Panik

Das Beste zuerst: ich hatte ein fantastisches Wochenende. Eines, dass einem selbst Tage später noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Immer wieder!

Selbst der Zwischenstopp bei meinen Eltern kann den Gesamteindruck nicht gänzlich trüben, obwohl da schon ein paar Wölkchen dabei sind.

Was mich aber richtig aus den Latschen kippt, ist der morgige Tag. Ich schiebe hier die völlige Panik. Das volle Programm. Herzrasen. Weinkrämpfe. Durchfall. Alles, was man eben so braucht, um am nächsten Morgen fit auf der Matte zu stehen.

Ich habe Panik, ins Bett zu gehen, weil ich dann irgendwann aufstehen muss. Den neuen Tag meistern muss. Und alleine die Vorstellung daran macht mich alle. Raubt mir sämtliche Energie.

Mein alter Chef, C1, meint, ich solle durchhalten, um eben keine neue Munition für die Fehltageproblematik zu liefern. Aber ich sehe den Sinn darin nicht. Erstens bin ich in der Tat völlig alle, körperlich, nervlich. Und zweitens gehe ich einfach nicht mehr davon aus, dass ich entfristet werde, dass mein Arbeitsvertrag über den 30.09. hinaus läuft. Warum also sollte ich mir jetzt noch den Arsch aufreißen?

Sollen sie halt ihren Vertreter finden und einarbeiten. Keinen Job zu haben, womöglich sogar im Hartz IV zu landen, alles ist wirklich besser als das, was ich jetzt durchmache.

Das nur als kurzen Zwischenstand von der Front (ja, das ist ein beschissenes Kriegsgebiet hier), wo sich der letzte Rest Kampfgeist in einem trotzigen Ausbruch manifestiert.

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Damals und heute

Der Große ist mittlerweile eine Schulkind – der Schuleinführungspost folgt irgendwann – und war heute den zweiten Tag in der Schule. Er hatte ja schon ein wenig Bammel, als ihm bewusst wurde, dass er jeweils 45 Minuten am Stück stillsitzen muss, aber ansonsten überwog ganz klar die Vorfreude.

Ein bisschen schüchtern war er, als er gestern das erste Mal das Klassenzimmer betrat, so viele neue, unbekannte Gesichter, das Gewusel der Eltern, die noch Fragen an die Lehrerin hatten, dazwischen weinende Kinder, die sich im Klassenzimmer geirrt hatten. Typischer Montag Morgen also.

Als ich ihn nachmittags vom Hort abholte, spielte er mit einem älteren Kind und es war keinerlei Schüchternheit mehr zu spüren. Die zuständige Hortnerin bestätigte meinen Eindruck, dass alles gut sei und es keinerlei Probleme gab. So was hört man als Eltern doch gerne 🙂

Heute Morgen ein ähnliches Chaos wie gestern, ich musste noch die Schulbücher bezahlen, 39,45 Euro bitte passend, die ich gestern nicht hatte und anderen Eltern ging es ähnlich. Mein Sohn beschwerte sich zudem gestern, dass er noch gar kein Mathematikbuch bekommen hätte und ich fragte nach, ob diese generell schon ausgegeben wurden, was die Lehrerin verneinte. Ich sah außerdem einen Stapel Hausaufgabenhefte auf dem Lehrerschreibtisch liegen und eines sah aus wie das meines Jungens und machte mir keine weiteren Gedanken. Beim Ausräumen des Ranzens allerdings lag sein Hausaufgabenheft noch jungfräulich drin und auf meine Nachfrage schauten mich zwei riesige Augen an und meinten, das sie das noch nie gesehen hätten und gar nicht wussten, dass das das Hausaufgabenheft sei. Also bekam er für morgen die Aufgabe, das Heft seiner Lehrerin zu geben.

Beim heutigen Abholen vom Hort bemerkte ich, dass der Süße eine mir fremde Jogginghose anhatte. Als ich ihn danach fragte, meinte er, er hätte eingepullert und als Ersatz diese Hose bekommen. Da er bei großen Ereignissen nachts vor Aufregung öfter mal einpullert und dies auch in den letzten beiden Nächten der Fall war, hielt sich meine Überraschung durchaus in Grenzen. Erstaunt war ich nur, dass es tagsüber, quasi bei vollem Bewusstsein erfolgte. Die Hortnerin erklärte mir auch noch mal den Sachverhalt und bat darum, die Hose bitte zeitnah wiederzubekommen, da ihr Kontingent an Wechselsachen sehr beschränkt sei.

Auf dem Heimweg fragte ich den Großen, ob er mir erzählen möchte, wie das Malheur passiert sei. Wollte er nicht. Ich konnte sehen, dass es ihm peinlich war, so als großes Schulkind. Also erzählte ich ihm meine Geschichte, der er gespannt lauschte:

Mir ist als Kind etwas ganz ähnliches passiert. Ich war vielleicht 8 oder 9 Jahre alt, also ein paar Jahre älter als du jetzt. Ich war mit meinen Eltern – deinen Großeltern – im Urlaub an der Ostsee. Das war in den Winterferien und genau zu dieser Zeit war Fasching. Du kennst Fasching, das mit dem Verkleiden?
Es gab dort am Ferienort eine spezielle Faschingsveranstaltung für Kinder, mit einem großen lustigen Programm. Die Veranstaltung fand in einem großen Saal statt und in einer Ecke des Saals stand ein großer, eiserner Käfig. Der Moderator, der die Spiele und Lieder und Tänze ankündigte, sagte ganz am Anfang, dass alle, die nicht Mitsingen und Mittanzen und bei den Spielen mitmachen, zur Strafe in den Käfig kommen würden.

„Und da hattest du große Angst, oder?“, fragte mich mein Kind.

Ja, ich hatte sehr große Angst, in den Käfig zu kommen. Da die Veranstaltung recht lange dauerte, musste ich irgendwann auch mal aufs Klo. Aber ich traute mich nicht, denn wenn ich aufgestanden und aufs Klo gegangen wäre, hätte ich in der Zeit nicht mitklatschen und mittanzen können und dann wäre ich bestimmt in den Käfig gekommen.

Der Junge nickte verständnisvoll.

Irgendwann konnte ich es nicht mehr zurückhalten und habe eingepullert. Mir war das total peinlich, aber ich hatte doch so furchtbare Angst.
Heute weiß ich, dass es total doof war, solche Angst zu haben. Niemand wäre eingesperrt worden, weil er mal aufs Klo musste, aber damals als Kind wusste ich es eben nicht besser.*

Wir liefen weiter und schwiegen eine ganze Weile.

