Mama, wie lange lebt man eigentlich noch …

… wenn einem der Kopf abfällt?

Ja, diese Frage wurde mir von meinem 7-jährigen Kind auf dem Schulweg gestellt. Am frühen Morgen, nicht etwa auf dem Heimweg. Dem vorangegangen war ein Urlaub bei den Großeltern, bei dem er mit der Störtebeker-Sage in Berührung kam, was ihn offensichtlich nachhaltig beeindruckt hat. (Und nein, wir lassen das Kind keine Actionfilme schauen und selbst bei den Nachrichten schalten wir bei den grausligeren Themen kurz um.)

Mama: Das kommt drauf an, wo der Kopf entfernt wurde. Wenn das eher weit oben passiert, dann ist man sofort tot. Weiter unten lebt man noch so 20-30 Sekunden.

Kind: Oh. Und warum stirbt man dann?

Mama: Weil zum einen der Kopf kein Blut und somit keinen Sauerstoff mehr bekommt und zum anderen, weil das Herz und der Rest des Körpers vom Gehirn keine Anweisungen mehr bekommen, was sie tun sollen.
Der Kopf, also das Gehirn denkt ja ganz viel und macht ganz viele Sachen. Es sagt dem Herz, es soll schlagen, der Lunge, sie soll Luft holen, den Beinen, sie sollen laufen. Im Gegenzug versorgt der Körper das Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen, damit es weiterhin denken kann.

Kind: Und wenn man den Kopf ganz schnell wieder drauf setzt und festnäht?

Mama: Tja, im Prinzip ist das eine tolle Idee, aber um das wirklich machen zu können, müsste man ganz schnell und ganz genau alles wieder zusammennähen können und das geht leider nicht. Es läuft einem schlicht die Zeit davon. Man muss ja Blutgefäße, Sehnen, Nerven, Luft- und Speiseröhre zusammennähen und hat dafür maximal 5 Minuten Zeit. Das ist ungefähr so lang wie dein Schulweg dauert. Bei einer abgetrennten Hand ist das anders, da geht das, weil man viel mehr Zeit hat, aber bei einem Kopf eben nicht. Zumal die wichtigste Nervenverbindung vermutlich nicht in dem Umfang wiederhergestellt werden kann, wie es nötig ist, damit das Gehirn alle Körperfunktionen steuern kann.
Einen abgefallenen Kopf kann man wirklich nicht mehr reparieren.

Kind: Schade.

Grundsätzlich muss ich feststellen, dass das Thema Tod den Großen schon sehr interessiert, vermutlich weil das Konzept für ihn so wenig greifbar ist.

© Foto von Flickr/Véronique Debord-Lazaro „What?“, (CC BY-SA 2.0)

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Würfelspiele

Es findet ja gerade der 100. Katholikentag statt, bei dessen Eröffnungsfeier ein Einspieler gezeigt wurde, in dem Katholiken kurz erzählten, was sie mit Gott und dem Katholizismus verbindet und warum das so toll ist. Ich empfand das eher als Anti-Werbefilm, da für mich viele Erzählungen so klangen, als müsste Gott aufwändig in den Alltag integriert werden, ohne davon einen wirklichen Nutzen zu haben. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass krampfhaft vermieden werden sollte, Gott und die Religion mit negativen Dingen wie Tod oder Verlusten in Verbindung zu bringen, wo meines Erachtens nach dies aber genau die Hauptpunkte sind, wo Religion stabilisierend und aufbauend wirken kann.

Nun mag diese Einschätzung daran liegen, dass ich Religionen eher skeptisch gegenüber stehe. Ich möchte niemandem seinen Glauben absprechen und die meisten Religionen predigen ähnliche Werte – tu niemandem weh und sei nett zu deinen Mitmenschen und der Umwelt – aber ich kann nach diesen Werten leben, ohne mich einer Glaubensrichtung anschließen zu müssen.

Dennoch habe ich manchmal den Eindruck, dass es eine höhere Macht gibt und der ist manchmal langweilig. Und weil Gott nicht würfelt*, denkt er sich eben andere Spielchen aus und sucht sich geeignete Opfer.

Uns, zum Beispiel.

Gerade ist es mal wieder arg krass bei uns. Da beruhigt sich die kleine Pubertät des Großen gerade und die Trotzphase der Kleenen ebenso, so dass wir eigentlich ein paar ruhigen Momenten entgegen sehen könnten, aber nö, da grätscht der Rest des Lebens rein.

Finanziell ist bei uns der Notstand ausgebrochen. Wir haben uns in keinster Weise von den Mammutausgaben im Herbst und Winter – Autokauf, Jahreskarte ÖPNV, neues Kinderzimmer für den großen – erholt, da kommen die nächsten Batzen auf uns zu.

Fußballdauerkarten, im Vergleich zur Vorsaison dürfen jetzt beide Kinder für ihre Karten zahlen.Ja, wir wussten, dass das jetzt auf uns zukommt und auch die Höhe war uns ungefähr bekannt. Nur hatten wir absolut keine Gelegenheit, irgendwie darauf zu sparen. Die Karten nicht zu kaufen ist auch keine Option, da wir sonst nur noch teurere Karten erwerben könnten und außerdem wollen wir unsere geliebten Stammplätze nur ungern hergeben, zumal diese Plätze in der preiswertesten Kategorie liegen.

Urlaub. Eigentlich nicht drin, aber wir brauchen den so dringend nach den Querelen von vor 1,5-1 Jahr. Ich zähle jetzt schon die Tage und Wochen, bis es los geht, obwohl die Finanzierung noch völlig unklar ist. Zum Glück haben wir Ferienwohnungen, wo wir uns selbst bekochen und verpflegen können, denn ein- oder zweimal pro Tag im Restaurant essen ist definitiv nicht drin. Maximal ne Tüte Pommes. Einmal. Pro Woche. Die Eintrittsgelder machen mir noch ein wenig Sorgen, aber auch da hoffe ich, dass wir noch ein paar niedrigpreisige Attraktionen finden werden.

Jetzt bete ich nur noch, dass nichts Unvorhergesehenes wie defekte Waschmaschinen oder ähnliches dazwischen kommt, denn das würde uns derzeit das Genick brechen.

