Neuanfang, mal wieder

Heute kam der Große nach knapp 1,5 Wochen Großelternurlaub nach Hause und ich hatte mir ganz fest vorgenommen, nach meinen riesigen Gewissensbissen der letzten Zeit ihm wenigstens einen schönen Empfang zu bereiten.

Er kam zum Glück als Erster die Treppe hoch und so konnte er sich ungestört in meine Arme werfen. Ich glaube, er war ein wenig überrascht, als ich sagte, es ist schön, dass er wieder da ist. Verdutzt hielt er mir die riesige Dose Plätzchen hin, welche er mit der Oma gebacken hatte. Der Großteil des Nachmittags waren die Großeltern noch bei uns und kümmerten sich abwechselnd um ihn, während ich mich um das neue Handy seiner Oma kümmerte und mein Mann sich um den Laptop seines Opas.

Als die Großeltern weg waren, fing das übliche Gerangel zwischen den Geschwistern an, die Süße malträtierte den Großen, der Rabauke jagte seine Schwester durch die Wohnung, beide verdrückten Unmengen Kekse und fabrizierten dabei tonnenweise Krümel und der Lautstärkepegel war gewohnt enorm. Bis sich mein Mann mit seinem Sohn in sein Zimmer zurück zog, um ungestört die Mathehausaufgaben zu erledigen, die wir während der Ferien völlig vergessen hatten. Die Kleene jagte ersatzweise den Katzen nach, was wesentlich weniger lärmintensiv ist, es sei denn, eine der Katzen kann nicht schnell genug fliehen und fährt stattdessen die Krallen aus.

Das Abendbrot ging auch recht gut über die Bühne und dann kam der kritische Moment, wo der Große ins Bett soll. In der Vergangenheit war das der Zeitpunkt, wo er ein lautes Gejammer anfing, wie sehr er doch die Großeltern vermisse und wieder dorthin zurück will und nichts konnte ihn trösten.

Heute gab es kein Gejammer. Er kam auf mich zu, und bevor er sein übliches Gute-Nacht-Sprüchlein aufsagte, fragte er mich, ob ich ihn vermisste habe. Ich erwiderte, dass ich ihn ganz sehr vermisst habe, er mir sehr gefehlt hat und ich mich auf ihn gefreut habe. Er gab mir spontan einen riesen Knutscher auf die Wange und dann folgte das Sprüchlein. („Morgen früh bin ich ein Stücken größer, ein Stückchen stärker und ganz viel lieber und ein bisschen älter.“ – „Gute Nacht, schlaf schön, träum was süßes, ich liebe dich.“ – „Gute Nacht, schlaf schön, träum was süßes, ich liebe dich.“) Kein Weinen nach den Großeltern, kein Gezeter, dass er ins Bett muss.

Immerhin ein Anfang. Mal schauen, wie es im Alltag weiter geht.

Liebe und Schmerz

Dem einen oder anderen mag es aufgefallen sein: meine Blogaktivität hat rapide abgenommen. Der Adventskalender ist nur zur Hälfte fertig geworden – die andere Hälfte gibt es nächsten Advent, da mindestens die Negativ- und Positivcharts fertig werden sollen – und ohne diese Beiträge sieht es seit September insgesamt doch recht mau aus. Ist nicht so, dass ich nichts mehr zu erzählen hätte, ganz im Gegenteil, in mir stauen sich so viele Geschichten, dass ich überlege, zwei weitere Blogs zu starten.

Immer, wenn es mir nicht gut geht, habe ich das Bedürfnis zu schreiben. Über mein Elend, meine Dämonen, meine seelischen Schmerzen. Gerade in den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass ich definitiv noch viele weitere Sitzungen bei meiner Psychologin gebraucht hätte, ihre Öffnungszeiten (9-15 Uhr) sich Null mit meinen Arbeits- bzw. den Hortzeiten vereinbaren lassen. Heute Nacht ist es wieder besonders schlimm und eine kleine, unschuldig gestellte Frage meines Mannes war der Auslöser.

Der Große ist wie üblich seit Weihnachten auf Urlaub bei den Großeltern, morgen soll er wieder nach Hause kommen. Mein Mann freut sich richtig auf ihn, während mir nur ein tiefer Seufzer gelang. Er fragte mich, ob ich denn den kleinen Rabauken gar nicht vermisst hätte. Wenigstens so ein bisschen. Und was soll ich sagen: Nein. Hab ich nicht.

Diese Tatsache hat mich erschreckt. Sie hat mich traurig, wütend und hilflos gemacht. Seit einiger Zeit nagt in mir das Gefühl, dass ich keine gute Mutter mehr für ihn bin und diese Frage hat diesen Eindruck bestätigt. Ich möchte damit keine Reaktionen à la „doch, du bist eine fantastische Mutter“ erzeugen, ich weiß, dass dem so nicht ist.

Mir geht mein Junge seit geraumer Zeit gehörig auf den Senkel. Wenn ich ihn sehe, bin ich genervt, ich möchte mich nicht mit ihm beschäftigen, wenn er mir etwas erzählt, höre ich nur halbherzig zu und viel zu oft brülle ich ihn nur noch an. Bei den kleinsten Fehltritten ticke ich aus. Bis er weint. Und wenn ich ihn weinen sehe, ist es mir egal. Ich empfinde dann nichts, außer vielleicht ein wenig Triumph.

Mich ekelt mein Verhalten an. Ich hasse mich dafür, mache mir ständig bittere Vorwürfe. Dauernd rede ich mir ein, dass ich das Kind doch lieben müsse, es ist meines, er ist klein, er braucht Liebe, Verständnis, offene Ohren und Arme. Dinge, die ich ihm nicht gebe, obwohl ich müsste. Manchmal denke ich, er wäre ohne mich besser dran, weniger Verletzungen und er könnte seine abwesende Mutter glorifizieren.

