Wenn einer eine Reise tut …

… dann kann er was erzählen, sach ich dir!

Wie bereits öfter erwähnt, wohnen meine Eltern 120km von uns entfernt, wollen aber dennoch ihre Enkel so oft es geht, sehen. Das finde ich grundsätzlich ok, bringt aber ein paar Schwierigkeiten mit sich.

So kann der Große nur noch in den Schulferien, oder wenn mal ein langes Wochenende ansteht und die Schule (oder das Land) passenderweise einen Brückentag einlegt, seine Großeltern besuchen. So geschehen am 1.-Mai-Wochenende. 4 Tage, in denen die Großeltern doch die Enkel bespaßen könnten. Aber bitte nur, wenn ich die Kinder zu ihnen karre; die Rückführung würden sie übernehmen.

Na gut, 4 Tage kinderfrei klangen schon verlockend. Die Fahrt dorthin allerdings nicht. Langes Wochenende, die Heimkehrrichtung Tausender Wochenendpendler, eine supergünstig gelegene Baustelle direkt nach einem Autobahndreieck. Selbst die Automobilclubs warnten vor langen Staus.

Aber hey, kinderfreies Wochenende.
Die Kinder ins Auto gepackt, losgefahren, zweimal einem Beinahe-Crash entkommen, dem Stau ins Auge blickend noch von der Autobahn gefahren und mit nur einer Stunde Verspätung, aber dennoch reichlich geschafft, bei meinen Eltern angekommen. Nach 2 Stunden Regeneration wieder den Heimweg angetreten, entgegen dem Strom, echt relaxed.

Dieses Wochenende sollte das nächste Großelternwochenende stattfinden, diesmal nur mit dem Großen. Kann ich sehr gut verstehen, beide Kinder zusammen sind wie Uran und Plutonium: jedes Element für sich ist harmlos, zusammen erreichen sie eine kritische Masse und Bumm! Totales Chaos.

Nur hatte ich so gar keinen Bock, mir schon wieder diese Strecke anzutun, zumal die Vorzeichen genau gleich, vielleicht sogar ein wenig schlimmer als beim letzten Mal, waren. Immer noch Heimreisependelverkehr, immer noch Baustelle.
Zum Glück fiel mir rechtzeitig zur Verabschiedung ein, meine Eltern zu fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich den Großen in den Flixbus setzen würde, um mir diese olle Fahrerei zu sparen. Sie waren einverstanden und der Große auch.

Kaum zuhause angekommen, schaute ich auf der Flixbus-Webseite nach und es gab sogar noch eine halbwegs passende Verbindung für Kinder, wo der Fahrer auf minderjährige Fahrgäste aufpasst. Schnell meine Eltern angerufen und nachgefragt, ob sie um die angegebene Ankunftszeit den Großen auch abholen könnten.

Um es mit Sender Eriwan zu sagen: im Prinzip ja!
Aber, meine Eltern fanden nicht zu unrecht, dass einem Bus ein ähnliches Schicksal drohte wie einem PKW, also Stau und eine unbekannt lange Verzögerung. Ob es denn nicht besser wäre, den Zug zu nehmen.

Gut, ich also die Seite der Bahn aufgerufen und nach Verbindungen geschaut. Es gab eine ICE-Verbindung, die knapp eine Stunde benötigte, im bevorzugten Zeitfenster ankommen würde und für die es noch Sonderangebote gäbe. Na dann, gesucht, gebucht, mit Sitzplatzreservierung, weil meine Eltern unbedingt darauf bestanden. Mit 18 Euro ungefähr so teuer wie die Benzinkosten für die Fahrt. (Die rückwärtige Leerfahrt fahre ich gerne ein wenig schneller, kann aber dann das gierige Schlürfen des Benzintanks hören.)

Nun meinten meine Eltern nicht zu unrecht, dass ich dem Großen doch für sein Handy eine SIM-Karte holen sollte, nur für den Fall der Fälle, man weiß ja nie, die Züge halten immer so kurz an den Bahnhöfen und ein Stromausfall kann jederzeit passieren. Oder so.
Da mir früher Prepaidkarten förmlich hinterhergeworfen wurden, (ich glaube, ich hab noch 2 oder 3 ungenutzte ca. 8 Jahre alte Prepaidkarten in irgendeiner Schublade rumfliegen) fand ich das nicht den größten Aufwand und versprach, mich darum zu kümmern.

Heute hatte ich im benachbarten Einkaufszentrum zu tun und jenes beherbergt auch einen Handyladen für alle Anbieter. Ich stapfte also hinein und verlangte eine Prepaid-SIM-Karte. Sowas verkaufen sie nicht, bekam ich als Antwort. Ich schaute sparsam und die Verkäuferin erklärte mir, dass Prepaidkarten seit Inkrafttreten des Antiterrorgesetzes nicht mehr einfach so gekauft werden könnten.
Der Kiosk keine 20 Meter weiter würde aber welche verkaufen, und ich müsste mich entsprechend legitimieren, Ausweis oder so.

Nun gut, ich kannte den Kiosk und seine Mitarbeiter als freundlich und hilfsbereit und steuerte dorthin. Da war auch ein Ständer mit Prepaidkarten aller gängigen Mobilfunkanbieter und ich suchte mir eine Karte mit einer einprägsamen Nummer meines Anbieters aus und ging zur Kasse.
Dort erklärte mir der Verkäufer, dass ich die SIM-Karte noch aktivieren müsse. Entweder über Post-Ident mit langwierigem Hin- und Hergeschicke von irgendwelchen Ausweiskopien oder aber Online per Videochat mit meinem Ausweis.

Postweg schied schon mal aus, ich brauchte die aktivierte Karte morgen. Dann also online.
Ich loggte mich bei meinem Provider ein und wollte über mein Konto die SIM-Karte aktivieren. Ging aber nur für postalisch bestellte Karten, nicht für in Hintertupfingen am Kiosk erworbene.
Ich rollte genervt mit den Augen, folgte dann aber den Schritten in der Bedienungsanleitung. Webseite aufgerufen, Karte verifiziert, fehlte nur noch die Aktivierung.
Wieder die Auswahl zwischen Post-Ident auf dem Postweg oder Online per Videochat.

Dazu musste ich nur eine App runterladen, den 12-stelligen Code eingeben, ein Foto meines Persos machen und einem, in gebrochenen Deutsch sprechenden Videoagenten im (wörtlichen Sinne, doofe Dachgeschoßwohung) Schweiße meines Angesichts mein Angesicht und zum Vergleich jenes auf meinem Personalausweis in meine Handycam halten.

