Verkackt

Ich hab’s verkackt. Mal wieder.

Am 21.03. – einen Tag nach dem Geburtstag meiner Tochter, wo ich mir vorsorglich frei genommen hatte – bekam ich die Kündigung.
Wirklich überraschend kam das für mich nicht, ich selbst hatte damit gerechnet und mir gesagt, dass wenn ich diesen Tag überstehen würde, wäre ich quasi durch – wenn nicht, dann eben nicht.

Das Doofe an Depressionen ist, dass sie meist schleichend kommen und gehen, sich zwischendurch immer mal wieder gut getarnt verstecken, nur um dann urplötzlich aus dem Versteck zu springen und laut „Buh“ zu rufen.

An sich war der Job echt cool. Ich hatte spannende Themen, konnte viel Neues lernen und die Kollegen waren größtenteils auch nett. Ich fühlte mich recht wohl, aber war null leistungsfähig.

So sollte ich beispielsweise Ausschreibungen suchen, auf die sich die Firma bewerben konnte. Die entsprechenden Portale und Suchparameter hatte ich mir mühsam zusammengesucht, nun mussten nur noch die Suchergebnisse ausgewertet und die passenden Treffer gelistet werden. Tja, und das hab ich nicht hinbekommen. Ich starrte auf den Bildschirm und 3 Stunden später starrte ich immer noch auf die gleiche Stelle.

Jeden Morgen ging ich auf Arbeit und nahm mir vor: „Heute packst du es, heute stellst du die Liste zusammen.“ Abends nahm ich mir genau das selbe für den nächsten Tag vor, weil ich es mal wieder nicht gepackt hatte. Wenn es hoch kam, habe ich vielleicht 10 Stunden produktiv pro Woche gearbeitet. In einer kleinen Firma mit nur 60 Angestellten fällt das auf, da konnte ich nicht in der Masse verschwinden.

Es war nicht so, dass mich die Aufgaben an sich überforderten, dass ich das Wissen oder die Fähigkeiten nicht hatte. Ich konnte schlicht nicht.
Oft sah ich mir quasi selbst von außen bei meinem Versagen zu. Ich sah das Licht am Ende des Tunnels und wusste, dass das der entgegenkommende Zug war. Und wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrte ich und wartete auf den Aufprall.

Auch, wenn ich das alles geahnt habe, war die eigentliche Kündigung nochmal ein richtiger Tiefschlag. Es zog mir komplett die Füße weg. Wie betäubt wandelte ich die nächsten paar Tage rum. Ich konnte gerade noch so meinen Arbeitslosenantrag stellen, bevor mich meine Kräfte endgültig verließen.

Eine Freundin schickte mir aus heiterem Himmel einen Link zu einem Verein, welcher depressive Menschen beim Kontakt mit Behörden unterstützt, da sie wissen, dass genau solch persönliche Interaktion mitunter eine Sache der Unmöglichkeit ist. Dazu packte sie noch einen Link zu einem Blog, wo ein Betroffener schilderte, wie er erfolgreich einen Antrag auf 50% Grad der Behinderung gestellt hatte.

Immerhin war dies ein Ziel bzw. eine Möglichkeit. Nach langer Überwindungsphase rief ich bei meiner Psychiaterin an (Telefonieren ist ja auch noch so eine Baustelle) und bekam überraschenderweise gleich am nächsten Tag einen Termin. Vermutlich hatte ein anderer Patient abgesagt, weil in unserer Stadt an diesem Tag der Öffentliche Nahverkehr bestreikt wurde.
Die Psychiaterin unterstützte meinen Vorschlag wegen der Behinderung, obwohl sie mir wenig Hoffnung machte, dass es bei mir für 50% reichen würde. Sie schrieb mich zudem krank, damit ich den ganzen Ärger mit dem A-Amt nicht mehr an der Backe hätte und vor allem, damit ich keine Bewerbungen schreiben und Absagen kassieren müsste. Sie erhöhte meine Sertralin-Dosis von 100 auf 150 mg. Und sie setzte mich auf die Warteliste für eine hier sehr renommierte Tagesklinik, wo ich in ca. einem Monat noch mal anrufen und nachhaken sollte. Ob es wirklich tagesklinisch geht, hängt davon ab, wie die Therapeuten meine Bulimie bewerten.

Während der 3 Monate im Job hatte ich immer wieder mal mehr, mal weniger schwere Rückfälle, die aber schlagartig nach der Kündigung aufhörten. Nun ist so eine intensive Therapie recht stressig und kann gut neue Rückfälle triggern. Andererseits möchte ich nicht wirklich stationär gehen, da dann mein Mann die Woche über alleine mit den Kindern wäre und das ist derzeit eine echte Herausforderung.

Tja, so sieht’s derzeit hier aus. Nicht wirklich dolle. Immerhin ist unsere Wohnung Hartz-IV sicher, was – so blöd es klingen mag – eine Menge Druck von mir nimmt.

Letztendlich ist aber dennoch jeder Tag ein elender Überlebenskampf!

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Tiefenentspannt

Vor einigen Wochen flatterte ein Brief in meinen Postkasten, dass ich mich doch bitte zur „Besprechung meiner beruflichen Situation“ beim Arbeitsamt einfinden sollte.
Heute.
Um 8 Uhr.
Morgens.