Ich frage mich, wie es soweit kommen konnte, denn früher war es ganz anders. Als er klein war, liebte ich ihn abgöttisch. Allein der Gedanke, dass ihm etwas zustoßen könnte, hat mein Herz zusammenkrampfen lassen. Ich habe es nicht ertragen, ohne ihn zu sein, denn nur in meiner Anwesenheit konnte ich sämtliche Gefahren von ihm abwenden. Mir blutete das Herz, wenn ich sah, wie schnell er groß wurde, aber gleichzeitig war ich unglaublich stolz auf ihn und auf alle Dinge, die er gelernt hat. Über allem hing jedoch die Angst, dass das von jetzt auf gleich vorbei sein könnte, wie ein Damoklesschwert über unseren Leben.

In der Vergangenheit wurde ich oft gefragt, wie viele Kinder ich denn mal haben möchte. Ich antworte stets mit: Mindestens zwei, falls mal eins kaputt geht. Als dann das erste Kind da war, erkannte ich, wie schrecklich wahr diese als Scherz gedachte Antwort war. Mir wurde bewusst, dass ich es wohl in der Tat nicht überleben würde, wenn mein süßer kleiner Junge sterben würde. Hätte ich noch andere Kinder, so könnte ich mich nicht einfach aus dem Leben stehlen, sondern müsste für diese weiter da sein, müsste diese lieben und könnte sie wachsen sehen.

Aber noch bevor ich mit der Süßen schwanger war, in einer eh sehr turbulenten und aufwühlenden Zeit, tat mein Herz etwas, was ich nie für möglich gehalten hatte. Es entliebte sich von meinem Kind. Anfangs tat das sogar gut, denn ich lebte nicht mehr jeden Tag in Angst, ich konnte mein Kind loslassen, es in den Kindergarten schicken oder allein mit dem Papa etwas unternehmen lassen. Zu meinem größten Bedauern bin ich dabei unfassbar weit übers Ziel hinaus geschossen.

Bei den Hypnosesitzungen bei meiner Psychotheurapeutin tauchte dieses kleine Mädchen auf. Ein Kind, dem nicht zugehört wurde, welches viel zu selten in den Arm genommen wurde, das nie gehört hat, dass die Mutter stolz auf es ist, welches zu oft geschlagen und noch öfter angeschrien wurde.
Und ich bin derzeit dabei, ein weiteres solches Kind zu erzeugen.

Was mich zusätzlich in Panik versetzt ist, dass sich das im Moment alles zu wiederholen scheint. Ich schaue mein süßes kleines Mädchen an und mein Herz zerspringt fast vor Liebe und Stolz. Ich möchte jede Sekunde bei ihr sein, keinen Moment in ihrem Leben verpassen, immer in der Gewissheit, dass das alles viel zu schnell vorbei sein kann. Wenn ich morgens das Haus verlasse, denke ich zwangsläufig daran, dass sie eventuell nicht mehr nach Hause kommt. Wenn ich sie ins Bett lege, rechne ich jeden Abend damit, dass sie nicht mehr atmet, wenn ich ein paar Stunden später nachschaue. Grundsätzlich jede Situation birgt eine potentielle Gefahr in sich.
Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob sich bei ihr die Geschichte wiederholt, ob ich mich erneut entliebe, um den täglichen Panikattacken zu entgehen. Oder ob ich es dieses Mal schaffe, mit dem Herzen bei ihr zu bleiben und weiterhin eine liebende Mutter zu sein.

Zudem quält mich die Ratlosigkeit, wie es mit meinem Jungen weiter geht. Dass sich etwas ändern muss, steht außer Frage. Denn da wartet ein kleiner Junge darauf, geliebt, respektiert und beachtet zu werden. Die Welt ist schon voll genug von seelisch verkrüppelten Menschen – einer davon bin ich – da braucht es keine weiteren mehr.

Irgendwie muss ich es schaffen, mich wieder in ihn zu verlieben, ihn mit vor Liebe und Stolz platzendem Herzen anschauen zu können, an seinen Lippen zu kleben, wenn er mir mit leuchtenden Augen seine Welt erklärt und bereit sein, wenn er kuscheln möchte oder getröstet werden will. Ich will ihn wieder vermissen, wenn er nicht da ist. Dafür nehme ich auch gerne sämtliche Panikattacken in Kauf und ertrage die Katastrophenbilder in meinem Kopf.

Bleibt nur zu hoffen, dass der angerichtete Schaden noch nicht zu groß ist und tatsächlich noch etwas übrig ist, das gerettet werden kann.

Dickes Ding

Seit einiger Zeit beobachte ich mit großer Sorge mein Gewicht. Die Tage, an denen ich rank und schlank elfengleich durch die Gegend hüpfte sind zwar schon lange vorbei, aber so ein bissl Kontrolle hatte ich trotzdem noch. So waren die 80 Kilo für mich eine magische Grenze, die ich nie überschreiten wollte – Schwangerschaften natürlich ausgenommen – und das hatte bisher auch immer gut funktioniert.

Ich bin kein Fan von Diäten, achte aber darauf, was und wie viel ich esse. So habe ich bereits diverse Male Ernährungstagebücher geführt und ein ganz gutes Gefühl, was die tägliche Kalorienzufuhr betrifft. Außerdem bin ich als ehemalige Patientin mit Essstörung entsprechend vorgeprägt und weiß auch um die diversen Fallen beim Thema Ernährung.

Trotz all dem habe ich in den letzten 3 Monaten 6 Kilo zugenommen, so ganz plötzlich, ohne dass ich dafür eine Erklärung habe. Ich esse nicht mehr oder weniger als davor, ich mache nicht mehr oder weniger Sport oder trinke mehr oder andere Getränke. Dennoch konnte ich mir quasi beim Dickwerden zusehen. Heute war mir das schlicht zu viel und ich bin zu meinem Hausarzt gegangen, um abklären zu lassen, ob es nicht eventuell organische Ursachen hat, die Schilddrüse ist da ja ganz gerne vorne mit dabei.

Ich schilderte meinem Arzt also das Problem und seine Antwort darauf war nur, dass mein BMI ja noch im normalen Rahmen liege. Er schließe von vornherein auch organische Ursachen aus, würde aber trotzdem einen Bluttest machen lassen. Als ich ihn auf meine Vergangenheit hinwies und dass ich mir schon allein deswegen Sorge mache, wieder in diese Schiene reinzurutschen bzw. an manchen Tagen kurz davor (oder auch dahinter) stehe, lachte er nur und meinte, eine Vergangenheit haben viele. Fehlte nur noch, dass er meinte, ich solle mich nicht so anstellen.

