Wie ich aus Versehen freiwillig Lizenzmanagerin wurde

Aber was ist schon freiwillig? Jedenfalls war es nicht so, dass alle Mitarbeiter in einer Linie aufgestellt wurden, dann jemand fragte, ob es Freiwillige gibt und ich in bester Katniss-Manier nach vorne stürmte.

Vielmehr war die Ausgangslage so, dass das Thema Lizenzen bisher im Unternehmen nebenbei erledigt wurde. Es gab einen Mitarbeiter im IT-Service, der ganz viele Scheine von Microsoft hatte und vorgab, sich gut mit Lizenzierung im Allgemeinen und Speziellen auszukennen. Da er aber nicht als Lizenzmanager eingesetzt wurde, konnte  er die anfallenden Aufgaben nur nebenbei erledigen. Irgendwann fiel dem obersten Management auf, dass eine solche Konstellation eher suboptimal ist und spätestens, als Microsoft ankündigte, jetzt mal genauer auf unsere eingesetzte Software und die dazugehörigen Lizenzen schauen zu wollen, wurde jener Mitarbeiter offiziell zum Lizenzmanager ernannt, bekam den Titel aufs Visitenkärtchen gedruckt und durfte einen Großteil seiner Arbeitszeit mit dem Thema verbringen.

Was er dann auch tat. Manchmal. Wenn er Lust hatte. Oder gerade ein wichtiger Termin anstand.

Weil das nicht so häufig vor kam und derjenige generell mit der Gesamtsituation höchst unzufrieden war, hat er im Herbst gekündigt. Seit diesem Zeitpunkt suchte die Firma verzweifelt einen Nachfolger, denn die Lizenzprüfung hatte wesentliche Lücken offenbart, die dringend geschlossen werden sollten.

Nur meldete sich niemand auf die Stellenanzeige. Nun könnte das auf den vorherrschenden Fachkräftemangel geschoben werden. Oder auf das eher schwierige Thema an sich. Oder aber darauf, dass hier grundsätzlich nur befristete Verträge angeboten werden und das Einstiegsgehalt eher unterdurchschnittlich ist. Aber ich glaube, dass die letzte Begründung unwahrscheinlich ist.

Als sich abzeichnete, dass es keine aussichtsreichen Bewerber gibt, fragte ich meinen Chef, was denn ein Lizenzmanager können muss. Er zählte verschiedene Punkte auf, wie verstehendes Lesen, technisches Hintergrundwissen und Kreativität. Ich meinte scherzhaft, dann könnte ich das ja machen, nur hatte mein Chef den Witz nicht verstanden und mich dem oberen Management vorgeschlagen.

Mangels Alternativen bekam ich Anfang November den Lizenzhut aufgesetzt und darf mich seitdem mit diesem Thema auseinandersetzen.

Nach der langen Zeit des Darbens wurde meine Ernennung wie eine Verheißung aufgenommen und alle Probleme und Fragen, die sich in der Vergangenheit aufgestaut hatten, wurden postwendend auf meinen Tisch geknallt. Zu einem Zeitpunkt, wo ich gerade mal wusste, wie man Lizenz buchstabiert.

Die meisten Kollegen musste ich vertrösten, da ein einzelnes Thema oberste Priorität hat. Im Frühjahr läuft nämlich unser toller EA-Vertrag aus und die Geschäftsführung muss eine qualifizierte Entscheidung treffen, wie weiter verfahren werden soll. Da das Thema Lizenzen bei Microsoft durchaus komplex ist, muss man jede Menge lesen.

Zur besseren Vorbereitung wurde mir ein Weiterbildungskurs gesponsert und seit Kurzem darf ich mich Certified Microsoft Licensing Professional nennen.

Mit diesem Wissen ausgestattet, widmete ich mich unserem bestehenden Vertrag mit Mircosoft, weil Microsoft bei der Prüfung im Sommer eine Lücke zwischen gekauften und eingesetzten Lizenzen gefunden hatte, die erhebliche finanzielle Kosten nach sich ziehen würde, wenn sie denn durchgesetzt werden könnte.

Nach meinem rudimentären Rechtsverständnis ist die entsprechende Passage in unserem Vertrag so schwammig formuliert, dass man sie je nach Blickwinkel so oder so auslegen kann. Beim Vertragsstudium entdeckte ich allerdings einen anderen, bis dahin geflissentlich von allen Seiten übersehenen Passus, der uns richtig viel Geld kosten könnte. Beide Erkenntnisse meldete ich umgehend meinem Chef, der dies ebenso umgehend durch einen externen Berater bestätigen ließ und zur Geschäftsführung weiter meldete.

Da ich erst am Thema Microsoft weiter arbeiten kann, wenn diverse Entscheidungen von der Geschäftsführung getroffen worden sind, konnte ich mich den restlichen Problemen zuwenden.

