Torpedo

Wenn man in Interaktion mit anderen Menschen tritt, kann es passieren, dass man auf jemanden trifft, mit dem man jetzt nicht so gut kann. Wenn derjenige nicht zum eigenen Team gehört, kann man die Antipathie gut umgehen. Wenn doch, wird es ein wenig schwieriger.

Nun gibt es eine Kollegin, die es sich außerhalb ihrer Abteilung mit so ziemlich jedem verscherzt hat, mit dem sie zu tun hatte. Sie verkompliziert Dinge unnötig. Ihr muss man Sachen 2 oder 3 Mal erklären und dann hoffen, dass sie es verstanden hat. Sie bringt immer wieder unqualifizierte Einwürfe, die gar nichts mit der Sache zu tun haben. Oder verbessert einen, hat aber selber keine Ahnung.

In der Vergangenheit hatte ich nur selten mit ihr zu tun, war aber jedes Mal genervt. Seit meinem Upgrade zur Lizenzmanagerin allerdings gehört diese Dame zum Lizenzmanagementteam, damit sie die Sichtweise der Beschaffungsabteilung bei diesem Thema vertreten kann.

Vor Weihnachten bin ich bereits zweimal mit ihr richtig heftig zusammengerasselt, weil sie mir in ihrer dummdreisten Art mächtig gewaltig ans Bein pinkeln wollte. Das erste Mal hat sie in unserem Ticketsystem einen von ihr geschriebenen Kommentar dahingehend geändert, dass ich angeblich die Freigabe für ein bestimmtes Produkt erteilt hätte. Der ursprüngliche Kommentar wurde 5 Tage nach meiner Ernennung gemacht, zu einem Zeitpunkt also, wo ich mir nicht mal ansatzweise anmaßen würde, einen halbwegs tiefreichenden Einblick in die Materie zu haben, um eine solche Freigabe erteilen zu können. Leider werden diese Kommentaränderungen nur per Email erfasst, aber sind im Ticket selbst nicht mehr inhaltlich nachvollziehbar.

Da dieses Vorgehen nicht nur gegen meine Ehre, sondern auch gegen meinen Kragen ging, bat ich die Kollegin, die fragliche Passage wieder zu löschen. Was sie vehement ablehnte, denn ich hätte ihr mündlich während einer Schulung dies wohl bestätigt und sie hätte das nur aufgeschrieben. Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an diese Aussage erinnern, schon gar nicht in diesem Zusammenhang und bat erneut um Löschung. Wieder vergeblich. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr mitzuteilen, dass ich den Vorgang an meinen Chef eskalieren werde und zack, schon änderte sie den Kommentar.
Zudem wies ich darauf hin, dass in Zukunft nur ich selbst solche Freigabe-Kommentare verfasse.

Zum Glück war dann erstmal Weihnachten und wir konnten alle ein wenig verschnaufen, bis der Wahnsinn im neuen Jahr in die nächste Runde ging.

Es steht die Verlängerung des Microsoft-Lizenzvertrages an, der uns, je nach Entscheidung, für bis zu 3 Jahre in nicht unerheblichem Umfang an die Softwareschmiede knebeln würde. Wer sich mal zuhause die Lizenzbestimmungen für sein Windows durchgelesen hat, wird gemerkt haben, dass es da jede Menge Kleingedrucktes gibt. Das gibt es für Firmenkunden auch, nur gibt es dort noch verschiedene Rahmenverträge, Lizenzmodelle, Lizenzversionen und Abhängigkeiten kreuz und quer durch die gesamte Produktpalette. Also nichts, was man mal an einem Nachmittag gemütlich bei Kaffee und Kuchen durchblickt und entscheidet.