Seitdem geht’s mir einfach nur noch beschissener, ich fühle mich verlacht und vor allem meine Sorgen nicht ernst genommen. Ihm scheint es egal zu sein, dass ich derzeit permanent in Gefahr bin, wieder regelmäßig über der Kloschüssel zu hängen oder die Regale mit Abführmitteln in den Drogeriemärkten leer zu kaufen. Mag ja sein, dass mein BMI im normalen Rahmen ist, aber für mich sind 6 Kilo in 3 Monaten nicht  normal. Wenn es in diesem Tempo weiter geht, dann ist in kurzer Zeit gar nichts mehr normal. Aber er hat ja gut Lachen.

Ich bin anschließend in die Apotheke, musste dort ein Rezept für meine Süße einlösen, und habe mich zu dem Thema beraten lassen. Die Apothekerin war sehr freundlich, stellte viele Fragen, die ich trotzdem als sehr unangenehm empfand, jedoch war das Gespräch bei weitem nicht so erniedrigend wie das beim Arzt. So wie ich das verstanden habe, gibt es derzeit nur Pulver, die Mahlzeiten ersetzen sollen. Ich dachte eher an Appetitzügler, die das Hungergefühl dämpfen, damit man nicht mehr so viel isst, was ja gleichzeitig auch die Gewöhnung an kleinere Portionen oder andere Rhythmen erleichtert. In der Richtung gibt es aber nur Kekse, die man nach den Mahlzeiten oder stattdessen essen kann, aber das finde ich irgendwie seltsam. Früher waren die Kekse Kaugummis oder Kaubonbons, was ich persönlich besser gefunden hätte. Die Apothekerin gab mir eine Probe eines Pulvers mit zum testen und den Rat, nach dem Essen normalen Kaugummi zu kauen, bei ihr würde der Pfefferminzgeschmack den Appetit sofort drosseln.

Am Donnerstag erfahre ich die Ergebnisse des Bluttests. Einerseits wäre es schön, wenn tatsächlich organisch soweit alles in Ordnung ist, andererseits wünsche ich mir ein klein wenig ein auffälliges Ergebnis, nur um den Arzt sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht wischen zu können.

Wie auch immer, all das ändert vorerst nichts an der Tatsache, dass ich mich derzeit in meiner dicken Haut mehr als unwohl fühle 😥

Nachtrag: Ernährungsumstellung ist nicht drin, weil ich das schon gemacht habe. Dazu kommen meine zahlreichen Nahrungsmittelallergien besonders bei rohem Obst und Gemüse, so dass zwischendurch an einer Möhre knabbern oder im Sommer einen Pfirsisch oder eine Nektarine snacken schlicht für mich tabu sind.

Verlorene Zeit

Das Jahr begann bekanntermaßen mit einigen Tiefschlägen, die meinem eh schon schwer angeschlagenen Selbst den Rest gaben. Jetzt, mit einigem Abstand, erkenne ich das ganze Ausmaß.

Mir fehlt ein ganzer Monat in meiner Erinnerung. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass es dieses Jahr einen Februar gegeben hat, doch kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, was ich in dieser Zeit gemacht habe. Ich nehme an, dass ich gegessen und geschlafen habe, mich um die Kinder gekümmert habe. Es gibt Fotos, ich kann mich aber nicht daran erinnern, diese geschossen zu haben.

Erst gegen Ende des Monats setzen meine Erinnerungen langsam wieder ein, als ich funktionieren musste, der Geburtstag meines Mann und meines Sohnes standen an. Ich musste Geschenke besorgen, Feiern planen.

Es gab schon mal eine vergleichbare Zeit, nach meiner ersten stationären Therapie. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich wie ein rohes Ei ohne Kalkschale, nur durch dieses dünne Häutchen darunter geschützt. Zu wenig Schutz für meine Seele, die einfach dicht machte. Damals war ich auch ungefähr einen Monat „weg“, ohne jegliche Erinnerungen.

Ich würde gerne sagen, dass mir diese Blackouts Angst machen, aber das tun sie nicht. Weil ich in dieser Zeit gar nicht mitbekomme, dass ich mich im abgeschalteten Zustand befinde. Das wird mir immer erst einige Zeit später bewusst.

Und nun? Warte ich einfach ab, dass ich in einem Monat meine Therapie beginnen kann und hoffe, bis dahin keinen Blackout mehr zu haben.

Alles auf Anfang

Manchmal, wenn ich einen Film anschaue und dieser dann eine unerwartete Wendung nimmt, denke ich mir, ach komm, hört doch auf, das Leben funktioniert niemals so, ihr wollt doch jetzt nur unnötig die Spannung hoch halten, weil ihr noch 10 Minuten Sendezeit übrig habt. Doof nur, wenn dann das wahreechte Leben dann genau solche billigen Wendungen vollführt.

Setzt sich also mein Mann gestern wieder an den Tisch, genauso wie vor zwei Wochen, knetet dabei seine Hände und schaut recht verzweifelt auf die Tischplatte. Haargenauso wie vor zwei Wochen. Ich spiele also wieder meine Rolle als Stichwortgeber und frage, was denn los ist. Er meint nur, später, wenn die Kinder schlafen. Großartig, darf ich mir also wieder nen Kopp darüber machen, was denn jetzt noch kommen möge, was es denn diesmal für eine Katastrophe sei.

Nachdem dann der Große im Bett ist, setzt sich mein Mann neben mich auf die Couch und sagt mit leiser Stimme, dass das alles doof ist und er doch lieber bei seiner Familie bleiben würde und nicht mehr weggehen will. Ganz großes Kino. Ich hatte mich gerade gedanklich soweit in meinem neuen Leben eingerichtet, dass ich Pläne für eine Post-Marriage-Era geschmiedet habe, hatte mich emotional soweit gelöst bzw. wieder gefangen, um auf eigenen Füßen zu stehen, und jetzt kommt dieser (sorry) Idiot an und will nun doch weiter machen?

Was mach ich denn jetzt?

Soll ich den Typ einfach so zurück nehmen? Oder ihn, so wie er es geplant hatte, vor die Tür setzen?