Eines davon war die Überprüfung der korrekten Lizenzierung eines bereits seit einem Dreiviertel Jahr im Einsatz befindlichen Oracle-Servers. Völlig anderes Thema, völlig neue Bedingungen, jede Menge Fallstricke. Aber mein Vorgänger hatte sich da auch schon umfangreich eingebracht, weswegen ich zunächst verwirrt war, warum ich das alles nochmals prüfen sollte.

Nun gut, ich arbeitete mich in die Thematik ein, durchforstete Internetseiten und Foren, las unseren Vertrag und das Kleindgedruckte und siehe, die Kollegen hatten Recht mit ihrer Vermutung, die Lizenzierung war in der Tat nicht korrekt. Durch die Verkettung unglücklicher Umstände wurde statt eines Servers mit einem 4-Kern-Prozessor ein Server mit einem 10-Kern-Prozessor bestellt, bezahlt, geliefert, eingebaut, umgebaut, installiert, nochmals installiert und mit der Datenbank bestückt, ohne dass irgendjemandem diese Diskrepanz aufgefallen wäre. Obwohl immer und immer wieder betont wurde, dass es nur 4 Kerne sein dürfen.

Ich sollte nun herausfinden, wer denn der Schuldige in dieser ganzen Kette ist. Zum Glück ist der Fall über ein Jahr her und zwei Drittel der Beteiligten sind nicht mehr im Unternehmen.

Und ich sollte eine Lösung finden, wie wir schnellstmöglich eine saubere Lizenzierung hinbekommen. Der wohl preiswerteste Vorschlag ist, den bösen Prozessor durch einen guten zu ersetzen, der auf das vorhandene Mainboard passt und unseren Supportvertrag nicht gefährdet. Anderswo nennt man das die Quadratur des Kreises, bei uns Alltag.

Weil ich meine ganzen Erkenntnisse fein säuberlich in unserem Ticketsystem kommentiert habe, fühlte sich die Beschaffungsabteilung angepisst, weil diese aus meiner neutralen Formulierung, in der keinerlei Schuldzuweisung stattfindet, herausliest, dass die Beschaffung Schuld wäre. Daraufhin machten die eine große Welle und eskalierten das Thema an meinen Chef, weil ich – Achtung, kein Witz – 5 Minuten lang nicht per Telefon zu erreichen gewesen wäre. Sie wollten mich anrufen, um die Formulierung zu klären, wählten zweimal meine Nummer, drückten mir einen Rückruf rein und als ich 3 Minuten später anrief, war das Ding schon eskaliert.

So sieht gute Zusammenarbeit aus!

Dass der Fall, in dem ich um Angebote für den 4-Kern-Prozessor gebeten habe, seit Tagen in Kritischem Status unbearbeitet bei denen rumliegt und ich nicht direkt ein Fass aufmache, scheint den Kollegen entgangen zu sein.

Wie auch immer, ich hoffe, dass die anderen Kollegen, die mir ihre Lizenzangelegenheiten auf den Tisch gelegt haben, kooperativer und netter sind, auch wenn ich sie immer mal wieder vertrösten muss. So schnell kann ich mich nicht in SemTalk-, NetApp-, JIRA-, FastViewer- oder VMware-Lizenzbestimmungen einlesen. Und ich möchte gerne die Falschaussagen und beinahe-Katastrophen meines Vorgängers vermeiden.

Denn so ganz grundsätzlich macht mir der Job schon Laune, auch wenn es eben manchmal anstrengend ist!

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Spuren von Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen. Und GIFs 😉

Advertisements

10 Kommentare zu “Wie ich aus Versehen freiwillig Lizenzmanagerin wurde

  1. sbocean sagt:

    Oh ja, ich schaffe es immer mich in Abwesenheit freiwillig zu melden. Z.B. wie gerade wo ich scheinbar 6 Wochen in einer anderen Abteilungen aushelfen soll evtl. auch länger. Okay ich mag die Leute dort, von dem her stört es mich nicht so. Aber komisch ist das schon immer wenn alle bescheid wissen nur man selbst nicht.

    Aber dein Lizenz Geschäft hört sich spannend an. Viele Spaß bei den alten Fehler abarbeiten.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich musste gerade herzhaft lachen. Wir haben auch Lizenzmanager, aber die machen was gaaanz anderes 😂

    Gefällt 1 Person

  3. Nach der Story finde ich den Termin heute noch unfassbarer.

    Gefällt 1 Person

  4. Hatice sagt:

    Hallo,,
    Ich bin zufällig beim googeln auf dein Blog gestoßen.
    Soweit ich es richtig verstanden habe, bist du nicht mehr als Lizenzmanagerin tätig.
    Ich hätte allerdings einige Fragen zu dem Thema. Kannst du mich vielleicht per Email kontaktieren?
    Liebe Grüße


    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s