Wenn der Wurm drin ist

Aaaaaaargh!

Kollegen!

Echt jetzt mal!

Ich habe einen Kollegen, der im Umgang ein wenig – nunja – schwierig ist, was hauptsächlich daran liegt, dass er immer davon ausgeht, grundsätzlich Recht zu haben. Was die Zusammenarbeit einigermaßen erträglich macht ist, dass er durchaus was auf dem Kasten hat und sich in die Themen reinknien kann. Ist er aber einmal gedanklich falsch abgebogen, wird es anstrengend.

Denn er ist der Meinung, alles müsste so gemacht werden, wie er es sagt und wenn das jemand nicht tut, nimmt er es persönlich, obwohl er hierarchisch gesehen genauso ein kleines Licht ist wie alle anderen Angestellten. Woran das Nichtbefolgen liegt, ist nachrangig, er hat das Vorgehen so festgelegt, also ist es gültig. Dass es bspw. gar nicht kommuniziert wurde oder die Umsetzung so schlicht unmöglich ist, ist egal.

Wie gesagt, dadurch, dass er durchaus eine Menge brauchbarer Ideen hat, kann ich die meiste Zeit ganz gut mit ihm umgehen, beiß mir eben ab und an auf die Zunge und warte ab, bis ihm die gedanklichen Fehlleistungen auf die Füße fallen.

Heute allerdings wurde es mir zuviel. Bei einer morgendlichen Besprechung, wo wir das weitere Vorgehen bei einem Projekt abstimmen wollten, tickte er bei einem völlig harmlosen Thema aus. „Das nützt uns gar nicht, es befolgt niemand. Außer mir macht eh niemand was. Die eine Abteilung hat 1,5 Jahre gebraucht, um eine meiner Anfragen zu beantworten. Wozu wir uns überhaupt die Mühe machen. Und überhaupt. Und jenes.“

Hatte er so alles bereits an anderer Stelle geäußert, weswegen ich das neuerliche Hochkochen unnötig fand. Sagte ich ihm auch, ebenso was ich von diesem Ausbruch halte. Klar gibt es Probleme bei bestimmten Abläufen, aber gerade dafür ist das Projekt ja da, um genau das zu identifizieren und die Abläufe zu verbessern. Danach war er wieder etwas ruhiger und ich dachte, das Thema wäre erledigt.

Ich redete trotzdem mit meinem Chef darüber, denn ich fand den Ton, den Inhalt und Zeitpunkt unangemessen und ungewöhnlich und ich vermutete, dass da noch mehr dahinter steckt, als nur das Projekt. Chef war ebenso erstaunt, sah sich aber in einer vor Kurzem getroffenen Entscheidung bestätigt. Er war jedoch ebenso ratlos, was mögliche Ursachen anbelangt.

Der Terminplan wollte es, dass wir kurz darauf wieder ein gemeinsames Meeting hatten. Dort überreichte mir der Kollege eine große Tabelle (2 A3-Seiten), die er vorbereitet hatte. Ich nahm sie zur Kenntnis, fand sie aber nur bedingt hilfreich für unser Vorhaben.

Konkret geht es darum, im Rahmen der ISO 27001 Zertifizierung eine Risikoanalyse der Unternehmensassets durchzuführen. Die ISO-Norm unterscheidet dabei primäre und unterstützende Assets. Primäre sind Geschäftsprozesse, also womit ein Unternehmen Geld verdient (bspw. Autos bauen, Haare schneiden oder Steuererklärungen erstellen), und Informationen. Unterstützend ist alles, was für die Durchführung der Geschäftsprozesse und die Informationsbestände wichtig sind, also Personal, Software, IT-Technik, Datenbanken, Gebäude, etc. Im Idealfall bilden die Assets eine Kette: Information A liegt in Datenbank B, welche auf Server C liegt, welcher im Serverraum D steht, der sich in Gebäude E befindet. Um Prozess F zu erfüllen wird Information A von Software G benutzt, die von Mitarbeiter H an Standort J verwendet wird. Das ist insofern wichtig, als die jeweiligen Assets (A-J) ihre Risiken an den Nachfolger vererben. Asset C beinhaltet also die Risiken von Asset A und B und ergänzt die eigenen noch dazu. Ist so ein bisschen wie „ich packe meinen Koffer“.