So auf die Schnelle fiel mir nichts Gescheites ein. Dass unsere Beziehung einige Probleme hat, ist jetzt nichts Neues, denn so ganz aus dem Nichts kommen dann zwei Kurzzeittrennungen auch wieder nicht. (Kurze Anmerkung: ich hatte mich vor 2,5 Jahren für 3 Monate getrennt, aus mehr oder weniger den gleichen Gründen, die er jetzt angab.)

Ich habe gestern folgende Bedingung gestellt. Jeder von uns schreibt bis Weihnachten für sich auf, was seine persönlichen Ziele im Leben sind, was er noch vom Leben erwartet, wo er mal hin möchte und wie er sich das zukünftige familiäre Zusammenleben vorstellt. Dabei ist es völlig egal, wie absurd oder unmöglich diese Wünsche sind, es soll alles aufgeschrieben werden. Zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn der Große Urlaub bei den Großeltern macht, setzen wir uns intensiv zusammen und reden darüber und über alles andere, was uns noch so einfällt.
Bis dahin hat sich hoffentlich jeder soweit sortiert, dass man vernünftig, in Ruhe und ohne verletzte Gefühle darüber reden kann.

Und dann schauen wir mal, wo wir so stehen und ob es eine gemeinsame Zukunft geben kann.

Wenigstens ist jetzt erstmal die Anspannung raus und der Eiertanz hat vorerst aufgehört. Das fand ich mit jedem Tag anstrengender und nerviger und ich hatte ehrlich keine Ahnung, wie lange ich das noch durchgehalten hätte. Und auch das Weihnachten bei meinen Eltern hat seinen Schrecken verloren.

Ich finde es übrigens eine starke Leistung von meinem Mann, zuzugeben, dass er sich geirrt hat, dass er seinen Stolz heruntergeschluckt hat. Ich kenne zu viele Beispiele, wo der Stolz oder das Ego stärker war. Die meisten ehelichen Rosenkriege oder eskalierten Nachbarschaftsstreitereien beginnen so.

Beim Gute-Nacht-Kuss gestern, so flüchtig er auch war, hatte ich so ein leichtes Kribbeln im Bauch. Darauf kann man doch aufbauen, oder?

Rache ist Blutwurst

Ich hab meinem Mann mal ausnahmsweise einen Abend frei gegeben 😉 und er erzählte nach seiner Wiederkehr gar erstaunliche Dinge.

Als ich ihn vor gut 9 Jahren kennen lernte, steckte er noch in einer anderen Beziehung. Ich hab mich nicht dazwischen gedrängelt, die Initiative ging von ihm aus. Wir wohnten damals noch um die 500 km voneinander entfernt, konnten uns nur mailen oder miteinander telefonieren. Nach relativer kurzer Zeit merkten wir, dass das mit uns passen könnte und wir planten einen ersten Besuch von mir bei ihm in seiner WG. Da ich aber klare Verhältnisse wollte, bat ich ihn, doch vorher bitte seiner Noch-Freundin die geänderten Rahmenbedingungen nahe zu bringen.

Er tat dies dann auch, aber wie er es gemacht hat, darüber weiß ich nichts. Als ich dann eine Woche später in seiner WG auf der Matte stand, war seine mittlerweile Ex auch da, einen gemeinsamen Freund und WG-Bewohner besuchen. Rein zufällig. Ja ne, is klar.
Mein Mann ahnte sowas schon und hatte mich entsprechend vorgewarnt. Auf der Fahrt hatte ich mir eine ganz tolle Mitfahrerin über die Mitfahrzentrale eingeladen und gemeinsam mit ihr schmiedete ich einen Plan, wie ich mit der doch eher unangenehmen Situation umgehen sollte.

Der Plan ging einigermaßen auf, auch weil ich mich auf Anhieb mit den anderen WG-Bewohnern verstand und sie ihren Standortvorteil recht schnell einbüßte. Es dauerte noch 7 Monate, bis wir endlich zusammenziehen konnten und in dieser Zeit ließ die Ex keine Gelegenheit aus, in der WG aufzukreuzen und sich in Erinnerung zu bringen. Als mein Mann mal mit Erkältung darnieder lag und mit dem Tode rang, tauchte sie mit selbstgekochter Hühnersuppe auf. Aber so sehr sie sich auch mühte, es fruchtete nichts und spätestens beim Auszug meines Mannes hat sie dann kapiert, dass sie wohl doch den kürzeren zieht.

Das hielt sie allerdings nicht davon ab, jedweden Blödsinn, der ihr durch den Kopf schoss, zu verbreiten und weiterzutratschen. Sie log nicht direkt, aber schmückte Geschichten bis zur Schmerzgrenze aus und klagte ihr Leid, wie übel ihr doch mitgespielt worden sei. Ich war natürlich an allem Schuld, ich war die Böse und sie wurde nicht müde, dies immer und immer wieder gegenüber gemeinsamen Freunden zu betonen. Doch auch das nützte nichts, die Freunde meines Mannes ignorierten all das und hatten und haben immer ein ganz entspanntes Verhältnis zu mir. Ich habe mich soweit es ging aus der Sache rausgehalten, ich wusste, ich kann nur verlieren. Ich sprach nie schlecht über sie, ich lästerte nicht, ich grüßte freundlich und ansonsten ignorierte ich sie.

Als dann der Große auf der Welt war, schränkten wir unsere gesellschaftlichen Auftritte entsprechend ein, Studentenparties bis in den frühen Morgen waren einfach nicht mehr drin, und so wurde eventuelles Aufeindertreffen immer seltener. Irgendwann verschlug es sie ganz tief in den Westen und wir sahen das Problem als erledigt an.

