Panik

Das Beste zuerst: ich hatte ein fantastisches Wochenende. Eines, dass einem selbst Tage später noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Immer wieder!

Selbst der Zwischenstopp bei meinen Eltern kann den Gesamteindruck nicht gänzlich trüben, obwohl da schon ein paar Wölkchen dabei sind.

Was mich aber richtig aus den Latschen kippt, ist der morgige Tag. Ich schiebe hier die völlige Panik. Das volle Programm. Herzrasen. Weinkrämpfe. Durchfall. Alles, was man eben so braucht, um am nächsten Morgen fit auf der Matte zu stehen.

Ich habe Panik, ins Bett zu gehen, weil ich dann irgendwann aufstehen muss. Den neuen Tag meistern muss. Und alleine die Vorstellung daran macht mich alle. Raubt mir sämtliche Energie.

Mein alter Chef, C1, meint, ich solle durchhalten, um eben keine neue Munition für die Fehltageproblematik zu liefern. Aber ich sehe den Sinn darin nicht. Erstens bin ich in der Tat völlig alle, körperlich, nervlich. Und zweitens gehe ich einfach nicht mehr davon aus, dass ich entfristet werde, dass mein Arbeitsvertrag über den 30.09. hinaus läuft. Warum also sollte ich mir jetzt noch den Arsch aufreißen?

Sollen sie halt ihren Vertreter finden und einarbeiten. Keinen Job zu haben, womöglich sogar im Hartz IV zu landen, alles ist wirklich besser als das, was ich jetzt durchmache.

Das nur als kurzen Zwischenstand von der Front (ja, das ist ein beschissenes Kriegsgebiet hier), wo sich der letzte Rest Kampfgeist in einem trotzigen Ausbruch manifestiert.

Schall und Rauch

Wie die meisten, so erschütterte auch mich der tragische Absturz des Germanwings-Flugzeugs. Was mich allerdings noch viel mehr erschütterte und verstörte, war die journalistische Berichterstattung, die auf den Absturz folgte.

Als erstes gab es auf den verschiedenen Portalen Liveticker und mein erster Gedanke war: Geht’s noch?
Liveticker machen Sinn bei andauernden, laufenden, aktuellen Ereignissen wie Fußballspielen oder auch Bundestagsdiskussionen und -abstimmungen, jedoch nicht bei einer finalen Sache wie einem Flugzeugabsturz. Da reichen Artikel mit den bislang verfügbaren Informationen, die aktualisiert werden, sobald es neue Erkenntnisse gibt.
Das gleiche gilt für Eilmeldungen. Mein Facebook-Newsfeed quoll förmlich über mit ganz wichtigen Meldungen, die sich am Ende als überhaupt nicht wichtig herausstellten. Mein Handy vibrierte fast minütlich und kündigte mir eine neue unnütze Eilmeldung an. Es ist letztendlich egal, ob 68 oder 72 Deutsche unter den 150 Toten waren. Es sind Menschen gestorben. Punkt!

Ich kann nachvollziehen, dass sich durch das Internet und dem jederzeit online sein durch Smartphones die Informationsgeschwindigkeit unglaublich erhöht hat. Dennoch sollten alle veröffentlichten Informationen auf ihre Relevanz und Korrektheit geprüft werden. Allzu oft gab es aber nur Spekulationen und dies nicht nur bei den Boulevardportalen, sondern auch und in erheblichem Umfang bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Bereits am Montag Mittag gab es erste Liveschaltungen nach Paris zu einer Korrespondentin, die genauso viel wußte wie der Moderator im Studio. Die Schalte nach Barcelona erschließt sich mir bis heute nicht. Es folgte eine Liveschaltung nach der anderen, in alle möglichen, auch nur im entferntesten mit dem Flug oder dem Absturz in Verbindung stehenden Orte, zu Zeiten, in denen nur bekannt war, dass die Maschine vom Radar verschwunden ist. Mir taten die Reporter vor Ort leid, die gezwungen wurden, sinnlose Fragen spekulativ zu beantworten oder in einer einzigen Schalte dreimal betonen zu müssen, nichts Konkretes berichten zu können.
Den Moderatoren im Studio, namentlich Camilla Senjo und Norbert Lehmann, sah man an, dass auch ihnen der Job unangenehm war und sie nur den Regieanweisungen folgten, weil das eben von ihnen verlangt wurde.

