Bald bin ich ein Schulkind

Die Stadt, in der ich lebe, ist für viele Dinge bekannt. Touristen schätzen die historischen Stätten, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten und kommen in Scharen hierher. Die Einwohner kennen vor allem die schlampige, teilweise korrupte Kommunalpolitik und die sehr fragwürdigen Entscheidungen des Stadtrats.

Mich hätten also die Absurditäten, die mit der Schulanmeldung unseres Großen einher gehen, gar nicht wundern sollen. Im nächsten Frühjahr wird mein Junge 6 Jahre alt und kommt dann entsprechend im Sommer in die Schule. Damit wir auch die Schuleinführung feiern können, müssen wir das Kind jetzt im September an „seiner“ Schule anmelden.

In meinem jugendlichen Leichtsinn bin ich davon ausgegangen, dass die für ihn zuständige Schule die ist, die gleich bei uns um die Ecke liegt. Würde auch Sinn machen, da der Schulweg über eine wenig befahrene Nebenstraße mit Zone 30 führt und direkt vor der Schule eine Fußgängerampel ist. Außerdem ist der Schulweg nur gute 200 m lang. Zudem können wir die Schule von unserer Wohnung aus sehen:

schule

Aber weit gefehlt. Die uns zugeordnete Schule liegt in einem anderen Stadtteil, der Schulweg führt an 2 großen Hauptstraßen entlang und ist ca. einen Kilometer lang. Ich habe die Schule noch nie von Nahem gesehen, da wir so gut wie nie in diesem Viertel sind. 2 Straßen weiter ist übrigens der an anderer Stelle erwähnte integrative Kindergarten, bei dem die Integration darin besteht, dass die Eltern ihre Kinder schlagen. Und noch eine Straße weiter ist die Bronx unserer Stadt, in der Messerattacken und Schußwechsel quasi an der Tagesordnung sind. Sorry, ich möchte nicht, dass mein Kind dorthin zur Schule geht.

Nun könnte man denken, dass wir einfach nur Pech hatten. Nein. Denn auch die Kinder, die direkt gegenüber der Schule wohnen, dürfen nicht in diese gehen, sondern müssen auch in die Bronx-nahe Schule. Kinder, deren Schulweg darin bestehen würde, nur durch einen kleinen Park und über gar keine Straße zu gehen, müssen in die Bronx-Schule, und ihr Schulweg führt sie wegen der Fußgängerampel auch noch direkt an dieser Schule vorbei. Das nenn ich doch mal richtig gut durchdacht.

Neulich saß ich mit einer Nachbarin bei uns im Hof zusammen und wir redeten auch über die Schule, da sie eine 9-jährige Tochter hat. Sie konnte nur mit dem Kopf schütteln, sie findet die Regelung genauso unsinnig. Sie erzählte mir, dass sie gegen diese Zuordnung Einspruch einlegen wollte, die Stadt dafür aber 32 Euro verlangt. Da sie diesen Betrag nicht aufbringen wollte, geht ihr Kind nun in diese Schule. Ich finde es schade, dass in Deutschlands Sozialhauptstadt so mit der Not der Einwohner umgegangen wird. Wir jedenfalls sind in der glücklichen Lage, Einsprüche noch und nöcher einzulegen, denn ich werde alles tun, damit mein Kind nicht in die Bronx-nahe Schule muss.

Eine Kollegin meines Mannes gab uns noch den Hinweis, dass, wenn man Einspruch einlegt, die folgenden Gründe die besten Erfolgsaussichten haben:

  • der beste Freund geht in diese Schule – da müssen wir mal im Kindergarten rumhorchen. Ich weiß, dass ein paar Kinder auch aus unserer Ecke kommen und hoffentlich reicht die Namensangabe, nicht, dass der Kleene noch befragt wird, ob dies wirklich sein best buddy ist.
  • das Schulprofil ist anders und entspricht mehr unseren Vorstellungen – da es sich um die Grundschule handelt, weiß ich nicht, wie unterschiedlich die Profile sein können und ob dies bei den beiden Schulen überhaupt zutrifft. Muss ich mich mal schlau machen.
  • der Schulweg ist unpraktisch, weil dadurch der Arbeitsweg o.ä. maßgeblich verlängert wird – unsere größte Hoffnung. Für mich würde der Schulweg den Arbeitsweg fast verdoppeln, da die Bronxschule völlig abseits von meinem Arbeitsweg liegt, während die Schule um die Ecke direkt auf meinem Arbeitsweg liegt. Bei meinem Mann wäre es noch komplizierter, da wir davon ausgehen, dass die Kleene in die Krippe im Kindergarten des Großen kommt. Mein Mann müsste also erst zu Fuß in die entgegensetzte Richtung zur Schule, dann zu Fuß wieder bei uns an der Wohnung vorbei zur Bushaltestelle, dann zum Kindergarten und von dort zur Arbeit. Dauer ca. 2 Stunden. Hingegen liegt die Schule um die Ecke auch hier auf seinem Weg zur Bushaltestelle, Arbeitsweg ca. 1 Stunde inkl. Kinderauslieferung. Dabei eingerechnet ist noch nicht mal die Kindabholung, die sicher auch lustig wird.

Wir werden versuchen, eine Kombination dieser drei Gründe zu basteln, um die größten Erfolgschancen zu haben. Ich bin gespannt, wie es nach der Anmeldung im September weiter geht, ich rechne mit diversen heißen Tänzen auf den Ämtern. Auf jeden Fall werde ich alles tun um zu verhindern, dass unser Kind in die Bronx-Schule kommt. Notfalls ziehen wir eben nochmal um.