Der Agent klickerklackerte meine Daten ins System, bedankte sich für die Nutzung dieses Services und würde die nun verifizierten Daten an meinen Mobilfunkanbieter weiterleiten. In bis zu 24 Stunden würde meine Karte dann aktiviert.

Uff! Das könnte knapp werden.

10 Minuten später checkte ich meine Emails und tatsächlich war da bereits die Prepaidkarte aktiviert. Fand ich gut. Ehrlich!

Ich hab dann die Karte in das Handy des Großen gebastelt, habe alle wichtigen Telefonnummern (Mama, Papa, Oma, Opa, Großeltern Festnetz) eingespeichert, den ganzen anderen Rotz, den SIM-Karten so mitbringen gelöscht, dem Kinde die Benutzung des Telefons erklärt und die Telefonnummer an alle Beteiligten verteilt.

Die Großeltern mussten natürlich sofort anrufen, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich die richtige Nummer übermittelt hatte.
Hatte ich. Überraschung!

Wir besprachen noch letzte Details, nahmen dem Großen etwaige Ängste („ist eh Endstation, dich kehrt das Bordpersonal raus“), verabredeten die Situationen, wo SMS oder Anrufe sinnvoll wären (vornehmlich Verspätungen auf der einen oder anderen Seite [man weiß ja nie, wann der „berühmte“ Personenschaden eintritt]) und das schon alles gut gehen wird.

Ich glaube, wir Großen sind viel aufgeregter als das Kind.
Beispielsweise habe ich sämtliche Szenarien im Kopf durchgespielt und rechne fest damit, zufällig bis zur einzigen Zwischenhaltestelle auf der Strecke mitzufahren, weil ich es nicht geschafft habe, nach Platzierung des Kindes den Zug rechtzeitig zu verlassen.

Wie auch immer, es wird nicht langweilig bei uns.
Wobei ich diese Art Abenteuer all den anderen, eher ungewollten, vorziehe.

Was soll denn da auch schief gehen? 😉

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Sie werden so schnell groß

Der Große ist jetzt 9 Jahre alt. Die Kleene 4.

Seit einem guten Jahr geht der Große allein zur Schule und vom Hort wieder nach Hause. Er darf alleine in die Bibliothek um die Ecke gehen, um sich dort Bücher auszuleihen. Eventuelle Strafgebühren darf er von seinem Taschengeld bezahlen.

Sein Taschengeld beträgt 3€ pro Woche, entsprechend seiner Klassenstufe, wird also jeden Sommer automatisch erhöht. Um sein „Einkommen“ aufzubessern, darf er aller zwei Wochen den Hausflur fegen, gibt 2€, falls er anfängt, ihn auch noch zu wischen, bin ich bereit 5€ zu zahlen. Mit seinem Taschengeld darf er machen, was er will. Das letzte Mal hat er 12€ für 3 Lego-Zeitschriften ausgegeben.

In der Woche darf, wenn er seinen Ranzen gepackt und alle Hausaufgaben gemacht hat, runter in den Hof und dort bis 18:30 Uhr spielen. Am Wochenende darf er ebenfalls raus in den Hof, aber dann mit seiner Schwester, muss auf sie ein Auge haben und sie dürfen nur im hinteren Teil spielen. Heimkommzeit ist dann 18 Uhr. Der Hof ist eingezäunt und wenn irgendwas sein sollte, dann reicht Klingeln und wir sind sofort unten.
Bislang funktioniert dieses Arrangement reibungslos.

Heute durfte er das erste Mal zu einem Freund nach Hause gehen. Ich habe ihm extra einen Zettel für den Hort mitgegeben, dass er den Hort, anstatt wie üblich 16:30 Uhr, bereits um 15 Uhr verlassen darf. Er ging dann zu Bruno, zusammen mit Erik, weil Bruno eine Playstation mit 3 Controllern hat. Dort haben sie Minecraft gezockt, bis er um 18:30 Uhr nach Hause musste. Klappte tadellos.

Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ihm auf den Wegen was passiert, er im Einkaufszentrum beklaut wird oder er von einem Auto angefahren wird. Andererseits zog ich, seit ich denken kann, in unserem gesamten Viertel (mal grob übern Daumen gepeilt so um die 9 km²) um die Häuser und besuchte reihum alle meine Klassenkameraden. OK, anderes Land und andere Zeit, aber Autos und doofe Menschen gab es auch schon damals.

Ich erinnere mich an die Infoveranstaltung im Februar, wo über die Schulformen und Bildungswege informiert wurde (Quintessenz: schicke dein Kind nur aufs Gymnasium, wenn es intellektuell und persönlich reif genug dafür ist; Mittelschule ist keine Schande.). Ein Junge, kaum größer und älter als der Rabauke erzählte, wie er jeden Tag mit der Straßenbahn quer durch die Stadt fährt, um in seine Sport(mittel)schule zu kommen. Mir machte das Angst.

Freunde von uns eskortierten ihre Tochter jeden Tag zur Schule, bis sie mit 14 oder 15 sagte, dass es sie nervte. Das Mädchen hatte vor allem Angst, traute sich kaum was zu und war unsicher wie sonstwas.
Wenn ich hingegen meinem Großen sage, dass eine Filiale unseres Lieblingsbäckers keine 100m entfernt aufgemacht hat und er jetzt wochenends die Brötchen holen darf, rollt er mit den Augen und meint, „och nö, das ist langweilig“.

Fazit: Elternsein ist eine ständige Gratwanderung zwischen Freiheiten ermöglichen und Schutz bieten.
Und ja, sie werden viel zu schnell groß!

Kindernotdienst

Aus aktuellem Anlass habe ich über unsere Geschichte im Zusammenhang mit medizinischen Kindernotfällen nachgedacht. Großzügigerweise sage ich immer, dass der Große 7 Jahre benötigt hat, um das erste Mal ärztliche Notfallhilfe in Anspruch zu nehmen. Aber eigentlich stimmt das so nicht, denn es gab durchaus schon vorher Vorfälle, nur habe ich die gut verdrängt.