Als sich herausstellte, dass eine gesamte Schulklasse in dem verunglückten Flugzeug saß, konnte ich förmlich sehen, wie sich in den Redaktionen die Hände gerieben wurden. Endlich hatte man eine Tragödie im Unglück gefunden. Mir war es peinlich, als ich die Fernsehbilder von vor der Schule sah. Wie die Geier stürzten sich die Journalisten auf die Schüler und Angehörigen, die Einwohner Halterns, die zum zentralen Ort der Trauer gingen, um Anteil zu nehmen. Da fehlte jegliche Distanz, jeglicher Respekt vor den menschlichen Schicksalen, alles wurde ausgeschlachtet, nur für die Quote oder den Klick mehr.

Richtig skandalös wurde es allerdings, als sich die Hinweise verdichteten, dass der Co-Pilot absichtlich die Maschine gegen den Berg lenkte. Wie schon so oft davor, wurde dem vermeintlich Schuldigen eine Bühne geschaffen, welche einfach nur abartig, pervers und sensationsgeil ist.

Ich kann nicht verstehen, warum den Tätern, den Verursachern solcher Tragödien immer ein solches Denkmal errichtet wird. Oklahoma, Erfurt, New York und Arlington, Winnenden, Utøya, Boston, Newtown, Paris, 4U9525 – ich kenne alle Namen der Täter, könnte sie im Schlaf aufsagen. Dabei will ich das gar nicht, interessieren mich gar nicht. Durch den medialen Dauerbeschuss jedoch, dem ich mich nur schwer entziehen konnte, es sei denn, ich hätte jeweils wochenlang weder Radio noch Fernsehen noch Internet genutzt, brannten sich die Namen in mein Gedächtnis ein. Zudem haben ALLE Täter einen Wikipedia-Eintrag. Im Gegenzug kenne ich nicht den Namen eines einzigen Opfers.

Dabei haben doch zahlreiche Studien gezeigt, dass die mediale Aufmerksamkeit, die Aussicht auf die sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm, eine wesentliche Triebfeder solcher Menschen sind. Das ist, oder besser sollte, auch jedem Journalisten bekannt sind, und trotzdem lässt sich die mediale Vorgehensweise bei jeder neuen Tragödie präzise vorhersagen.

Wenn die Angehörigen das wünschen, und nur dann, kann ich mir auch vorstellen, mehr über die Opfer zu erfahren. Sonst sollten die Hinterbliebenen in ihrer Trauer in Ruhe gelassen werden. Es ist schrecklich genug, einen geliebten Menschen auf so tragische Weise zu verlieren, da sollte sich niemand noch mit der medialen Meute herumschlagen müssen. Dies gilt vor allem und insbesondere für die Familien und Freunde der Täter, die in den meisten Fällen genauso verständnislos, überrascht und erschrocken über die Taten sind wie der Rest der Welt. Dazu kommen automatische Vorwürfe, ob man denn nicht hätte etwas ahnen müssen, das Unglück hätte verhindern können.

Was mir derzeit im Nachgang richtig Bauchschmerzen macht, ist der Umgang mit der Krankheit Depression. Die Stigmatisierung hat eingesetzt und die jahrelange, mühevolle Enttabuisierung wurde mit einem Schlag zunichte gemacht. Es fing mit Sebastian Deisler an, der sich öffentlich zu dieser Krankheit bekannte und zum ersten Mal das Thema Depression ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Der Tod Robert Enkes brachte einen weiteren Schub und viele, viele Lippenbekenntnisse, mehr gegen diese Krankheit tun zu müssen und besser aufzuklären.

Nun aber hat eine einzelne Person einen schrecklichen letzten Ausweg gesucht und dabei alle psychisch Kranken unter Generalverdacht gestellt. Auch ich habe eine Lücke in meinem Lebenslauf, 3 Jahre, in denen ich aufgrund der Krankheit nicht arbeiten konnte. In Vorstellungsgesprächen wurde ich bislang nie auf diese Lücke angesprochen, doch hatte ich mir bisher immer vorgenommen, falls die Frage kommt, wahrheitsgemäß zu antworten. Ich finde, es ist nichts, wofür ich mich schämen sollte. Ich war krank, ich habe alles mir Mögliche dagegen unternommen und bin, soweit dies bei dem Krankheitsbild möglich ist, genesen.

