Vorahnung

Am 30. Oktober feierte mein Opa seinen 98. Geburtstag. Da durch den bundesweiten Feiertag am 31.10. der Montag davor schulfrei war, dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, zu eben jenem Geburtstag in meine Heimatstadt zu fahren und am Ehrentag dabei zu sein. Schließlich ist in dem Alter die Anzahl zukünftiger Geburtstage recht überschaubar.

Ich rief meine Eltern an, ob es ok wäre, wenn ich mit dem Großen vorbeikommen und auch gleich dort übernachten würde. War es nicht. Weil meine Ma Frühschicht hatte und bis 14 Uhr an diesem Tag arbeiten musste. Außerdem war der Tisch in der Gaststätte, in der gefeiert werden sollte, nur für 12 Personen ausgelegt und lag in einer Nische, so dass zusätzliche Personen schlicht keinen Platz daran gehabt hätten. Mein Vorschlag, doch zum Essen selbst an einen Nebentisch zu gehen und zum Quatschen, wo Armfreiheit nicht so wichtig ist, an den großen Tisch zu kommen, fand keinen Anklang.

Ich war einigermaßen sauer, weil ich beides für bloße Ausreden hielt, die meiner Ma zusätzlichen Aufwand vom Halse halten wollte. Ich überlegte, ob ich auf gut Glück fahre, als special guest, aber auf den Stress mit meinen Eltern hatte ich irgendwie auch keine Lust.

Eigentlich wollte ich direkt am Geburtstag meinen Opa anrufen und gratulieren, war aber mit dem Großen in der Stadt unterwegs. Als ich anrufen wollte, war mein Opa bereits in der Gaststätte, so dass ich den Anruf verschieben musste.

So rief ich denn am nächsten Tag an und ließ mir ausführlich von der Feier erzählen. Mein Großer gratulierte ebenfalls, schließlich sind die beiden ganz dicke miteinander und immer, wenn sein Urenkel zu Besuch bei den Großeltern war, musste der Uropa besucht werden, der sich jedes Mal sehr darüber freute.
Außerdem fragte ich, wie es ihm ginge, was mein Opa etwas unverbindlich mit „geht so“ beantwortete. Bei der Verabschiedung meinte ich, dass wir uns bestimmt zu Weihnachten sehen. Dies hat sich in den letzten Jahren zur Tradition entwickelt, dass er für einen Nachmittag zu meinen Eltern kam oder wir zu ihm, je nach Laune und Verfassung.

Leider teilte er meine Vorfreude nicht, sondern meinte, dass er sich gar nicht sicher sei, ob er zu Weihnachten noch da wäre. Ich erwiderte, er solle nicht so etwas sagen, er ist doch noch fit für sein Alter und so lange ist es auch nicht hin. Er sagte erneut, dass er sich nicht sicher sei, dass Leben sei schon sehr beschwerlich und die Einsamkeit machte ihm sehr zu schaffen. Ratlos, was ich dazu sagen sollte, verabschiedete ich mich.

Die nächsten Tage wuchs meine Sorge. Am Telefon hatte mein Opa gemeint, dass er mir zu meinem Geburtstag einen Tag später eine Karte per Einschreiben schicken würde, diese aber wegen des Feiertags wohl ein wenig verspätet ankommt. Ich sagte, dass dies überhaupt kein Problem sei. Bis zum Ende der Woche war keine Geburtstagskarte im Briefkasten. Ich kontaktierte meine Eltern, ob sie denn Neuigkeiten vom Opa hätten, hatten sie aber nicht. Am Dienstag bat ich meine Eltern, beim Opa anzurufen oder vorbeizuschauen, ich hätte so ein ungutes Gefühl, da die Karte immer noch nicht da sei, was äußerst ungewöhnlich war, da mein Opa an sich sehr zuverlässig ist.

Sie riefen mich an, sagten, sie hätten Opa erreicht und die Karte wäre wegen einer falschen Hausnummer zurückgekommen. Sie würde die nächsten Tage erneut, diesmal mit richtiger Hausnummer, losgeschickt. Zudem erzählten sie, dass der Neffe meines Opas jeden zweiten Tag bei ihm vorbeischauen würde und er sofort Bescheid sagte, wenn etwas nicht stimmte.