Auf Arbeit ist es gerade nur bedingt schön, was jedoch nicht an meinen direkten Mitstreitern liegt, sondern daran, dass die Firma von einem externen Investor aufgekauft wurde, der dann wiederrum eine kleinere Konkurrenzfirma dazukaufte und jetzt versucht, diese beiden Firmen unter einen Hut zu bekommen. Das ist mit soviel Unsicherheiten und Umstrukturierungen verbunden, dass jeder versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Daraus resultiert ein Klima des Anschwärzens, Schuld zuschieben und abwälzen, Themen blocken oder unbedingt durchdrücken. Wir als Rechenzentrum stehen irgendwie immer ganz am Ende und kriegen fast immer den Schwarzen Peter zugeschoben, obwohl wir in den allerwenigsten Fällen etwas für die Probleme können, sondern im Gegenteil, permanent dem Rest der Firma den Arsch retten müssen, so dass unsere eigentlichen Aufgaben regelmäßig zu kurz kommen, worüber sich wiederum alle aufregen, denn das Rechenzentrum liefere nie pünktlich seine zugesagten Arbeiten ab. Mittlerweile sind wir soweit, dass wir überlegen, probehalber mal 1 oder 2 Tage nichts zu machen, um dem Rest zu verdeutlichen, was wir alles machen und wie schnell die anderen ohne uns aufgeschmissen wären.

Bei meinem Mann ist es auch stressig, wenn auch ein wenig anders. Dort hat die Firma einen Prestigeauftrag an Land gezogen, der, so er erfolgreich erledigt wird, viele weitere große und lukrative Aufträge nach sich zieht. So ackern dort alle für den Erfolg, es wurde ein Urlaubsstop verhängt und jeder Mitarbeiter wurde zu 48 Wochenstunden Arbeit verdonnert. Das harmoniert ganz wunderbar mit unseren Kinderbetreuungspflichten und so zirkeln mein Mann und ich mit unseren Arbeitszeiten, damit ich auf der einen Seite nicht in die Minusstunden rutsche und mein Mann andererseits nicht das komplette Wochenende im Home Office rackern muss, um die geforderten Stunden zu bringen. Familienleben hat derzeit dadurch Pause und wir haben einen weiteren triftigen Urlaubsgrund mehr.

Weil das an Chaos noch nicht reicht, haben wir quasi als Backup noch die Doppelniere der Süßen. Für die war eigentlich für diese Woche ein OP-Termin angesetzt, aber leider wurde die Kleene 1,5 Wochen vorher krank, so richtig mit Fieber und Ausschlag, so dass die OP kurzfristig um mindestens 4 Wochen verschoben werden musste. Fetzt, wenn mal alles schon auf den Termin ausgerichtet und geplant hat, der Chef auf Arbeit umdisponierte und am Ende alles wieder rückgängig gemacht werden musste. Macht man sich wahnsinnig viele Freunde damit.
Zum Glück fand sich schnell ein neuer OP-Termin, diesmal am 20. Juni und ich bete, dass es dann mit der OP klappt, weil wir sonst erst nach dem Urlaub operieren können und ich wollte da eigentlich schon ohne das Antibiotikum wegfahren.

Als Sahnehäubchen samt Kirsche kam dann am Sonntag die Hiobsbotschaft, dass mein Schwiegervater massive Lungenprobleme bekommen hat, ins Krankenhaus eingeliefert  und dort ins künstliche Koma versetzt wurde. Jeder, der sich an Anna erinnert, wird wissen, dass es mir herzlich egal ist, was mit meinem Schwiegervater passiert, aber dennoch ist er der Vater meines Mannes und für ihn ist das eine enorme Belastung. Da angedeutet wurde, dass die Möglichkeit besteht, dass der Vater nicht mehr aus dem Koma aufwacht, wurde meinem Mann nahe gelegt, ihn doch bitte im Krankenhaus zu besuchen. Nun ist er hin und her gerissen, denn wegen der 48-Stunden-Woche hat er dafür überhaupt keine Zeit, von den Nerven ganz zu schweigen. Aber es ist eben auch der Vater und eventuell ist es die letzte Gelegenheit, ihn noch mal zu sehen. Drüber reden will mein Mann nicht, was soll er auch sagen, ich kenne seine Gemütslage auch so.

An dieser Stelle würde ich der höheren Macht gerne die Würfel wegnehmen, aber wie gesagt, Gott würfelt nicht!

 

* God does not play dice with the universe: He plays an ineffable game of His own devising, which might be compared, from the perspective of any of the other players [i.e. everybody], to being involved in an obscure and complex variant of poker in a pitch-dark room, with blank cards, for infinite stakes, with a Dealer who won’t tell you the rules, and who smiles all the time.
~ Good Omens, Terry Pratchett & Neil Gaiman
(Gott würfelt nicht mit dem Universum: Er spielt ein unbeschreibliches selbst erdachtes Spiel, welches man aus der Perspektive eines jeden der anderen Spieler [z.B. jedermann] damit vergleichen kann, dass man bei einer undurchsichtigen und komplexen Pokervariante mitmacht, bei der man sich in einem stockdunklen Raum befindet, mit unbedruckten Karten und unendlich hohen Einsätzen, mit einem Geber, der dir die Regeln nicht verrät und der die ganze Zeit lächelt.)

© Foto von Flickr/Steve Johnson „Dice“, (CC BY 2.0)

Autoritätsproblem

Bei meiner ersten stationären Therapie bescheinigte mir die für mich zuständige Psychologin ein Autoritätsproblem, was ich vehement verneinte. Diese Verneinung sah die Psychologin wiederum als Bestätigung ihrer Diagnose. :/

Nun bin ich immer noch der Meinung, dass ich kein Autoritätsproblem habe, denn wie sonst könnte ich seit Jahr und Tag als Angestellte mit unterschiedlichsten Vorgesetzten erfolgreich zusammenarbeiten? Ich habe kein Problem damit, wenn mir jemand Anweisungen gibt und in der Regel befolge ich diese auch. Allerdings folge ich nicht willenlos wie ein Schaf, sondern ich mache mir schon Gedanken über die Sinnhaftigkeit meines Tuns. Würde mein Chef von mir verlangen, dass ich für den Rest des Monats nur noch Büroklammern sortiere, dann werde ich sehr wohl nachfragen, zu welchem Zweck ich dies tun soll. Ob das dann als Autoritätsproblem gilt, darf jeder für sich selbst beantworten, ich habe mich jedenfalls dagegen entschieden.

In letzter Zeit muss ich jedoch öfter an mein Autoritätsproblem denken und stelle mir immer wieder die Frage, ob denn die Psychologin recht hatte. Denn ich komme mit der Klassenlehrerin des Großen überhaupt nicht klar. Im Grunde halte ich sie für eine doofe Nuss.
Natürlich sage ich das nicht in der Gegenwart des Großen und halte mich auch sonst mit negativen Einschätzungen zurück, denn ich möchte den Kleenen ja nicht mit meiner Meinung belasten oder sein Verhältnis zur Lehrerin stören.