Jetzt allerdings überlege ich, ob ich nicht doch besser eine Ausrede nutzen sollte, Arbeitslosigkeit und Elternzeit, um meine Chancen am Arbeitsmarkt nicht zu torpedieren.

Und so hat dieser Flugzeugabsturz viel mehr zerstört als 150 Leben und ein Flugzeug.

Zuviel – Update

Ich hab heute meinen ganzen Mut (der Verzweiflung) zusammen genommen und bei meiner Therapeutin angerufen. Sie konnte sich noch an mich erinnern, meinte aber, ich solle im März noch mal anrufen, dann könne sie mir eventuell Termine für April oder Mai oder vielleicht auch erst Juni geben. Nicht so prall, wenn ich jetzt Hilfe brauche. Sie gab mir daher den Hinweis, es bei der Kassenärztlichen Vereinigung zu versuchen, die würden wohl auch die Anrufe bei den Therapeuten übernehmen, bis jemand gefunden wäre, der freie Termine hätte. Kommt mir mit meiner Telephonphobie sehr entgegen.

Also Nummer rausgesucht, angerufen, bei der Vermittlung gelandet, Sprüchlein aufgesagt, sollte weiter verbunden werden, aber dann sagte mir die Dame, dass Telefonzeiten nur von 8:30 – 12:30 Uhr sind. Tja, da war ich um 13 Uhr ein bissl zu spät dran. Sie hat mir aber noch die direkte Durchwahl gegeben und ich versuche es morgen nochmal.

Dann war ich noch bei meinem Hausarzt, für ein bisschen medikamentöse Unterstützung, welche er auch gewährte, kennt er doch meine Vorgeschichte. Sertralin bekommen und den Hinweis, das Medikament schleichend einzuführen, also erst eine Vierteltablette pro Tag in der 1. Woche, dann eine halbe in der 2. und ab dann die normale volle Dosis. Ja, würde ich machen, bis ich die Tablettengröße gesehen habe. Beim Teilen in Hälften hab ich mir fast die Finger gebrochen, so winzig sind die Dinger. Wie ich da Viertel draus machen soll, ohne die zu pulverisieren, weiß ich nicht, also fang ich mit der halben Dosis an und hoffe aufs Beste.

Zuviel

Sieht so aus, als müsste ich den vergangenen Monaten letztendlich Tribut zollen.

Mir geht es nicht gut. Ich schlafe schlecht. Bin häufig mies gelaunt. Kann mich zu nichts aufraffen. Habe ständig Kopfschmerzen.

Am liebsten würde ich mich für 1-2 Wochen einfach aus der Welt ausklinken, ganz allein irgendwo hin fahren, egal wo, Hauptsache weg von der Verantwortung, der Abhängigkeit, dem Müssen.

Ich liebe mein Mädchen über alles, doch derzeit nervt es mich so unglaublich, da sie – mal wieder – jegliche feste Nahrung verweigert und nur auf mich fixiert ist. Meist mag ich die intimen Momente des Stillen, aber gerade jetzt ist es mir zuviel.

Zuviel, immer diese Familie vorm Zerbrechen zu bewahren, zumal ich das Gefühl habe, dass diese Bestrebungen nur einseitig sind. Mein Mann weigert sich, sich professionelle Hilfe zu suchen und macht einfach weiter wie bisher. Für ihn scheint das alles normal zu sein, während ich leide. Darüber reden will er nicht.

Mein Vertrauen ist zerstört. Schön, dass er jetzt wieder öfter weggeht, sich mit Freunden trifft, aus seiner Lethargie erwacht. Bei mir ist jedoch jedes Mal die Angst dabei, dass am nächsten Morgen alles anders ist, dass nachts zuvor erneut jemand war, der ihm gezeigt hat, was alles möglich sein kann.

Aus dem angepeilten Gespräch zwischen Weihnachten und Neujahr ist nichts geworden, er hat es schlicht ausgesessen. Als ich ihn darauf ansprach, zeigte er sich gesprächsbereit, doch am Ende habe nur ich Vorschläge gemacht, welche er alle gut fand, von denen aber nicht ein einziger bisher umgesetzt wurde.  Von ihm kam nichts.

In all dieses Chaos kam die Nachricht mit der Kündigung. Wo meine Kraft gerade so zum Überleben reicht, soll ich mich zudem noch dem demütigenden Prozess der Bewerbungen, Vorstellungsgespräche und Absagen widmen.