Ich war erleichtert und beruhigte mich ein wenig. Meine Sorge war nicht unbegründet, gab es in der Vergangenheit doch mehrere Episoden, wo mein Opa versucht hatte, sein Leben zu beenden. So wurde er mehrfach von der Bahnpolizei aufgegriffen, weil er im Gleisbett in der Nähe von Bahnhöfen herumirrte, um sich im passenden Moment vor einen Zug zu werfen. Zum Glück waren die Polizisten immer schneller als der nächste Zug.

Erst als meine Cousine, die als Rettungsassistentin arbeitet und bereits mehrfach menschliche Überreste von Triebwagen und Gleisen kratzen musste, ein Machtwort sprach, hörte er damit auf. Sie meinte, dass wir alle es nicht verhindern könnten, wenn er sich unbedingt etwas antun wolle, aber er solle doch bitteschön darauf achten, keine anderen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen und es gäbe bereits genug Lokführer, die mit einem lebenslangen Trauma klarkommen müssten, weil jemand keine andere Lösung gefunden hatte.

Als wieder einige Tage später immer noch keine Karte im Briefkasten war, wuchs meine Unruhe erneut. Besonders der angesprochene Punkt Einsamkeit beschäftigte mich. Die letzten Jahre waren wahrlich nicht optimal verlaufen. Nicht allzu lange nach dem Tod meiner Oma vor knapp 8 Jahren enthüllte mein Opa ein lange gehütetes Geheimnis. Er habe vor 40 Jahren eine Affäre gehabt, aus der eine uneheliche Tochter entstanden ist. Jetzt würde er die Beziehung zu eben jenem Kind intensivieren wollen.
Seine große Tochter war außer sich. Sie brach für lange Zeit jeglichen Kontakt ab und auch ihr Kinder verringerten ihre Besuche. Sein Sohn war bestürzt, hielt aber den Kontakt so gut es ging aufrecht, was sich in der Vergangenheit eh bereits auf 2-3 Besuche im Jahr beschränkte, da sie ziemlich weit weg wohnten.
Meine Ma nahm die Geschichte gelassen. Sicher war sie gekränkt, dass ihre Mutter betrogen worden war, aber kannte sie das Leben im Allgemeinen doch so gut, dass sie auch diese Wendung mit einiger Gelassenheit hinnahm. Sie war auch die erste aus der Familie, die die Halbschwester begrüßte und ein normales, wenn auch nicht inniges, Verhältnis anstrebte.

Ich bin eh die Allerletzte, die andere Menschen verurteilte und so war es mir von Anfang an gleich. Ich kenne alle Facetten des Lebens und weiß auch, wie schnell es mit so einer Affäre gehen kann. Deswegen hatte ich auch keinerlei Probleme damit, weiterhin engen Kontakt mit meinem Opa zu halten. Schließlich gab es viele gute Erinnerungen, an gemeinsam verbrachte Ferien, Feiertage, Urlaube, Wanderungen und Ausflüge. Meine Großeltern, beide, konnten wundervoll kochen. Sie waren beide Naturfreunde, brachten mir die Grundzüge des Kletterns bei (nicht auf den Knien), zeigten mir die Schönheiten der Natur und waren ganz generell viel weniger streng als meine Ma.

Heute nun kam der Anruf meines Papas, den ich so lange befürchtet hatte. Mein Opa habe sich in der letzten Nacht das Leben genommen, indem er sich von einer Brücke stürzte. Meine erste Frage war, ob dabei andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wurden sie nicht.
Ich konnte nicht lange mit meinem Pa reden, da ich den Großen von einer Geburtstagsparty abholen musste. Auf dem Weg dahin fragte ich mich immer und immer wieder, ob ich hätte mehr tun müssen. Ich war traurig, dass ich nicht meinem Impuls gefolgt bin, ihn zu seinem Geburtstag zu besuchen. Und ich war wütend. Ich wollte meinen Opa anschreien, was er doch für ein Idiot sei. Aber gleichzeitig hatte ich tiefes Verständnis für ihn. Doch auch dies konnte nicht verhindern, dass ich einen totalen Heulkrampf im Auto hatte. Ich war selber überrascht, dass mich sein Tod so sehr mitnimmt. Mit 98 Jahren sollte ein Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet sein. Aber dieser ist es!