Ich tat, wie mir geheißen und war sogar überpünktlich. Als ich frierend ob der frostigen Temperaturen mitten in der Nacht vor der Agentur auf Arbeit auf Einlass wartete, verfluchte ich einmal mehr meinen neuen Ex-Chef. Ein wenig erträglicher wurde die Warterei dadurch, dass jeder einzelne der zahlreichen anderen Wartenden auch gerne ganz woanders gewesen wäre. Endlich öffnete sich die Tür und die Menge verschlafener Bittsteller strömte ins Amt.

Auf der Einladung stand, ich solle mich in Zimmer 2.2.25 einfinden, also begab ich mich in den 2. Stock, wo mich diverse Schilder zu den verschiedenen Wartebereichen lotsen wollten. Leider fand ich keinen Wartebereich, der auf mich passte, aber bei der Suche stolperte ich an einer offenen Tür vorbei, schaute aufs Türschild und da stand tatsächlich 2.2.25.

Ich klopfte an, stellte mich vor und fragte, ob ich eintreten dürfte, was bejaht wurde. Der Mitarbeiter begrüßte mich freundlich mit Handschlag. Als erstes ging er meine Arbeitslosenmeldung durch, trug fehlende Angaben nach, ließ sich meinen Personalausweis zeigen und meinte nebenbei, dass er mich deswegen so früh einbestellt hätte, weil das Service Center wohl etwas derartiges in der Akte vermerkt hat. Super, ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas in der Richtung gesagt zu haben, geschweige denn gefragt worden zu sein. Na egal, ich war ja jetzt da.

Er fragte ein wenig kryptisch, ob ich mich denn schon irgendwo beworben hätte. Ich antworte, auf 4 oder 5 Anzeigen, eine Absage, der Rest offen. Auch, dass ich diese Woche nochmal nach Stellen geschaut hätte, es da aber ganz mau aussieht, vermutlich schon das Sommerloch. Er nickte und meinte, dass es auch auf dem Amt gerade schleppend läuft, zeigte sich aber sonst hochzufrieden mit meinen Antworten.

Weiter ging es mit meinem Lebenslauf und der Frage, wann ich denn nun verfügbar sei. Im System war der 31.7. vermerkt, was ich mit der Bemerkung korrigierte, dass es der 30.6. sei, weil da die dreimonatige Kündigungsfrist endete. Das mir gekündigt wurde, war dem Bearbeiter ebenso neu wie die Tatsache, dass ich direkt nach der Elternzeit die Kündigung erhalten hatte. Dadurch machte das von meiner Arbeitsstelle geschickte Entgeltformular erst Sinn und meinen Antrag erstmal wieder hinfällig, da die Leistungsabteilung nur vollständige Anträge bearbeiten kann und dadurch bei mir noch die Bescheinigungen von Krankenkasse und Elterngeldstelle hinzukommen.

Zum wiederholten Male schüttelte der Mitarbeiter seinen Kopf wegen der Schlampigkeit des Service Centers, das einfach nur halbherzig meine Daten erfasst hatte und ich jetzt nochmals losrennen und diverse Schriftstücke besorgen muss.

Allerdings hellte sich die Miene des Bearbeiters ein wenig auf, als er sah, dass ich direkt aus der Elternzeit komme. Denn damit hätte ich Anspruch auf Eingliederungshilfe zum Berufswiedereinstieg und das heißt, ich dürfe eine Weiterbildungsmaßnahme besuchen, so ich denn wolle. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon in einem Seminar „Wie bewerbe ich mich richtig“ gelangweilt aus dem Fenster starren, aber der Mitarbeiter meinte, ich hätte ja schon ITIL v3, wie wäre es denn, wenn wir diese Schiene weiter verfolgen, bspw. mit einem PRINCE2-Seminar.

Echt jetzt? So ganz im Ernst? Als ich damals die ITIL-Schulung machte, hätte ich gerne auch PRINCE2 gemacht, weil dann diese ganze Managementgeschichte abgerundet gewesen wäre, aber ITIL war einfach zu teuer, um da noch den Prinzen hinten ran zu hängen. Das sagte ich auch dem Mitarbeiter und er rieb sich nur die Hände und meinte, ich könnte bei der alten Weiterbildungseinrichtung nachfragen, er hat da guten Kontakt hin, die sind auch ganz gut im Bilden (was ich bestätigen kann) und sie wären vom Arbeitsamt zugelassen. Er nannte noch eine zweite Einrichtung, die ich allerdings nur vom Namen her kannte. Ich könnte auch woanders hingehen, aber soweit er wüsste, bieten nur die beiden genannten den Lehrgang an.

Sobald ich von einem Institut eine Zusage hätte, müsste ich einen Termin bei ihm vereinbaren, am besten per Mail, und dann bekäme ich den Bildungsgutschein. Das wäre dann auch der Zeitpunkt, wo ich ihm eine kurze Liste mit bereits erfolgten Bewerbungen schicken soll, ich bräuchte definitiv nicht den Nachweis von 5 oder mehr Bewerbungen aller 2 Wochen oder ähnlichen Schnickschnack.

Er druckte dann noch den halben Regenwald aus, überreichte mir davon aber nur 3 Blätter, mit weniger Papierverschwendung ist das wohl nicht möglich gewesen, weil das System das nicht kann. Ich bekam also meine Wiedereingliederungsvereinbarung, das Formular zum Elterngeld und den Schrieb für die Krankenkasse. Mit den Worten, dass ich mich, außer um Lehrgang und die Formulare, um nichts mehr kümmern muss, wurde ich verabschiedet.

Joar, so entspannt kann es aufm Amt auch zugehen 🙂