein Mysterium, warum das beispielsweise Chorsänger immer machten.

Was mir jedoch tatsächlich und nachhaltig die Liebe zur Musik vergällt hat, war die Musiklehrerin in besagter 9. und 10. Klasse. Wer dort keine engelsgleiche Stimme hatte, nicht im Chor sang und auch kein Instrument spielte, hatte sich gefälligst ganz hinten anzustellen und vor allen Dingen die Klappe zu halten. Sie sagte dies nicht mit so offenen Worten, aber wie sie die Worte zu den jeweiligen Schülern sagte, war Offenbarung genug. Also stand ich in der musikalischen Nahrungskette ganz unten.

Eines Tages nun ging es darum, auf eine bekannte Melodie, ich glaube es war „Lady in Black“ von Uriah Heep, einen deutschen Text zu singen. An einer Stelle passten jedoch Text und Melodie nicht ganz aufeinander, es war zu viel Text für zu wenig Melodie. Da ich nun Noten lesen konnte, sah ich, dass an der betreffenden Stelle eine halbe Note für ein zweisilbiges Wort stand. Meine einfache Rechnung war nun, auf die halbe Note die zwei Silben zu singen, was dann auch den Takt nicht stören würde. Ich machte eben jenen Vorschlag, formulierte es eben so wie es ein Musiklaie tut und wurde darauf hin von der Lehrerin angeblafft, dass dies überhaupt nicht ginge, man kann nicht einfach auf eine Note zwei Silben singen und überhaupt.

Letztendlich ging es irgendwie doch, nur hat das Verfahren einen speziellen Namen, den ich nicht kannte und mit dem man aus der halben zwei Viertelnoten macht. Das Lied wurde entsprechend umgebaut, die Lehrerin und ihre Lieblinge feierten sich für ihe Kreativität und ich war heilfroh, als ich nach der 10. Klasse endlich Musik als Schulfach abwählen konnte.

Schade, dass eine einzelne bornierte Person so einen Schaden anrichten kann 😦

© Foto von Flickr/Dennis Skley „Music makes me happy 320/365“, (CC BY-ND 2.0)

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3 Kommentare zu “The Day The Music Died

  1. Ich habe auch wirklich noch von keinem guten Musiklehrer gehört 😠

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    • xayriel sagt:

      Die in der 1. Klasse war ein verbitterter dürrer alter Drache, die von der 2.-4. total lieb und gut und der von der 5.-8. ein desillusionierter Alkoholiker.
      Ja, gute sind echt selten!

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  2. Das ist sehr schade. Aber von der 7 bis zur 10 bin ich zum Glück in den Genuss vernünftigen Musikunterrichts gekommen. (Ich war zwar im Chor, aber die Nichtmitglieder wurden auch nicht heruntergeputzt.)

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