Am Abend telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie waren ebenso wenig überrascht wie ich, vielleicht hatten sie sogar schon eher geahnt, dass dies kommen würde. Meine Ma erzählte, dass mein Opa, der Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Autofahrer war, in letzter Zeit einige leichtsinnige Unfälle gebaut habe und sein Führerschein vermutlich in naher Zukunft eingezogen worden wäre. Er hatte bereits vorher angekündigt, dass wenn dies passieren würde, er sich da Leben nähme.

Nun war es anscheinend soweit 😥

Himmelherrgottnochmal

Da les ich einen Artikel übers Scheitern in der Zeit und möchte am Liebsten die ganze Zeit meinen Kopf auf die Tischplatte hauen. Da dies aber erfahrungsgemäß sehr weh tut, rolle ich stattdessen mit den Augen, bis mir schwindlig wird.

Da jammert eine Studentin, die im Abi nur Einsen hatte, dass sie das erste Semester ihres Studiums damit verbracht hat, die fundamentalen Dinge des Lebens zu lernen:

wie man ein Konto eröffnet, ein Fahrrad repariert oder auch nur ein Spülmaschinensieb säubert

Wie man ein Fahrrad repariert hat mir mein Papa beigebracht, als ich 7 oder 8 Jahre alt war. Seitdem kann ich Reifen flicken, Ketten wechseln und ölen und vor allem kann ich Fahrräder putzen, was ich schon immer doof fand, aber mir das chromblitzendsaubere Fahrrad auch irgendwie irre gefiel.

Für eine Kontoeröffnung geht man zu einer Bank, sucht sich einen gelangweilten Angestellten und sagt ihm, dass man ein Konto eröffnen möchte. Im Allgemeinen folgt dann ein ausführliches Beratungsgespräch, wofür man das Konto benötigt und welche verschiedenen Optionen die Bank anbietet. Dabei hört man aufmerksam zu, lässt sich die AGB aushändigen und liest brav das Kleingedruckte. Wenn einem das alles zusagt, entscheidet man sich für eine Option, unterschreibt den Vertrag und hat ein Konto.

Hat mir nie jemand beigebracht, habe ich selber gelernt, dafür aber mit Sicherheit nicht ein Semester meines Studiums drauf verwendet, sondern nur eine Stunde an einem sonnigen Nachmittag.

Das Spülmaschinensieb fällt für mich in die Kategorie „allgemeine Lebensfähigkeit“, in die auch Nagel in die Wand schlagen, Autoreifen wechseln, Knopf an Hemd wieder annähen und Spaghetti mit Tomatensoße kochen fallen. Wurde einem entweder mal gezeigt, kann man auf der Verpackung nachlesen oder erschließt sich durch gesunden Menschenverstand. Dazu muss man aber tatsächlich seinen Kopf benutzen. Wobei, in Zeiten des Internets noch nicht mal das, da reicht es, wenn man weiß, wie man Google aufruft.

Vor einiger Zeit gab es einen ähnlichen Vorfall, wo eine Schülerin twitterte, dass sie eine Gedichtsanalyse in 4 Sprachen verfassen kann, aber nichts weiß über Steuern, Miete und Versicherungen. Und es wurden Rufe nach einem Unterrichtsfach „praktische Lebenshilfe“ laut, in der Dinge wie Kontoeröffnungen, Mietverträge oder Autoversicherungen abgehandelt werden.

Ich frage mich dann immer, unter welchem Stein haben diese Kinder und jungen Erwachsenen bisher gelebt bzw. warum muss die Schule etwas übernehmen, was praktischerweise nebenbei im Elternhaus stattfinden sollte?

Es mag daran liegen, dass die elterliche Wohnung, in der ich bis zu meinem 19. Geburtstag lebte, nur 55 Quadratmeter groß ist, aber dadurch war ich in alle elterlichen Dramen eingebunden. Seit mein Vater eine Katalogbestellung bezahlte, obwohl meine Mutter den Betrag zwei Tage zuvor bereits überwiesen hatte, weiß ich, dass man solche Dinge besser vorher bespricht und dass Zuvielüberweisungen bei einer zukünftigen Bestellung verrechnet werden und da kein Geld verloren geht. Bei Bankgeschäften war ich genauso dabei, wie bei den Versicherungsvertretern und den Autohändlern. Ich hörte die anschließenden Diskussionen meiner Eltern, das Abwägen der Pro und Kontras und bekam automatisch ein Gespür für Fallstricke.

