Das Urteil

Die Zeiten sind ja geradezu rosig, was die Themendichte für meinen Blog angeht 😉

Heute nun das wunderbare Urteil des Bundesgerichtshofs, welches Eltern Schadensersatz zugesteht, wenn es die Kommune nicht schafft, rechtzeitig einen Kindergartenplatz zur Verfügung zu stellen. Ich hatte sehr auf dieses Urteil gehofft, fand ich doch die Urteilsbegründung des Oberlandesgerichts in Dresden etwas hanebüchen, als es fabulierte, dass der Rechtsanspruch nur für das Kind bestehe, nicht aber für die Eltern.

Ja, aus welchem Grund wurde denn das Gesetz überhaupt gemacht? Damit Eltern nach der Elternzeit zügig wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Denn, so befürchtete die Bundesregierung damals nicht zu unrecht, viele potentielle Eltern würden sich womöglich gegen Nachwuchs entscheiden, wenn sie weiterhin mit enormen finanziellen Einbußen durch verspätete Berufswiedereinstiege rechnen müssen. Vom Karriereknick mal ganz zu schweigen.

Kaum tickerte das Urteil über sämtliche Kanäle, kamen auch postwendend alle „Früher war alles besser“-Kommentierer aus ihren Löchern gekrochen und verbreiteten ihre antiquierten Meinungen:

  • früher ging es doch auch ohne Kindergärten
  • Eltern hätten vorm Kinderkriegen wissen sollen, worauf sie sich einlassen
  • immer nur die Hand aufhalten, damit der Staat alles regelt
  • Kinder wären sowieso viel besser daheim aufgehoben
  • Kinder sollten frühestens mit 3 Jahren in Fremdbetreuung gegeben werden
  • Es müssen ja nur beide Eltern arbeiten, damit man sich zwei Jahresurlaube und 3 Luxuskarossen leisten kann

Mein Lieblingskommentar bislang:

  • Ich habe Teilzeit gearbeitet und war mit weniger Gage zufrieden, weil mir mein Kind wichtig war.

Weil ich gerade in Stimmung bin, geh ich die einzelnen Argumente mal durch!

Früher ging es auch nicht ohne Kindergarten. Man lebte in einer Mehrgenerationengroßfamilie zusammen, wo die (Ur-)Großeltern, Tanten und Cousinen die Kinderbetreuung übernahmen, damit die Eltern aufm Acker die Kartoffeln ernten können. Da spielten auch locker mal um die 20 Kinder zusammen, betreut von 3-4 Erwachsenen.

Als der Trend und die Industrialisierung die Familien in die Städte zog, blieb eben die Frau daheim. Besonders nach dem Krieg hatte dies dramatische Folgen, denn diese Frauen haben während der Kinderbetreuung Null Rentenansprüche gesammelt, aber trotzdem um die 3-4 Kinder bekommen. Mit viel Glück konnten diese Frauen nach dem Auszug der Kinder in wenig lukrativen Berufsfeldern Fuß fassen, aber die Rentenansprüche hat das trotzdem nicht gerettet. Einzig, dass der Mann sie bis zum Lebensende versorgt, sei es durch seine Rente oder ihre Witwenrente, hat diese Frauen vor der völligen Verarmung bewahrt.

Die wenigstens Frauen in der heutigen Zeit gehen blauäugig an das Thema Kinderkriegen heran. Gerade das Thema Kinderbetreuung ist in Schwangeren- und Elternforen ein heiß und innig diskutiertes Thema und meiner Erfahrung nach sind die Pro und Kontras der Fremdbetreuung nicht ansatzweise so intensiv diskutiert wie die Kämpfe um Betreuungsplätze. Da werden Tipps ausgetauscht, Erfolgs- und Leidensgeschichten geteilt und immer wieder Mut zugesprochen. Wenn sich also eine Frau mit Kinderwunsch nicht völlig unterm Stein verkriecht, bekommt sie sehr schnell einen ziemlichen genauen Blick auf die Lage hierzulande. Sollte sie sich dennoch für Nachwuchs entscheiden, dann wird die prekäre Situation in Kauf genommen und es werden eben ab der 12. Schwangerschaftswoche Bedarfsmeldungen an alle Kindergärten der näheren und weiteren Umgebung verschickt. Nur, weil die Situation so ist, wie sie ist, heißt das nicht, dass man sie akzeptieren muss. Man kann sich auch dagegen auflehnen und sein Recht eben einklagen.

Das Argument mit der Hand aufhalten kann ich am wenigsten nachvollziehen. Kinder kosten eine Menge Geld, Zeit und Nerven. Klar, wenn sie einmal lächeln, kriegt man das alles wieder zurück! Aber gerade der finanzielle Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Selbst der Kindergartenplatz schlägt gewaltig ins Kontor, je nach Region werden 120-500€ pro Monat fällig. Da muss eine alte Frau lange für Stricken und bei mancher Mutter frisst der Kindergartenplatz den Großteil des Gehalts auf.

Die landläufige Meinung, dass Kindergärten eh nur Kinderverwahrstationen sind und die Kinder besser daheim blieben, ist schon so oft wiederlegt worden, dass sich eigentlich jede weitere Diskussion erübrigt. Genügend Studien, auch über lange Zeit, zeigen, dass eine Fremdbetreuung nach dem ersten Geburtstag sich nicht zwangsläufig nachteilig auf die Kindesentwicklung auswirkt. Eher ist das Gegenteil der Fall. Das Kind lernt, sich im sozialen Miteinander zu erproben, lernt Konfliktbewältigungsstrategien und Kooperation. Gerade, weil es in den immer häufiger vorkommenden 1-Kind-Familien diese Konstellationen so nicht gibt, da nützt die wöchentliche Krabbelgruppe auch nicht viel.
Natürlich funktioniert das nur, wenn das Umfeld entsprechend stimmt, aber Diskussionen über vernünftige Betreuungsschlüssel und eine adäquate frühkindliche Förderung gehören gerade nicht zum Thema.