Eigentlich steht auch immer noch der Umzug im Raum, da sich die Hausverwaltung wie gewohnt nicht um das Schimmelproblem kümmert. Übrigens kümmert sie sich auch nicht um eine mögliche Ratenzahlung der Nebenkostennachzahlung, ein weiteres Thema, welches unerledigt auf dem Tisch rumlungert. Für einen Umzug bräuchten wir aber eine neue Wohnung, aber wie soll man eine finden, wenn man nicht mal danach sucht. Wenn ich es nicht mache, dann auch kein anderer.

Wie beim Thema Einschulung, Schulwechsel, Schuleingangsuntersuchung, Auto, Urlaub, Kindergrippe, …

Ich könnte mir vom Arzt was verschreiben lassen, doch dazu müsste ich zu ihm hingehen. Derzeit für mich unmöglich. Meine Therapeutin anrufen. Genauso unmöglich.

Mehr schlafen. Mein Kopf lässt mich nicht.

Mehr.

Zuviel.

Jérôme

Psychokram, könnte triggern.

————————————–

Während meiner ersten stationären Psychotherapie war ich an der hiesigen Uniklinik. Daraus ergaben sich einige Besonderheiten. Zum einen waren die Krankheitsbilder äußerst heterogen, da war quasi alles dabei. Zum anderen waren durch die tiefenpsychologische Ausrichtung die Fälle meist auch akuter und viele dieser Fälle wären in anderen Einrichtungen wohl eher auf die Geschlossene als auf die „normale“ Station gekommen. (Das ist meine subjektive Wahrnehmung im Vergleich zur verhaltenstherapeutischen Ausrichtung ein Jahr später in einer anderen Einrichtung.) In der Klinik gab es sowohl stationäre als auch tagesklinische Patienten, die um 17 Uhr Feierabend hatten und erst am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder da sein mussten.

Einer dieser Patienten war Jérôme, welcher mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Er war Anfang 20, recht gut aussehend, hatte diesen fantastischen französischen Namen von seinen Eltern bekommen, studierte, hatte bereits einen Einsatz als Entwicklungshelfer in einem zentralafrikanischen Land hinter sich und war Mitglied in einer in Deutschland als Sekte geltenden Kirche. Wenn wir miteinander zu tun hatten, konnte ich nicht erkennen, warum er überhaupt in der Klinik war, für mich erschien er ausgeglichen und einigermaßen zufrieden.

Vermutlich erzeugte ich bei den anderen Patienten ein ähnliches Bild, denn zu diesem Zeitpunkt war mir meine Außenwirkung noch unheimlich wichtig. Ich hatte nur ein bisschen Depressionen, nix dramatisches, und weil ich gerade nichts besseres vor hatte, machte ich eben diese Therapie. Das ich wegen der Krankheit meine Arbeit habe aufgeben müssen, dass ich monatelang das Haus nicht mehr verlassen konnte, dass ich sogar Sanktionen vom Arbeitsamt erhielt, weil ich nicht in der Lage war, wichtige Termine wahrzunehmen, all das verschwieg ich. Nur meine Essstörung konnte ich leider nicht verheimlichen, denn alle Patientinnen dieser Kategorie durften das Gelände nicht alleine verlassen* und mussten nach dem Mittagessen zwangsweise eine Dreiviertelstunde „Mittagsschlaf“ halten. Und das fällt besonders auf, wenn man wie ich Raucher war und die obligatorische Kippe nach dem Essen eben nicht rauchen durfte und es außerdem herrlichstes Sommerwetter ist und sich alle anderen in dem herrlich schattigen Hof aufhielten.

Mit Jérôme konnte man sich gut unterhalten. Er erzählte von Afrika, von seiner Freundin, seiner Familie, wir spielten Tischtennis und hatten Spaß zusammen. Nichts deutete darauf hin, dass es ihm schlecht ging. Wenn es vielleicht ein Zeichen gab, dann dass er Mittags beim Autogenen Training keine Ruhe finden konnte. (Zur Erklärung: Beim AT in dieser Klinik saßen alle Patienten in einer großen Runde, jeder führte für sich das AT aus und danach wurde dem Therapeuten und der Runde kurz über Erfolg oder Misserfolg berichtet.)
Mir selbst ging es an diesem Tag nicht besonders gut, ich war sehr unruhig und aufgewühlt. Ich konnte nicht schlafen, hatte zuviele Gedanken in meinem Kopf schwirren. Irgendwann gegen 2 oder 3 Uhr morgens reichte es mir, ich ging ins Schwesternzimmer und bat um eine Wärmflasche. Dabei war es mir völlig egal, dass es mitten im Sommer und immer noch satte 25 Grad warm war. So eine externe Wärmequelle ist unglaublich tröstend und außerdem hoffte ich, dass ein kurzes Gespräch mit dem Nachtpersonal sein übriges tun würde.