Im Schlafzimmer hatten wir auf dem Kleiderschrank drei Wäschekörbe stehen: einen für Kochwäsche, einen für bunte Baumwollsachen, einen für Feinwäsche. Mir wurde früh beigebracht, in welchen Korb meine verschiedenen Kleidungsstücke jeweils gehörten und ich wäre nie auf die Idee gekommen, Wollsocken in die Kochwäsche zu geben, ganz abgesehen davon, dass ich Wollsocken furchtbar kratzig finde. Mein großes Kind darf mittlerweile auch schon seine Wäsche sortieren.

Als wir unsere Wohnung komplett neu tapeziert haben und ich so 9 oder 10 Jahre alt war, musste ich die alte Tapete mit von der Wand kratzen, durfte dem Malermeister beim Tapezieren der Decke zusehen und half beim Einkleistern der Tapetenbahnen für die Wände. Beim Streichen durfte ich ebenso helfen und lernte, wann Farbe kleckst und wann man den Pinsel einmal zu oft am Eimer abgestrichen hat.

Meine eine Oma brachte mir Stricken bei, meine Mama Häkeln, meine andere Oma Nähen. Ich könnte sofort auf der Nähmaschine eine Hose nähen, weil sie mir das Prinzip beigebracht hat. Die Hose wäre vermutlich weder besonders gerade noch besonders schön, aber falls mal der Krieg ausbricht und alles ganz anders kommt, hätten wir immerhin Hosen zum anziehen. Das Kleidernähen habe ich mir dann mit diesem Vorwissen selber beigebracht und meiner Barbie alles auf den Leib geschneidert, was ich auf dem roten Teppich so flanieren sah.

Die im obigen Artikel erwähnte Studentin fällt dann durch eine Prüfung. Zum allerersten Mal. Ein Weltuntergang. Und die ganze Welt hat es mitbekommen. Sie stellt darauf hin ihr gesamtes Leben in Frage.

Geht’s nicht ne Nummer kleiner? Wurde ihr denn nie beigebracht, dass man auch mal eine Prüfung versemmeln kann und sich die Erde trotzdem weiter dreht? Kommt das dabei heraus, wenn man sonst immer nur Einsen geschrieben hat? Wenn ja, sollte ich vielleicht dankbar sein, dass ich in der 10. Klasse mal grandios beim Spicken erwischt worden bin. In einer Biologiearbeit, wo ich alle Fragen ohne Mühe und ohne Spicker beantworten konnte, ewig zeitig fertig war und dann aus purer Langeweile anfing, die Antworten mit dem Spickzettel abzugleichen, was dann irgendwann auch der Lehrerin auffiel. Setzen, 6!
Klar fand ich das doof und irgendwie ungerecht, aber eben auch selten dämlich von mir und ich konnte schon nach kurzer Zeit drüber lachen – ohne Bier und Freunde dafür zu benötigen.

Dies scheint leider kein so seltenes Problem zu sein, denn während meiner Studienzeit hatte ich öfter mit Studenten zu tun, die völlig verzweifelt ob verhauener Prüfungen waren und mitunter war auch jemand dabei, wo ich tatsächlich befürchtete, dass er oder sie sich etwas antun könnte. Ich ließ mir jeweils ausführlich das Problem schildern und verwies jedes Mal ans Prüfungsamt. Wenn sich jemand mit der Prüfungsordnung, mit Ausnahmen, Sondergenehmigungen und Alternativen auskennt, dann das Amt. Außerdem, so war meine Hoffnung, arbeiten dort Menschen und wenn man denen erklärt, warum ausgerechnet diese eine Prüfung nicht bestanden wurde (von akuter Faulheit mal abgesehen), fanden sich eigentlich immer Wege, um nicht das gesamte Studium schmeißen zu müssen.

Ich kann nicht abschließend sagen, woran es lag, dass ich völlig furchtlos in mein selbstständiges Leben abseits von Mama und Papa gestartet bin. Ich hatte nie das Gefühl, nicht ausreichend aufs Leben allein vorbereitet zu sein. Vor einigen Jahren habe ich sogar mal selber eine Steuererklärung ausgefüllt und das war jetzt wirklich nicht soooo kompliziert.

