Verhältnismäßigkeit

Es gibt Dinge, die kriege ich nicht auf die Reihe, egal, wie sehr ich mich anstrenge oder versuche, die Perspektive zu wechseln. Dann frage ich mich, ob es mir nur allein so geht oder ob mir die geistigen Kapazitäten fehlen oder ob die Ursache nicht doch auf der Gegenseite liegt.

Immer wieder passiert mir dies bei finanziellen Dingen. Nun ist allgemein bekannt, dass wir nicht auf Rosen gebettet sind, was dieses Thema anbelangt. Wir kommen gut um die Runden, müssen nicht hungern, können uns auch mal die eine oder andere größere Anschaffung leisten und müssen nicht jeden Cent zweimal umdrehen, was ich im Allgemeinen schon als großen Luxus betrachte. Wir kennen allerdings auch die andere Seite, haben öfter mal mit sehr wenig auskommen müssen (ja, ich guck dich an, olles ALG-II) und haben nichts geschenkt bekommen bzw. alles selbst erarbeitet.

Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, jammern aber auch nicht ständig drüber. Dennoch finde ich erstaunlich, wie wenig sensibel manche damit umgehen.

Meine Tante, die Zeit ihres Lebens immer richtig gut gestellt war, alles immer nur vom Feinsten hatte, der es egal ist, ob ein 2-Kilo-Bio-Suppenhuhn 25€ auf dem Wochenmarkt kostet, fragte vor einiger Zeit an, ob wir an einem geplanten großen Familientreffen mit teilnehmen wollen. Ich wollte gerne, meinem Mann war es egal. Wir sagten allerdings auch sofort, dass es vor allem darauf ankäme, was es denn kosten solle. Ja ja, das weiß sie, entgegnete sie und schob nach, dass sie da ganz tolle und preiswerte Angebote vorliegen hätte. Sie würde sich melden, sobald sie vom Rest der Familie die Zusagen hätte.

Mir schwante da schon Böses. Einen Tag später rief sie wieder an, es gäbe da zwei Orte, ganz toll gelegen (am Arsch der Welt) und super preiswert. Das eine Hotel würde für 3 Nächte nur 400€ kosten, das andere sogar nur 380€. Immerhin für uns alle zusammen, aber mir wurde da klar, dass unser beider Vorstellungen, was preiswert ist, meilenweit auseinander liegen. Ich redete mir das schön, immerhin war es all inclusive und bei Getränken kannste auch schon mal dein Eigenheim versaufen. Da es zu Ostern sein sollte und wir wegen einer schon länger geplanten Parallelveranstaltung eh nur 2 Nächte hätten bleiben können, dachte ich, wir würden es trotzdem finanziell hinkriegen. Leider gab es aber nur 3 Nächte im Paket oder gar keine und so sagten wir das Treffen ab.

Meine Tante hat bis heute nicht verstanden, dass 400€ für ein Wochenende für uns sehr viel Geld ist.

Ein anderes Beispiel ist einer meiner Kollegen, mit denen ich neuerdings das Büro teile. Ich berichtete ihm von unseren Plänen, der Kleenen endlich ein eigenes Zimmer einzurichten. Dazu würden wir zu Ikea fahren, dort unter anderem eine Kommode in weiß kaufen und diese dann mit Klebefolie farbig aufpeppen. Alternativfarben bei dieser Kommode sind leider nur Eiche rustikal oder schwarzbraun und beides finde ich für ein Kinderzimmer unpassend, die Kommode aber vom Stil und Preis her recht ordentlich.

Er fragte mich dann, was wir genau suchen und in welcher Preisspanne und ich sagte 79€ für die Kommode plus 2x 9€ für die Klebefolie, also knapp unter 100€. Er empfahl mir ein Möbelhaus in der Nähe (keines dieser Kettendinger) und meinte, die hätten ganz tolle und preiswerte Sachen. Ich schaute mir also die Homepage an und fand tolle Möbel, alle ohne Preise. Sowas macht mich ja schon stutzig. Dann fand ich die Angebotsseite und auch eine Kommode, die in etwa meinen Vorstellungen entsprach. 50% Preisnachlass klangen hübsch, aber wenn der Ausgangspreis 895€ ist, dann ist es am Ende für uns immer noch unerschwinglich.

