Vorahnung

Am 30. Oktober feierte mein Opa seinen 98. Geburtstag. Da durch den bundesweiten Feiertag am 31.10. der Montag davor schulfrei war, dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, zu eben jenem Geburtstag in meine Heimatstadt zu fahren und am Ehrentag dabei zu sein. Schließlich ist in dem Alter die Anzahl zukünftiger Geburtstage recht überschaubar.

Ich rief meine Eltern an, ob es ok wäre, wenn ich mit dem Großen vorbeikommen und auch gleich dort übernachten würde. War es nicht. Weil meine Ma Frühschicht hatte und bis 14 Uhr an diesem Tag arbeiten musste. Außerdem war der Tisch in der Gaststätte, in der gefeiert werden sollte, nur für 12 Personen ausgelegt und lag in einer Nische, so dass zusätzliche Personen schlicht keinen Platz daran gehabt hätten. Mein Vorschlag, doch zum Essen selbst an einen Nebentisch zu gehen und zum Quatschen, wo Armfreiheit nicht so wichtig ist, an den großen Tisch zu kommen, fand keinen Anklang.

Ich war einigermaßen sauer, weil ich beides für bloße Ausreden hielt, die meiner Ma zusätzlichen Aufwand vom Halse halten wollte. Ich überlegte, ob ich auf gut Glück fahre, als special guest, aber auf den Stress mit meinen Eltern hatte ich irgendwie auch keine Lust.

Eigentlich wollte ich direkt am Geburtstag meinen Opa anrufen und gratulieren, war aber mit dem Großen in der Stadt unterwegs. Als ich anrufen wollte, war mein Opa bereits in der Gaststätte, so dass ich den Anruf verschieben musste.

So rief ich denn am nächsten Tag an und ließ mir ausführlich von der Feier erzählen. Mein Großer gratulierte ebenfalls, schließlich sind die beiden ganz dicke miteinander und immer, wenn sein Urenkel zu Besuch bei den Großeltern war, musste der Uropa besucht werden, der sich jedes Mal sehr darüber freute.
Außerdem fragte ich, wie es ihm ginge, was mein Opa etwas unverbindlich mit „geht so“ beantwortete. Bei der Verabschiedung meinte ich, dass wir uns bestimmt zu Weihnachten sehen. Dies hat sich in den letzten Jahren zur Tradition entwickelt, dass er für einen Nachmittag zu meinen Eltern kam oder wir zu ihm, je nach Laune und Verfassung.

Leider teilte er meine Vorfreude nicht, sondern meinte, dass er sich gar nicht sicher sei, ob er zu Weihnachten noch da wäre. Ich erwiderte, er solle nicht so etwas sagen, er ist doch noch fit für sein Alter und so lange ist es auch nicht hin. Er sagte erneut, dass er sich nicht sicher sei, dass Leben sei schon sehr beschwerlich und die Einsamkeit machte ihm sehr zu schaffen. Ratlos, was ich dazu sagen sollte, verabschiedete ich mich.

Die nächsten Tage wuchs meine Sorge. Am Telefon hatte mein Opa gemeint, dass er mir zu meinem Geburtstag einen Tag später eine Karte per Einschreiben schicken würde, diese aber wegen des Feiertags wohl ein wenig verspätet ankommt. Ich sagte, dass dies überhaupt kein Problem sei. Bis zum Ende der Woche war keine Geburtstagskarte im Briefkasten. Ich kontaktierte meine Eltern, ob sie denn Neuigkeiten vom Opa hätten, hatten sie aber nicht. Am Dienstag bat ich meine Eltern, beim Opa anzurufen oder vorbeizuschauen, ich hätte so ein ungutes Gefühl, da die Karte immer noch nicht da sei, was äußerst ungewöhnlich war, da mein Opa an sich sehr zuverlässig ist.

Sie riefen mich an, sagten, sie hätten Opa erreicht und die Karte wäre wegen einer falschen Hausnummer zurückgekommen. Sie würde die nächsten Tage erneut, diesmal mit richtiger Hausnummer, losgeschickt. Zudem erzählten sie, dass der Neffe meines Opas jeden zweiten Tag bei ihm vorbeischauen würde und er sofort Bescheid sagte, wenn etwas nicht stimmte.

Ich war erleichtert und beruhigte mich ein wenig. Meine Sorge war nicht unbegründet, gab es in der Vergangenheit doch mehrere Episoden, wo mein Opa versucht hatte, sein Leben zu beenden. So wurde er mehrfach von der Bahnpolizei aufgegriffen, weil er im Gleisbett in der Nähe von Bahnhöfen herumirrte, um sich im passenden Moment vor einen Zug zu werfen. Zum Glück waren die Polizisten immer schneller als der nächste Zug.

Erst als meine Cousine, die als Rettungsassistentin arbeitet und bereits mehrfach menschliche Überreste von Triebwagen und Gleisen kratzen musste, ein Machtwort sprach, hörte er damit auf. Sie meinte, dass wir alle es nicht verhindern könnten, wenn er sich unbedingt etwas antun wolle, aber er solle doch bitteschön darauf achten, keine anderen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen und es gäbe bereits genug Lokführer, die mit einem lebenslangen Trauma klarkommen müssten, weil jemand keine andere Lösung gefunden hatte.