Ich fragte ihn, ob er mir denn jetzt erzählen würde, warum er eingepullert hat. Er wollte. Zögernd erzählte er, dass er in der Schulstunde merkte, dass er aufs Klo musste, aber sich nicht melden wollte. Er wartete und es wurde immer schlimmer. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, meldete sich und durfte aufs Klo gehen. Kurz vorm Erreichen der Klotür konnte er es aber nicht mehr zurückhalten und das Unglück war passiert. „So kurz vorm Ziel!“, meinte ich und er nickte nur traurig.

Ich fragte nach, warum er sich nicht eher gemeldet hat? Er hätte sich nicht getraut. Was er denn befürchtet hat, dass passieren könnte? Das ihn die anderen Kinder auslachen. Ob sich denn auch schon andere Kinder mal gemeldet hätten, weil sie aufs Klo mussten? Ja, viele. Ob denn diese Kinder ausgelacht wurden? Nein, wurden sie nicht. Warum er dann denke, dass ausgerechnet er ausgelacht würde? – Schweigen!

Einige Zeit später meinte er leise, dass er noch nicht so richtig wüsste, wie das mit dem Klo wäre und wo das genau ist und wie das funktioniere. Ich sagte ihm dann, dass er seine Lehrerin (die wirklich eine total Liebe ist) das alles fragen kann und wenn er unsicher ist, kann er ihr das sagen und sie zeigt ihm bestimmt, wo die Toiletten sind und beantwortet alle seine Fragen.

Abschließend gab ich ihm noch den Tipp, in den Pausen aufs Klo zu gehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in der Schulstunde muss, wesentlich geringer.

Trotz dieser dramatischen Thematik verlief das ganze Gespräch völlig unaufgeregt und an sich entspannt. Ich bin so stolz auf mein Kind, welches mir so sehr vertraut, dass es mir seine Geschichte erzählt und seine Ängste anvertraut hat. Hoffentlich verliert er nie dieses Vertrauen ❤

*Das darauf von meiner Mutter folgende Donnerwetter samt der Tracht Prügel verschwieg ich meinem Kind. Meine Ma hat nie nach den Gründen gefragt, ich hatte ihr Schande gebracht, ein so altes Mädchen das noch einpullert, sowas peinliches und nur das war ihr wichtig.

Bones

In den aktuell laufenden Wiederholungen von Bones wird die Titelheldin damit konfrontiert, dass sie ihr Kind zu einem recht frühen Zeitpunkt in die Kinderkrippe gibt. Bones bügelt alle Versuche der auferzwungenen Mütterlichkeit in ihrer gewohnt unherzlichen Art ab, und spricht mir dabei voll aus dem Herzen.

Nicht falsch verstehen, ich liebe meine Süße abgöttisch, doch kann ich ganz wundervoll nachvollziehen, dass Bones nicht mit allen Entscheidungen der Erzieher konform geht.

Jeden Abend ist für mich die Überraschung des Tages, wie gekleidet mein Kind nach Hause kommt. Mein Mann sackt beide Kinder einfach so wie sie ihm übergeben werden ein, und bringt sie nach Hause. Im Allgemeinen hat der Große die gleichen Klamotten an wie am Morgen, nur wesentlich dreckiger.

Die Süße hingegen hat zusätzliche Bodies an. Oder Strickjacken. Oder läuft nur in einem mir unbekannten Body rum, obwohl sie früh Jeans und T-Shirt angezogen bekommen hat.
Bei den derzeitigen Temperaturen bekommt sie früh ein Kleid an und dazu Leggins, diese dürfen im Laufe des Tages gerne ausgezogen werden, falls es zu warm werden sollte.
Ich denke also, dass ich als Mama jeden Morgen mein Kind entsprechend des Wetterberichts anziehe. Es wird auch jeden Morgen mit Sonnenschutzlotion 50+ eingecremt, obwohl ich es viel lieber hätte, wenn es mit dünnen Bekleidungsschichten auf dem ganzen Körper (Beine mit Leggings, Oberkörper mit dünnen langarmigen Shirts und auf dem Kopf ein großer Sonnenhutsüdwester) geschützt würde.

Trotzdem sehe ich jeden Abend mir unbekannte Kleidung. Heute war es ein Body ohne Ärmel. Vergangene Wochen eine Strickjacke (die ich persönlich sehr cool fand, aber mich scheute, diese einfach zu anektieren, sollte sie aber nochmal bei uns auftauchen …), oder T-Shirts in ultrapink, welche ich ohne Zögern in die Lost+Found-Kiste im Kindergarten werfen würde.

Mein Mann hat dabei den wesentlich schwierigeren Job, da er sich täglich dem Kontakt der Erzieherinnen ausliefern muss. Manchmal unternimmt er noch einen zaghaften Versuch zu ergründen, warum unser Mädchen diese Klamotten trägt, die es gerade an hat. Die meiste Zeit jedoch ergibt er sich einfach in sein Schicksal, zu geschafft, um noch irgendwelche Diskussionen mit den Erzieherinnen anzufangen.

Nicht falsch verstehen, mir ist die umfangreiche und verantwortungsvolle Tätigkeit der Erzieher durchaus bewusst und ich bewundere ihre Geduld, Ausdauer und ihren Enthusiasmus. Doch manchmal sind sie einfach „a pain in the ass“.

Mag daran liegen, dass wir nicht unser erstes Kind in ihre Obhut geben, oder dass wir weniger helikoptermäßig unterwegs sind oder dass wir grundsätzlich denken, dass Kindergartenerzieher einen fantastischen Job machen auch ganz ohne unsere permanente Kritik!

Liebe Erzieher!

Macht eure tolle Arbeit wie bisher, aber lasst unserem Kind dabei die vorbestimmten Klamotten an. Wir werden es nicht mit dickem Schal und Wollmütze bei diesen Temperaturen herumlaufen lassen, doch manchmal ist ein wenig mehr Stoff auf der Haut der bessere Sonnenschutz als 50+ in einer Lotion.

Außerdem müsste ich nicht am Wochenende eine Handvoll fremder Klamotten waschen, damit diese am Montag frisch bei ihren eigentlichen Eltern ankommen.

Allerdings werde ich nie verstehen, wie man einen am Schritt dreiknöpfigen Body falsch schließen kann. Aber wozu gibt es nächste Leben 😉

Zuviel

Sieht so aus, als müsste ich den vergangenen Monaten letztendlich Tribut zollen.