Gestern war wieder so eine Situation, die sofort meinen Blutdruck in die Höhe schießen ließ. Ich hatte am Wochenende den Ranzen ausgeräumt, alle Sachen durchgesehen, den Ferienanmeldezettel des Horts gefunden, ausgefüllt und wieder in die Postmappe gelegt, das Hausaufgabenheft und alle Schulmaterialien durchgesehen, mich ein wenig über die sehr ramponierten Schutzumschläge geärgert und alles wieder ordentlich für den Montag fertig gemacht. Am Montag selbst habe ich wieder alles durchgeschaut, festgestellt, dass der Hortferienzettel vom Hortpersonal gefunden wurde und die Postmappe wieder leer ist. Weitere Zettel oder Mitteilungen fand ich nicht.

Dennoch prangte gestern im Hausaufgabenheft in dicker grüner Tinte der Satz:

Unterschrift Deutschtest fehlt!

Mein erster Reflex war zu sagen: Und jetzt? Das ist ein toller Aussagesatz, aber was soll ich damit anfangen? Mal ganz abgesehen davon, dass ich nirgendwo einen zu unterschreibenden Deutschtest gefunden habe.

Ich dachte an mein Autoritätsproblem und versuchte herauszufinden, warum dieser olle Satz mich so nervte. Zum einen sicherlich, weil kein Deutschtest im Ranzen war, aber den konnte ja auch das Kind verschlampt haben, wofür die Lehrerin nichts kann. Zum anderen aber deswegen, weil es nur eine Feststellung ist, es aber eigentlich eine Aufforderung ist, die ganz wunderbar passiv-aggressiv verpackt wurde. Und den passiv-aggressiven Scheiß kenne ich von meiner Mutter zur Genüge, den brauch ich nicht noch von der Lehrerin. Zumal von einer Deutschlehrerin, die sich der Vielfältigkeit und Interpretationsfülle von Sprache bewusst sein sollte. Wäre es denn so schlimm, den Satz als Aufforderung zu formulieren?

Bitte Deutschtest unterschreiben!

Dies ist eine klare Ansage, eine höflich formulierte Bitte, nicht länger als die ursprüngliche Feststellung und ohne versteckte Anklage (du vergesslicher Elternteil hast dich nicht gekümmert und jetzt fehlt die Unterschrift). Ich könnte daraufhin schauen, wo der Deutschtest geblieben ist, ob ihn das Kind nur vergessen hat einzupacken oder ob ich ihn in dem Wust von Kinderzeichnungen, Sachkundearbeitsmaterialien und der Papierfliegerarmada übersehen habe. Ich würde dies tun, ohne mich in die „du hast das verschlampt“ Ecke gedrängt zu fühlen.

So aber bin ich automatisch im Abwehr- und Rechtfertigungsmodus, was mich extrem nervt.

Diesen Satz hatten wir jetzt übrigens schon mehrmals im Hausaufgabenheft, weil ich tatsächlich oft vergesse, jeden Tag in die Postmappe zu schauen. Ich finde das auch nicht dramatisch, weil ich der Meinung bin, dass niemandem ein Zacken aus der Krone fällt, wenn der Test erst eine Woche später unterschrieben zurück geht. Ändert am Ergebnis ja eh nix mehr.

Schön war auch die Aufforderung im Hausaufgabenheft, dass wir mit dem Großen doch bitte Schreiben üben sollen, weil seine Handschrift noch sehr krakelig und unleserlich ist. Ich habe ungelogen 10 Minuten gebraucht, um den Satz zu entziffern, denn er sah vom Schriftbild her sehr schön und gleichmäßig aus, war aber einfach nur unleserlich, was nicht zuletzt an der dicken grünen Tinte lag, die die einzelnen Striche ineinander verlaufen ließ. Zugegeben, die dadurch entstandene Ironie hat mich mehr amüsiert als aufgeregt.

Mein persönliches Highlight ist bislang allerdings ein Satz aus dem Zwischenzeugnis.

Das Kindlein hatte im Herbst eine sogenannte Projektwoche, auf die uns die Lehrerin mit einem Zettel hinwies und auf dem stand, was die Kinder für Materialien bräuchten und wie es ablaufen sollte. Unter anderem stand da, dass die Kinder bis zur 4. Stunde Unterricht haben. Ich packte also den Ranzen und schickte das Kind damit zur Schulprojektwoche. War aber falsch, denn da hätte ein Rucksack mit Federmappe und Hausaufgabenheft genügt.

Weil ich wissen wollte, ob ich schlicht zu doof für die deutsche Sprache bin, hab ich den Zettel bzw. dessen Inhalt bei Facebook gepostet und meine Freundescrowd gefragt, wie diese den verstehen würde. Die jüngeren Bekannten und die projektwochenerfahrenen Wessis hatten ihn im Sinne der Lehrerin interpretiert, die nur im Osten zur Schule gegangenen so wie ich. Der Text war schlicht nicht eindeutig formuliert.

Mir tat mein Junge leid, weil er sich den einen oder anderen doofen Kommentar wegen meines Falschpackens anhören musste. Nachdem ich ihm das so gut es ging erklärt habe, war er es zufrieden und hat mir meinen Fehler auch schnell verziehen.

Irgendwann hatte ich unabhängig davon im Montagmorgenpackstress vergessen, eines der 5 verschiedenen Deutschhefte einzupacken, was natürlich sofort mit einem dickgrüntintlichen Satz im Hausaufgabenheft quittiert wurde. Ich ärgerte mich natürlich darüber, aber der Ärger war nichts im Vergleich zu dem, was ich empfand, als ich das Zwischenzeugnis las. Nach einer längeren, im Allgemeinen guten Einschätzung des Kindes stand als Abschluss:

Leider hat K. nicht immer die erforderlichen Unterrichtsmaterialien parat.

Ernsthaft jetzt? Wegen EINES vergessenen Heftes und EINMAL Ranzen statt Rucksack steht jetzt dieser Satz für alle Zeit auf dem Zeugnis? Der Satz, der so klingt, als würde ich den Kleenen jeden Tag nur mit einem Blatt Papier und einem angenagten Bleistift in die Schule schicken. Leider gab es seitdem keinen Elternabend mehr, denn dazu hätte ich der Lehrerin gerne ein paar Takte gesagt!

Aber die Frau ist eh ein wenig weltfremd. Der Kleene trägt den Spitznamen „Kleener“ nicht nur, weil er im Vergleich zu uns so klein ist, sondern weil er auch im Vergleich zu Gleichaltrigen ein wenig kleiner ist. Außerdem ist an dem Kerl nix dran, da kannste Klavier auf den Rippen spielen. Ich bemühte mich daher, seinen Schulranzen so leicht wie möglich zu packen und eine Maßnahme war, ihm seine Trinkflasche leer mitzugeben und er füllt sie dann am Waschbecken im Klassenzimmer auf.