Wie ich so auf meine Wärmflasche wartete, klingelte es an der Kliniktür. Eine Schwester kümmerte sich um den nächtlichen Besucher. Nach wenigen Minuten kam sie mit einem völlig aufgelöstem, total blutverschmierten Jérôme ins Zimmer. Soviel Blut, dass das Gesicht nicht mehr richtig zu erkennen war, die Haare verklebt, das T-Shirt nass. Mir wurde eilig die Wärmflasche in die Hand gedrückt, ich wurde gefragt, ob das erstmal reicht. Meine Probleme sind schlagartig ganz klein, ich zog mich zurück, die Pfleger hatten gerade wichtigeres zu tun.

Am nächsten Morgen beim Frühstück saß Jérôme mit am Tisch und ich sah, woher das ganze Blut stammte. Er hatte sich mit einer Rasierklinge beide Wangen und die Stirn mit unzähligen Schnitten geritzt. Die Wunden sind jetzt zwar versorgt, der Anblick aber nicht minder erschreckend. Natürlich ist er Gesprächsthema unter den Patienten und bei den Therapiestunden. Nicht aus Sensationshunger oder krankhafter Neugier, sondern weil jeder einzelne heftig auf diesen Anblick reagiert, auf diese Krise aus dem Nichts.
Ich habe bis dahin nur geritzte Arme und Beine gesehen, das Gesicht war mir neu. Und bis heute frage ich mich, wie groß der innere Druck gewesen sein muss, dass er nur durch eine solche Aktion abgebaut werden konnte.

Jérôme wurde daraufhin stationär aufgenommen. Da er nicht in meiner Therapiegruppe war, habe ich auch nie erfahren, was die Ursache für die Krise war oder wie es mit ihm weiter ging.
Ich hoffe und wünsche mir, dass er die ihm angebotene Hilfe annehmen konnte und seine Dämonen in den Griff bekommen hat.

 

* Diese Regelung nahm teilweise absurde Züge an. So musste ich einmal in die Hautklinik, da ich allergisch auf die stärkegestärkte Klinikbettwäsche reagierte und sie extra für mich einen Krankenwagen anfordern mussten, weil ich den Kilometer bis zur Klinik nicht alleine laufen durfte. Ich hätte in dieser Zeit ja den nächsten Dönerladen leerkaufen können oder so.

Tiefpunkt

Mir geht’s grad nicht so gut. Um ehrlich zu sein geht’s mir grad richtig beschissen. Ich lieg wie jede Nacht wach im Bett, aber heute auch mit vollem Programm, heulen und so.

Naja, andererseits hat es sich ja schon einige Zeit angedeutet, nur habe ich das mehr oder weniger erfolgreich verdrängt. Mich selber belogen. Mir war schon klar, was die Schlafstörungen bedeuten, die innere Unruhe, die Schmerzen in Schulter und Rücken. Aber zugeben, mir eingestehen, dass da doch wieder die Depressionen da sind und die Ängste, ist nun mal scheiße.

Ich krieg im Moment überhaupt nichts mehr auf die Reihe, versuche einfach nur, die Tage zu überleben, die sollen nur vorbei sein. Ich lenke mich so gut es geht mit den Schicksalen anderer Menschen ab, die Blogwelt ist immerhin voll davon, bloß um nicht auf mein eigenes Elend schauen zu müssen.

Das Beschäftigungsverbot ist wie ein Fluch für mich. Klar, es war durch die körperlichen Symptome indiziert, ganz so leichtfertig gibt ein Arzt so einen Schein nicht raus. Aber psychisch hat es mich total aus der Bahn geworfen. Keine Struktur mehr im Tag, keine Ziele, keine Aufgaben. Ich wurde nicht mehr wirklich gebraucht. Das fehlt mir. Und mir fehlen meine Kollegen. Der Schwatz aufm Gang. Das bei Problemen helfen können. Die Bestätigung, etwas geleistet zu haben. Es ist erschreckend, wie schnell ich ersetzt wurde und das auch noch ohne große Probleme. Dazu die Zweifel, ob meine Vertretung nicht besser ist als ich, beliebter, anerkannter.