Mir geht es nicht gut. Ich schlafe schlecht. Bin häufig mies gelaunt. Kann mich zu nichts aufraffen. Habe ständig Kopfschmerzen.

Am liebsten würde ich mich für 1-2 Wochen einfach aus der Welt ausklinken, ganz allein irgendwo hin fahren, egal wo, Hauptsache weg von der Verantwortung, der Abhängigkeit, dem Müssen.

Ich liebe mein Mädchen über alles, doch derzeit nervt es mich so unglaublich, da sie – mal wieder – jegliche feste Nahrung verweigert und nur auf mich fixiert ist. Meist mag ich die intimen Momente des Stillen, aber gerade jetzt ist es mir zuviel.

Zuviel, immer diese Familie vorm Zerbrechen zu bewahren, zumal ich das Gefühl habe, dass diese Bestrebungen nur einseitig sind. Mein Mann weigert sich, sich professionelle Hilfe zu suchen und macht einfach weiter wie bisher. Für ihn scheint das alles normal zu sein, während ich leide. Darüber reden will er nicht.

Mein Vertrauen ist zerstört. Schön, dass er jetzt wieder öfter weggeht, sich mit Freunden trifft, aus seiner Lethargie erwacht. Bei mir ist jedoch jedes Mal die Angst dabei, dass am nächsten Morgen alles anders ist, dass nachts zuvor erneut jemand war, der ihm gezeigt hat, was alles möglich sein kann.

Aus dem angepeilten Gespräch zwischen Weihnachten und Neujahr ist nichts geworden, er hat es schlicht ausgesessen. Als ich ihn darauf ansprach, zeigte er sich gesprächsbereit, doch am Ende habe nur ich Vorschläge gemacht, welche er alle gut fand, von denen aber nicht ein einziger bisher umgesetzt wurde.  Von ihm kam nichts.

In all dieses Chaos kam die Nachricht mit der Kündigung. Wo meine Kraft gerade so zum Überleben reicht, soll ich mich zudem noch dem demütigenden Prozess der Bewerbungen, Vorstellungsgespräche und Absagen widmen.

Eigentlich steht auch immer noch der Umzug im Raum, da sich die Hausverwaltung wie gewohnt nicht um das Schimmelproblem kümmert. Übrigens kümmert sie sich auch nicht um eine mögliche Ratenzahlung der Nebenkostennachzahlung, ein weiteres Thema, welches unerledigt auf dem Tisch rumlungert. Für einen Umzug bräuchten wir aber eine neue Wohnung, aber wie soll man eine finden, wenn man nicht mal danach sucht. Wenn ich es nicht mache, dann auch kein anderer.

Wie beim Thema Einschulung, Schulwechsel, Schuleingangsuntersuchung, Auto, Urlaub, Kindergrippe, …

Ich könnte mir vom Arzt was verschreiben lassen, doch dazu müsste ich zu ihm hingehen. Derzeit für mich unmöglich. Meine Therapeutin anrufen. Genauso unmöglich.

Mehr schlafen. Mein Kopf lässt mich nicht.

Mehr.

Zuviel.

Besorgt

War ich zum Jahresende noch froh, dass das Jahr endlich vorbei ist, habe ich die Wirkung des neuen Jahres völlig unterschätzt.

Kaum ist der Januar da, rücken auch die entscheidenden Termine immer näher und versetzen mich in einen emotionalen Ausnahmezustand. Permanent begleitet mich die Sorge, ob bei der OP alles gut geht. Ich kann mir immer und immer wieder einreden, dass es kein großer Eingriff ist und nicht lange dauert, aber sofort meldet sich eine Stimme im Hinterkopf, die mir sagt, ja, aber das erfolgt unter Vollnarkose, welche wieder die Atmung der Kleinen lähmen wird, so dass sie intubiert und künstlich beatmet werden muss. Und was ist, wenn nach der Narkose die Atmung nicht spontan wieder einsetzt. Was, wenn die Narkose noch ganz andere Nebenwirkungen hat. Werde ich mein Mädchen wohlbehalten wieder in die Arme schließen können?

Diese Gedanken sind ständig da, lähmen mich, lassen mich verkrampfen. Ich habe dadurch massive Rücken- und Kopfschmerzen und kann mich auf nichts konzentrieren. Ich schlafe schlecht und bin ständig müde, erschöpft.

Wenn ich meine Süße so anschaue, wie sie gut gelaunt die Welt erkundet, krabbelt, steht, brabbelt, lacht, klatscht und bewusst zu mir zum Kuscheln kommt, dann treibt es mir regelmäßig die Tränen in die Augen, weil das alles so wertvoll ist und gleichzeitig so vergänglich sein kann.

Bei der ersten OP hatte ich nur einen Tag Vorwarnung und von daher gar keine Zeit, mir so viele Sorgen zu machen, aber die Anspannung war in der Zeit trotzdem enorm. Jetzt habe ich noch 10 Tage vor mir und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich die überstehen soll oder in welchem Zustand ich dann bin.

Das war’s dann?!

Als ich heute meinen WordPress-Jahresrückblick betrachtete, fiel mir auf, dass es zum Ende hin schon rapide abnimmt, was die Veröffentlichung neuer Posts angeht. Es ist nicht so, dass ich nichts mehr zu erzählen hätte oder mich das Bloggen nicht mehr interessiert, ganz im Gegenteil. Der WordPress-Tab ist permanent offen, ich lese alle neuen Beiträge der verfolgten Blogs, hin und wieder kommentiere ich sogar. Und doch gibt es keine neuen Beiträge von mir.

Was vornehmlich daran liegt, dass mir ein wenig die Zeit dazu fehlt und sich zudem in mir immer mehr Angst breit macht.

Obwohl ich stets bemüht bin, mich dem alljährlichen Vorweihnachtsstress zu entziehen, war ich gefühlt permanent auf dem Weihnachtsmarkt oder im Internet unterwegs und habe nach Geschenken gesucht. Große Geschenke fielen dieses Jahr aus bekannten Gründen etwas kleiner aus und mangelnde Kooperation der zu Beschenkenden was Wünsche angeht zwangen mich zu viel mehr Inspiration und Improvisation als die letzten Male. Die Feiertage selbst verbrachten wir bei meinen Eltern. Eine ruhige und entspannte Zeit, entgegen allen Erwartungen 🙂

Kurz vor Weihnachten hatte ich mir in den Kopf gesetzt, einen Harry-Potter-Filmmarathon zu machen und tatsächlich haben wir gestern die beiden letzten Teile geschafft. Zwischendurch war eben Weihnachten, 2x die Haselnüsse und World’s End. Es tat unglaublich gut, mal wieder konzentriert und gemeinsam Filme zu schauen, dass ist im Alltag fast gar nicht mehr drin. Und weil es so gut tat, haben wir uns heute noch den Hobbit im Kino angeguckt. Nacheinander.