Der Mythos des Luxusproblems aber schon. Ich zähle unsere Familie zur Mittelschicht, meine Eltern ebenso, genauso wie ganz viele unserer Freunde und Verwandten. Alle haben eine Lehre oder Studium hinter sich, gehen meist in Vollzeit arbeiten und müssen dennoch am Ende des Monats schauen, dass sie nicht in den Dispo rutschen. Von zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren können die meisten nur träumen und bei vielen reicht es maximal zu einem Auto aus der Kategorie Kleinwagen. Die Zeiten, wo es genügte, wenn nur ein Elternteil arbeiten ging und die ganze Familie damit ernähren konnte, sind lange vorbei.

Hinzu kommt, dass Frauen nicht mehr nur das Heimchen am Herd sein wollen. Sie wollen ihre eigenen Ziele verfolgen, selber Karriere machen und eigenes Geld verdienen. Außerdem haben viele erkannt, dass es im Alter schon praktisch wäre, eine eigene, ausreichend hohe Rente zu beziehen. Ehen werden immer häufiger geschieden und die Klatschblätter sind voll mit Geschichten, wo gutsituierte Männer inmitten der Midlifecrisis ihre Frauen nach 25 Ehejahren verlassen, um mit einer jüngeren Wasserstoffblondine durchzubrennen. Da steht Frau dann da und darf sich mit Sozialhilfe begnügen, weil die 3 Mark fuffzig an Rente vorne und hinten nicht zum Leben reichen.
In vielen Gebieten verschlingen allein die Mietkosten für eine durchschnittlich große Wohnung in durchschnittlich guter Lage die Hälfte des familiären Gesamteinkommen. Mit Luxus hat das in den meisten Fällen nichts zu tun.

Bleibt noch mein Lieblingsargument, weil es gleich mehrere Aspekte auf einmal anspricht. Fremdbetreuung ist doof, wenn, dann sollte es nur ganz kurz erfolgen. Wenn man Vollzeit arbeiten geht, ist man geldgeil. Außerdem sind Vollzeitarbeiter Rabeneltern, denn denen ist das Kind nicht so wichtig.

Was die gute Dame verkennt ist, dass selbst bei Teilzeit eine Fremdbetreuung gesichert sein muss. Wir haben beispielsweise niemanden, keine Großeltern, Freunde oder Verwandte in der Nähe, die diese Aufgabe dauerhaft übernehmen können. Wir sind also so oder so auf Fremdbetreuung angewiesen, ganz gleich ob Teil- oder Vollzeit. Die finanziellen Aspekte habe ich weiter oben (und mehrfach hier im Blog) bereits beleuchtet.
Und als Rabeneltern würde ich uns auch nicht bezeichnen, denn wir lieben unsere Kinder mit Sicherheit nicht weniger, nur weil wir sie in den Kindergarten oder Hort schicken.

Wie immer am Ende einer solchen Diskussion: Jeder sollte sein Kind so aufziehen, wie er oder sie das für richtig hält. Jeder Lebensentwurf hat seine Berechtigung und mit Sicherheit viele Vor- und Nachteile. Wenn sich jemand einzig um Kinder und Haushalt kümmern möchte, dann soll er/sie das tun. Ich verurteile denjenigen nicht deswegen, ich könnte mir das nur nicht für mich vorstellen. Das heißt aber nicht, dass mein Art zu leben, besser oder schlechter ist, nur anders.
Was ich allerdings nicht mag, ist diese absolute Meinung, die nur ganz eng begrenzte Lebenskonzepte als richtig hinstellt. Toleranz ist immer auch die Toleranz gegenüber den Andersdenkenden. Gerade bei der Kindererziehung gibt es so viele Modelle, Ansichten, Meinungen, Erfahrungen und Moden, dass sich solche absoluten Ansprüche von selbst verbieten.

Fazit: Ich bin froh über das Urteil, auch wenn es für uns keine Bedeutung mehr hat, da wir einen Kindergartenplatz haben und das Kinderkriegen für uns abgeschlossen ist 😉

2 Kommentare zu “Das Urteil

  1. pluechen sagt:

    Word! Unterschreibe ich genau so. Ich habe zwar (noch) keine Kinder, aber über gewisse Punkte habe ich mir selbst schon Gedanken gemacht (Geld, Vollzeit, Teilzeit, wie lange zu Hause bleiben ect.). Vor allem wenn dann immer die Frage kommt: „Warum habt ihr noch keine Kinder ihr seid doch schon sooo lange zusammen?“ Tja, Abi, Ausbildung, wenigstens etwas Berufserfahrung und das Geld auch ein bisschen genießen. Heißt ja nicht, dass wenn ich schon mit 16 meinen Partner kennen gelernt habe, mit 20 gleich schwanger sein muss. *grml* Wir haben uns dieses Jahr auch eine Wohnung gekauft. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als (vermutlich) schnellstmöglich wieder arbeiten zu gehen, damit das Geld reicht, denn Männer verdienen im Vergleich zu den gestiegenen Nebenkosten weniger als noch vor 30 Jahren und können in der normalen Industrie eine Familie nicht mehr alleine ernähren.

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  2. […] des aktuellen Urteils zu Betreuungsplätzen und deren Diskussionen geschrieben, zu finden hier: Das Urteil . Ihre Zusammenfassung brachte mich – mal wieder – zu oben genannter […]

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