Bis heute Abend. Da tauchte sie wieder auf, sie wäre aus dem Westen zurückgekehrt und würde jetzt im benachbarten Stadtteil wohnen. Sie hatte alle gemeinsamen Freunde schon besucht und laberte ihnen immer noch die Ohren mit den Geschichten von damals blutig. Mein Mann war alles andere als hocherfreut, sie heute so ganz ohne Vorwarnung wieder zu sehen, bemühte sich dennoch um Höflichkeit. Er erkundigte sich nach ihrem Ergehen und ihre Antworten waren wohl sehr bezeichnend. Jedes zweite Wort war ficken und generell bediente sie sich einer Sprache, die sogar einer gestandenen Hafennutte die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

Mit jedem Wort mehr, das sie sprach, wurde mein Mann dankbarer, dass er sich damals von ihr getrennt hatte. Ihn schauderte es, wenn er daran dachte, dass er vielleicht heute noch mit ihr verbandelt wäre, vielleicht sogar Kinder haben würde. Er glaubt auch nicht, dass die gemeinsamen Freunde dieses Verhalten als besonders erstrebenswert erachten. Vor allem könnte man in dem Alter auch mal so langsam erwachsen werden und die ewig alten Geschichten ad acta legen. Meine Güte, sowas ist fertige Gymnasiallehrerin.

Ich gestehe, ich empfand eine gewisse Genugtuung ob der Erzählungen. Ich hatte mir nie Sorgen gemacht, dass sie mir den Mann wieder ausspannen könnte, aber das doofe Gequatsche ging mir doch gehörig auf den Keks.

Aber wie sagt man so schön: Rache ist ein Gericht, das man am Besten kalt serviert!

Härtetest

Ich war mal wieder für ein langes Wochenende mit den Kindern bei meinen Eltern zu Besuch. Was an sich wie eine gute Sache klingt, war in mehrfacher Weise ein echter Härtetest. Ich konnte viele Verhaltensweisen bei meiner Mutter beobachten, die mich tatsächlich dankbar sein lassen, dass wir relativ weit weg voneinander wohnen. Mehrmals gab es Situationen, die kurz vor der Eskalation standen und ich war heilfroh, als ich wieder nach Hause fahren konnte.

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Bereits der Start war holprig. Ich hatte am Dienstag ein Video meiner brabbelnden Süßen bei Facebook gepostet, was meine Mutter daran erinnerte, dass sie ihre Enkel schon ewig nicht mehr gesehen hat. Mittwochs rief sie unvermittelt an und fragte, ob wir am nächsten Tag bis Sonntag vorbei kommen wollten. Nun hat mich die Erfahrung gelehrt, dass die Frage an sich gar keine Frage ist, sondern mehr ein Befehl, dessen Nichtbefolgung mir noch ewig aufs Brot geschmiert werden wird. Ich hatte zwar für den Rest der Woche einige Pläne gemacht, doch konnte ich diese ohne große Probleme verschieben. Spontanität stört mich grundsätzlich nicht, was mir aber sauer aufstieß, war, als mir meine Mutter im Laufe des Wochenendes ihr Leid klagte, dass sie durch ihrer beiden sehr unterschiedlichen Schichtsysteme ihre freien Tage nur ganz selten miteinander verbringen könnten und es sie nervte, wenn sie die Wochenenden alleine zuhause rumsitzen würde, während Papa arbeitet. Und dieses Wochenende wäre seit Ewigkeiten mal wieder das erste, wo sie beide nicht arbeiten müssten. Statt also dieses Wochenende zu zweit zu genießen, laden sie uns ein und machen sich weiteren Stress. Und dass es meine Mutter stresst, war nicht zu übersehen.

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Denn sie kann nicht einfach nur einladen und wir sind dann da und freuen uns an der Anwesenheit des anderen. Nein, es müssen die Essen für die Tage vorgekocht und extra spezielle Wurst oder Süßigkeiten besorgt werden. Die Tage vertrödeln geht auch nicht, da muss jeden Tag ein Programm her, ganz egal, ob meine Mutter nach ihrer Schicht schon völlig alle ist. Im Gegenzug regte sie sich über Freunde auf, zu denen man mal nicht eben spontan zum Grillen gehen kann, weil die Freunde immer so viel vorbereiten. Dass die Freunde das für sie aus dem gleichen Grund machen wie sie für uns, nämlich dem anderen zeigen, dass er wertvoll genug ist, sich eine solche Mühe zu machen und dass die Mühe gerne in Kauf genommen wird, übersieht sie. Außerdem will sie eh nichts mehr mit so verlogenen Menschen zu tun haben. Sollen sie doch frei heraus sagen, wenn sie keine Zeit oder Lust haben, anstatt sich durch den Grillabend zu quälen. Als wenn meine Mutter immer ehrlich wäre.

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Meine Mutter lebt permanent nach Pippi Langstrumpfs Motto „Ich mache mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Wenn sie etwas macht, ist das in Ordnung, macht jemand anderes genau das gleiche, dann ist das zumindest kritisierbar. So waren wir unterwegs zu ihrem Lieblingsbiergarten, dieser war aber wegen einer naheliegenden Veranstaltung hoffnungslos überfüllt. Wir zogen also weiter zu einem anderen Biergarten, wo wir entgegen der ersten Annahme auch einen schönen Platz fanden. Allerdings bediente uns dort eine Kellnerin, die vor Jahren mal eine etwas unglückliche Bemerkung meiner Mutter gegenüber gemacht hatte. Sie war also schon bedient, bevor wir überhaupt bestellt hatten. Nun war die Lokalität gut gefüllt, weswegen es zwei Minuten dauerte, bis sich die Bedienung um uns kümmerte. Sie begrüßte uns gut gelaunt, meine Mutter deutete etwas in Richtung „hat ja lang genug gedauert“ an, worauf die Kellnerin, wie ich fand, gekonnt und höflich reagierte. Meiner Mutter allerdings schlief bei der Antwort wortwörtlich das Gesicht ein, ich schaute alarmiert meinen Papa an und wir wussten, dass die nächsten Sekunden entscheidend sind, ob wir dort blieben oder überstürzt und unter lautem Geschimpfe aufbrechen müssen. Wir durften bleiben.

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Etwas später fragte uns meine Mutter, wie wir denn den Spruch fanden und wir antworteten wahrheitsgemäß, dass wir ihn ok und gar nicht flapsig oder gar frech fanden. Ich war ehrlich überrascht, dass sie unsere Rückmeldungen einforderte, dies passiert höchst selten, allerdings war sie bitter enttäuscht, dass wir nicht ihre Meinung teilten. Ich versuchte, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihr die Perspektive der Bedienung zu zeigen, aber das wollte sie nicht hören. Sie blaffte mich an, ich solle es gut sein lassen. Erst, als ich ihr ein Kompliment machen konnte, wie viel besser sie doch als andere Verkäufer oder Kellner ist, entspannte sich die Situation.