Der erste Vorfall ereignete sich – na klar – als ich nicht da war. Ich machte gerade eine Weiterbildung im Norden und hatte meine beiden Jungs für eine Woche alleine gelassen. Mitten in der Nacht bekam ich eine Nachricht, dass der Große sich irgendwas ins Ohr gesteckt hätte und das jetzt ganz furchtbar weh tun würde und was mein Mann machen solle. Nach Ohrennotdienst googeln, dort anrufen und dann hinfahren und nachschauen lassen. Machte mein Mann dann auch, da er aber keinen Führerschein hat und mitten in der Nacht kaum noch Busse und Bahnen fahren, nahm er ein Taxi. Der Arzt schaute ins Ohr, stellte eine massive Rötung fest, konnte aber keinen fremden Gegenstand finden. Dieser war vermutlich in der Zwischenzeit rausgefallen. Es gab Schmerzmittel und eine Belehrung ans Kindlein, sich nichts in Ohren oder Nase zu stecken.

Einige Zeit später, wir waren schon in der neuen Wohnung, aber noch zu dritt, hörte ich kurz vor Mitternacht ein leises Rufen aus dem Kinderzimmer. Als ich nachschaute, fand ich ein nach Luft japsendes Kind, welches kaum reden konnte. Wie er sich überhaupt bemerkbar machen konnte, bleibt bis heute ein Rätsel. Also wieder Google befragt und dann ab ins Auto zu unserer Kinderarztpraxis, die auch Notfallpraxis ist. Wir hatten Glück, es war gerade ein Arzt da, denn ein anderes Kind hatte auch einen Notfall und im Gegensatz zu uns vorher angerufen und sich angekündigt, so dass der Arzt sich auf den Weg zur Praxis gemacht hatte.
Noch bevor wir den Arzt überhaupt zu Gesicht bekamen, hatten wir einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen, auf dem eine ausführliche Erklärung zu Pseudokrupp stand. Der Arzt bestätigte bei der Untersuchung seine Vermutung, gab dem Kind ein Kortisonpräparat und schickte uns wieder heim.

Dann war eine ganze Weile Ruhe mit Notfällen, aber wir hatten ja genug mit der Doppelniere der Kleenen zu tun. Bis sich der Große sein Bein brach.

Tja, und dann fing die Kleene an, die Notfallärzte unserer Stadt aufzumischen. Zuerst kam der Anruf aus dem Kindergarten, dass die Süße sich selbst beim Spielen eine volle Ladung Sand ins Auge geworfen hätte (fragt nicht, wie sie das angestellt hat) und das Auge jetzt sehr rot und geschwollen sei. Ich war zum Glück gerade von der Arbeit freigestellt und konnte den Einsatz übernehmen. Fix nach einem Augennotdienst gegoogelt, direkt um die Ecke einen gefunden und ab dafür.
Da der Unfall im Kindergarten passiert war, wollte die Praxis jede Menge Angaben zur Einrichtung wissen. Ich telefonierte mich durch die Kiga-Verwaltung und bekam letztendlich alle Antworten, die ich benötigte. Die Süße wurde von einer sehr netten Ärztin untersucht, die feststellte, dass keine Fremdkörper mehr im Auge wären, aber eben die Oberfläche angekratzt und deswegen gerötet wäre. Sie gab uns eine Packung Einmal-Augentropfen mit und entließ uns mit guten Besserungswünschen.

Gestern nun kam wieder ein Anruf aus dem Kindergarten. Die Kleene sei beim Klettern abgerutscht und mit dem Mund auf die Kante der Rutsche geschlagen. Es hätte stark geblutet und wir sollten es vorsichtshalber kontrollieren lassen. Da ich mich gegen Mittag mit seltsamen Magen-Darm-Beschwerden von der Arbeit nach Hause geschleppt hatte und mein Mann seinen Resturlaub aus dem Vorjahr nahm, waren wir beide zuhause, ich allerdings im Dämmerschlaf auf der Couch.
Ich bat meinen Mann, nach einer Kinderzahnarztnotfallpraxis zu googeln, was er auch mit Erfolg tat. Gleich ums Eck war eine solche zu finden. Ich holte noch fix den Großen aus der Schule ab und verfrachtete ihn in die Bibliothek, dann fuhr ich zum Kindergarten.

Ich sah der Süßen an, dass der Aufschlag heftig war. Sie hatte immer noch verquollene Augen und so richtig freuen, dass ich sie abhole, wollte sie sich auch nicht. Sonst kommt sie immer mit offenen Armen auf mich zugestürmt, aber vermutlich saß ihr der Schock gestern noch zu sehr in den Knochen.
Ich schaute in den Mund und sah eine Wunde an einem der oberen Schneidezähne. Also dann doch lieber zum Zahnarzt. Der war schnell gefunden, die Parkplatzsuche dauerte ungleich länger. Am Tresen angemeldet und wieder eine Menge Formulare zum Ausfüllen bekommen. Die benötigten Angaben hatte ich ja alle noch vom letzten Mal parat.

Die Zahnärztin war sehr nett, schaute sich alles genau an und nahm dann folgende Bestandsaufnahme vor: Das Kindlein hatte alle für dieses Alter typische Zähne mitgebracht und alle auch an der richtigen Stelle und in der richtigen Formation. Yay!
Es hatte sich die Ober- und Unterlippe aufgeschlagen, das obere Lippenbändchen sowie das Zahnfleisch an einem der oberen Schneidezähne eingerissen. Alle Zähne wären aber fest, vermutlich weil die Lippen den Großteil des Sturzes abgefangen hätten. Es könnte passieren, dass der eine Schneidezahn grau wird, dann ist beim Sturz die Wurzel beschädigt wurden. Das mache bei Milchzähnen aber nichts. Es kann die nächsten Tage beim Zubeißen etwas weh tun, weswegen wir die richtig harten Sachen wie Äpfel oder Krustenbrot erstmal weglassen sollten.

Also, was haben wir jetzt in Notfall-Summe?

  • Hals-Nasen-Ohren-Arzt
  • Allgemeiner Kindernotarzt
  • Kinderchirurgie
  • Augenarzt
  • Zahnarzt

So wahnsinnig viele Spezialisten bleiben nicht mehr übrig.

Erste Liebe

Hach, die Liebe. So wundervoll. Und wie immer bei ersten Malen mit einem besonderen Zauber versehen.

Letzte Woche hole ich den Großen aus dem Hort ab und schau wie immer in seinen Ranzen, ob alles drin ist, was reingehört und ob in der Postmappe Schreiben der Klassenlehrerin, der Hort- oder Schulleitung liegen.
Wie ich so stöber, fällt mir ein kleines, selbstgebasteltes Büchlein in die Hände, welches mit pinkfarbenem Kräuselband zusammengebunden wurde.