Weil es hier um sehr hohe 6-stellige Beträge geht, haben wir uns zwei externe Beraterfirmen ins Boot geholt, die mit ihrer Erfahrung und anderen Einblicken wertvolle Tipps geben konnten. Das Ziel war, dass am Ende ein übersichtliches Schriftstück herauskommt, anhand dessen die Geschäftsführung entscheiden kann, was wir machen. Außerdem wollte mein Chef, der eine Stufe unterhalb der Geschäftsführung steht, ein Dokument, mit dem er dann gegenüber den obersten Bosse sämtliche Varianten und Optionen erklären kann.

Ich habe also die letzten zwei Wochen fast nichts anderes gemacht, als jenes Dokument für meinen Chef zu erstellen, aus dem dann die Übersicht für die Geschäftsführung gebastelt werden kann. Es war kompliziert, es war nervenaufreibend und arbeitsaufwändig. So sehr, dass ich so viele Überstunden in den zwei Wochen angesammelt habe, wie im gesamten letzten Jahr. Immer wieder stellte ich die aktuellsten Versionen ins Intranet, informierte die Kollegen darüber und bat um Anregungen und Feedback.

Immer wieder stimmte ich zusätzlich die Ergebnisse mit den Beratern ab, auch in persönlichen Meetings, bei denen eben auch jene Kollegin dabei war. Diese Besprechungen hatten immer ganz enge Themen, je nachdem, was gerade dran war. Immer wieder grätschte die Kollegin dazwischen mit Themen, die entweder bereits geklärt oder zeitlich unkritisch waren. Durch diese Störfeuer ging immer wieder wertvolle Zeit verloren.

Am Ende eines der letzten dieser Meetings, als ich bereits einen ersten Entwurf für besagtes Dokument vorlegen konnte und auch signalisiert hatte, weiterhin an diesem Schreiben zu arbeiten, kam die Kollegin auf mich zu, meinte like a boss, ich müsse da ganz dringend dieses Dokument erstellen und müsste spätestens am nächsten Tag damit anfangen.

Ich war so baff ob dieser Anweisung, dass ich gar nicht reagieren konnte.

Wie auch immer, ich werkelte an dem Dokument, schlug mich weiter mit den Beratern rum, die mir ständig falsche oder wenig brauchbare Informationen schickten und las Lizenzbestimmungen noch und nöcher. Ich war so sehr in das Thema vertieft, dass ich sogar nachts davon träumte.
Da für heute eine finale Abstimmung angesetzt war, und ich gestern erst um 16 Uhr die Preislisten, die für eine qualifizierte Entscheidungsgrundlage elementar sind, erhalten hatte, saß ich also bis 19 Uhr auf Arbeit, geschlagene 11 Stunden, während daheim meine Familie wartete.

Nun gut, ausnahmsweise geht sowas auch, aber traurig fand ich es schon, weil meine Kinder sehr enttäuscht waren, dass ich sie gerademal ins Bett bringen konnte.

Während all dieser Zeit arbeitete ich quasi im Blindflug. Keine meiner Emails wurde beantwortet. Es gab keine Kommentare oder Änderungen am Dokument. Nichts. Nur Stille.

Heute nun war mein Chef im Abstimmungsmeeting dabei, um sich die Ergebnisse zeigen zu lassen. Als Erstes stellte er die Frage in die Runde, ob mir denn jemand geholfen hätte. Schweigen. Die zweite Frage war, ob irgendjemand das Dokument überhaupt gelesen hätte. Das Schweigen wurde lauter.
Ich begann, das Dokument zu erläutern und gleich beim ersten Abschnitt quatschte die Kollegen rein und meinte, dass das, was ich aufgeschrieben hätte, gar nicht mehr gültig wäre.

Ich schloss die Augen, sammelte mich kurz und las, entgegen meiner eigentlichen Absicht, den einleitenden Satz nach der Überschrift „Historischer Abriss“:

Bei der initialen Entscheidung für Vertrag XY wurden die folgenden Argumente als ausschlaggebend erachtet: […]

Beim zweiten Abschnitt das gleiche Spielchen. Mir wurde unterstellt, einen Sachverhalt fehlerhaft dargestellt zu haben. Wieder kurzes Sammeln, wieder Vorlesen eines Satzes, der den beanstandeten Punkt eineindeutig erläuterte.
Danach gab sie erstmal Ruhe und ich konnte den Vortrag ungestört beenden.