Im Freundeskreis isses auch grad richtig mau. Da gab es im Sommer mit der Frau meines besten Freundes einen Riesenknatsch. Ich konnte meine Klappe mal wieder nicht halten, sie beharrte auf ihrem Standpunkt, Ende der Kommunikation. Und seitdem ist auch das Verhältnis zu meinem besten Freund etwas frostig. Wir reden zwar noch miteinander, aber irgendwie fehlt die Vertrautheit. Und sonst bin ich nicht mit besonders vielen engen Freunden gesegnet bzw. habe ich in der Vergangenheit einfach niemanden mehr an mich rangelassen, da ist einfach zuviel Mist passiert.

Die finanzielle Lage ist auch ein wenig angespannt. So toll der Urlaub gewesen ist, er hat ein größeres Loch in die Kasse gerissen, als ich angenommen hatte. Dazu dann noch das neue Notebook. Ich hatte vor der Bestellung extra noch den Kontostand geprüft, doch kaum war das Teil bezahlt, purzelten lauter Rechnungen, mit denen ich nicht gerechnet hatte, ein. Zum einen die viel zu verspätete Kreditkartenabrechnung aus dem Urlaub. Dann noch die Jahresgebühr für Xing. KFZ-Versicherung. Handyrechnung, die Geburtstage meiner Eltern und Weihnachten stehen vor der Tür. Keine Ahnung, wann ich da wieder eine schwarze Null sehe. Dann überleg ich mir, wie es denn nun mit dem Erziehungsgeld werden soll. Reicht das tatsächlich? Auch wenn 600 Euro im Monat fehlen? Da hab ich das neue Notebook und sollte als Technikfreak aus dem Häuschen sein und kann mich Null daran freuen. Ich sollte angesichts der Leistung des Teils grenzdebil vor mich hinsabbern, stattdessen bleibt mir nur noch die Spucke weg.

Dann die Sorgen um den Krümel. Diese blöde Feindiagnostik hat mich so unsäglich verunsichert. Was, wenn doch nicht alles ok ist? Was, wenn doch noch irgendwas gefunden wird? Um mich herum schlägt eine Horrorgeschichte nach der anderen ein, wo Kinder viel zu früh kamen, oder es innerhalb oder außerhalb des Bauchs nicht geschafft haben. Dazu kommt, dass der Krümel die letzten Tage ungewöhnlich ruhig ist.

Es ist dann auch nicht hilfreich, dass meine Eltern, die dem Krümel eh von Anfang an skeptisch gegenüber standen, nicht einmal aufmunternde Worte nach dem Feindiagnostiktermin fanden. Nicht einmal kam, dass wir das schon gemeinsam packen würden oder es würde schon alles gut werden. Irgend so ein belangloses Zeug. Irgendwas. Bloß nicht dieses unterschwellige „dann treib’s doch ab“.

Dazu noch dieses leidige Thema von vor 1,5 Jahren. Bis jetzt konnte ich mit niemandem darüber reden, trotzdem es jeden Tag an meiner Seele frisst, sich immer wieder in meinen Kopf drängt. Ich weiß, dass ich dieses Thema angehen muss, aber wem soll ich mich anvertrauen? Wer würde zuhören, ohne mich zu verurteilen, denn das tue ich selber schon genug. Meine Eltern sicher nicht, die hätten sich einen anderen Ausgang gewünscht. Meinen Mann würde es zu sehr verletzen. Und mehr gibt es da grad nicht. Also versuche ich, das Thema mit mir klar zu machen, aber es gelingt mir nicht, sondern raubt mir nur die Kraft.

Und so mache ich, was ich immer in solchen Situationen mache. Ich verkrieche mich in mir, ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück. Ich gehe nicht mehr raus, es sei denn, es geht nicht anders, ich hab einen wichtigen Termin. Ich nehme meine Umwelt kaum noch wahr, kümmer mich weder um sie noch um mich. Esse unregelmäßig, stopfe irgendwas in mich rein oder vergesse das Essen.