Dieses Verhalten ist mir an diesem Wochenende das erste Mal so richtig bewusst geworden. Meine Mutter kann sich nur gut fühlen, wenn sie sich über andere stellen kann. Sei es, dass sie schlanker ist (und sie ist selber weit entfernt von gertenschlank), oder ihre Klamotten besser sind, oder man bei ihr nicht die Unterwäsche unterm Kleid durchschimmern sieht oder was auch immer. Es muss bei anderen Personen immer etwas schlechtes gefunden werden, einen Menschen einfach so, wie er ist zu akzeptieren, vielleicht sogar sein Anderssein kommentarlos hinzunehmen, geht gar nicht.

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Ich freute mich, als ich ihr von unseren Urlaubsplänen erzählen durfte. Gerne zeigte ich ihr am Computer, wo wir hin wollten, wie unsere bereits gebuchten Unterkünfte aussehen und welche Tagestouren wir vorhaben. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber bestimmt nicht, dass wir nicht so viel herum fahren sollten, dass wir uns doch viel lieber entspannen und „zur Ruhe kommen“ sollten. Ich hab bisher immer noch nicht verstanden, was sie damit meint, denn wir haben nicht das Gefühl, zur Ruhe kommen zu müssen. Wir wollen uns die Gegend anschauen, ein bisschen was erleben und möglichst jeden Abend die eine oder andere Runde am Strand drehen. Wir haben das in der Form bereits in England gemacht und es hat uns allen, auch unserem Kind, sehr gut gefallen. Außerdem waren wir alle ganz wunderbar erholt hinterher. Warum also sollten wir das jetzt anders handhaben?

Wie auch immer, das ganze Wochenende redete sie auf mich ein, dass wir den Urlaub doch anders machen sollten. Nicht so lange, nicht so weite Fahrten, nicht so viele Sehenswürdigkeiten. Nicht einmal kam „oh, das wird meinem Enkel bestimmt gefallen“, wenn ich von expliziten Kinderaktivitäten erzählte, kein „schreibt uns von dort doch bitte eine Karte oder bringt uns etwas mit“, kein „Rom hat ja so viel zu bieten“, nur ständige Einwände.

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Als ich erzählte, dass meine Cousine mit ihrer Familie dieses Jahr eine zweiwöchige Kreuzfahrt macht, kam als Reaktion „na, die können es sich ja auch leisten, die geben ja auch nichts an ihre Mutter (meine Tante) ab, während diese kaum weiß, wie sie die Miete zahlen soll“. Meine Mutter kennt die Geschichte meiner Cousine genauso gut, vermutlich sogar wesentlich besser als ich, und sollte wissen, dass meine Cousine meiner Tante genau nichts schuldet, aber meine Cousine kann einfach nichts recht machen. Vor einigen Monaten regte sich meine Mutter über meinen Opa auf, über seine Marotten und Ansprüche und dass er sich auch nicht wundern braucht, dass ihn niemand mehr besucht. Jetzt am Wochenende allerdings hieß es, dass sie es unmöglich findet, dass meine Cousine ihren Opa nie besucht oder sich bei ihm meldet. Wie es eben gerade passt.

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Es gab am Wochenende einen Moment, da saß ich alleine mit meiner Mutter relativ entspannt zusammen. Das wäre an sich der perfekte Moment gewesen, vertraulich über Probleme, Wehwehchen, Sorgen und Nöte zu reden, aber ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen, ihr mein Herz auszuschütten. Denn anstatt Mitgefühl, Anteilnahme oder auch nur interessiertem Zuhören wären nur Vorwürfe gekommen oder sie hätte gejammert, dass sie sich ja jetzt noch viel mehr Sorgen machen müsse, aber helfen könne sie uns ja doch nicht, weil kein Geld/keine Zeit/keine Ideen/keine Nerven/… Dass die beste Hilfe darin bestehen würde, einfach nur mal über diese Sachen reden zu können, einen Zuhörer zu haben, der einen am Ende in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut wird, das wird sie nie verstehen.

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Ein wenig Verständnis für die Leiden eines kleinen Babies könnte auch nicht schaden. Meine Süße zahnt gerade wie wild. Sie sabbert, stopft sich beide Fäuste in den Mund, lutscht voll Inbrunst an eigenen oder fremden Fingern und ist generell eher unleidlich. Sie jammert viel und weint gerne und laut. Dass sich das mit Arbeitsstress und Erschöpfung nicht gut verträgt, ist mir auch klar, nur hat ein Baby leider keinen Ausschalter, den ich nach Belieben umlegen kann. Ich habe mich sehr bemüht, die Kleene zu beruhigen und es ist mir ganz gut gelungen. Was ich allerdings nicht beeinflussen konnte, war ihr Fremdeln. Alles normal, nur das Verständnis der Oma hielt sich in engen Grenzen. Klar versteh ich, dass sie sich auf ihre Enkel gefreut hat und jetzt enttäuscht ist, doch auch ihr sollte mittlerweile klar sein, dass Kinder unberechenbar sind.

Naja, das Wochenende ist vorbei, aber es wird mich wohl noch eine Weile beschäftigen.

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P.S. Die Fotos sind mit unserer neuen Kamera entstanden und haben nicht wirklich etwas mit dem Text zu tun 🙂

Ratlos

Das Wochenende war anstrengend, nicht nur wegen des schwülen Wetters.

Der Große hört einfach nicht. Oder besser gesagt, er will nicht hören. Wir können uns den Mund fusslig reden, aber der Effekt ist der gleiche, als wenn ich mit der Wand reden würde. Wobei vielleicht noch schlimmer, denn von der Wand erwarte ich keine Reaktionen.

Es sind auch keine großen Sachen, die wir verlangen.

Er soll nicht im Flur rennen, weil er dann stürzen und sich weh tun kann. Und was macht er? Rennt permanent auf dem Flur rum und packt sich zweimal volle Kanne längs. Schreit dann das ganze Haus zusammen. Rennt 30 Sekunden später wieder durch den Flur. Lernen durch Schmerz versagt auf der ganzen Linie.