Nun hat der Kollege in oben erwähnter Liste sämtliche vermeintliche Risiken für die Assets der letzten 3 Ebenen (Server, IT-Infrastruktur, Gebäude) aufgelistet, was zwar recht hübsch und umfangreich aussieht, aber genau den Vererbungsprozess außer acht läßt. Meiner Ansicht nach hat der Kollege nichts anderes gemacht, als eine völlig allgemeingültige Ansammlung von Risiken erstellt, die sich auf 95% aller Unternehmen anwenden lässt. Widerspricht völlig dem Zertifizierungsgedanken. Zur Veranschaulichung: Es macht einen Unterschied in der Risikobewertung, ob auf einem Server hochsensible personenbezogene Daten liegen, die bei Vertraulichkeitsverlust oder Löschung die Unternehmensexistenz gefährden, oder ob auf dem Server nur die Softwarepakete liegen, die bei Bedarf auf die Mitarbeiterrechner verteilt werden. In der Tabelle werden beide Server unter „IT-System“ zusammengefasst.

Als mich der Kollege anrief, um mit mir über diese Tabelle zu sprechen, konnte ich ihn nicht vorbehaltlos für seinen Aufwand loben, sondern wollte ihn darauf hinweisen, wie ich die Sache sehe. Aber ich kam gar nicht dazu, jedes Mal, wenn ich Luft holte, um meinen Ansatz zu erklären, unterbrach er mich und erklärte mir wortreich, warum und wie er die Tabelle erstellt hatte und wie viel Aufwand das war.

Beim dritten Mal reichte es mir. Sehr bestimmt sagte ich ihm, dass er mich nicht unterbrechen sollte und ich ihm jetzt meine Sicht der Dinge darlegen möchte. Er fiel mir prompt ins Wort und schob ein „mich lässt nie jemand ausreden“ hinterher, worauf ich erwiderte, dass ich ihn gerade sehr wohl mehrere Male habe ausreden lassen und ihm auch aufmerksam zugehört habe und ich jetzt schlicht dran bin. Ich erklärte meine Sicht, aber die wurde weggebügelt. Er hätte sich ja mit dem externen Berater abgestimmt und der hätte gesagt, genauso ist es richtig und überhaupt. Originalaussage: „Und nur dieser Ansatz ist richtig.“ Eine echte Diskussion war so nicht möglich.

Ich legte dann auf, das war mir zu blöd. Leider bin ich gerade zu sehr mit anderen Themen eingebunden, so dass ich mich diese Woche nicht mehr um das Thema kümmern kann. Nächste Woche bin ich erst am Mittwoch wieder an Bord, aber bereits am Donnerstag kommt der externe Berater und wir sollen ihm einen ersten Entwurf der Risikoanalyse vorlegen. Der Kollege hatte bereits in einem Nebensatz fallen gelassen, dass es gar kein Problem sei, wenn ich keine Zeit habe, dann erstellt er die Liste. Meine Befürchtung ist, dass er eine riesige Tabelle erzeugt, die am Ende unbrauchbar ist, weil sie nicht im mindesten unsere speziellen Risiken berücksichtigt, was den Kollegen umso mehr frustrieren wird, was die Zusammenarbeit weiter erschwert.

Wie auch immer, ich werde versuchen, die Restwoche so gut wie möglich über die Runden zu bringen und dann meine beiden freien Tage sinnvoll gestalten, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Denn ganz generell ist die Stimmung im Unternehmen gerade sehr seltsam, von vielen meiner Kollegen werden ähnliche Geschichten berichtet, die zwar alle nicht unbekannt, aber in der Häufung sehr ungewöhnlich sind.

Es bleibt also spannend.

2 Kommentare zu “Wenn der Wurm drin ist

  1. stahldame sagt:

    Puh.
    Bei uns kam ein Kollege nach einer Werbeaktion mal mit einem Stapel von 70 oder 80 Ideen fürs betriebliche Vorschlagswesen… nach deiner Beschreibung sind die beiden Seelenverwandte.
    Liebe Jongleurin, ich würde dir gerne den Liebster Award verleihen – nimm es bitte als Einladung, die du ignorieren oder ablehnen darfst, wenn du das möchtest. Details gibts auf meinem Blog.

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