Die Wohnung versifft. Ich sehe es und es kotzt mich an, aber ich habe keine Kraft, mich aufzuraffen und es zu ändern. Ich mag derzeit niemanden in unsere Wohnung lassen, weil ich mich schäme, wie es hier aussieht.
Ich schaffe es nur unter Mühen, die gewaschene Wäsche auch aufzuhängen. Immer wieder muss ich eine Waschladung ein zweites Mal waschen, da sie beim ersten Mal zu lange in der Waschmaschine lag und angefangen hat zu stocken.

Am meisten tut es mir leid für den Kleenen. Ich bin ihm derzeit keine echte Mama mehr. Ich sollte für ihn da sein, ihm zuhören, wenn er etwas erzählt, ihn trösten, wenn er traurig ist, ihn loben, generell an seinem Leben teilhaben. Stattdessen ist mir das alles zuviel. Ich bin genervt von ihm wegen Kleinigkeiten. Ich weiß, wie falsch mein Verhalten ist, wie sehr es ihm schadet und weh tut. Aber es ist, als würde ich als Beobachter daneben stehen und nicht eingreifen. Ich vermisse den Kleenen, obwohl er jeden Tag bei mir ist. Nur wenn er im Bett liegt und friedlich schläft, kann ich mich in Ruhe neben ihn setzen und ihm beim Schlafen zuschauen und ihm nah sein. Doch das schlechte Gewissen bleibt. Und jedes Mal vorm Einschlafen fasse ich den Entschluss, es am nächsten Tag besser zu machen. Um dann wieder und wieder daran zu scheitern.

Und professionelle Hilfe suchen? Schön wär’s, wenn ich es könnte. Mal abgesehen davon, dass Termine beim Psychotherapeuten erst in einem halben Jahr zu haben sind, würde es nicht bezahlt werden. Da der Abschluss meiner letzten Therapie erst 2,5 Jahre her ist und man erst nach 3 Jahren wieder neu darf. Und Medikamente mag ich keine nehmen, da ich nicht glaube, dass Psychopharmaka so sonderlich gesund für den Krümel sind.

Also hock ich hier, heule Rotz und Wasser und denke über Möglichkeiten nach, wie ich mich selber wieder aus diesem dunklen Loch rausziehen kann.
Ich warte darauf, dass irgendetwas passiert, dass mich in Bewegung versetzt, mir den nötigen Anstoß gibt. Irgendwas.
Gleichzeitig habe ich Angst, dass es so bleibt oder noch schlimmer wird. Und diese Hilflosigkeit macht mich alle.

Aber aufgeben gültet nicht, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie ich weitermachen soll.

Gedankenstürme

Zugegeben: die letzten Monate waren schon heftig, viele Ereignisse, die auf mich einstürzten und zu wenig Zeit, diese zu sortieren und zu verarbeiten. Und es geht ja auch erstaunlich lange gut, solange immer wieder ein neues Ereignis das andere ablöst und mich beschäftigt hält.

Nur leider habe ich seit dem Beschäftigungsverbot keine Ereignisse mehr, die mich beschäftigt halten und so hat mein Gehirn viel freie Zeit, um sich den vergangenen Erlebnissen zu widmen. Vorzugsweise nachts, wenn ich schlafen möchte. Dann beginnen die Gedankenstürme und halten mich wach. Und es sind nicht ein oder zwei Gedanken, sondern viele, sehr viele.

Meist drängt sich ein Gedanke in den Vordergrund und ich fange an, mich mit dem zu beschäftigen. Doch ich komme nicht dazu, diesen auch bis zu Ende zu denken, da sich nach 2/3 ein anderer Gedanke in den Vordergrund drängelt. Meistens unbemerkt, so dass ich dann den neuen Gedanken verfolge. Manchmal bemerke ich das Reindrängeln und gehe zurück zum alten Gedanken und ab und zu schaffe ich es sogar, diesen „zu Ende“ zu denken. Und er ist zumindest für diese Nacht abgehakt. Doch die nächsten Gedanken lauern schon.

Es ist wie ein großer Raum, in dessen Mitte eine schwache Glühbirne brennt. Direkt unter der Glühbirne kann ich die Gedanken erkennen, die sich in den Vordergrund drängeln, die meinen, sie seien am Wichtigsten, die wie in der Schule mit dem Finger schnippen und rufen: hier, ich! Dann schon ein weniger im Schatten die etwas schüchternen, die geduldig warten, bis die Drängler fertig sind. Und dann die im Verborgenen. Von denen ich nicht weiß, wie viele es genau sind, aber ich kann sie leise tuscheln hören. 