Das wiederum fand die Lehrerin überhaupt nicht witzig. Das Kind durfte seine Flasche nämlich nicht am Waschbecken auffüllen, da die Lehrerin der Meinung war, das Wasser wäre mit Bakterien verseucht und überhaupt nicht zum Trinken geeignet, weil die Wasserleitungen total veraltet sind.

Ja ne, is klar. Eine vor 20 Jahren modernisierte Schule, eine Wasserleitung, aus der regelmäßig Wasser entnommen wird, ein dichtes Kontrollnetz gerade bei öffentlichen Einrichtungen, aber das Wasser ist bakterienverseucht. Immerhin hat sie ihm Wasser aus ihrer Wasserflasche abgefüllt. Seltsamerweise darf er im Hort, zwei Stockwerke darunter, Wasser aus dem Wasserhahn nehmen und die Hortner schüttelten nur mit dem Kopf, als ich mich wegen des Wassers erkundigte.
Wie auch immer, seitdem muss das Kind jetzt jeden Tag mit einem halben Kilo zusätzlich auf dem Rücken zur Schule laufen :/

Und dann war noch die Füllergeschichte. Beim allerersten vorbereitenden Elternabend wurde uns mitgeteilt, dass die Kinder zunächst mit Bleistift schreiben lernen und erst, wenn sie das gut können, auf Füller gewechselt wird. Typischerweise findet das um Weihnachten herum statt, so dass es sich anbietet, den ersten Füller als Weihnachtsgeschenk zu präsentieren. Wir würden aber vorher entsprechend informiert und das Kind erhält einen sogenannten Füllerpass und erst mit diesem Pass wäre ihm erlaubt, auch mit Füller zu schreiben.

Wir warteten auf den Füllerpass, aber Weihnachten und Neujahr, sogar die Winterferien vergingen, ohne dass das Thema Füller aufploppte. Beim Durchsehen der Postmappe fand ich eines schönen Donnerstags einen Zettel, dass die Kinder ab Montag mit Füller anfangen zu schreiben. Datiert war der Zettel auf den vergangenen Dienstag. Da ich tags zuvor die Postmappe ebenfalls kontrolliert habe, wusste ich, dass der Zettel wirklich erst am Donnerstag da reingelegt wurde. Blieben uns also 2,5 Tage zum Füllerkauf. An diesem Abend war es bereits zu spät zum Einkaufen, am Freitag ist Fußballtraining und den Sonnabend hatten wir komplett verplant. Mir blieb also nichts weiteres übrig, das Risiko einzugehen, einen erneuten grünen Eintrag ins Hausaufgabenheft zu bekommen, weil das Kind am Montag füllerlos in der Klasse auftauchte.

Als ich das Kind am Montag von der Schule abholte, fragte ich, ob sie denn schon mit dem Füller geschrieben hätten. Das Kind verneinte, denn es hätten zu wenige Kinder überhaupt einen Füller dabei gehabt.
Puhh, waren also auch andere Eltern von der Kurzfristigkeit des Anliegens überrascht worden.

Ich bin direkt an diesem Montag mit dem Kind in die Stadt gefahren und wir haben im gut sortierten Einzelhandel jede Menge Füller probiert, bis wir zwei fanden, die dem Kind gut in der Hand lagen, nicht den Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens hatten und vom Design her den hohen kindlichen Ansprüchen genügten. Wir kauften dazu auch ein Glas mit 100 Tintenpatronen, denn man kann ja nie wissen.
Stolz packte ich die Füller in die Federmappe und freute mich, dass mein Kind bei der morgigen Frage nach dem Füllerbestand die Hand heben konnte.

Ich fragte am nächsten Tag nach, ob sie denn heute mit dem Füller geschrieben hätten. Das Kind verneinte erneut. Nach zwei Wochen verneinte es immer noch, da sie noch nicht alle Buchstaben gelernt hatten. Nach drei Wochen auch.
Aber bloß gut, dass wir den Füller so dringend besorgen mussten.

Einen Füllerpass haben wir übrigens bis heute nicht zu sehen bekommen.

Aber hey, liegt bestimmt alles nur an meinem Autoritätsproblem.

© Foto von Flickr/Roberto Verzo „Teacher“, (CC BY-NC-ND 2.0)

Bei uns piept es!

Demnächst. Vielleicht. Und wenn, dann hoffentlich nicht allzu häufig.

Doch der Reihe nach.

Gestern stand der nächste Kontrolltermin für den Großen an wegen seines nächtlichen Einpullerns. Beim letzten Mal hatten wir den Auftrag bekommen, ein sogenanntes Miktionstraining mit ihm durchzuführen. Dabei sollen zu festgelegten Zeiten 5 mal pro Tag 200 ml Wasser getrunken werden. Zeitgleich erfolgt ein Toilettengang. Dies eben täglich über mehrere Wochen soll die Blase so trainieren, dass sie mehr fassen kann und der nächtliche Harndrang nicht so groß ist bzw. die Blasengröße nachts ausreicht, um ein Überlaufen zu verhinden.

Doch kaum hatten wir mit dem Training angefangen, wurde das Bettnässen eine echte Plage. Waren es bis dahin 2-3 Nächte hintereinander und dann bis zu 2 Wochen nichts, steigerte es sich auf tägliches Einnässen ohne Pausen länger als eine trockene Nacht, so dass wir zwangsläufig nachts auf Windeln umsteigen mussten. Fand der Kleene natürlich nur suboptimal, aber nachdem sich der Wäscheberg 2 Meter hoch in der Wanne stapelte, musste ich die Notbremse ziehen. Wir konnten das Training auch nicht wirklich kontrollieren, da der Junge tagsüber in Schule und Hort war und wir uns darauf verlassen mussten, dass er sich tatsächlich an die Zeiten und Vorgaben hält. Um das Training verfolgen zu können, gab es ein Protokoll, wo er verschiedene Bildchen ausmalen oder abhaken konnte, so er denn getrunken und gepullert hatte.

Leider blieben diese Protokolle fast immer leer 😦

Als Vorbereitung für den gestrigen Termin musste ein ausführliches Protokoll angefertigt werden, in dem erfasst wurde, wann er wie viel getrunken und wann er wie viel gepullert hat. Dazu wurde noch gemessen, wie die Urinproduktion nachts verläuft. Er wurde dazu eine Stunde nach dem Einschlafen geweckt und dann die Urinmenge gemessen. Nach weiteren 5 Stunden Schlaf das nächste Wecken und Messen und am Morgen nach dem Aufwachen ebenso.

Es gibt sicherlich schönere Aufgaben, aber mitten in der Nacht völlig durchweichte Bettwäsche in einem knapp 2 Meter hohen Hochbett zu wechseln ist definitiv auch kein Vergnügen. Das müde und traurige Kind abduschen zu müssen, ist Folter. Für beide Seiten.