© Foto von Flickr/Dennis Skley „Prüfungen des Lebens 199/365“, (CC BY-ND 2.0)

Chop Suey

Ich hatte imer schon viele und intensive Träume, aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass die Träume an Intensität und Absurdität nochmals heftig zugenommen haben. Diese Träume wirken noch weit bis in den Tag hinein, der heutige ganz besonders, weswegen ich ihn jetzt aufschreibe.

Es beginnt an einem Sportplatz. Von dem Platz habe ich früher bereits geträumt, er ist nicht real existierend, soweit ich weiß, sondern setzt sich aus verschiedenen Plätzen zusammen. Es hat sich eine größere Gruppe Menschen verabredet. Was die ursprüngliche Intention der Verabredung war, weiß ich nicht mehr, aber ich bin pünktlich da, lächle erwartungsfroh in die Runde. Es wird beschlossen, dass wir alle in die nahe gelegene Schwimmhalle gehen.

Dort angekommen ziere ich mich, ich mag mich nicht im Badeanzug zeigen. Ich beschliesse, ganz schnell ins Wasser zu gehen, denn dort sieht man nur meinen Kopf und kann nicht mehr über die Cellulite lästern. Ich plansche ein wenig am Beckenrand, während die große Masse wie wild durchs Wasser tobt.

Spontan wechseln wir alle in ein anderes Becken mit Sprungturm, wo ich den anderen vom Rand aus zuschaue. Ich würde auch gern springen, aber erstens müsste ich mich dann wieder zeigen, sehr exponiert dieses Mal sogar, und zweitens sind mir die Springer zu wild. In endloser, dicht gedrängter Abfolge stürzen sie sich wild durcheinander von den Plattformen, schauen nicht mal, ob im Wasser genügend Platz ist.

Die Szene verschwimmt und plötzlich stehen gedeckte Tische wie in einem Restaurant neben dem Sprungbecken. Links dahinter geht es in die Umkleide, die mit den Sachen der Beteiligten vollgestopft ist. Seltsamerweise gibt es statt Sitzbänken nur Toilettenbecken, alle nebeneinander, ohne Trennwände oder gar Türen. Ich möchte mich umziehen und auch gerne aufs Klo, aber mir sind das zu viele Menschen. In einem günstigen Moment, als tatsächlich niemand in der Umkleide ist, verriegel ich die Tür, was seltsamerweise geht, erleichter mich und ziehe mich um, während die anderen von draußen wild an die Tür klopfen, teilweise sogar versuchen, die Tür aufzubrechen.

Als ich fertig bin, öffne ich die Tür und mir purzeln mehrere Menschen entgegen, zu perplex um noch wütend zu sein. Mit zwei anderen, einer Frau und einem Mann, setze ich mich an einen der Tische. Die beiden sind mir nicht bekannt, scheinen aber vom Gefühl her Freunde zu sein. Wir schauen in die Karte, die vornehmlich fernöstliche Gerichte auflistet, doch ich kann mich für keines der Gerichte entscheiden.

Der asiatisch aussehende Kellner kommt und nimmt die Bestellung der anderen beiden entgegen, während ich verlegen auf die rot-weiß karierte Tischdecke starre und darum bitte, noch ein wenig nachdenken zu dürfen. Der Kellner nickt und geht.

Zehn Minuten später bringt er drei Gerichte, die zwei bestellten und eines für mich, obwohl ich mich immer noch nicht entschieden habe. Ich protestiere lautstark auf Englisch, worüber ich mich kurz wundere, denn bei der Bestellung haben alle Deutsch geredet. Der Kellner redet ebenfalls Englisch, also wird es schon so passen. Ich bestelle dann das gleiche Gericht wie die Freundin.