Er soll die Katze nicht treten. Ich beobachte, wie er nach der Katze treten will, ermahne ihn streng, 3 Sekunden später will er sie wieder treten.

Wir bitten ihn, leise zu sein, weil seine Schwester gerade nach einem einstündigen Schreimarathon eingeschlafen ist. Er fängt an, sein Spielzeugfach im Wohnzimmer lautstark auszuräumen, so dass die Kleene wieder wach wird und schreit.

Ich schnapp ihn mir, erkläre ihm etwas und sobald ich fertig bin, erzählt er mir etwas von Drachen bei Siebensteins.

Er fragt mich etwas, und während ich ihm antworte, platzt er dazwischen, dass er jetzt Gummibärchen haben möchte.

Die Punkte der Auflistung kann man beliebig oft wiederholen.

Ich mag nicht mehr. Ich bin fix und alle, weil ich mich so maßlos über ihn geärgert habe. Ich weiß nicht, wie wir ihm begreiflich machen können, dass es für ihn von Vorteil ist, auch mal zuzuhören.

Ich weiß, dass positive Verstärkung ganz gut wirkt, aber dazu müsste er erstmal etwas positives machen. Derzeit habe ich den Eindruck, er ist nur auf Zerstörung aus. Ich weiß nicht, ob er damit die Geburt seiner Schwester und die damit für ihn verbundenen Einschränkungen kompensiert, mag das aber nicht so recht glauben, weil so seltsam drauf war er auch schon vorher phasenweise. Nur so schlimm wie jetzt war es noch nie.

Falls er doch mal etwas gut gemacht hat, dann freue ich mich und sage ihm, dass mir das gefallen hat und ich stolz auf ihn bin. Und dann, zack, 5 Sekunden später latscht er der Katze absichtlich auf den Schwanz. Da könnt ich ausflippen. Als wenn er nur auf das Lob gewartet hätte, als wenn er dann wieder einen Bonus hat, den man gegen etwas Negatives aufrechnen kann.

Ich weiß nicht, woher er das hat, wir rechnen nichts auf. Wir tragen auch nichts nach oder schmieren ihm alte Geschichten aufs Brot, er hingegen findet es toll, immer und immer wieder zu betonen, wie ich ihm bspw. vor Jahren mal beim Fingernägelschneiden in den Finger geschnitten habe.
Er findet es auch toll, uns zu beleidigen. Wir versuchen, das zu ignorieren, einfach damit er kein Machtmittel hat, aber bei „du alte Sau“ ist einfach mal Schluss. Er sagt das nicht nur zu uns, sondern auch zu Bekannten, Freunden, der Verkäuferin im Supermarkt. Und findet das lustig.

Ich weiß, das Gewalt keine Lösung ist, doch derzeit steh ich jedesmal so knapp davor, ihm eine Ohrfeige zu geben.

Ich weiß auch, dass sein Verhalten durch unser Verhalten beeinflusst wird und wenn wir sein Verhalten ändern wollen, wir unseres zuerst ändern müssen. Nur weiß ich nicht, was wir noch ändern können. Egal, was wir versuchen, es ändert genau nichts. Diese Rat- und Hilflosigkeit schafft mich zusätzlich. Ich überlege, uns professionelle Hilfe zu suchen, denn so kann es nicht weiter gehen, das wird nicht gut enden.

Ehrlich, im Moment graut es mir vor den nächsten Wochenenden 😥

 

NACHTRAG: Ein befreundeter Erzieher meinte, das Verhalten könnte daran liegen, dass der Kindergartenbetreuer vom Großen im März Knall auf Fall gegangen ist, ohne richtige Verabschiedung und Begründung. Da mag was dran sein, doch können wir diese Tatsache leider nicht ändern. Mein Mann wird sich deshalb diese Woche um einen Beratungstermin bei der Diakonie bemühen und um ein Gespräch mit der neuen Erzieherin.

Jérôme

Psychokram, könnte triggern.

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Während meiner ersten stationären Psychotherapie war ich an der hiesigen Uniklinik. Daraus ergaben sich einige Besonderheiten. Zum einen waren die Krankheitsbilder äußerst heterogen, da war quasi alles dabei. Zum anderen waren durch die tiefenpsychologische Ausrichtung die Fälle meist auch akuter und viele dieser Fälle wären in anderen Einrichtungen wohl eher auf die Geschlossene als auf die „normale“ Station gekommen. (Das ist meine subjektive Wahrnehmung im Vergleich zur verhaltenstherapeutischen Ausrichtung ein Jahr später in einer anderen Einrichtung.) In der Klinik gab es sowohl stationäre als auch tagesklinische Patienten, die um 17 Uhr Feierabend hatten und erst am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder da sein mussten.

Einer dieser Patienten war Jérôme, welcher mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Er war Anfang 20, recht gut aussehend, hatte diesen fantastischen französischen Namen von seinen Eltern bekommen, studierte, hatte bereits einen Einsatz als Entwicklungshelfer in einem zentralafrikanischen Land hinter sich und war Mitglied in einer in Deutschland als Sekte geltenden Kirche. Wenn wir miteinander zu tun hatten, konnte ich nicht erkennen, warum er überhaupt in der Klinik war, für mich erschien er ausgeglichen und einigermaßen zufrieden.

Vermutlich erzeugte ich bei den anderen Patienten ein ähnliches Bild, denn zu diesem Zeitpunkt war mir meine Außenwirkung noch unheimlich wichtig. Ich hatte nur ein bisschen Depressionen, nix dramatisches, und weil ich gerade nichts besseres vor hatte, machte ich eben diese Therapie. Das ich wegen der Krankheit meine Arbeit habe aufgeben müssen, dass ich monatelang das Haus nicht mehr verlassen konnte, dass ich sogar Sanktionen vom Arbeitsamt erhielt, weil ich nicht in der Lage war, wichtige Termine wahrzunehmen, all das verschwieg ich. Nur meine Essstörung konnte ich leider nicht verheimlichen, denn alle Patientinnen dieser Kategorie durften das Gelände nicht alleine verlassen* und mussten nach dem Mittagessen zwangsweise eine Dreiviertelstunde „Mittagsschlaf“ halten. Und das fällt besonders auf, wenn man wie ich Raucher war und die obligatorische Kippe nach dem Essen eben nicht rauchen durfte und es außerdem herrlichstes Sommerwetter ist und sich alle anderen in dem herrlich schattigen Hof aufhielten.