All dies wurde gestern bei dem Gespräch ausgewertet und es kam heraus, dass beim Großen 3 Probleme aufeinander treffen:

  1. Seine Blase ist für sein Alter zu klein. Sie müsste um die 250 ml fassen, schafft aber maximal 200 ml, im Schnitt aber nur 160 ml.
  2. Die Urinproduktion wird nachts so gut wie gar nicht gedrosselt. Obwohl er in den Abendstunden relativ wenig trinkt (aus eigenem Antrieb, wir lassen ihn nicht dursten), werden im Verlauf der Nacht 350 ml Urin produziert, was quasi die Hälfte seiner Tagesproduktion ist.
  3. Er schläft zu tief und lässt sich nur sehr schwer wecken. Damit hat das Blase-voll-Signal des Körpers fast keine Chance, registriert zu werden und die Blase läuft dann eben irgendwann über.

Nun könnte man medikamentös behandeln, indem man das urinproduktionshemmende Hormon vorm Schlafengehen in Tablettenform verabreicht. Wie aber alle Medikamente hat auch dieses Nebenwirkungen und wir waren uns schnell einig, dies nur als letzte Option nutzen zu wollen. Denn im Grunde ist der Kleene ja nicht so weit weg von der Norm, so dass mit erneutem Miktionstraining, diesmal konsequenter verfolgt, durchaus Erfolge zu verzeichnen wären.

Es gibt aber eine sehr vielversprechende Methode ohne Medikamente oder strenge Trainingspläne und das ist die sogenannte Klingelhose. Die heißt wirklich so 🙂
Das Prinzip ist recht simpel. Das Kind bekommt eine spezielle Unterhose an und sobald diese nass wird, registriert das ein Sensor und fängt laut an zu piepen, einem Rauchmelder nicht unähnlich. Das Kindlein wird davon hoffentlich wach, stellt das Pullern ein, schleppt sich Richtung Klo, wo ein weiterer Sensor darauf wartet, das Piepen zu deaktivieren. Und wenn man schon mal da ist, kann man auch gleich aufs Klo gehen.
Dieses Vorgehen scheint recht erfolgversprechend zu sein, bis zu 90% der Anwender würden so trocken.

Leider muss das Gerät erst bestellt werden, aber das übernimmt alles das Krankenhaus und die Krankenkasse trägt die Kosten dafür. Wir hoffen, in spätestens 3 Wochen mit dieser Methode starten zu können, so dass wir vielleicht sogar schon vor unserem Urlaub erste Erfolge verzeichnen können.

Und als Bonus haben wir ein Rezept für Windeln bekommen. Denn wenn die Diagnose Enuresis nocturna lautet, werden die Windeln ab einem gewissen Alter des Patienten (ich glaube, es muss älter als 3 Jahre sein) von der Krankenkasse übernommen. Zwar machen uns die von uns verwendeten Windeln mit knapp 6 Euro für 18 Stück nicht wirklich arm, aber derzeit können wir jegliche finanzielle Unterstützung gut gebrauchen.

In 3 Monaten müssen wir zur Kontrolle wieder hin und ich hoffe, dass wir dann endlich erste Erfolge sehen. Denn auch wenn wir dem Kind keinerlei Vorwürfe machen oder mit ihm schimpfen oder irgendwas dergleichen, fängt es an sich zu schämen. Außerdem soll er in den nächsten Sommerferien (2017) ins Ferienlager fahren dürfen und spätestens dann sollten trockene Nächte Standard sein, denn Kinder in dem Alter können unglaublich gemein und verletzend sein und ein einpullerndes 8-jähriges Kind ist immer ein willkommenes Opfer – egal, ob es was dafür kann oder nicht.

© Foto von Flickr/Harald Henkel „Das ist ja zum piepen …!“, (CC BY-ND 2.0)

Mama, warum brennt eigentlich Holz?

Das große Kind ist sehr neugierig, was ich sehr gut finde. Es versucht, die Welt zu verstehen und wenn es sich etwas nicht selber erklären kann, dann fragt es. Meistens werden mir solch fundamentalen Grundlagenfragen früh morgens auf dem Schulweg gestellt. Ich als Mama darf dann mein halbwaches Gehirn auf Hochtouren bringen, um dem Kind eine gescheite Antwort zu geben. Falls ich keine Antwort weiß, dann verspreche ich ihm, abends im Internet nach der Antwort zu suchen.
Da ich die Fragen total spannend finde, möchte ich euch in loser Folge daran teilhaben lassen und habe dafür die Kategorie „Schulwegsfragen“ eingeführt. Gerne dürft ihr eure Erklärungsansätze kommentieren 🙂

Als erste Frage nun die von heute morgen: Mama, warum brennt eigentlich Holz?

Uff! Wie immer meine erste Reaktion. Ja, warum brennt eigentlich Holz? Also als erstes ein Diskurs in die Chemie.

Mama: Feuer ist eine chemische Reaktion, eine sogenannte Oxidation. Dafür wird Sauerstoff benötigt, der Fachbegriff für Sauerstoff lautet Oxygen, deswegen heißt die Reaktion Oxidation, Oxigen – Oxidation. Der Sauerstoff in der Luft, und nur der [bei einer früheren Fragerunde habe ich ihm bereits die Zusammensetzung von Luft erklärt] reagiert mit dem Holz und verändert es.

Kind: Ja, aber warum denn nun ausgerechnet Holz?

Mama: Das liegt an der Zusammensetzung des Holzes. Es gibt ja verschiedene chemische Stoffe und die haben alle unterschiedliche Eigenschaften. Metall zum Beispiel – und zeige dabei auf ein Verkehrsschild – oder Stein – zeige auf den Fußboden – brennen eher nicht.

Kind: … weil die ganz fest sind, oder?

Ich stutze. Brennt ganz festes Eichenholz wirklich so gut? Und fackelt Balsaholz beim kleinsten Funken in Sekunden komplett ab?

Mama: Das kann durchaus sein, liegt aber eher an den Inhaltsstoffen vom Holz. Papier brennt ja auch ganz gut. Hmm, wobei, Papier ist ja auch nur kleingehäckseltes Holz.

Kind: Ja, das hatten wir in der Schule, das hat mir Jakob erzählt. Aber warum ist Papier denn weiß?

Mama: Papier ist nicht grundsätzlich weiß. Das Holz wird bei der Papierherstellung ganz fein gehäckselt und die Späne dann mit Wasser vermischt, bis ein Brei entsteht und der wird dann ganz flach gestrichen, wo er dann zu Papier trocknet. So hergestelltes Papier ist dann beige, so wie das große Regal in deinem Zimmer.