Den viel interessanteren Film liefert allerdings derzeit unsere Tochter, die rasant ihre Umgebung erkundet. Seit sie krabbeln kann, gibt es kein Halten, sie jagt Katzen, erkundet sämtliche Ecken, überwindet unsere Kindereckenbarrieren im Wohnzimmer und versucht unaufhörlich, endlich Laufen zu lernen. Das Stehen klappt mittlerweile ganz gut, manchmal sogar für wenige Sekunden freihändig. Dabei kommentiert sie alles, freut sich über jede ihrer Errungenschaften, beklatscht uns oder sich selbst und interagiert generell sehr häufig mit uns. Bei alledem braucht sie aber immer die Rückversicherung der Mama, so dass ich nicht mal für wenige Augenblicke den Raum oder ihren Sichtbereich verlassen darf, da sie sonst sofort zu weinen anfängt. Es macht so unglaublich viel Freude, ihr beim Erforschen zuzuschauen, dass ich manchmal vor Glück platzen könnte.

Womit wir auch schon bei den Ängsten wären. Denn tief in mir drin befürchte ich jede Sekunde, dass dieses Glück wieder vorbei sein könnte. Die letzten zwei oder drei Wochen sind so anders, entspannt, auf angenehme Art ruhig, dass da jeden Moment was passieren MUSS. Es war die letzten Jahre immer so, wenn es uns zu gut ging, dann krachte es kurz darauf.

Ich hab auch schon eine Idee, wo es krachen könnte, denn immerhin steht meiner Süßen Mitte Januar ihre Operation bevor. Es ist kein großer Eingriff, aber die notwendige Vollnarkose macht mir unglaublich Angst, jeden Tag, den der Termin näher kommt, mehr.

Kurz davor habe ich ein Gespräch mit meinem neuen Chef und der ganz großen Chefin auf Arbeit. Vermutlich wird es darum gehen, ab wann ich wieder arbeiten gehe und wie mein Wiedereinstieg aussehen kann. Nix dramatisches, aber führt mir dieser Termin doch sehr deutlich vor Augen, dass meine Zeit zuhause so langsam zu Ende geht. Ich fühle mich hier zuhause sehr wohl, ich habe genügend Aufgaben, um mich den ganzen Tag zu beschäftigen. Ich merke aber auch, dass die letzten Monate nicht spurlos an mir vorüber gegangen sind und habe große Angst, der zusätzlichen Belastung durch die Arbeit nicht gewachsen zu sein. Zumal eben immer noch der unbekannte Faktor des neuen Chefs ist. Sein Vorgänger war der weltbeste Chef, ein echt klasse Typ, aber oft genug stand ich mir mit meiner dämlichen Schüchternheit (dazu liegt noch ein Artikel auf Halde) selbst im Weg, so dass wir zwar gut zusammen gearbeitet haben, aber ich selten ungehemmt im Umgang mit ihm war, was auf die Dauer auch ziemlich belastend ist.

Die Beziehung mit meinem Mann ist auch noch nicht endgültig geklärt. Ich denke zwar, dass wir auf dem Weg der Annäherung sind, doch vermeiden wir beide jegliche Gespräche darüber, beide aus Angst vor unbequemen Wahrheiten und möglichen Konsequenzen. Ich glaube, die Trennung ist mehr oder weniger vom Tisch, aber klare Verhältnisse sehen anders aus. Und diese Ungewissheit zehrt. An den Nerven und den nicht so üppigen Kraftreserven. Ich müsste das Gespräch suchen, aber dann wird aus Ungewissheit und Hoffnung Tatsachen und Realität und davor habe ich auch ordentlich Angst.

Neben all dem verkommen andere Begebenheiten zu reinen Randnotizen. Dass ich drei Wochen lang in mehreren Etappen den Schimmel im Schlafzimmer, der sich hinter den Kleiderschränken auf einer Länge von 4 Metern und bis zu 1,5 Meter hoch an der Außenwand gebildet hat, beseitigt habe. Dass mich mein bester Freund menschlich schwer enttäuscht hat. Dass sich die finanzielle Situation ein wenig entspannt hat, trotz der knapp 1.000 Euro Nebenkostennachzahlung, die wir für die Wohnung für 2013 berappen müssen.
Da war bestimmt noch mehr, aber das hab ich schon wieder vergessen.

Also bleibt derzeit von diesem Jahr neben dem großen Glück der Geburt meiner Tochter jede Menge kleine und großen Dramen, auf die ich im neuen Jahr gerne verzichten kann. Von den vornehmlich traurigen Nachrichten des Weltgeschehens ganz abgesehen.

So bleibt mir nur, auf ein besseres Jahr 2015 zu hoffen und euch allen einen guten Rutsch zu wünschen.

Alles wird gut!

Weichei

Hier, ich! Ein ganz großes sogar.

Als ich vor zwei Monaten bei meinem Zahnarzt zu meiner jährlichen Kontrolle war, schaute dieser etwas besorgt in meinen Mund und meinte, dass da zwei Füllungen nicht mehr so dolle aussehen und demnächst ersetzt werden sollten. Ich nahm diese Aussage ohne größere Regung hin, mein letztes Loch ist um die 15 Jahre her und zudem ist es ja nur ein Tausch, was soll da schon schlimmes passieren.

Außerdem habe ich eine ausreichend lange und intensive Zahnarztgeschichte. Durch einen viel zu kleinen Kiefer haben meine wunderschönen Prachtbeißer nicht mal ansatzweise genug Platz und kaum hatten die bleibenden meine Milchzähne ersetzt, wurden mir 3 davon auch schon wieder gezogen. War aber immer noch ziemlich eng alles und der Platzmangel wurde durch die Weisheitszähne noch verschärft. Also durfte ich drei davon in zwei Operationen, zur dritten und letzten habe ich es aus irgendwelchen Gründen nie geschafft, wieder abgeben. Einen dieser blutigen Zähne habe ich sogar hübsch in Plastik eingeschweißt mit nach Hause bekommen. Begleitet wurden diese ganzen Aktionen von zahllosen Zahnspangen, Behandlungen, Röntgenaufnahmen, Gebissabdrücke, etc. Für ein halbes Jahr oder so war außerhalb (zum Glück) der Schule ein Headgear mein Begleiter.

