Reue und Ambivalenz

Einen Beitrag darüber zu schreiben, dass man das eigene Muttersein auf gar keinen Fall bereut, während das kleinere Kindlein einen seiner schlechtesten Tage überhaupt erwischt hat und in einer Tour ningelt, kommt der Quadratur des Kreises gleich.

Ja, es gibt Tage, da möchte ich meine Kinder auf den Mond schnipsen. Ohne Rückfahrkarte. Wenn sie mir so sehr auf den Keks gehen, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr höre. Oder wenn ich am liebsten allein wäre, aber selbst auf dem Klo nicht in Ruhe gelassen werde, weil der Große ganz dringend ein wichtiges Gespräch durch die geschlossene Badezimmertür führen muss. Wenn die Nacht viel zu kurz war, weil das eine Kind unter spontaner Inkontinenz und das andere unter Zahnungsschmerz leidet und selbst der größte Pott Kaffee der Welt nicht mehr als ein leichtes Flackern der Augenlider bewirkt.

An solchen Tagen wäre ich lieber kinderlos, denn auch das süßeste Lächeln des besten Kindes des Universum macht das nicht wieder wett, egal, wie oft einem dieser Spruch mantraartig vorgebetet wird.

Vielleicht liegt es daran, dass mir solche Tatsachen schon vor der Geburt des ersten Kindes bekannt waren, dass ich nicht generell bereue, Kinder bekommen zu haben, dass ich, könnte ich die Uhr zurück drehen, mich immer wieder für Kinder entscheiden würde.

Würde ich hingegen versuchen, dem von Medien und Tradition vermittelten Idealbild der Mutter zu entsprechen, könnte das wiederum ganz anders aussehen. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Frauen denken, als Mutter würde man dauernd Regenbögen pupsen und tagtäglich in Glückseligkeit vergehen, wenn einem das eigene Kind auch nur das zaghafteste Lächeln schenkt.

Die Realität sieht doch und sah schon immer ganz anders aus. Kinder sind anstrengend. Kinder nerven. Kinden rauben einem Zeit und schränken die persönliche Freiheit ein. Das war bei den Höhlenmenschen nicht anders, nur wurde vermutlich darüber viel offener geredet oder das Zusammenleben war enger und hautnahe Erfahren gang und gäbe, so dass Frauen nicht desillusioniert und völlig frustriert nach wenigen Monaten Muttersein zusammenbrechen.

Ob man zum Muttersein taugt, kann einem niemand vorher sagen. Das ist ein bisschen so wie ein neues, bislang unbekanntes Nahrungsmittel probieren. Da, beiß mal vom Brokkoli ab, der ist lecker. Und erst, nachdem man abgebissen hat, weiß man, ob einem das Grünzeug schmeckt oder man es doch lieber wieder ausspuckt oder schnell herunterwürgt. Dabei kommt es mit Sicherheit auch darauf an, wie sehr mir das Gemüse schmackhaft gemacht wurde. „Probier mal, ich find das lecker“ kontra „Das ist das leckerste, was du jemals essen wirst.“ Bei letzterer Anpreisung ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Essen nicht meine Erwartungen erfüllt und ich enttäuscht oder sogar frustriert bin, immens hoch. Mag beim Brokkoli die Sache im wahrsten Sinne des Wortes schnell gegessen sein, ist das bei Kindern leider nicht so einfach.

Ich behaupte, wenn Eltern von vornherein besser Bescheid wüssten, was auf sie zukommt und gleichzeitig nicht irgendwelchen Idealen hinterher jagten, siehe dieses wunderbare Thema Scheitern, wäre die Anzahl der bereuenden Eltern wesentlich geringer.

Ich liebe meine Kinder. Aber nicht über alles. Ich würde mein Leben für sie geben. Aber nicht mein Leben für sie opfern. Sie geben meinem Leben einen Sinn. Aber nicht den einzigen.

Ich wollte immer Kinder haben, das war Teil meines Lebensplans. Allerdings wusste ich auch von Anfang an, dass ich trotz Kinder Vollzeit arbeiten will. Mir war klar, dass mir Windeln wechseln, Spucktücher nähen oder lustige Pappfiguren basteln nicht die Erfüllung bringen würden.
In diesem Zusammenhang mag es durchaus eine glückliche Fügung sein, dass ich in der DDR aufgewachsen bin, wo arbeitende Mütter und im Haushalt mithelfende Väter Normalität waren und die nichtarbeitende Hausfrau und Mutter das Systemfeindbild schlechthin war. Entsprechend waren alle Mütter meiner Klassenkameraden bis auf eine arbeiten.

Man sollte sich außerdem vor Augen führen, dass Kinder sehr sensibel auf die Stimmungen ihrer Eltern reagieren. Wenn sie merken, dass sich ein Elternteil nicht wohl fühlt, nicht glücklich ist, dann denken sie zuerst, dass sie daran Schuld sind und so falsch liegen sie bei diesem Thema auch nicht. So sollten wir zuallererst den Kindern schuldig sein, unsere Ideale zu überprüfen und offene, ehrliche Diskussionen darüber zulassen und fördern. Es ist absolut niemandem geholfen, wenn die werktätige Mutter oder die passionierte Hausfrau oder die kinderlose Frau für die Wahl ihres Lebensstils angekreidet werden.

Wenn ich die Studienergebnisse und die Artikel dazu lese, denke ich, dass ganz dringend am idealen Mutter- bzw. Frauenbild gearbeitet werden muss. Solange Mütter dafür angegangen werden, dass sie nach einem Jahr Kindererziehung wieder arbeiten gehen wollen – so heute wieder in einer Facebookdiskussion geschehen – oder Frauen sagen, dass sie sich nur als Mutter von der Gesellschaft akzeptiert fühlen, oder von Frauen erwartet wird, dass sie sich vermehren, also weiterhin gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird, solange wird es auch Frauen geben, die diese Entscheidung bereuen.

Am Ende sind nicht nur die betroffenen Frauen und Kinder die Leidtragenden, sondern die gesamte Gesellschaft.