Scherzhaft frage ich meinen Sohn, ob das denn ein Liebesbrief sei. Ganz stolz und überhaupt nicht schüchtern erzählt er mir, dass das von Zoe sei und auf dem ersten Bild sind er und Zoe zu sehen und jede Menge Herzen. Also ist Zoe jetzt deine Freundin, hake ich nach, was mein knapp 8-jähriger Rabauke bejaht.

Im Augenwinkel bemerke ich ein anderes Hortkind, das gerade Luft holen will, um eine dieser typischen abfälligen Bemerkungen zu machen oder in diesen nervigen Singsang zu verfallen: „Zoe und Großer, Zoe und Großer“. Man kennt das ja noch aus der eigenen Kindheit.
Um dem ganz schnell einen Riegel vorzuschieben, rufe ich, wie toll ich das finde und dass die Liebe doch was ganz Wunderbares sei. Und gerade in den heutigen Zeiten kann es gar nicht genug Liebe auf der Welt geben.

Aus dem Hintergrund ruft die Hortnerin: Oh, ja, das stimmt!

© Foto von Flickr/Evangelisches Schuldekanat Schorndorf/Waiblingen „Herz1“, CC BY 2.0

Alle Jahre wieder!

Bald nun ist Weihnachtszeit und diese wird wie jedes Jahr von der Jagd nach Geschenken begleitet. Da gibt es plötzlich schwarze Freitage und Cybermontage und alle locken mit kräftigen Rabatten oder superduper Sonderangeboten. Was also liegt da näher, als sich überpünktlich dem Thema Verwandtenbeglückung am Heilig Abend zu widmen.

Weil auch bei uns nicht immer alles schief gehen kann, stellte uns die Hausverwaltung bereits 5 Wochen vor Jahresfrist, und nicht wie sonst üblich erst 2 Wochen eher, die Betriebskostenabrechnung zu. Da wir uns letztes Jahr hartnäckig weigerten, die vorgeschlagene Mietsenkung vorzunehmen, wartet nun eine Rückzahlung von über 700€ auf uns, zeitlich günstig, um sie in Geschenke zu investieren.

Gesagt, getan, schnell mit den Großeltern abgestimmt und so kann ich tatsächlich bereits heute verkünden, bis auf eines sämtliche Weihnachtsgeschenke für dieses Jahr beschafft zu haben. Ich hab sogar schon fast alle Geschenke für die Geburtstagswelle Ende Februar/Anfang März. Mir macht das selber ein wenig Angst, aber irgendwie hatte ich ganz viele Ideen, was denn verschenkt werden könnte.

Falls jemand Inspiration braucht oder einfach nur neugierig ist, das bekommen meine Liebsten (die Links sind bis auf das T-Shirt Affiliates zu Amazon, siehe auch Disclaimer):

das kleine Kind, ein 2 3/4 Jahre altes Mädchen:

das große Kind, ein fast 8-jähriger Junge:

das ganz große Kind, aka Ehemann:

meine Eltern:

  • die CD Hardwired von Metallica
  • 2 Packungen Schwermer Marzipan
  • den jährlichen Kinderfotokalender, ein von uns selbst gestalteter Fotokalender mit den besten Kinderbildern dieses Jahres
  • eine Flasche Limoncello
  • ein Bildband mit historischen Aufnahmen ihrer Heimatstadt
  • den Krimi Binärcode von Christian Gude

Natürlich bekommen alle großen und kleinen Kinder noch Schokoladenhohlkörper in vielen Formen und Größen und jede Menge anderes Naschwerk.

Unschlüssig bin ich noch, ob ich meinem Mann die deutsche Version der Tribute von Panem schenken soll. Er schaut die Filme echt gerne, fragt aber immer wieder nach Details, die Unstimmigkeiten in den Filmen hervorrufen oder nur unzureichend erklärt werden, in den Bücher aber ausführlich abgehandelt worden sind.

Was jetzt noch fehlt ist, alle Geschenke einzupacken. Das werde ich dann vermutlich am 23.12. abends machen, denn wie jedes Jahr kommt Weihnachten doch recht plötzlich. Und ich hoffe, dann sämtliche Geschenke, die in der Zwischenzeit vor neugierigen Kinderaugen versteckt wurden, wieder zu finden 😉

 

Das Urteil

Die Zeiten sind ja geradezu rosig, was die Themendichte für meinen Blog angeht 😉

Heute nun das wunderbare Urteil des Bundesgerichtshofs, welches Eltern Schadensersatz zugesteht, wenn es die Kommune nicht schafft, rechtzeitig einen Kindergartenplatz zur Verfügung zu stellen. Ich hatte sehr auf dieses Urteil gehofft, fand ich doch die Urteilsbegründung des Oberlandesgerichts in Dresden etwas hanebüchen, als es fabulierte, dass der Rechtsanspruch nur für das Kind bestehe, nicht aber für die Eltern.

Ja, aus welchem Grund wurde denn das Gesetz überhaupt gemacht? Damit Eltern nach der Elternzeit zügig wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Denn, so befürchtete die Bundesregierung damals nicht zu unrecht, viele potentielle Eltern würden sich womöglich gegen Nachwuchs entscheiden, wenn sie weiterhin mit enormen finanziellen Einbußen durch verspätete Berufswiedereinstiege rechnen müssen. Vom Karriereknick mal ganz zu schweigen.

Kaum tickerte das Urteil über sämtliche Kanäle, kamen auch postwendend alle „Früher war alles besser“-Kommentierer aus ihren Löchern gekrochen und verbreiteten ihre antiquierten Meinungen:

  • früher ging es doch auch ohne Kindergärten
  • Eltern hätten vorm Kinderkriegen wissen sollen, worauf sie sich einlassen
  • immer nur die Hand aufhalten, damit der Staat alles regelt
  • Kinder wären sowieso viel besser daheim aufgehoben
  • Kinder sollten frühestens mit 3 Jahren in Fremdbetreuung gegeben werden
  • Es müssen ja nur beide Eltern arbeiten, damit man sich zwei Jahresurlaube und 3 Luxuskarossen leisten kann

Mein Lieblingskommentar bislang:

  • Ich habe Teilzeit gearbeitet und war mit weniger Gage zufrieden, weil mir mein Kind wichtig war.