Kind: Und wie wird das Papier dann weiß?

Mama: Es wird gebleicht. Dazu gibt es verschiedene Verfahren. Man kann das mit der Sonne machen. Wenn die Sonne ganz lange auf etwas scheint, dann bleicht das aus. Kann man ganz wunderbar sehen, wenn man in einem Zimmer, in dem lange nicht mehr neu tapeziert wurde, ein Bild von der Wand nimmt, dann ist die Wand dort, wo das Bild hing, dunkler als der Rest.

Ich schaue mich hektisch um, ob ich auf dem Schulweg ein praktisches Beispiel finde, aber da stehen nur neugebaute Häuser, deren Fassadenfarben alle noch frisch strahlen.

Mama: Man kann auch mit Chlor bleichen, aber Chlor ist giftig, das wird nicht mehr so häufig verwendet. Und es gibt bestimmt noch andere Möglichkeiten, aber die kenne ich nicht.

Wir sind an der Straßenecke angekommen, an dem ich das Kind verabschiede und die letzten Meter zur Schule allein laufen lasse.

© Foto von Flickr/Sebastian Michalke „Lagerfeuer“, (CC BY-ND 2.0)

Auswertung: Xayriel orakelt den ESC2016

So langsam weicht das Grummeln über das deutsche Abschneiden einer hilflosen Akzeptanz, begleitet von einm alternativen Erklärungsversuch. Doch bevor ich mich dem widme, schau ich als allererstes, wie gut meine anderen Tipps waren.

Russland wurde tatsächlich 3., yay, Punktlandung 🙂

Australien hatte ich für mich als gut bewertet, aber irgendwie nicht in der Top 10 gesehen. Ich freu mich, dass Dami Im den 2. Platz belegt hat und hoffe, dass dies genug Motivation für die Aussies ist, auch im nächsten Jahr wieder mitzumachen.

Mein favorisiertes Lied aus Bulgarien wurde 4. Ich hab den Beat immer noch im Kopf und bin sicher, wenn das politische Geplänkel nicht gewesen wäre, wäre auch noch mehr drin gewesen.

Die Ukraine, vor mir auf Platz 3 gesetzt, hat gewonnen. Nicht wirklich überraschend und trotz der doppelten Anzahl zu vergebender Punkte (maximal sind 1104 Punkte möglich) denkbar knapp mit nur 23 Punkten Vorsprung auf den Zweitplatzierten und 43 auf den Dritten. Beim direkten Zuschauervergleich lag Russland sogar vorne, nur die Jurywertung machte dort einen gewaltigen Strich durch die Siegerrechnung.

Von meiner Top-10 haben es tatsächlich auch dorthin geschafft: Schweden und Belgien, das hatte ich auch schon mal besser drauf :/

Generell spannend finde ich die Abweichungen zwischen den Jurywertungen und Zuschauervotings für die jeweiligen Länder. So wirklich richtig einig waren beide sich nur bei ganz wenigen Nationen, bspw. Ungarn, Lettland, Litauen, Zypern, Kroation und Deutschland, bei denen der Unterschied 10 oder weniger Punkte betrug.
Genauso viele Länder hingegen weisen eine massive Abweichung von über 100 Punkten auf: Ukraine, Australien, Russland, Polen, Malta und Israel.

Nun der Abstecher zur Politik und dem Erklärungsversuch. Die russischen Zuschauer haben der Ukraine 10 Punkte gegeben, im Gegenzug schoben die ukrainischen Televoter 12 Punkte nach Russland. Scheint, als wenn den Zuschauern zumindest dieser politische Konflikt herzlich egal ist. Aus diesem Grund halte ich die Aussage, dass mit der schlechten Wertung die Politik Merkels abgekanzelt werden sollte, für zu kurz gegriffen. Die Juryvotings legen viel eher diesen Schluss nahe, denn Russland wird da bis auf wenige Ausnahmen konsequent klein gehalten, während die Ukraine dort weit vorne liegt.

Und warum liegt nun Deutschland auf dem letzten Platz? Weil der ESC eben nicht so weltoffen und tolerant ist, wie er sich gerne gibt. Conchita Wurst ging gerade noch so, da waren immerhin Lied und Bühnenshow in gewohnter Qualität. Aber eine fernöstliche Kostümierung und eine der europäischen Lebenskultur konträr entgegenstehenden Welt zusammen mit einem zugegeben wenig mitreissenden Lied haben da keine Chance. Den Niedlichkeitsbonus haben Österreich und Belgien unter sich auf aufgeteilt. Und stimmliche Perfektion war noch nie ein Garant für Punkte, wie die lange Liste der weit hinten rangierenden OpernsängerInnen zeigt. Außerdem scheint die Zeit für Eckiges, Sperriges, Ungewöhnliches vorbei zu sein. Ich bin der Meinung, dass wenn dieses Jahr Lordi oder Guildo Horn aufgetreten wäre, beide auch nur auf den hinteren Rängen gelandet wären. Kann man ganz wunderbar an Zypern und Georgien sehen, von denen ich tatsächlich bessere Platzierungen erwartet hätte. Erinnert sich noch jemand an Stefan Raabs Wadde hadde du de da? Ich glaube, er wäre bei der diesjährigen Veranstaltung mit Knüppeln von der Bühne verjagt worden.

Bleibt als Fazit, dass der ESC 2016 den Mainstream gefeiert und das Politische, obwohl so gern die Unpolitischkeit der Veranstaltung herausgestellt wird, gesiegt hat.

Unerklärlich ist mir dennoch das deutsche Zuschauervoting. Wer zur Hölle hat denn für Polen oder Armenien gestimmt 😉

 

Hmpf!

Ganz kurz: Zum Kotzen!

Ein wenig länger: Ich gratuliere der Ukraine, find das deutsche Abschneiden trotzdem zum Kotzen!

Morgen oder Übermorgen, je nachdem wann ich nüchtern und in der Verfassung dazu bin, gibt es die ausführliche Analyse.

Geh noch ein wenig Kotzen in der Zwischenzeit, das hat Jamie-Lee nicht verdient *seufz*

Xayriel orakelt: ESC 2016

Dieses Jahr gibt es die Orakelei zum Sangeswettstreit erst kurz vorm Finale, mit dem Wissen der Halbfinale und natürlich wie immer sehr persönlich gefärbt, so dass die tatsächlichen Ergebnisse meilenweit daneben liegen können.