Während ich auf mein Essen warte, steht das dritte Gericht noch vor mir und ich esse davon. Als der Teller halb leer ist, fällt mir auf, dass ich nur Soße auf dem Teller habe, der Reis oder sonstige feste Bestandteile fehlen. Als der Kellner mit meinem Essen kommt, ist es das Falsche, worüber ich mich beschwere, ebenso wie darüber, dass beim ersten Versuch nur Soße geliefert wurde, wieder alles auf Englisch. Dabei mache ich einen Grammatikfehler, den alle inklusive mir bemerken und wir kurz betreten schweigen. Der Kellner erklärt auf deutsch, dass er mir nun mein bestelltes Gericht bringen würde. Wieder warte ich, wieder esse, diesmal vom 2. Gericht und stelle erneut fest, dass nur die Soße auf dem Teller ist, diesmal allerdings mit Hühnchenfleisch.
Mittlerweile bin ich pappsatt und mag nicht mehr auf mein eigentliches Essen warten.

Die Szene verschwimmt erneut. Diesmal stehe ich auf dem Balkon meiner Eltern und schaue in den Garten hinterm Haus. Es rückt eine Baumannschaft an und planiert die eine Hälfte des Gartens. Es werden dicke Holzbohlen auf dem Boden verlegt. Ich drehe mich um, um dies meinen Eltern zu sagen und als ich wieder in den Garten schaue, steht da ein herrlicher Pavillon aus Holz und Glas, sehr hell und innen mit bunten Lichtern geschmückt. Dieser grellbunte Eindruck wird allerlei im Inneren verteilten Schnickschnall verstärkt. Neugierig wie ich bin, möchte ich mir das aus der Nähe anschauen und betrete den Pavillon.

Doch die Szene ändert sich schlagartig, der Pavillon ist verschwunden, dafür stürzt eine Freundin von hinten auf mich zu, verliert das Gleichgewicht. Ich kann sie gerade so noch auffangen und verhindern, dass sie in scharfkantigen Stacheldraht fällt, der vor dem Zaun hinter mir liegt. Ich stauche die Freundin zusammen, wie sie so verrückt sein kann und dass sie hätte sterben können und was sie sich dabei gedacht hat …

Der Wecker klingelt.

Selbst jetzt, einen halben Tag später blitzen immer wieder Bilder aus dem Traum vor meinen Augen auf, die Karos der Tischdecken, der Stacheldraht, die Umkleide. Ich versuche die tieferliegende Bedeutung des Traums zu ergründen, aber so recht erschließt sich mir keine Erklärung.

Mal schauen, was der nächste Traum so bringt.

©Foto von Flickr/Dennis Dixon „Guey Lon Chop Suey“, (CC BY-NC-ND 2.0)

 

 

Ein Wochenende

Das Wichtigste zuerst: mir geht es schlecht, sehr sehr schlecht. Warum genau, dass weiß ich auch nicht so genau, aber ich hoffe, dieser Blogbeitrag trägt zur Aufklärung bei.

Ich war mit den beiden Kindern für ein langes Wochenende bei meinen Eltern und seit wir wieder daheim sind, hat mich eine Erschöpfung gepackt und drückt mich nieder, so dass es mir tatsächlich schwer fällt, aufrecht zu stehen. Immerhin konnte ich recht schnell die Ursache ausmachen, weil sie quasi schon das gesamte Wochenende wie ein Damoklesschwert über mir schwebte.

Es ist natürlich meine Ma. Mein Verhältnis zu ihr war immer schon schwierig und eigentlich dachte ich, dass es sich über die Jahre gebessert hätte, aber ganz offensichtlich war das nur eine Illusion. Die letzten vier Tage waren der aus meiner Kindheit gewohnte und verhasste Tanz auf der Rasierklinge.

Alles fing zudem noch denkbar schlecht an. Ich packte am Sonnabend Vormittag die Taschen für die 2 Kinder und mich. In meiner Tasche waren sämtliche von uns besorgten Geschenke für die Schuleinführung verstaut, unter meinen Klamotten, damit der Große nicht lunschen konnte. Jener war total aufgeregt, wuselte mir ständig zwischen den Beinen rum und plapperte mich von der Seite voll, so dass ich echte Mühe hatte, mich zu konzentrieren und auch wirklich alle benötigten Sachen einzupacken. Plan war, um 12 Uhr zu starten und das schafften wir auch ziemlich genau. Allerdings musste ich nach 10 Minuten umdrehen, weil ich vergessen hatte, die Medizin der Kleenen einzupacken. Damit war dann der Zeitplan Geschichte.