Weil ich gerade in Stimmung bin, geh ich die einzelnen Argumente mal durch!

Früher ging es auch nicht ohne Kindergarten. Man lebte in einer Mehrgenerationengroßfamilie zusammen, wo die (Ur-)Großeltern, Tanten und Cousinen die Kinderbetreuung übernahmen, damit die Eltern aufm Acker die Kartoffeln ernten können. Da spielten auch locker mal um die 20 Kinder zusammen, betreut von 3-4 Erwachsenen.

Als der Trend und die Industrialisierung die Familien in die Städte zog, blieb eben die Frau daheim. Besonders nach dem Krieg hatte dies dramatische Folgen, denn diese Frauen haben während der Kinderbetreuung Null Rentenansprüche gesammelt, aber trotzdem um die 3-4 Kinder bekommen. Mit viel Glück konnten diese Frauen nach dem Auszug der Kinder in wenig lukrativen Berufsfeldern Fuß fassen, aber die Rentenansprüche hat das trotzdem nicht gerettet. Einzig, dass der Mann sie bis zum Lebensende versorgt, sei es durch seine Rente oder ihre Witwenrente, hat diese Frauen vor der völligen Verarmung bewahrt.

Die wenigstens Frauen in der heutigen Zeit gehen blauäugig an das Thema Kinderkriegen heran. Gerade das Thema Kinderbetreuung ist in Schwangeren- und Elternforen ein heiß und innig diskutiertes Thema und meiner Erfahrung nach sind die Pro und Kontras der Fremdbetreuung nicht ansatzweise so intensiv diskutiert wie die Kämpfe um Betreuungsplätze. Da werden Tipps ausgetauscht, Erfolgs- und Leidensgeschichten geteilt und immer wieder Mut zugesprochen. Wenn sich also eine Frau mit Kinderwunsch nicht völlig unterm Stein verkriecht, bekommt sie sehr schnell einen ziemlichen genauen Blick auf die Lage hierzulande. Sollte sie sich dennoch für Nachwuchs entscheiden, dann wird die prekäre Situation in Kauf genommen und es werden eben ab der 12. Schwangerschaftswoche Bedarfsmeldungen an alle Kindergärten der näheren und weiteren Umgebung verschickt. Nur, weil die Situation so ist, wie sie ist, heißt das nicht, dass man sie akzeptieren muss. Man kann sich auch dagegen auflehnen und sein Recht eben einklagen.

Das Argument mit der Hand aufhalten kann ich am wenigsten nachvollziehen. Kinder kosten eine Menge Geld, Zeit und Nerven. Klar, wenn sie einmal lächeln, kriegt man das alles wieder zurück! Aber gerade der finanzielle Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Selbst der Kindergartenplatz schlägt gewaltig ins Kontor, je nach Region werden 120-500€ pro Monat fällig. Da muss eine alte Frau lange für Stricken und bei mancher Mutter frisst der Kindergartenplatz den Großteil des Gehalts auf.

Die landläufige Meinung, dass Kindergärten eh nur Kinderverwahrstationen sind und die Kinder besser daheim blieben, ist schon so oft wiederlegt worden, dass sich eigentlich jede weitere Diskussion erübrigt. Genügend Studien, auch über lange Zeit, zeigen, dass eine Fremdbetreuung nach dem ersten Geburtstag sich nicht zwangsläufig nachteilig auf die Kindesentwicklung auswirkt. Eher ist das Gegenteil der Fall. Das Kind lernt, sich im sozialen Miteinander zu erproben, lernt Konfliktbewältigungsstrategien und Kooperation. Gerade, weil es in den immer häufiger vorkommenden 1-Kind-Familien diese Konstellationen so nicht gibt, da nützt die wöchentliche Krabbelgruppe auch nicht viel.
Natürlich funktioniert das nur, wenn das Umfeld entsprechend stimmt, aber Diskussionen über vernünftige Betreuungsschlüssel und eine adäquate frühkindliche Förderung gehören gerade nicht zum Thema.

Der Mythos des Luxusproblems aber schon. Ich zähle unsere Familie zur Mittelschicht, meine Eltern ebenso, genauso wie ganz viele unserer Freunde und Verwandten. Alle haben eine Lehre oder Studium hinter sich, gehen meist in Vollzeit arbeiten und müssen dennoch am Ende des Monats schauen, dass sie nicht in den Dispo rutschen. Von zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren können die meisten nur träumen und bei vielen reicht es maximal zu einem Auto aus der Kategorie Kleinwagen. Die Zeiten, wo es genügte, wenn nur ein Elternteil arbeiten ging und die ganze Familie damit ernähren konnte, sind lange vorbei.

Hinzu kommt, dass Frauen nicht mehr nur das Heimchen am Herd sein wollen. Sie wollen ihre eigenen Ziele verfolgen, selber Karriere machen und eigenes Geld verdienen. Außerdem haben viele erkannt, dass es im Alter schon praktisch wäre, eine eigene, ausreichend hohe Rente zu beziehen. Ehen werden immer häufiger geschieden und die Klatschblätter sind voll mit Geschichten, wo gutsituierte Männer inmitten der Midlifecrisis ihre Frauen nach 25 Ehejahren verlassen, um mit einer jüngeren Wasserstoffblondine durchzubrennen. Da steht Frau dann da und darf sich mit Sozialhilfe begnügen, weil die 3 Mark fuffzig an Rente vorne und hinten nicht zum Leben reichen.
In vielen Gebieten verschlingen allein die Mietkosten für eine durchschnittlich große Wohnung in durchschnittlich guter Lage die Hälfte des familiären Gesamteinkommen. Mit Luxus hat das in den meisten Fällen nichts zu tun.

Bleibt noch mein Lieblingsargument, weil es gleich mehrere Aspekte auf einmal anspricht. Fremdbetreuung ist doof, wenn, dann sollte es nur ganz kurz erfolgen. Wenn man Vollzeit arbeiten geht, ist man geldgeil. Außerdem sind Vollzeitarbeiter Rabeneltern, denn denen ist das Kind nicht so wichtig.

Was die gute Dame verkennt ist, dass selbst bei Teilzeit eine Fremdbetreuung gesichert sein muss. Wir haben beispielsweise niemanden, keine Großeltern, Freunde oder Verwandte in der Nähe, die diese Aufgabe dauerhaft übernehmen können. Wir sind also so oder so auf Fremdbetreuung angewiesen, ganz gleich ob Teil- oder Vollzeit. Die finanziellen Aspekte habe ich weiter oben (und mehrfach hier im Blog) bereits beleuchtet.
Und als Rabeneltern würde ich uns auch nicht bezeichnen, denn wir lieben unsere Kinder mit Sicherheit nicht weniger, nur weil wir sie in den Kindergarten oder Hort schicken.