Fangen wir mit den Chancen für Deutschland an. Jamie-Lee hat an sich alles, was eine deutsche Grand-Prix-Gewinnerin mitbringen muss: jung, niedlich, völlig unbedarft, markante Stimme, ganz brauchbares Lied. Für Nicole und Lena hat diese Mischung gereicht, bei Jamie-Lee bin ich mir leider nicht so sicher, was hauptsächlich am Lied liegt, welches für meinen Geschmack einen Ticken zackiger und mit mehr Akzenten hätte sein können. So plätschert es ein wenig vor sich hin, ohne richtig in die Gänge zu kommen. Ich tippe auf einen Platz im oberen Mittelfeld (= im unteren Drittel auf der linken Seite des Tableaus).

Tja, und dann geht es direkt weiter zum Titelkampf. Russland, sagen die Buchmacher, wird es machen. Ja, die Show ist klasse, die visuellen Effekte bis zum Maximum ausgereizt. Macht man aber die Augen zu, bleibt ein dünnes Allerweltslied, welches mich überhaupt nicht vom Hocker gerissen hat.

Das taten eher Georgien oder Bulgarien. Die Georgen mit einem Lied im besten Grunge-Rock, hauptsächlich handgemacht mit Gitarren und Schlagzeug, was eine schöne Abwechslung zu den vorherrschenden Synthieklängen direkt aus dem Computer ist. Diese setzt zwar Bulgarien ein, kreiert damit aber ein schönes, treibendes Lied, bei dem man automatisch mitwippt und ich mir wünschte, ich wäre 15 Jahre jünger und könnte mich dazu auf einer Tanzfläche austoben.

Österreich geht nach dem Reinfall im letzten Jahr, wo sie sich die 0-Punktewertung mit Deutschland teilten, mit einem komplett in französcher Sprache gesungenen Beitrag an den Start und könnte damit den großen Wurf landen. Auf jeden Fall gibt es dafür mehr Punkte als im letzten Jahr, da leg ich mich fest!

Belgien hingegen verfolgt das Motto „gut geklaut ist besser als schlecht selber komponiert“ und sampelt Queens „Another one bites the dust“. Für mich zu plump, aber der Erfahrung nach übersieht der ESC-Zuschauer solche Details gerne, zählt also zum erweiterten Favoritenkreis.

Dazu zählt wohl auch die Niederlande, die seit den Common Linnets den Countryfolkpop für sich entdeckt haben. Ich fand es langweilig, aber ich habe ja auch keine Ahnung.

Was die letzten Jahre schon nervte, aber dieses Jahr scheinbar einen neuen Höhepunkt fand, sind Balladen. Ab und zu mal eine Ballade kann schon schön sein, besonders wenn ein paar besondere Effekte dabei sind. Die allermeisten Balladen sind jedoch – ich entschuldige mich für die Wortwahl – kotzelangweilig, allen voran Tschechien.

Zum Glück haben die allermeisten die Halbfinale nicht überstanden. Übrig geblieben sind Armenien, Kroatien, Israel, Polen und Serbien. Aber irgendjemand muss ja den Bus voll machen 😉

Eine der ganz wenigen Balladen, die mir gefallen hat und die auch weit vorne landen könnte, ist die aus der Ukraine. Sehr kraftvoll und teilweise in krimtatarisch gesungen.

Am Ende gewinnt jemand, den niemand auf der Rechnung hatte, Zypern zum Beispiel. Oder Litauen. Oder Schweden, das als Titelverteidiger gut nachgelegt hat.

Was macht Australien diesmal? Erstens sind sie wieder dabei, was für mich überraschend kam. Aber die EBU hat wohl eingesehen, dass der australische Markt zu groß ist, um ihn mit einer einmaligen Teilnahme abspeisen zu können. Gefällt mir gut, da ich mir viel von den australischen Beiträgen erhoffe und so enttäuscht mich Dami Im auch nicht, wobei es für den Sieg nicht reichen wird.

Und der Rest? Wird sich mit den Balladenschmetterern die rechte Seite des Tableaus teilen, denn sowohl Aserbaidschan als auch Frankreich, Lettland,  Großbritannien und Spanien kommen mit seichtem, akzentfreien Pop daher. Ungarn ist ebenso poppig, hat aber ein durchaus schnuckliges männliches Model am Start, wohingegen Italien die Langweiligkeit der Einheitsbreipopsongs sogar noch steigern kann. Malta wird separat erwähnt, weil die Sängerin so unglaublich hartnäckig ist. Reichte es 2001 immerhin für den 2. Platz, wird es dieses Jahr mit viel Glück eine Platzierung im Mittelfeld werden.

Kurz zusammengefasst: Sieger wird Bulgarien, 2. Russland, 3. Ukraine. Die restliche Top-10, unsortiert: Deutschland, Schweden, Georgien, Zypern, Belgien, Niederlande, Österreich.

P.S. Mein bester Freund, der das bei Fußballthemen ganz wunderbar und treffsicher kann, orakelt: Schweden 1., Deutschland 4.

Himmelherrgottnochmal

Da les ich einen Artikel übers Scheitern in der Zeit und möchte am Liebsten die ganze Zeit meinen Kopf auf die Tischplatte hauen. Da dies aber erfahrungsgemäß sehr weh tut, rolle ich stattdessen mit den Augen, bis mir schwindlig wird.

Da jammert eine Studentin, die im Abi nur Einsen hatte, dass sie das erste Semester ihres Studiums damit verbracht hat, die fundamentalen Dinge des Lebens zu lernen:

wie man ein Konto eröffnet, ein Fahrrad repariert oder auch nur ein Spülmaschinensieb säubert

Wie man ein Fahrrad repariert hat mir mein Papa beigebracht, als ich 7 oder 8 Jahre alt war. Seitdem kann ich Reifen flicken, Ketten wechseln und ölen und vor allem kann ich Fahrräder putzen, was ich schon immer doof fand, aber mir das chromblitzendsaubere Fahrrad auch irgendwie irre gefiel.

Für eine Kontoeröffnung geht man zu einer Bank, sucht sich einen gelangweilten Angestellten und sagt ihm, dass man ein Konto eröffnen möchte. Im Allgemeinen folgt dann ein ausführliches Beratungsgespräch, wofür man das Konto benötigt und welche verschiedenen Optionen die Bank anbietet. Dabei hört man aufmerksam zu, lässt sich die AGB aushändigen und liest brav das Kleingedruckte. Wenn einem das alles zusagt, entscheidet man sich für eine Option, unterschreibt den Vertrag und hat ein Konto.

Hat mir nie jemand beigebracht, habe ich selber gelernt, dafür aber mit Sicherheit nicht ein Semester meines Studiums drauf verwendet, sondern nur eine Stunde an einem sonnigen Nachmittag.