Mein Chef hatte ein paar Fragen, kleinere Punkte fehlten und bei den Berechnungen wollte er noch zwei weitere Alternativen haben. Nix weltbewegendes, krieg ich alles morgen hin.
Er bedankte sich für das Dokument, lobte Inhalt, Ausführlichkeit und Struktur. Wir stimmten noch den weiteren Zeitplan ab. Da die Kollegin zu diesem Zeitpunkt wieder mit den Störfeuern begann, verabschiedete ich mich eilig, weil ich den Großen aus dem Hort abholen müsse.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass mein Chef sich auch bei meiner nächsten Mitarbeitereinschätzung an all das erinnern wird. Dass ich das Teil im Alleingang gewuppt habe  – geschenkt. Aber dass dann trotzdem noch versucht wird, mich zu torpedieren, um selber nicht ganz so doof dazustehen, finde ich ganz unterste Schublade!

Kochkurs

An manchen Tagen ist es wahrscheinlich besser, man hört auf sein Gefühl und bleibt einfach im Bett liegen. Man weiß direkt nach dem Aufwachen, dass aus diesem Tag nichts gutes wird.

Es fing ja alles ganz harmlos an, das Kind hat sich relativ quengelfrei zur Schule bringen lassen, der Bus war einigermassen pünktlich und ich hatte sogar mein Pausenbrot dabei. Doch direkt nach dem Frühstück ging es los. Der große Boss (Chef meines Chefs) mockierte einen kleinen Tippfehler in der Tagesordnung für das heutige interne Meeting (Chef + Boss). Gut, wenn es ihn denn glücklich macht, hätte man aber ruhig ein wenig freundlicher formulieren können.

Geh ich runter zu unseren ITlern, hatte ein Angebot für eine Schulung dabei, die gerade sehr preisgünstig offeriert wird und vom Titel her passen könnte. Leider passte sie doch nicht, da zwischen verwendeter Programmversion und angebotener Schulung zwei komplette Versionen liegen und somit die Schulung nichts nützt. Nahm ich zur Kenntnis und meinte, wir hätten noch mehr Schulungsangebote bekommen, die könnten wir in der regelmäßig Montags stattfindenden Besprechung durchgehen, da diese nicht wie das Angebot zeitlich begrenzt sind. Da motzt mich der eine Kollege voll, was das soll, sie hätten noch nie eine Schulung bekommen, das wird jetzt wieder so sein und ich solle mir doch die Luft sparen. Da ich grundsätzlich seinen Frust verstehe, erklärte ich, dass wir ein kleines Budget für Schulungen haben und wir das jetzt verwenden könnten. Blafft der Kollege weiter, dass er das Wort Budget nicht mehr hören kann und ich solle ja abziehen mit den Angeboten und er würde das alles erst glauben, wenn er in einer Schulung säße.

Ja, wie denn du Horst, wenn du nicht mal darüber sprechen willst?!?

Das habe ich natürlich nur gedacht, trotzdem war mein Puls auf 180.
Zwischenzeitlich hat sich der Boss wieder gemeldet, ein bestimmtes Dokument müsse nochmal bis 13:30 Uhr ausgedruckt werden. Derjenige, der das Dokument erstellt hat, ist aber gerade bis nach 13 Uhr in einer Besprechung und das Dokument besteht aus 5 oder 6 Teilen von 20 möglichen, deren Anordnung ich nicht kenne und somit ohne den Kollegen nicht ausdrucken kann. Ich schreibe eine Mail mit Dringlichkeitsvermerk und genauen Anweisungen, was mit dem Dokument geschehen soll, biete meine Hilfe an, drücke innerlich die Daumen und hoffe aufs Beste.