Wie immer am Ende einer solchen Diskussion: Jeder sollte sein Kind so aufziehen, wie er oder sie das für richtig hält. Jeder Lebensentwurf hat seine Berechtigung und mit Sicherheit viele Vor- und Nachteile. Wenn sich jemand einzig um Kinder und Haushalt kümmern möchte, dann soll er/sie das tun. Ich verurteile denjenigen nicht deswegen, ich könnte mir das nur nicht für mich vorstellen. Das heißt aber nicht, dass mein Art zu leben, besser oder schlechter ist, nur anders.
Was ich allerdings nicht mag, ist diese absolute Meinung, die nur ganz eng begrenzte Lebenskonzepte als richtig hinstellt. Toleranz ist immer auch die Toleranz gegenüber den Andersdenkenden. Gerade bei der Kindererziehung gibt es so viele Modelle, Ansichten, Meinungen, Erfahrungen und Moden, dass sich solche absoluten Ansprüche von selbst verbieten.

Fazit: Ich bin froh über das Urteil, auch wenn es für uns keine Bedeutung mehr hat, da wir einen Kindergartenplatz haben und das Kinderkriegen für uns abgeschlossen ist 😉

Wochenend und Sonnenschein

Gestern Abend klagte meine Süße über Schmerzen in der rechten Leistengegend. Weil sie kurz darauf einen riesigen Pups freiließ, dachte ich mir nix dabei und brachte sie wie gewohnt ins Bett.
Heute morgen war die Kleene arg knatschig und fühlte sich heiß an und meinte immer noch, der Bauch würde weh tun. Ein wenig ratlos gab ich ihr erstmal Fiebersaft. Der schlug gut an, doch nach 2 Stunden war’s vorbei mit der Ruhe, die Süße wurde unruhig und knatschig. Ein Arztbesuch war also unumgänglich. Blieb nur die Frage, wohin. Durch Zufall hatte heute unsere Kinderärztin Bereitschaft, aber ich war dennoch unsicher, ob nicht die Uniklinik, wo wir wegen der Doppelniere eh schon in Behandlung sind, nicht die bessere Alternative wäre. Ich diskutierte mit meinem Mann, befragte eine kompetente Facebookgruppe, aber so ein wirklich eindeutiges Ergebnis brachte das alles nicht.

Wir sind dann in die Uniklinik gefahren, weil wir dort ja auch standardmäßig wegen der Doppelniere in Behandlung sind und ich dachte, dann könnten die Ärzte das gleich in der Akte alles nachlesen und zum anderen haben sie dort alles vorrätig.
An der Anmeldung kam der Verdacht auf Blinddarmentzündung auf, was ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, aber an sich auch gut zu den Symptomen gepasst hätte.
Daheim hatte ich vorsorglich einen Urinbeutel geklebt, denn ohne Urinprobe würden sie uns bestimmt nicht gehen lassen und bis man so eine Probe hat, kann es ja auch gerne mal dauern.
An der Anmeldung hatte ich bereits die Stichworte Doppelniere und Reflux erwähnt, aber die sind auf dem Weg zur Kinderambulanz verloren gegangen. An der dortigen Anmeldung sagte ich die Losungsworte erneut und verursachte damit Verwirrung, ob dies nun ein pädiatrischer oder chirurgischer Notfall wäre. Wir durften erstmal im Wartebereich Platz nehmen und ich stellte mich auf einen längeren Aufenthalt ein.

Umso überraschter war ich, als wir nach 10 Minuten schon aufgerufen wurden. Eine Schwesternschülerin machte eine Anamnese, ich zählte die Symptome auf und erwähnte wieder Doppelniere und Reflux. Die Schülerin schrieb alles fleißig mit, wog das Kind und maß nochmals Fieber. Das wurde zwar schon bei der zweiten Anmeldung gemacht, aber das Ergebnis offenbar nirgendwo vermerkt.
Ich schaute immer mal nach dem Urinbeutel, aber da war nix und die Kleene jammerte jedes Mal, wenn ich sie fragte, ob sie denn pullern müsste.
Nach 10 Minuten kam der Arzt, ließ sich wieder alles beschreiben, offenbar hatte keinerlei Kommunikation mit der Anmeldung oder der Schwesternschülerin stattgefunden. In meinem jugendlichen Leichtsinn ging ich davon aus, dass der Arzt einen Blick in die Akte geworfen und dort die Doppelniere entdeckt hatte. Seine Untersuchung ging aber auf diesen Aspekt gar nicht ein und erst auf Nachfrage schaute er sehr erstaunt und bestand dann natürlich auf der Urinprobe. Immerhin konnte er Nierenbeckenentzündung ausschließen, denn da hätte die Kleene wohl ganz argen Druckschmerz in der Nierengegend. Wenigstens etwas.

Nach einigem Hin und Her konnte sich die Kleene endlich durchringen, aufs Töpfchen zu gehen und der anschließend durchgeführte Test ergab rote und weiße Blutkörperchen im Urin. Yay 😦
Als letztendliche Diagnose stellte der Arzt dann fest, dass sie einen Harnwegsinfekt + Angina hat, verschrieb uns ein AB und am Montag sollten wir in der Kinderurologie anrufen und die weitere Behandlung abstimmen.

Ich hab jetzt erstmal genug von der Notaufnahme. Können unsere Kinder nicht zu normalen Öffnungszeiten krank werden wie andere Kinder auch?

Ist ja ein Beinbruch!

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und auch ich bilde da keine Ausnahme. In unserem täglichen Chaos haben sich daher gewisse Rituale etabliert. So nehme ich immer den Bus um 7:38 Uhr oder um 7:58 Uhr auf Arbeit, gestern war es der Einrücker um 7:48 Uhr. Bei den zahllosen Besprechungen sitze ich immer auf dem gleichen Platz, gestern allerdings war nur der Platz zwei Stühle weiter rechts noch frei. Von den Kabinen auf der Damentoilette nehme ich immer die rechte, gestern musste ich jedoch auf links ausweichen. Und jede Menge anderer kleiner Abweichungen.