Das Spülmaschinensieb fällt für mich in die Kategorie „allgemeine Lebensfähigkeit“, in die auch Nagel in die Wand schlagen, Autoreifen wechseln, Knopf an Hemd wieder annähen und Spaghetti mit Tomatensoße kochen fallen. Wurde einem entweder mal gezeigt, kann man auf der Verpackung nachlesen oder erschließt sich durch gesunden Menschenverstand. Dazu muss man aber tatsächlich seinen Kopf benutzen. Wobei, in Zeiten des Internets noch nicht mal das, da reicht es, wenn man weiß, wie man Google aufruft.

Vor einiger Zeit gab es einen ähnlichen Vorfall, wo eine Schülerin twitterte, dass sie eine Gedichtsanalyse in 4 Sprachen verfassen kann, aber nichts weiß über Steuern, Miete und Versicherungen. Und es wurden Rufe nach einem Unterrichtsfach „praktische Lebenshilfe“ laut, in der Dinge wie Kontoeröffnungen, Mietverträge oder Autoversicherungen abgehandelt werden.

Ich frage mich dann immer, unter welchem Stein haben diese Kinder und jungen Erwachsenen bisher gelebt bzw. warum muss die Schule etwas übernehmen, was praktischerweise nebenbei im Elternhaus stattfinden sollte?

Es mag daran liegen, dass die elterliche Wohnung, in der ich bis zu meinem 19. Geburtstag lebte, nur 55 Quadratmeter groß ist, aber dadurch war ich in alle elterlichen Dramen eingebunden. Seit mein Vater eine Katalogbestellung bezahlte, obwohl meine Mutter den Betrag zwei Tage zuvor bereits überwiesen hatte, weiß ich, dass man solche Dinge besser vorher bespricht und dass Zuvielüberweisungen bei einer zukünftigen Bestellung verrechnet werden und da kein Geld verloren geht. Bei Bankgeschäften war ich genauso dabei, wie bei den Versicherungsvertretern und den Autohändlern. Ich hörte die anschließenden Diskussionen meiner Eltern, das Abwägen der Pro und Kontras und bekam automatisch ein Gespür für Fallstricke.

Im Schlafzimmer hatten wir auf dem Kleiderschrank drei Wäschekörbe stehen: einen für Kochwäsche, einen für bunte Baumwollsachen, einen für Feinwäsche. Mir wurde früh beigebracht, in welchen Korb meine verschiedenen Kleidungsstücke jeweils gehörten und ich wäre nie auf die Idee gekommen, Wollsocken in die Kochwäsche zu geben, ganz abgesehen davon, dass ich Wollsocken furchtbar kratzig finde. Mein großes Kind darf mittlerweile auch schon seine Wäsche sortieren.

Als wir unsere Wohnung komplett neu tapeziert haben und ich so 9 oder 10 Jahre alt war, musste ich die alte Tapete mit von der Wand kratzen, durfte dem Malermeister beim Tapezieren der Decke zusehen und half beim Einkleistern der Tapetenbahnen für die Wände. Beim Streichen durfte ich ebenso helfen und lernte, wann Farbe kleckst und wann man den Pinsel einmal zu oft am Eimer abgestrichen hat.

Meine eine Oma brachte mir Stricken bei, meine Mama Häkeln, meine andere Oma Nähen. Ich könnte sofort auf der Nähmaschine eine Hose nähen, weil sie mir das Prinzip beigebracht hat. Die Hose wäre vermutlich weder besonders gerade noch besonders schön, aber falls mal der Krieg ausbricht und alles ganz anders kommt, hätten wir immerhin Hosen zum anziehen. Das Kleidernähen habe ich mir dann mit diesem Vorwissen selber beigebracht und meiner Barbie alles auf den Leib geschneidert, was ich auf dem roten Teppich so flanieren sah.

Die im obigen Artikel erwähnte Studentin fällt dann durch eine Prüfung. Zum allerersten Mal. Ein Weltuntergang. Und die ganze Welt hat es mitbekommen. Sie stellt darauf hin ihr gesamtes Leben in Frage.

Geht’s nicht ne Nummer kleiner? Wurde ihr denn nie beigebracht, dass man auch mal eine Prüfung versemmeln kann und sich die Erde trotzdem weiter dreht? Kommt das dabei heraus, wenn man sonst immer nur Einsen geschrieben hat? Wenn ja, sollte ich vielleicht dankbar sein, dass ich in der 10. Klasse mal grandios beim Spicken erwischt worden bin. In einer Biologiearbeit, wo ich alle Fragen ohne Mühe und ohne Spicker beantworten konnte, ewig zeitig fertig war und dann aus purer Langeweile anfing, die Antworten mit dem Spickzettel abzugleichen, was dann irgendwann auch der Lehrerin auffiel. Setzen, 6!
Klar fand ich das doof und irgendwie ungerecht, aber eben auch selten dämlich von mir und ich konnte schon nach kurzer Zeit drüber lachen – ohne Bier und Freunde dafür zu benötigen.

Dies scheint leider kein so seltenes Problem zu sein, denn während meiner Studienzeit hatte ich öfter mit Studenten zu tun, die völlig verzweifelt ob verhauener Prüfungen waren und mitunter war auch jemand dabei, wo ich tatsächlich befürchtete, dass er oder sie sich etwas antun könnte. Ich ließ mir jeweils ausführlich das Problem schildern und verwies jedes Mal ans Prüfungsamt. Wenn sich jemand mit der Prüfungsordnung, mit Ausnahmen, Sondergenehmigungen und Alternativen auskennt, dann das Amt. Außerdem, so war meine Hoffnung, arbeiten dort Menschen und wenn man denen erklärt, warum ausgerechnet diese eine Prüfung nicht bestanden wurde (von akuter Faulheit mal abgesehen), fanden sich eigentlich immer Wege, um nicht das gesamte Studium schmeißen zu müssen.

Ich kann nicht abschließend sagen, woran es lag, dass ich völlig furchtlos in mein selbstständiges Leben abseits von Mama und Papa gestartet bin. Ich hatte nie das Gefühl, nicht ausreichend aufs Leben allein vorbereitet zu sein. Vor einigen Jahren habe ich sogar mal selber eine Steuererklärung ausgefüllt und das war jetzt wirklich nicht soooo kompliziert.

© Foto von Flickr/Dennis Skley „Prüfungen des Lebens 199/365“, (CC BY-ND 2.0)

ESC Halbfinale

Endlich ist es wieder soweit: Heute findet das erste Halbfinale statt, am Donnerstag das zweite (jeweils 21 Uhr auf einsfestival). Das große Finale steigt dann am Sonnabend, ebenfalls um 21 Uhr in der ARD oder auf einsfestival.

Ich bin wie immer live am TV dabei und werde ebenso wie immer meine Meinung per Twitter kund tun. Wer also nichts vor hat, darf mir gerne folgen 🙂

https://twitter.com/Xayrielle