Kurz vorm Mittag kommt ein Anruf aus der IT (anderer Kollege), dass bei einem bestimmten Server eine Festplatte defekt sei, sie gerne den Server runterfahren und die Festplatte tauschen wollen, aber vorher wissen möchten, wer da gerade drauf arbeitet und wann der Neustart denn unkritisch sei. Cheffe, der sowas auf Anhieb weiß, steckt in der nächsten Besprechung fest, also frage ich mich bei allen möglichen Leuten durch, bis ich endlich jemanden kriege, der den Server wenigstens kennt. Zum Glück stellt sich heraus, dass das Ganze nicht kritisch ist, der Server nicht permanent genutzt wird und daher gefahrlos heruntergefahren werden kann.

Puhh, Katastrophe erstmal abgewendet.

Seit vielen Wochen begleitet mich ein Thema, bei dem eine bestimmte Software auf die aktuelle Version gebracht werden soll. Weil dieses Update aber Geld kostet, benötigen wir dafür das OK des Bosses. Seit ebenso vielen Wochen rennt mein Chef dem Boss hinterher, um endlich dieses OK zu kriegen, aber in schöner Regelmäßgkeit platzen diese Termine oder werden von aktuellen Entwicklungen und Fusionen ausgebremst oder durch beinahe Katastrophen (s.o.) in den Hintergrund gedrängt. Die dazugehörgen Tickets liegen aber bei mir und ich verschiebe in ebenso schöner Regelmäßigkeit die Fälligkeiten, jeweils mit entsprechender Begründung. Da steht dann eben „Entscheidung von Big Boss steht aus, Fälligkeit wird angepasst.“

So einen Eintrag gab es heute erneut, weil das Thema – mal wieder – verschoben wurde. Da poltert dann eine Abteilungsleiterin los, dass das ja wohl nicht anginge, dauernd die Termine zu verschieben und sie würde das Thema jetzt eskalieren und überhaupt. Ja ne, is klar, weil du jetzt tobst, wird Big Boss hüpfen o.O

Zu allem Überfluss lese ich gerade im lokalen Nachrichtenblatt, dass morgen bei uns in der Stadt gestreikt wird und unser Hort dabei ist.

Für betroffene Kitas, Horte und Betreuungsangebote ist keine Notbetreuung vorgesehen. Die Eltern seien informiert worden, heißt es von Seiten der Stadt.

Ha! Als ob!

Wir wurden nicht informiert, mein Mann hatte genauso wenig Ahnung davon wie ich. Vermutlich erfolgt die Informierung, wenn wir das Kind gegen 17 Uhr aus dem Hort abholen, so dass uns wahnsinnig viel Zeit bleibt, die morgige Kinderbetreuung mit unseren Arbeitgebern zu klären.

Ehrlich, ich koche gerade und zwar so richtig!

Mir fehlt auch ein wenig das Verständnis für die Streiks, da ich die geforderten 6% mehr Lohn tatsächlich ein wenig unverschämt finde, die angebotenen 3% hingegen angemessen. Zumal es erst letztes Jahr das ganze Theater und eine ordentliche Erhöhung gab, Stichwort Verhältnismäßigkeit.

Ja, Streiks sollen weh tun, aber so ein klitzekleines bisschen Reaktionszeit wären auch schön und würden definitiv die Solidarität in der arbeitenden Bevölkerung, die auf diese Betreuung angewiesen ist, erhöhen. Wegen verspätet geleerten Mülltonnen verliere ich nämlich im Zweifelsfall nicht meinen Job!

Jetzt warte ich auf meinen Chef, denn der ist nämlich seit einer Stunde verschwunden, aber ich hätte das Thema schon gern geklärt, bevor ich heute in den Feierabend entfleuche …

© Foto von Flickr/Annie Roi „Some fire“, (CC BY 2.0)