Alles nichts Gravierendes, aber mir fiel es gestern schon auf und da ich überhaupt nicht abergläubisch bin, tat ich es nur als zufällige Merkwürdigkeiten ab, die es eben immer wieder mal gibt. Wäre ich abergläubisch, hätte ich es wohl als Omen gesehen und mich gewappnet für das, was später noch auf uns zukommen sollte.

Nachmittags fuhr ich mit dem Großen wie gewohnt zum Fußballtraining und während der Rabauke sein Ballgeschick verbesserte, nutzte ich den schönen Nachmittag und las in meinem Buch, da mir so gar nicht der Sinn nach den eher inhaltsarmen Gesprächen mit den anderen Fußballmüttern stand. Plötzlich gellte ein markerschütternder Schrei über den Platz, als dessen Ursprung ich umgehend meinen Sohn ausmachte und der mich sofort mein Buch zuklappen ließ. Der Sprößling wälzt sich gerne mal aufm dem Platz rum, sobald ein Spieler ihn nur minimal berührt oder ihm den Ball abgeluchst hat. Wir nennen ihn deshalb manchmal unseren kleinen Italiener 😉
Gestern jedoch blieb er liegen und die Tonlage des Schreis war weit von dem üblichen Mimimi-Gejaule entfernt. Der Trainer trug ihn an den Spielfeldrand, wo ich meine rudimentären medizinischen Kenntnisse ausbuddelte und eine erste Anamnese erstellte.

Es tat an der Innenseite des rechten Unterschenkels weh. Dort war der gegnerische Spieler mit seinem Knie reingerutscht. Ich dachte an eine heftige Prellung und so warteten wir ein paar Minuten. Dann sollte er versuchen, aufzustehen, was aber nicht ging, da die Schmerzen zu heftig waren. Ich entschied, mit ihm ins Krankenkaus zu fahren und es röntgen zu lassen, um einen Bruch oder eine Bänderverletzung auszuschließen. Eine der Mütter meinte, wir sollten doch ins Notfallzentrum fahren, das wäre direkt um die Ecke und nicht so weit wie die Uniklinik. Ok, na gut, hatte ich nicht daran gedacht, können wir machen.

Nach einem kurzen Abstecher nach Hause, wo ich die Kinderkrankenversichertenkarte und die Familienpackung Gummischlangen holte, hielten wir am Notfallzentrum und ich schleppte das mittlerweile 24 Kilo schwere Kindlein zum Eingang, wo mir aber direkt gesagt wurde, dass wir falsch seien, da nur Erwachsene dort behandelt würden. Ich schleppte das Kind zurück zum Auto und fuhr zur Klinik, lautstark fluchend, weil der direkte Weg durch Baustellen versperrt war. Ich fand zum Glück einen Parkplatz in der Nähe des Eingangs, was wirklich keine Selbstverständlichkeit ist. Ich trug das Kind die dennoch gut 200m zur Anmeldung und 5 Minuten später durften wir in die Kindernotfallambulanz. Eine freundliche Schwester nahm uns die eben ausgedruckten Patientenunterlagen ab und wies mich darauf hin, dass um die Ecke Rollstühle standen, von denen wir einen nehmen könnten.

Ich holte einen dieser Rollstühle und setzte das Kind rein, was es total cool fand. Vor wenigen Wochen schauten wir immer wieder mal die Paralympics und der Große wollte seitdem wissen, wie es ist, mit einem Rollstuhl zu fahren und jetzt konnte er es selber ausprobieren. So kurvte er durchs Wartezimmer, bis er die Lust verlor und vor einem großen Aquarium parkte.

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Da wir nicht die einzigen Patienten waren, durften wir ziemlich lange warten. In der Zwischenzeit freundete sich der Große mit einem anderen Jungen an, der beim Lasertag einen heftigen Schlag auf die Nase bekommen hat. Die beiden tauschten ihre ganzen Verletzungen und Unfälle aus. Ich hörte zu und war tatsächlich erstaunt, dass wir 7 Jahre gebraucht hatten, um eine Notaufnahme von innen zu sehen.

Endlich wurden wir aufgerufen und ich rollte das Kind in den Behandlungsraum. Ein freundlicher Arzt ließ sich berichten, was genau passiert ist und seiner skeptischen Mine entnahm ich, dass er ebenso wie ich davon ausging, dass es nur eine ordentliche Prellung, aber keinesfalls etwas ernsthaftes ist. Er untersuchte das Bein ausführlich, streckte und beugte es, drückte hier und da und jedes Mal, wenn er hinten auf die Wade drückte, jaulte das Kindlein auf. Alle anderen Untersuchungen ließ er stoisch über sich ergehen. Weil aber vorn am Schienbein nichts weh tat, dachte ich, dass evtl. das Wadenbein gebrochen ist. Der Arzt blieb bei seiner Meinung, steigerte sie sogar, indem er „wettete“, dass da nichts kaputt sei. Dennoch schickte er uns zum Röntgen, sicher ist sicher.

Ich rollte das Kind zum Röntgen, wo wir zur Abwechslung mal nicht warten mussten. 3 Minuten später kam der Junge aus dem Röntgenraum zurück und die Schwester meinte, sie würde die Aufnahmen fertig machen und direkt zum Rechner des Arztes schicken und wir sollten drauf achten, dass der Große den Fuß auf gar keinen Fall belaste.

Mir schwante übles, da war wohl doch mehr als angenommen kaputt gegangen. Wir meldeten uns wieder zurück und warteten, bis wir erneut zum Arzt vorgelassen wurden. Dieser bestätigte dann meine Vermutung, es war tatsächlich etwas kaputt gegangen, aber nicht das Waden-, sondern das Schienbein. Schöner sauberer Bruch, zum Glück nichts abgesplittert oder verrutscht.

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Die Schmerzen, die beim Drücken auf der Wade entstanden, wurden dadurch verursacht, dass das Wadenbein dann immer auf den Bruch drückte.

Umgehend wurde der Gips vorbereitet und während ich mit dem Arzt noch organisatorisches klärte (Schulbesuch, Weiterversorgung, Lagerung, etc.), kümmerten sich eine Schwester und eine Schwesternschülerin um mein Kind. Als ich dazu kam, lag er auf dem Bauch und ließ sich neugierig jeden Handgriff, der gerade gemacht wurde, erklären. Ich saß daneben und schaute zu, wie eine große Gipsschiene erst angepasst und dann mit Mullbinden ans Bein gebunden wurde. Ich dachte, er würde einen Vollgips bekommen, aber die erste Versorgung sollte mittels Liegegips erfolgen, mit dem der Patient, wie der Name schon sagt, hauptsächlich liegt und das Bein keinesfalls belasten darf.