Alles in allem dauerte die komplette Behandlung um die 20 Jahre und ich konnte es mir einfach nicht erlauben, Angst vorm Zahnarzt zu haben. Und auch heute noch geh ich eher gutgelaunt zu den Terminen, was soll wie gesagt schon passieren.

Bis heute. Furchtlos wie ich war, habe ich mir einen extra langen Termin geben lassen, um beide Füllungen in einem Rutsch erneuern zu lassen. Lächelnd hüpfte ich auf den Behandlungsstuhl, Arzt und Assistentin waren ebenfalls gut drauf. Doch dann wurde ich gefragt, ob ich mit oder ohne Betäubung behandelt werden will.

Betäubung? Bei so was simplen wie einem Füllungstausch? Bei mir, die ich zwei Kinder so auf die Welt gebracht habe? Pah! Die Spritze tut mehr weh als die ganze Prozedur und das sagte ich dem Arzt auch. Er nahm das so hin, meinte aber, ich könne jederzeit Bescheid sagen, falls ich doch das Schmerzmittel haben wollte. Hand heben genügt.

Dann fing er an, die Füllung aus dem Zahn zu klauben und ich zuckte diverse Mal heftigst zusammen. Mei, waren das Schmerzen. War das früher auch so? Er fragte dann, ob ich nicht doch lieber eine Spritze haben möchte. Ich nickte heftig und er betonte, was für ein sanfter Spritzer er sei. Ha!

Die Außenseite hat er auch wirklich fast schmerzlos hinbekommen, die Innenseite jedoch drückte, aber bei weitem nicht so, wie ich es in Erinnerung hatte. Nach kurzer Pause, in der die Betäubung ihre Wirkung entfalten sollte, ging es weiter. Die Reste der Füllung wurden weiter entfernt und es stellte sich heraus, dass unter der kaputten Füllung Kariesbakterien eine ausgiebige Party gefeiert hatten, welche erstmal restlos entfernt wurde. Die Bohrgeräusche an sich sind ja schon fies, aber wenn es dann im ganzen Kopf rumpelt und kreischt, das raubt einem wirklich den letzten Nerv.

Trotzdem ich durch die Spritze keine Schmerzen mehr spürte, merkte ich, wie mein Kreislauf so ein wenig wegkippte. Dazu das Rumpeln und Kreischen, das krampfhafte Offenhalten des Mundes („Können Sie den Mund bitte noch ein bisschen weiter auf machen.“ – „Gnjmnj“ – „Danke.“) sowie eine latent einsetzende Panik (warum auch immer) ließen mich zu einem verkrampften und verängstigten Häuflein Elend auf dem Behandlungsstuhl zusammenrutschen.

Irgendwann war es dann ganz plötzlich vorbei und der Arzt entließ mich mit der Bitte, mir doch für die zweite Füllung einen neuen Termin geben zu lassen. Das hätte auch den Vorteil, dass mein Mund nicht beidseitig betäubt wäre und es war doch alles gar nicht so schlimm, oder?
Doch, war es. Ich hab mehrere Liter Blut und Wasser schwitzend auf dem Stuhl verloren und meine Knie waren sehr wacklig auf dem Heimweg.

Wie hab ich das früher alles ausgehalten? Kann man sich an sowas auch gewöhnen? Oder verweichlicht man im Alter? Jedenfalls bin ich jetzt bei weitem nicht mehr so entspannt vor dem nächsten Termin im Februar. Sanfter Spritzer hin oder her!

Angst

Seit die Kleine auf der Welt ist, lebe ich in ständiger Angst, dass ihr etwas zustößt. Besonders der plötzliche Kindstod bereitet mir große Sorgen.

Die Angst hatte ich schon beim Großen und immer, wenn er länger als gewöhnlich schlief oder besonders ruhig war, rechnete ich mit dem Schlimmsten. Bei der Kleenen jetzt ist die Angst noch viel stärker.

Ich versuche immer wieder, mich zu beruhigen, mir zu sagen, dass wir alle Vorkehrungen zur Risikominimierung getroffen haben und jetzt einfach aufs Beste hoffen und unserem Mädchen vertrauen müssen, dass es bei uns bleibt.

Und immer, wenn ich meine Angst geradeso in den Griff bekommen habe, taucht das Thema plötzlich wieder auf.

Erst erzählt mir mein Mann, dass ein Kollegenpärchen ihr einen Monat altes Baby durch SIDS verloren haben.

Am Freitag auf der Firmensommerfeier meines Mannes weise ich ihn auf einen der Anwesenden hin, weil dieser ein Bier in der Hand hielt und mein Mann den Bierausschank suchte und natürlich war es besagter Kollege.

Und heute schauen wir nichtsahnend einen Krimi und der Ermittler erzählt in einem Nebenhandlungsstrang, dass seine Tochter am plötzlichen Kindstod gestorben ist, mit 2 Monaten und 7 Tagen, also nur minimal älter als mein Mädchen.

Also sitze ich jetzt hier und könnte heulen, so einen Schiss habe ich. Und mein Mädchen heult aus Sympathie gleich mit.

Müde

Sehr sogar.

Jedoch nicht von zu wenig Schlaf. Ich denke, es sind immer noch die Nachwirkungen des Krankenhausaufenthalts.

Meine Kleene hat sich wieder gefangen, weint nur noch selten, und wenn, dann weil ich nicht schnell genug bei der Futterversorgung bin. Trinkt aber viel mehr als zuvor, was mich wiederum regelmäßig auslaufen lässt.

Wir beide schlafen viel, 10-12 Stunden pro Nacht, nur kurz von Trinkpausen aller 3 oder 4 Stunden unterbrochen. Und dennoch bin ich morgens nicht fit.

Vielleicht schlafe ich nicht tief genug, ständig mit der Überwachung meines Mädchens beschäftigt, aus Angst, ihr könnte nachts etwas zustoßen. Ich weiß, ich sollte ihr vertrauen, immerhin hat sie die Vollnarkose so bravourös gemeistert, aber Kopf und Herz gehen da leider sehr auseinander.

Und so können wir beide nur schlafen, wenn wir einander die Hand halten.

Unbegreiflich

Es folgt eine Premiere hier: eine Blogempfehlung. Grundsätzlich kann ich alle Blogs in meiner Blogroll, siehe unten links, empfehlen, doch die jetzige Empfehlung bildet gleichzeitig die Einleitung zu einem sehr privaten Thema, welches mich seit langer Zeit verfolgt und dies auch noch eine ganze Weile tun wird.

