Wenn einer eine Reise tut …

… dann kann er was erzählen, sach ich dir!

Wie bereits öfter erwähnt, wohnen meine Eltern 120km von uns entfernt, wollen aber dennoch ihre Enkel so oft es geht, sehen. Das finde ich grundsätzlich ok, bringt aber ein paar Schwierigkeiten mit sich.

So kann der Große nur noch in den Schulferien, oder wenn mal ein langes Wochenende ansteht und die Schule (oder das Land) passenderweise einen Brückentag einlegt, seine Großeltern besuchen. So geschehen am 1.-Mai-Wochenende. 4 Tage, in denen die Großeltern doch die Enkel bespaßen könnten. Aber bitte nur, wenn ich die Kinder zu ihnen karre; die Rückführung würden sie übernehmen.

Na gut, 4 Tage kinderfrei klangen schon verlockend. Die Fahrt dorthin allerdings nicht. Langes Wochenende, die Heimkehrrichtung Tausender Wochenendpendler, eine supergünstig gelegene Baustelle direkt nach einem Autobahndreieck. Selbst die Automobilclubs warnten vor langen Staus.

Aber hey, kinderfreies Wochenende.
Die Kinder ins Auto gepackt, losgefahren, zweimal einem Beinahe-Crash entkommen, dem Stau ins Auge blickend noch von der Autobahn gefahren und mit nur einer Stunde Verspätung, aber dennoch reichlich geschafft, bei meinen Eltern angekommen. Nach 2 Stunden Regeneration wieder den Heimweg angetreten, entgegen dem Strom, echt relaxed.

Dieses Wochenende sollte das nächste Großelternwochenende stattfinden, diesmal nur mit dem Großen. Kann ich sehr gut verstehen, beide Kinder zusammen sind wie Uran und Plutonium: jedes Element für sich ist harmlos, zusammen erreichen sie eine kritische Masse und Bumm! Totales Chaos.

Nur hatte ich so gar keinen Bock, mir schon wieder diese Strecke anzutun, zumal die Vorzeichen genau gleich, vielleicht sogar ein wenig schlimmer als beim letzten Mal, waren. Immer noch Heimreisependelverkehr, immer noch Baustelle.
Zum Glück fiel mir rechtzeitig zur Verabschiedung ein, meine Eltern zu fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich den Großen in den Flixbus setzen würde, um mir diese olle Fahrerei zu sparen. Sie waren einverstanden und der Große auch.

Kaum zuhause angekommen, schaute ich auf der Flixbus-Webseite nach und es gab sogar noch eine halbwegs passende Verbindung für Kinder, wo der Fahrer auf minderjährige Fahrgäste aufpasst. Schnell meine Eltern angerufen und nachgefragt, ob sie um die angegebene Ankunftszeit den Großen auch abholen könnten.

Um es mit Sender Eriwan zu sagen: im Prinzip ja!
Aber, meine Eltern fanden nicht zu unrecht, dass einem Bus ein ähnliches Schicksal drohte wie einem PKW, also Stau und eine unbekannt lange Verzögerung. Ob es denn nicht besser wäre, den Zug zu nehmen.

Gut, ich also die Seite der Bahn aufgerufen und nach Verbindungen geschaut. Es gab eine ICE-Verbindung, die knapp eine Stunde benötigte, im bevorzugten Zeitfenster ankommen würde und für die es noch Sonderangebote gäbe. Na dann, gesucht, gebucht, mit Sitzplatzreservierung, weil meine Eltern unbedingt darauf bestanden. Mit 18 Euro ungefähr so teuer wie die Benzinkosten für die Fahrt. (Die rückwärtige Leerfahrt fahre ich gerne ein wenig schneller, kann aber dann das gierige Schlürfen des Benzintanks hören.)

Nun meinten meine Eltern nicht zu unrecht, dass ich dem Großen doch für sein Handy eine SIM-Karte holen sollte, nur für den Fall der Fälle, man weiß ja nie, die Züge halten immer so kurz an den Bahnhöfen und ein Stromausfall kann jederzeit passieren. Oder so.
Da mir früher Prepaidkarten förmlich hinterhergeworfen wurden, (ich glaube, ich hab noch 2 oder 3 ungenutzte ca. 8 Jahre alte Prepaidkarten in irgendeiner Schublade rumfliegen) fand ich das nicht den größten Aufwand und versprach, mich darum zu kümmern.