Mit Jérôme konnte man sich gut unterhalten. Er erzählte von Afrika, von seiner Freundin, seiner Familie, wir spielten Tischtennis und hatten Spaß zusammen. Nichts deutete darauf hin, dass es ihm schlecht ging. Wenn es vielleicht ein Zeichen gab, dann dass er Mittags beim Autogenen Training keine Ruhe finden konnte. (Zur Erklärung: Beim AT in dieser Klinik saßen alle Patienten in einer großen Runde, jeder führte für sich das AT aus und danach wurde dem Therapeuten und der Runde kurz über Erfolg oder Misserfolg berichtet.)
Mir selbst ging es an diesem Tag nicht besonders gut, ich war sehr unruhig und aufgewühlt. Ich konnte nicht schlafen, hatte zuviele Gedanken in meinem Kopf schwirren. Irgendwann gegen 2 oder 3 Uhr morgens reichte es mir, ich ging ins Schwesternzimmer und bat um eine Wärmflasche. Dabei war es mir völlig egal, dass es mitten im Sommer und immer noch satte 25 Grad warm war. So eine externe Wärmequelle ist unglaublich tröstend und außerdem hoffte ich, dass ein kurzes Gespräch mit dem Nachtpersonal sein übriges tun würde.

Wie ich so auf meine Wärmflasche wartete, klingelte es an der Kliniktür. Eine Schwester kümmerte sich um den nächtlichen Besucher. Nach wenigen Minuten kam sie mit einem völlig aufgelöstem, total blutverschmierten Jérôme ins Zimmer. Soviel Blut, dass das Gesicht nicht mehr richtig zu erkennen war, die Haare verklebt, das T-Shirt nass. Mir wurde eilig die Wärmflasche in die Hand gedrückt, ich wurde gefragt, ob das erstmal reicht. Meine Probleme sind schlagartig ganz klein, ich zog mich zurück, die Pfleger hatten gerade wichtigeres zu tun.

Am nächsten Morgen beim Frühstück saß Jérôme mit am Tisch und ich sah, woher das ganze Blut stammte. Er hatte sich mit einer Rasierklinge beide Wangen und die Stirn mit unzähligen Schnitten geritzt. Die Wunden sind jetzt zwar versorgt, der Anblick aber nicht minder erschreckend. Natürlich ist er Gesprächsthema unter den Patienten und bei den Therapiestunden. Nicht aus Sensationshunger oder krankhafter Neugier, sondern weil jeder einzelne heftig auf diesen Anblick reagiert, auf diese Krise aus dem Nichts.
Ich habe bis dahin nur geritzte Arme und Beine gesehen, das Gesicht war mir neu. Und bis heute frage ich mich, wie groß der innere Druck gewesen sein muss, dass er nur durch eine solche Aktion abgebaut werden konnte.

Jérôme wurde daraufhin stationär aufgenommen. Da er nicht in meiner Therapiegruppe war, habe ich auch nie erfahren, was die Ursache für die Krise war oder wie es mit ihm weiter ging.
Ich hoffe und wünsche mir, dass er die ihm angebotene Hilfe annehmen konnte und seine Dämonen in den Griff bekommen hat.

 

* Diese Regelung nahm teilweise absurde Züge an. So musste ich einmal in die Hautklinik, da ich allergisch auf die stärkegestärkte Klinikbettwäsche reagierte und sie extra für mich einen Krankenwagen anfordern mussten, weil ich den Kilometer bis zur Klinik nicht alleine laufen durfte. Ich hätte in dieser Zeit ja den nächsten Dönerladen leerkaufen können oder so.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Während der ersten meiner beiden stationären Therapien gab es auch Malen Kunsterziehung Ergotherapie, wo die Patienten wundervolle Kunstwerke schaffen konnten. Manchmal gab es vorgegebene Themen für Einzelne, manchmal Gruppenthemen, oder manchmal durften wir auch einfach das malen, worauf wir Lust hatten.
Gruppenthemen wurden dann von der Gruppe ausgewertet, mitunter geschah dies auch bei den Einzelthemen. Da wir ja therapiert wurden, waren die künstlerischen Aspekte bei den Auswertungen vollkommen egal, sondern es ging vielmehr darum, was der Künstler ausdrücken wollte, was die Betrachter wahr nahmen und ob eventuell tieferliegende Probleme ihren Weg ans Tageslicht fanden.

Das erste Bild entstand in meiner ersten Stunde und ich sollte versuchen, meine aktuelle Situation/Persönlichkeit/Befindlichkeit darzustellen. Das Format ist A1, ein klares Indiz für eine narzistische Persönlichkeitsstörung. Ich bin offen für Vorschläge, was es sonst noch über mein damaliges Ich aussagt. Das Bild hängt bei uns im Flur.

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Das nächste Bild entstand bei einer freien Themenrunde und offensichtlich war ich an diesem Tag nicht ganz so gut drauf. Gerade bei der ersten Therapie kam das häufiger vor.

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Beim dritten Bild weiß ich noch genau, wie es entstanden ist. Es war wieder freies Thema und wir durften mit den Staffeleien raus in den Garten, wo uns herrlichstes Sommerwetter empfing. Wir verteilten uns im Klinikgarten und ich suchte mir ein schattiges Plätzchen unter einer riesigen alten Eiche und malte einfach drauf los.

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Das letzte Bild war zugleich mein Therapieabschlusswerk und ich sollte wieder meine aktuelle Situation/Persönlichkeit/Befindlichkeit darstellen. Ich wollte wieder das ursprüngliche Format nehmen, griff aber nur zu A2, was möglicherweise schon ein Hinweis auf einen ersten Therapieerfolg ist. Ob mein Klinikaufenthalt sonst noch etwas gebracht hat, überlasse ich der Interpretation des Betrachters 😉

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Die letzten 3 Bilder sind alle im Format A2 und hängen als Abschreckung Dekoration überm Wickeltisch.