Jule Stinkesocke wurde im Alter von 15 Jahren beim Überqueren einer Straße an einer für sie grün geschalteten Fußgängerampel von einer älteren Autofahrerin umgefahren, die ihr unbedingt eine Lektion zum Verhalten im Straßenverkehr erteilen wollte. Es folgten mehrere Monate im Koma sowie eine Querschnittlähmung. Auf Anraten ihrer Psychologin bloggt Jule über ihren Alltag, ihren Umgang mit der neuen Situation und ihre Gedanken und Gefühle. Sie berichtet von unglaublichen – im positiven und negativen Sinne – Begegnungen, ihrem überdurchschnittlich häufigen Kontakt zur Polizei, ihren Freunden und ihrem Sport. Sie tut dies alles mit einem herrlich erfrischenden und sehr offenem Schreibstil, ganz viel Humor und immer ohne im Selbstmitleid zu versinken.

In einem mittlerweile 1,5 Jahre alten Blogeintrag beschreibt sie unter anderem ihr ungläubiges Staunen, als ihr die Mutter einer engen Freundin sagt, dass sie sie sehr lieb habe. Durch diesen sehr emotionalen Bericht trifft sie einen sehr wunden Punkt auf meiner Seele, denn auch ich bin immer wieder erstaunt, wenn mir jemand sagt oder zeigt, dass er mich gern hat, obwohl ich ja gar nichts gemacht habe.

Denn von klein auf wurde mir beigebracht, dass ich nur liebenswert bin, wenn ich Leistung bringe. Am Anfang reichte es, wenn ich spurte, nicht aus der Reihe tanzte und ohne Widerworte das tat, was meine Mutter von mir verlangte. Also achtete ich darauf, dass meine neuen Schuhe nicht dreckig wurden, ich brav meinen Teller leer aß, nirgendwo reinplapperte und mich still im Hintergrund hielt. Meine Mutter zeigte dann immer anderen, wie selbstständig ich doch schon war. Ich allerdings hatte eher nur Angst vor den negativen Folgen, sollte ich ihre Anweisungen nicht beachten. Schnell gab es da mal eine Ohrfeige, um danach mit Nichtbeachtung bestraft zu werden.

Es steigerte sich, als ich in die Schule kam. Ab dann zählten fast nur noch die Schulnoten. Und auch nur die 1. Eine 2 war schon schlecht. Über dreien oder vieren red ich erst gar nicht. Ich hatte Glück, mir fiel die Schule leicht, ich bin gerne da hin gegangen und hab das Wissen wie ein Schwamm aufgesogen. Und so hatte ich auch fast nur Einsen, die dann in der ganzen Familie vorgezeigt werden konnten.

Überhaupt war die Präsentation nach außen wichtig. Bei uns war alles perfekt. Die Wohnung war immer pikobello aufgeräumt und man konnte jederzeit vom Fußboden essen. Ich hatte kein eigenes Kinderzimmer und ein zufälliger Besucher hätte, von den 2 Garderobenhaken im Flur mal abgesehen, nie gemerkt, dass da auch ein Kind lebte. Ich hatte ein Fach im Wohnzimmerschrank für meine Spielsachen und dort musste ich abends immer alles einräumen. Das mal einfach was draußen liegen blieb, kam nie vor.

Wenn wir bei Verwandten zu Besuch waren, dann wurden unsere Erfolge wie Trophäen präsentiert. Schau, unser Kind hat bei der Mathematikolympiade den ersten Platz belegt. Und im Sportverein war sie die Beste im Rennen. Wir waren da und dort 3 Wochen im Urlaub und hatten nur Sonnenschein. Kratzer an der Fassade wurden nicht geduldet. Ich erinnere mich, dass meine Mutter einmal Besuch hatte, von wem, weiß ich nicht mehr, vielleicht ein Arbeitskollege. Sie saßen in der Küche, während ich im Wohnzimmer saß und malte. Ich war ungefähr 4 Jahre alt und wollte meine Mutter besonders stolz machen und malte ein extra schönes Bild. Ich vergaß dabei völlig die Welt um mich herum und als ich das Bild fertig hatte, rannte ich in die Küche, um es ihr zu präsentieren. Sie freute sich auch über das Bild und schickte mich mit einem Klaps auf den Po wieder zurück ins Wohnzimmer, ein weiteres Bild zu malen. Dabei stellte sie fest, dass ich in meiner Weltvergessenheit eingepullert hatte.
Die harschen Worte der Schimpftirade klingen heute noch in meinen Ohren und die Ohrfeigen brennen immer noch auf meinen Wangen.

Irgendwann kam in der Schule der Zeitpunkt, wo ich nicht mehr immer nur die Einsen schaffte, wo sich doch die ein oder andere Zwei einschlich. Und jede einzelne von ihnen war ein Drama.
Geschichtsleistungskontrollen schrieb ich eigentlich sehr gerne. Sie waren immer angekündigt und das Thema war eng begrenzt. Mit ein wenig Auswendiglernen war es überhaupt kein Problem, eine Eins abzustauben. Eines Tages aber wollte ich es zu perfekt machen. Die Lehrerin las wie üblich ihre Frage vor, insgesamt derer 10, und gab uns kurz Zeit, die Antwort aufzuschreiben. Dann las sie die nächste vor. Bei einer Frage schrieb ich ein wenig mehr als die geforderte Antwort und verpasste dadurch die nächste vorgelesene Frage. Ich meldete mich und bat die Lehrerin, die Frage zu wiederholen. Sie lehnte dies ab, sie würde Fragen immer nur einmal laut und deutlich vorlesen. Für mich war das der Weltuntergang. Ich wusste, ich würde die Eins nicht mehr schaffen, mir fehlte ein Punkt. Ich weinte still vor mich hin und brachte den Rest der Arbeit so gut es ging über die Bühne. Die Tage, bis wir die Arbeit korrigiert zurück bekamen, lebte ich in Angst und malte mir aus, was mich erwarten würde, wenn ich das Papier zur Unterschrift zu Hause vorlegen würde.

Wenn ich Glück hätte, würde ich nur angeschrien. Wie dumm ich denn sei. Warum das nur eine Zwei wäre. (Eine echte Erklärung meinerseits wurde weder erwartet noch akzeptiert.) Ob ich mir denn alles verbauen wolle. Ob ich denn wüsste, was ich ihr damit antue. Und so weiter.
Mit etwas Pech würde ich angeschrien und eine Ohrfeige bekommen.
Mit ganz viel Pech würde ich einfach die nächsten Tage ignoriert werden. Ich würde zwar Nahrung und jeden Morgen saubere Kleidung angezogen bekommen, aber es würde kein Wort mit mir gesprochen werden. Sollte ich eine Frage haben oder etwas sagen, würde das ungehört verhallen. Ich war Luft, unsichtbar, niemand.