Heute hatte ich im benachbarten Einkaufszentrum zu tun und jenes beherbergt auch einen Handyladen für alle Anbieter. Ich stapfte also hinein und verlangte eine Prepaid-SIM-Karte. Sowas verkaufen sie nicht, bekam ich als Antwort. Ich schaute sparsam und die Verkäuferin erklärte mir, dass Prepaidkarten seit Inkrafttreten des Antiterrorgesetzes nicht mehr einfach so gekauft werden könnten.
Der Kiosk keine 20 Meter weiter würde aber welche verkaufen, und ich müsste mich entsprechend legitimieren, Ausweis oder so.

Nun gut, ich kannte den Kiosk und seine Mitarbeiter als freundlich und hilfsbereit und steuerte dorthin. Da war auch ein Ständer mit Prepaidkarten aller gängigen Mobilfunkanbieter und ich suchte mir eine Karte mit einer einprägsamen Nummer meines Anbieters aus und ging zur Kasse.
Dort erklärte mir der Verkäufer, dass ich die SIM-Karte noch aktivieren müsse. Entweder über Post-Ident mit langwierigem Hin- und Hergeschicke von irgendwelchen Ausweiskopien oder aber Online per Videochat mit meinem Ausweis.

Postweg schied schon mal aus, ich brauchte die aktivierte Karte morgen. Dann also online.
Ich loggte mich bei meinem Provider ein und wollte über mein Konto die SIM-Karte aktivieren. Ging aber nur für postalisch bestellte Karten, nicht für in Hintertupfingen am Kiosk erworbene.
Ich rollte genervt mit den Augen, folgte dann aber den Schritten in der Bedienungsanleitung. Webseite aufgerufen, Karte verifiziert, fehlte nur noch die Aktivierung.
Wieder die Auswahl zwischen Post-Ident auf dem Postweg oder Online per Videochat.

Dazu musste ich nur eine App runterladen, den 12-stelligen Code eingeben, ein Foto meines Persos machen und einem, in gebrochenen Deutsch sprechenden Videoagenten im (wörtlichen Sinne, doofe Dachgeschoßwohung) Schweiße meines Angesichts mein Angesicht und zum Vergleich jenes auf meinem Personalausweis in meine Handycam halten.

Der Agent klickerklackerte meine Daten ins System, bedankte sich für die Nutzung dieses Services und würde die nun verifizierten Daten an meinen Mobilfunkanbieter weiterleiten. In bis zu 24 Stunden würde meine Karte dann aktiviert.

Uff! Das könnte knapp werden.

10 Minuten später checkte ich meine Emails und tatsächlich war da bereits die Prepaidkarte aktiviert. Fand ich gut. Ehrlich!

Ich hab dann die Karte in das Handy des Großen gebastelt, habe alle wichtigen Telefonnummern (Mama, Papa, Oma, Opa, Großeltern Festnetz) eingespeichert, den ganzen anderen Rotz, den SIM-Karten so mitbringen gelöscht, dem Kinde die Benutzung des Telefons erklärt und die Telefonnummer an alle Beteiligten verteilt.

Die Großeltern mussten natürlich sofort anrufen, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich die richtige Nummer übermittelt hatte.
Hatte ich. Überraschung!

Wir besprachen noch letzte Details, nahmen dem Großen etwaige Ängste („ist eh Endstation, dich kehrt das Bordpersonal raus“), verabredeten die Situationen, wo SMS oder Anrufe sinnvoll wären (vornehmlich Verspätungen auf der einen oder anderen Seite [man weiß ja nie, wann der „berühmte“ Personenschaden eintritt]) und das schon alles gut gehen wird.

Ich glaube, wir Großen sind viel aufgeregter als das Kind.
Beispielsweise habe ich sämtliche Szenarien im Kopf durchgespielt und rechne fest damit, zufällig bis zur einzigen Zwischenhaltestelle auf der Strecke mitzufahren, weil ich es nicht geschafft habe, nach Platzierung des Kindes den Zug rechtzeitig zu verlassen.

Wie auch immer, es wird nicht langweilig bei uns.
Wobei ich diese Art Abenteuer all den anderen, eher ungewollten, vorziehe.

Was soll denn da auch schief gehen? 😉

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2 Kommentare zu “Wenn einer eine Reise tut …

  1. Das klingt gut vorbereitet, das klappt sicher. Fühlt sich gleich so an, als ob das Kind gleich noch ein Stück gewachsen ist, ne? 😉

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