Es sind auch nicht unbedingt die ganz großen Gedanken, die um die Zukunft oder die blanke Existenz. Solche hatte ich auch schon früher, als ich permanent im Dispo war oder als während meiner Therapien mein Innerstes nach außen gekehrt wurde. Es sind die ganz normalen, alltäglichen Sachen, die Nachts in meinem Kopf Samba tanzen. Die um die Dinge, die ich noch vor der Geburt erledigen muss. Oder welcher Arzttermin gerade ansteht und was ich da fragen soll. Oder was ich jetzt mit meinem vermaledeiten Mobilfunkanbieter mache. Manchmal sind auch emotional schwierige Themen dabei wie die Krise im letzten Jahr. Oder eben das Fehlbildungsszenario. Und auch, wenn diese Themen an sich durch sind, tauchen sie immer wieder auf.

Und ich kann derzeit nicht viel dagegen tun. Ich versuche es mit autogenem Training, um meine Gedanken zu beruhigen, aber die Streber unter den Gedanken schnipsen sich einfach dazwischen. Ich denke dann darüber nach, wie ich das in der Vergangenheit lösen konnte. Bei leichten Böen haben Hörbücher ganz gut geholfen, die haben die Gedanken verstummen lassen. Aber bei richtigen Unwettern hilft das auch nicht.

Denn es gab immer wieder mal solche Episoden bei mir. Am schlimmsten war es vor knapp 10 Jahren, da ging es mir richtig schlecht. Ich habe damals pro Nacht nur 2 oder maximal 3 Stunden geschlafen. Bin oft erst um 4 oder 5 Uhr morgens zur Ruhe gekommen, durfte aber je nach Schicht, um 7 oder spätestens um 9  wieder auf der Matte stehen, bei einem Job, denn ich hasste, in einer Stadt ohne Freunde. Ich war völlig alle, Null leistungsfähig und überhaupt nicht belastbar. Ich bin damals zum Arzt gegangen und bat ihn um ein Schlafmittel, welches er mir äußerst widerwillig verschrieb. Ihm wäre es lieber gewesen, ich hätte die Ursachen der Schlafstörung bekämpft, aber dazu sollte es erst 3 Jahre später kommen. Das Schlafmittel half nichts, die Gewitter in meinem Kopf waren zu übermächtig. Es änderte sich erst, als ich einen neuen Job in meiner alten Heimat angeboten bekam. Dann hieß es, innerhalb von 4 Wochen eine neue Wohnung finden und den Umzug über die Bühne bringen. Das beschäftigte mich mehr als genug.

Und diesmal? Kein Umzug. Kein neuer Job. Keine zwingenden Besorgungen für das Baby. Eigentlich wäre ja alles schick und ich könnte meine extra langen Ferien genießen. Wenn ich mir da nicht selber so im Weg stehen würde. Also versuche ich es mit aufschreiben, in der Hoffnung, dass sich die Gedanken genügend gewürdigt fühlen, wenn sie permanent festgehalten werden und dann auch Ruhe geben.

Ich hab aber auch eine Heidenangst vor dem Aufschreiben, vor dem aktiven Beschäftigen damit. Wer weiß, ob wirklich alle Gedanken so harmlos sind, wie sie tun? Vielleicht wühle ich da was auf, was ich so nicht erwarte? Eventuell hilft das Aufschreiben auch gar nicht und die Gedanken besuchen mich weiterhin jede Nacht? Fakt ist, ich muss etwas tun. Durch diese ganze Geschichte hat sich mein Rhythmus bereits völlig verschoben, vor um 12 werde ich gar nicht richtig wach. Ich habe die letzten beiden Tage versucht, mittels Rosskur das Ganze wieder gerade zu rücken, aber nur mit mittelprächtigem Erfolg. Ich machte die eine Nacht durch, schlief dann auf der Couch vormittags 3 Stunden quälte mich dann durch den Rest des Tages. Legte mich dann um 23 Uhr hin und schlief auch sofort ein. Bis ich kurz nach 2 wieder wach wurde. Und die Gedanken wieder kamen und bis früh halb 7.

So kann es definitiv nicht weiter gehen!