Entsprechend äußerte ich mich meinem Kollegen gegenüber und der schaute mich verständnislos an. Es ist doch preiswert und immerhin 50% Rabatt, meinte er. Trotzdem zu viel für uns, entgegnete ich, und fragte nach, was er denn denke, wie viel Gehalt ich bekommen würde, immerhin arbeiten wir für die gleiche Firma. Er schaute nur weiter wie ein Auto, ganz offensichtlich konnte er nicht verstehen, warum ich über 400€ für eine einzelne Kommode nicht ebenso als Schnäppchen ansah.

Beim Fußballtraining des Großen habe ich ähnliches beobachtet. Während die Jungs dem Ball hinterherjagen und die Anweisungen des Trainers ignorieren, haben wir Eltern genügend Zeit, uns zu unterhalten. Da kam dann eine Mutti an und meinte, sie müsse nächste Woche einen neuen ergonomischen Ranzen für ihr Kind holen, sie könnte da einen Rabatt bekommen, so dass der Ranzen nur noch 200 statt 230€ kosten würde. (Echt jetzt, ist das Ding vergoldet?) Ich meinte, dass ich unseren Ranzen, der in einer Aktionswoche knapp unter 100€ gekostet hatte, schon fast unverschämt teuer fand. Erzählte die Mutti, sie hätte aber bei einem Vergleichstest gelesen, dass unsere Marke total schlecht sei und nicht halten würde und überhaupt, 200€ sind ja nicht die Welt.

Neben mir, auf der anderen Seite stand eine Mutter, die seit Jahren nur von Hartz-4 lebt, jetzt eine Weiterbildung zur mobilen Altenpflegerin macht, zu der auch der Führerschein gehört. Leider ist sie beim ersten Mal durch die praktische Prüfung gefallen, weil sie so unglaublich nervös war und die jetzt verzweifelt versucht, entweder das Jobcenter zu überreden, die Kosten für die Nachprüfung zu übernehmen oder das Geld aus privaten Mitteln zusammenzukratzen und dafür ihre Familie und Freunde anbetteln muss. Für diese Frau sind 200€ im Moment tatsächlich die Welt, der Unterschied zwischen ein bisschen Wohlstand oder Armut für immer.

Wenn ich in der Fußballgruppe sage, dass ich im Winter jede Woche 12€ für das Training in einer Indoor-Sporthalle ziemlich happig finde, weil wir ja auch noch die Vereinsmitgliedsbeiträge und die Mannschaftskasse als Kosten haben, ernte ich verständnislose Blicke. Es freut mich, dass die anderen Eltern solche Geldsorgen nicht kennen, finde es aber gleichzeitig vermessen, davon auszugehen, dass es allen anderen ebenso geht.

Wie gesagt, vielleicht fehlt auch nur mir die Verhältnismäßigkeit.

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4 Kommentare zu “Verhältnismäßigkeit

  1. Ich finde, das siehst du schon alles ganz richtig. Eine Kommode für 450 Eur finde ich auch happig.
    Das mit dem Familientreffen ist natürlich schade. Den Preis finde ich an und für sich in Ordnung, aber das hat man auch nicht mal so zwischendurch über.

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    • xayriel sagt:

      Wenn wir die 4 Tage/3 Nächte hätten mitmachen können, wäre es ok gewesen, hätte trotzdem etwas weh getan, aber das wäre es mir wert gewesen. Da wir aber nur 3 Tage/2 Nächte können, aber dennoch den vollen Preis hätten zahlen müssen, war uns das zu viel – und das hat meine Tante nicht verstanden.

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  2. Wir haben ein relativ hohes Einkommen, zahlen davon aber monatlich sehr hohe Raten für das Haus und einen extrem hohen Betrag für die Kinderbetreuung. Das haben wir uns zwar selbst ausgesucht, aber deshalb müssen wir die monatlichen Kosten auch niedrig halten. Wir kaufen bei Ikea und für uns sind 450 Euro für eine Kommode auch zu viel. Ich frage mich, wie solche Leute durchs Studium gekommen sind – da hat doch eigentlich niemand Geld, oder?

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    • xayriel sagt:

      Vielleicht von den Eltern gesponsert? Oder gar nicht erst studiert? Oder das ist ist schon zu lange her, der Kollege hat noch 9 Jahre bis zur Rente. Oder aber nie zugeben, dass es einem mal dreckig ging?
      (Merke grade, dass ich über den Kollegen bzw. diesen Menschentyp auch Romane schreiben könnte.)

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