Als wieder einige Tage später immer noch keine Karte im Briefkasten war, wuchs meine Unruhe erneut. Besonders der angesprochene Punkt Einsamkeit beschäftigte mich. Die letzten Jahre waren wahrlich nicht optimal verlaufen. Nicht allzu lange nach dem Tod meiner Oma vor knapp 8 Jahren enthüllte mein Opa ein lange gehütetes Geheimnis. Er habe vor 40 Jahren eine Affäre gehabt, aus der eine uneheliche Tochter entstanden ist. Jetzt würde er die Beziehung zu eben jenem Kind intensivieren wollen.
Seine große Tochter war außer sich. Sie brach für lange Zeit jeglichen Kontakt ab und auch ihr Kinder verringerten ihre Besuche. Sein Sohn war bestürzt, hielt aber den Kontakt so gut es ging aufrecht, was sich in der Vergangenheit eh bereits auf 2-3 Besuche im Jahr beschränkte, da sie ziemlich weit weg wohnten.
Meine Ma nahm die Geschichte gelassen. Sicher war sie gekränkt, dass ihre Mutter betrogen worden war, aber kannte sie das Leben im Allgemeinen doch so gut, dass sie auch diese Wendung mit einiger Gelassenheit hinnahm. Sie war auch die erste aus der Familie, die die Halbschwester begrüßte und ein normales, wenn auch nicht inniges, Verhältnis anstrebte.

Ich bin eh die Allerletzte, die andere Menschen verurteilte und so war es mir von Anfang an gleich. Ich kenne alle Facetten des Lebens und weiß auch, wie schnell es mit so einer Affäre gehen kann. Deswegen hatte ich auch keinerlei Probleme damit, weiterhin engen Kontakt mit meinem Opa zu halten. Schließlich gab es viele gute Erinnerungen, an gemeinsam verbrachte Ferien, Feiertage, Urlaube, Wanderungen und Ausflüge. Meine Großeltern, beide, konnten wundervoll kochen. Sie waren beide Naturfreunde, brachten mir die Grundzüge des Kletterns bei (nicht auf den Knien), zeigten mir die Schönheiten der Natur und waren ganz generell viel weniger streng als meine Ma.

Heute nun kam der Anruf meines Papas, den ich so lange befürchtet hatte. Mein Opa habe sich in der letzten Nacht das Leben genommen, indem er sich von einer Brücke stürzte. Meine erste Frage war, ob dabei andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wurden sie nicht.
Ich konnte nicht lange mit meinem Pa reden, da ich den Großen von einer Geburtstagsparty abholen musste. Auf dem Weg dahin fragte ich mich immer und immer wieder, ob ich hätte mehr tun müssen. Ich war traurig, dass ich nicht meinem Impuls gefolgt bin, ihn zu seinem Geburtstag zu besuchen. Und ich war wütend. Ich wollte meinen Opa anschreien, was er doch für ein Idiot sei. Aber gleichzeitig hatte ich tiefes Verständnis für ihn. Doch auch dies konnte nicht verhindern, dass ich einen totalen Heulkrampf im Auto hatte. Ich war selber überrascht, dass mich sein Tod so sehr mitnimmt. Mit 98 Jahren sollte ein Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet sein. Aber dieser ist es!

Am Abend telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie waren ebenso wenig überrascht wie ich, vielleicht hatten sie sogar schon eher geahnt, dass dies kommen würde. Meine Ma erzählte, dass mein Opa, der Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Autofahrer war, in letzter Zeit einige leichtsinnige Unfälle gebaut habe und sein Führerschein vermutlich in naher Zukunft eingezogen worden wäre. Er hatte bereits vorher angekündigt, dass wenn dies passieren würde, er sich da Leben nähme.

Nun war es anscheinend soweit 😥

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5 Kommentare zu “Vorahnung

  1. pluechen sagt:

    Es tut mir sehr, sehr leid. 😦 mein beileid. besonders die Tatsache, dass deine Mutter sich so gesträubt hat, dass du deinen Opa zu seinem Geburtstag hättest noch einmal sehen können. Es hätte sicherlich lösungen gegeben und ich hoffe, ihr nehmt euch das nicht übel.

    Gefällt 2 Personen

    • xayriel sagt:

      Ich nehm ihr das nicht übel, da keine böse Absicht dahinter steckte. Nur im Nachhinein ist es irgendwie doppelt traurig, und die Zweifel bleiben, ob ein Besuch eventuell etwas geändert hätte.

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  2. Das tut mir sehr leid! Meiner Oma ging es auch so mit der Einsamkeit als Opa plötzlich starb. Er hatte Lungenkrebs im Endstadium was spät erkannt wurde, weil mein Opa nie zum Arzt wollte. Meiner Oma wurde an ihrem Geburtstag von den Ärzten gesagt, dass sie nichts mehr tun könnten. Als er dann starb, war sie Jahrelang in Trauer. Sie sehnte sich nach dem Tod. Ich glaube sie ist jetzt glücklich wieder bei ihm zu sein. Sie hatte sich nicht das Leben genommen, starb aber auch an einer schweren Lungenkrankheit. Nach der Beerdigung konnte ich jahrelang nicht zum Grab zurück. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht so oft bei ihr war. Ich verstehe dich gut. Versuche dich an den Gedanken zu halten, dass sie wieder vereint sind. Das Leiden und die Sehnsucht deines Opas ist nun vorbei. Er ist sicher glücklich wieder bei deiner Oma zu sein. Ich wünsche dir viel Kraft und Stärke! Liebe Grüße, Mel

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  3. Das tut mir sehr leid. Ich hoffe, deine Seele hält das irgendwie aus. (( ))

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