Wieder daheim angekommen, durfte ihn zur Abwechslung der Papa in den 3. Stock tragen, während ich die Trainingsgruppe und die Großeltern über das Ergebnis informierte. Alle zeigten sich gleichermaßen erschrocken. Die Trainingsgruppe, weil sie damit einen der besten Spieler auf unbestimmte Zeit verlieren. Die Großeltern, weil der Junge die erste Oktoberwoche bei ihnen Urlaub macht und sie schon jede Menge Pläne geschmiedet hatten, die jetzt alle über den Haufen geworden wurden. Während von allen Seiten Genesungswünsche eintrudelten, überlegten wir, wo wir das Kind schlafen legten. Sein Hochbett fiel definitiv aus, dort wird er eine ganze Weile nicht mehr schlafen können.
Kurzerhand verfrachteten wir die Matratze auf den Boden vor den Kleiderschrank, da fiel er nicht so tief, falls er aus dem Bett rollte.

Die Nacht hat er gut überstanden. Der Toilettengang gelingt nach anfänglichen Schwierigkeiten gut, da sich der Patient mit dem steifen Bein nicht wie gewohnt auf die Schüssel setzen kann. Die eigentliche Herausforderung werden aber die nächsten Tage sein. So ein aktives Kind zur Untätigkeit auf der Couch liegend zu verdonnern, kommt schon Folter gleich. Ganz egal, wie lange KIKA läuft oder wie oft es Kekse oder Gummibärchen gibt.

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Am Montag werde ich einen Kinderchirurgen anrufen und mit ihm das weitere Vorgehen abstimmen. Mal schauen, was dieser sagt und wann es einen ordentlichen Gehgips gibt.

Rosa ist scheiße

Ich habe mich ja auch hin und wieder schon aufgeregt, dass meine Tochter für einen Jungen gehalten wird, weil sie keine rosanen Klamotten trägt. Nicht, weil ich rosa nicht mag, aber weil mir dieses Rollenklischee gehörig auf die Nüsse geht und es teilweise sehr schwierig ist, überhaupt ansprechende Kinderkleidung zu finden, die eben nicht stereotypisch blau mit Autos oder rosa mit Herzen ist.

Neulich beim Schlüpferkauf – und ja, diese Teile heißen Schlüpfer oder Unterhosen, aber auf gar keinen Fall Schlübbis – ist mir das auf absurdeste Weise wieder aufgefallen. Es standen zur Auswahl: Grundton weiß, rosa oder pastelllila; Motive: Elsa aus Frozen oder Disney-Prinzessinnen oder Minnie Maus, in der Nicht-Markenabteilung kotzesüße Katzenbabies. Es fehlten: normale einfarbige Schlüpfer in bunt. Bei den Jungs geht das komischerweise. Der Große hat Unterhosen in knallbunt in orange, rot, grün, blau, grau, schwarz, mit Smileys oder Streifen, eher selten mit Autos oder Raketen.

Nun bin ich nicht die Einzige, die das nervt und jetzt hat es eine Journalistin professionell auf den Punkt gebracht:
Rosa ist scheiße

Noch ein wenig amateurhaft ärgert sie sich im Beitrag, dass sie sich entweder ständig erklären muss oder für merkwürdig gehalten wird. Da ich auch ohne Kinder für merkwürdig gehalten werde, prallten solche Resentiments schon immer an mir ab. Mit dem restlichen Artikel spricht sie mir allerdings voll aus der Seele. Vor allem, was den unterschiedlichen Umgang mit Mädchen und Jungs angeht.

Unser Mädchen hat die Bagger- und Traktorensammlung ihres großen Bruders geerbt. Sie hat mehr Schrammen an Knien und Schienbeinen als ihr Bruder, nicht weil sie ungeschickter ist, sondern wagemutiger und damit auch öfter mal auf die Nase fällt. Der Große wollte früher lange Haare haben, damit er Haargummis und – spangen verwenden kann, hat er bekommen. Nagellack wollten beide, haben auch beide bekommen. Ich ermahne meine Tochter nicht, dass sie sich nicht schmutzig machen soll, sondern ziehe ihr stattdessen robuste, erdfarbene Klamotten an. Ihr Lieblingsshirt ist grün und hat ein Kermitbild drauf. Das Lieblingsshirt des Großen ist gelb und trägt den Schriftzug „Auf Forschungsreise, bitte nicht stören“.

Es sind Kinder, sie wollen die Welt entdecken, auf ihre Weise, ungestüm oder beobachtend, immer neugierig, neuen Sachen grundsätzlich aufgeschlossen, solange immer genügend Gummibärchen vorrätig sind. Warum sollte dieser Forschungsdrang in eine Geschlechterrolle gepresst werden, wo Mädchen nur mit Puppen und Jungs nur mit Autos spielen dürfen? In dieser ganzen Diskussion muss ich dauernd an zwei Memes denken, die in schöner Regelmäßigkeit in meiner Facebooktimeline auftauchen:

  • „Das ist aber ein süßer Junge.“
    „Das ist ein Mädchen.“
    „Aber es trägt blau.“
    „Ja, wir erziehen unser Kind zweifarbig.“
  • „Vorsicht, dein Junge spielt mit einer Puppe, er könnte schwul werden.“
    „Ja und? Er könnte auch einfach ein guter Papa werden.“

Leider wird, und das wird im Artikel auch angesprochen, sehr viel Einfluß von der Umgebung ausgeübt. Im Kindergarten, in der Schule, auf dem Spielplatz, wo auch immer, überall werden die Kinder mit den althergebrachten Stereotypen konfrontiert und müssen sich dann rechtfertigen. So kam mein Großer letztens sehr geknickt aus der Schule. Nach einigem Herumdrucksen rückte er endlich mit der Sprache heraus, dass ihn die anderen Kinder in der Schule ausgelacht hatten, weil er Glitzersachen mag. Seitdem will er partout nichts glitzriges oder glänzendes mehr haben und seine Bilder verziert er nicht mehr wie sonst mit Glitter, nur noch mit Buntstiften und da ja keine Pastelltöne. Und seine Winnie-Pooh-Brotdose findet er doof, weil ein Junge ihn deswegen gehänselt hat.

Mich macht das sehr sehr traurig.