In solchen Momente wünschte ich mir, sie würde mich anschreien oder verprügeln. Egal, alles war besser als dieser Zustand der Nichtexistenz, jeder Schmerz, jeder Vorwurf, jede Ungerechtigkeit.

Ich begann mich vor den Momenten zu fürchten, in denen wir Klassenarbeiten oder Leistungskontrollen zurück bekamen. Ich wusste nie, was mich erwartet. Ich konnte mich noch so gut vorbereitet haben, doch war es auch so leicht, ein Detail zu vergessen, ein Wort falsch zu schreiben, ein Plus mit einem Minus zu verwechseln.
Eines Tages bekamen wir eine Deutscharbeit von unserer Klassenlehrerin zurück. An sich war ich zuversichtlich, ich hatte ein gutes Gefühl bei der Arbeit gehabt. Umso größer war der Schock, als es dann nur eine Zwei war. In dem Moment brach ich zusammen. Ich sackte in mich zusammen und fing hemmungslos an zu weinen. Mir war irgendwie alles egal, ich hatte einfach nur furchtbare Angst.
Eine Klassenkameradin fragte mich, warum ich denn so weinen würde und ich antwortete, dass ich in der Arbeit nur eine Zwei bekommen habe und jetzt mächtig Ärger zu Hause bekäme und dass ich einfach nur Angst hatte und mich nicht traute, nach Hause zu gehen. Die gesamte Klasse schaute mich an. Starrte mich ungläubig an. Die Klassenkameradin sprach dann das aus, was alle anderen dachten: Das kann gar nicht sein, niemand wird ausgeschimpft, wenn er eine Zwei nach Hause brächte. Eine Zwei ist doch eine gute Note und ich solle mich nicht so anstellen. Ich hätte das sicherlich nur erfunden, um mich wichtig zu machen.

Ich glaube, ich habe mich nie wieder so einsam in einem Raum voller Menschen gefühlt. Meine Klassenlehrerin hat dies alles mitbekommen, aber nichts dazu gesagt. Vielleicht hat sie später mit meiner Mutter darüber geredet, ich weiß es nicht. Mir jedenfalls hat niemand geholfen, ich musste da alleine durch.
Was es für eine Reaktion zu Hause gab, weiß ich nicht mehr, ich habe es verdrängt. Wohl besser so.

Meine Mutter ist außerdem sehr launisch, ihre Stimmung kann von einer Sekunde auf die andere umschlagen und es ist nicht vorhersehbar, wann das passiert. In einem Moment stehen wir zusammen in der Küche, lachen und werfen uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf: du blöde Kuh – selber blöde Kuh – nein, du blöde Kuh – selber doofe Kuh. Und im nächsten Moment sinkt die Temperatur im Raum um 20 Grad, mir wird ein eisiger Blick zugeworfen, mir stockt der Atem und ich habe einen riesigen Kloß im Hals. Ich frage noch nach, was denn los ist, erhalte aber schon keine Antwort mehr und werde wieder ignoriert.

Im Laufe der Jahre etablierte sich ein seltsames Ritual. Als ich alt genug war, um nicht mehr in den Schulhort gehen zu müssen, wartete ich jeden Tag zuhause auf die Heimkehr meiner Mutter von Arbeit. Sorgsam beobachtete ich die Uhr, wie sie sich langsam der gefürchteten 16-Uhr-Marke näherte. Ab diesem Zeitpunkt war es jede Sekunde möglich, dass meine Mutter nach Hause kommt. Jeden Tag freute ich mich darauf und hasste zugleich diesen Moment. Ich saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, las oder spielte oder wartete einfach nur. Irgendwann hörte ich eine Autotür zuschlagen und spürte, wie die Angst in mir hochstieg. Ich schaute vorsichtig aus dem Fenster, nur nicht die Gardine berühren oder, falls die Gardine nicht bis zur Fensterbank reichte, mit weitem Abstand, um nicht hinter dem Glas erspäht zu werden.
Es war aber egal, sie wusste eh, dass ich hinter dem Fenster stehe. Manchmal winkte sie hoch. Ein gutes Zeichen, gute Laune, ein guter Tag, ein guter Nachmittag. Hoffentlich.

Sah ich unten unser Auto stehen, lief ich zur Wohnungstür, öffnete diese und wartete, bis meine Mutter die Haustür aufschloss. Sobald sie im Treppenhaus war, lauschte ich auf ihren Schritt. War er leicht oder stampfte sie eher wütend auf? Wenn sie um den letzten Treppenabsatz bog und damit in mein Sichtfeld kam, begrüßte ich sie. Grüßte sie zurück, war das ein gutes Zeichen. Schwieg sie, nicht. Manchmal hatte sie schwere Einkaufstaschen dabei, die ich ihr eilig abnahm und in die Küche schaffte. Alles half, um nicht ihrem Zorn ausgesetzt zu sein.
Noch heute läuft mir jedesmal ein Schauer über den Rücken, wenn ich auf dem Sofa sitze, in einer anderen Stadt, und ich unten auf der Straße eine Autotüre schlagen höre. Für Sekunden bin ich dann wieder zurück zu Hause, bin wieder 8 oder 9 Jahre alt und warte auf meine Mutter.

Ich entwickelte durch dieses Ritual sehr feine Antennen für Stimmungen. Ich spüre heute in einem Raum voller Menschen, wenn jemand wütend oder angespannt ist. Die Stimmung überträgt sich auf mich und ich verkrampfe total. Ich versuche dann, herauszufinden, wer die wütende Person ist und hoffe, etwas dagegen machen zu können. Sind es mir bekannte Personen, Freunde, Familie, dann frag ich offensiv nach, was das Problem ist, ob ich helfen könne. Bei unbekannten Personen bin ich hilf- und machtlos wie als kleines Kind.

Und wo war mein Papa? Warum stand er mir nicht bei?

Er war die meiste Zeit arbeiten, im 3-Schicht-System, weil das mehr Geld gab und diverse Vergünstigungen. So hatte ich ihn nur aller 2 Wochen nachmittags und ab und zu am Wochenende auf meiner Seite. Ihm konnte ich mich anvertrauen, er war mein Verbündeter. Ich schickte ihn manchmal mit schlechten Neuigkeiten los, er solle meine Mutter vorwarnen. Es half meistens, und der erste Riesenärger war verflogen, so dass ich nur noch angeschrien wurde, nicht mehr geschlagen. Und solange mein Papa da war, war es mir egal, wenn sie mich anschwieg, ich war wenigstens nicht unsichtbar.

Mein Papa beschäftigte sich auch mit mir, baute riesige Deckenforts im Wohnzimmer oder half mir beim Zusammenbauen großer Konstruktionen aus meinem Metallbaukasten. Die schönsten Momente hatten wir im Keller, wenn wir zusammen irgendwas aus Holz bastelten oder Kohlen stapelten oder ein ums andere Mal den Keller umräumten. Das war unser Reich, dort war meine Mutter ausgeschlossen und ganz weit weg. Dort durfte ich Dinge einfach mal liegen lassen oder beim Sägen so richtig Dreck machen, während mir mein Papa die Welt erklärte und alle meine Fragen beantwortete. Er hörte mir zu.
Wir wurden ein eingeschworenes Team und verstanden uns blind. Meine Mutter warf uns das allerdings immer wieder gerne vor, dass wir eine Gemeinschaft wären, bei der sie ausgeschlossen war und wir würden die ganze Zeit hinter ihrem Rücken reden und sie schlecht machen und überhaupt.
Diesen Vorwurf bringt sie gelegentlich heute noch.

In all dieser Zeit hatte ich nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass sich jemand freute, weil ich da war. Es wurde sich gefreut, wenn ich eine Eins nach Hause brachte. Wenn das Zeugnis gut war. Wenn ich bei einem Ausflug brav war. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemals meine Eltern sagten, dass sie mich lieb hatten. Oder wenigstens gern. Oder stolz auf mich sind. Ich wurde nicht im Überschwang der Freude gedrückt und geherzt. Mir wurde in die Wange gekniffen. Oder mal die Haare verwuschelt.
Ich habe, wenn überhaupt, sowas nur indirekt mitbekommen.
Einmal auf einem Campingplatz, ich war 13 und war mit den Ferienfreunden zu einem Brettspiel verabredet. Wir saßen in einer offenen Hütte, die keine 10 Meter von den Waschräumen entfernt stand. Ich hatte die Zeit vergessen und mittlerweile war es dunkel geworden. Irgendwann erschrak ich, weil es schon so spät war und lief zu unserem Wohnwagen, wo mich meine in Tränen aufgelöste Mutter empfing. Sie hätten schon den ganzen Campingplatz abgesucht, sie haben gedacht, mir wäre etwas schreckliches geschehen und sie hätten sich solche Sorgen gemacht. Und dann umarmte sie mich und drückte mich erleichtert ganz fest an sich.
Kurz darauf folgte dann die Schimpftirade und alles war wieder beim Alten.

Ein andermal erzählte mir ein Nachbar, der gerade mal 5 Jahre älter war als ich, das ihm mein Papa erzählt hat, wie stolz er auf mich sei, weil ich mich so gut mit Computern auskenne und er ja davon überhaupt keine Ahnung habe.
Für mich ist das bis heute eine sehr wertvolle Erinnerung.

Bin ich sauer oder wütend auf meine Mutter?

Ich war es lange Zeit. Ich habe auch eine sehr lange Zeit gebraucht, um mir überhaupt einzugestehen, dass ich wütend bin. Und noch ein wenig länger hat es gedauert, bis ich wegen der Wut kein schlechtes Gewissen mehr hatte, sondern mir auch erlaubte, wütend zu sein. Anzuerkennen, dass ich ein Recht darauf hatte, wütend zu sein.
Aber Wut bringt mich auf Dauer nicht weiter. Wut bindet zuviel Energie, ich bin dann nur damit beschäftigt, wütend zu sein oder meine Wut in Schach zu halten. Und dafür sind mir meine Kräfte zu wertvoll.

Ich habe also meinen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen. Nichts von dem, was meine Mutter macht(e), hat sie mit dem Vorsatz gemacht, mich zu quälen oder mir zu schaden. Vielmehr ist ihr Verhalten das Ergebnis von Hilflosigkeit. Sie selber hat es in ihrer Kindheit von ihrem Vater, meinem Großvater, nicht anders erlebt. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, sie hatte keine anderen Werkzeuge, um mit diesen Situationen anders fertig zu werden. Sie handelte mit dem Vorsatz, dass es mir später mal besser gehen sollte. Sie war nie gut in der Schule, ihr wurde eine Ausbildung auferzwungen, die sie hasste, musste in einem Betrieb mit Kollegen arbeiten, die sie schikanierten. Sie wollte dieses Schicksal für mich vermeiden.
Sie hatte kein anderes Ventil. Ihr fehlt jegliche Fähigkeit zur Reflektion, sie ist nicht in der Lage, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.
Wenn die eigene Tochter drei Therapien braucht, um einigermaßen wieder mit dem Leben klar zu kommen, dann fragt sich auch eine Mutter, was sie denn falsch gemacht hat. Und natürlich macht sie sich Vorwürfe. Es bringt aber nichts, mit ihr darüber zu reden, weil sie es nicht einsehen würde, nicht begreifen. Nicht, weil sie es nicht will, sondern weil sie es nicht kann. Sie müsste dazu nämlich in der Lage sein, sich in eine andere Person hinein zu versetzen, Situationen aus einer anderen Perspektive wahr nehmen. Empathie für jemand anderen zu empfinden, zu zeigen. Und das kann sie nicht. Es wäre, als wenn man einen Blinden bitten würde, einen Sonnenuntergang zu beschreiben.

Für mich war und ist die schwerste Lektion, zu begreifen, dass es Personen gibt – und auch schon immer gab – die mich nur um meiner selbst willen mögen. Die sich wirklich freuen, dass ich da bin. Und denen es reicht, dass ich da bin. Die nichts von mir erwarten, keine Höchstleistungen, keine teuren Geschenke, nur meine Anwesenheit. Die mich einfach so mal umarmen, um mir zu zeigen, dass sie mich gern haben. Und dann steh ich eben einfach staunend da 🙂

P.S.: Ich umarme mein Kind jeden Tag mehrmals. Ich teile ihm mit, wenn er etwas gemacht hat, worauf ich stolz bin. Und ich sage ihm jeden Tag, dass ich ihn liebe. Dies sind jeden Tag meine letzten Worte an ihn, nachdem ich ihn ins Bett gebracht habe, bevor ich das Licht ausknipse und sein Zimmer verlasse.