Auf der Autobahn ungewöhnlich viel Verkehr und 30 Kilometer vorm Ziel Stau, Stau, Baustelle, Stau, Baustelle und Fahrbahnverengung auf eine Spur und Stau. Gleichzeitig sprang die Außentemperatur von 25 Grad auf über 30 Grad und die Klimaanlage im Auto kam nicht mehr hinterher. Eh schon gestresst wegen des nicht eingehaltenen Zeitplans – meine Ma wartete bestimmt schon mit dem Essen auf uns – ronn mir der Schweiß in Strömen am Körper runter und ich merkte, wie mein Deo versagte. Kaum waren wir bei meinen Eltern angekommen, meinte meine Ma, ich würde nach Schweiß riechen und verzog angewidert das Gesicht. Ja Ma, ich freu mich auch dich zu sehen. Ich bot ihr an, fix zu duschen, aber das lehnte sie ab, weil sie zusätzlich zur Hitze nicht auch noch den Wasserdampf vom Duschen in der Wohnung haben wollte. Außerdem stand ja schon das Essen auf dem Tisch. So verbrachte ich den Rest des Nachmittags damit, mit angelegten Armen und möglichst wenigen Bewegungen meinen in der Tat unangenehmen Körpergeruch in Schach zu halten, was mit einem Mädchen, das ständig hochgenommen werden möchte, eine extra Herausforderung ist.

Das Schlimmste war allerdings, dass ich im Packstress vergessen hatte, die Reisetasche des Großen mit einzupacken, die stand jetzt mutterseelenallein in seinem Zimmer und der Süße hatte nur die Klamotten mit, die er anhatte: T-Shirt, Hose, Unterhose, Socken, Sandalen und einen Sonnenhut. Ganz großes Kino. Ich wollte gerade anbieten, schnell in die Stadt zu fahren und eine Grundausstattung zu holen – da meine Ma eh jeden Tag wäscht, hätte es nicht viel gebraucht – als sie anfing, die Schränke auszuräumen und hervorholte: 4 T-Shirts, 5 Unterhosen, diverse Paar Socken, eine lange Jeans, 2 kurze Hosen, einen dicken Pullover, eine Jeansjacke, eine Regenjacke, 2 Kappen, 2 Paar Sandalen. Mir hatte sie im Vorfeld gesagt, sie hätte nur Unterhosen und einen Schlafanzug da, den Rest müsste ich mitbringen. (Das war früher anders, als der Große einmal pro Monat für ein paar Tage bei ihnen übernachtete, da hatte sie immer komplette Garnituren vorrätig. Ich dachte jetzt, wo die Besuche durch die Schule eher selten werden, hätte sie uns diese überzähligen Sachen alle mitgegeben.) Einerseits fand ich das gut, weil so das Wochenende vorerst gerettet war, andererseits löste es in mir großes Unbehagen aus. Vermutlich erwartete sie überbordende Dankbarkeit, die ich wie immer nicht gezeigt hatte, oder sie wollte ihre gehorteten Schätze vor mir nicht preis geben, oder sie fand es doof, dass ich sie beim offensichtlichen Lügen erwischt hatte, jedenfalls war die Stimmung einfach nur frostig. Meine einzige Hoffnung war, dass sie für den Abend bei Freunden zum Geburtstag eingeladen waren und ich mit den Kindern den Abend alleine und entspannt verbringen konnte.

Doch bevor sie zum Geburtstag starteten, wurde in einem Fort gegrummelt und alles, was sie möglicherweise an diesem Abend erwarten würde, von vornherein schlecht gemacht. „Ach, ich seh schon, dass ich mir das Anziehen auch hätte sparen können, wenn deren Köter mich erblickt und dann mit seinen dreckigen Pfoten an mich hochsteigt.“; „Die grillen bestimmt wieder, das dauert immer so ewig, besonders die gegrillten Käse und Tofuwürste [der vegetarischen Gastgeberin], da sitze stundenlang vor den leeren Tellern.“; „Die haben mit Sicherheit auch wieder die und den eingeladen, da hab ich jetzt schon keinen Bock mehr.“; „Bei dem Wind da draußen hätte ich mir das Haare föhnen auch sparen können.“

Meine Eltern waren irgendwann weg, ich konnte in Ruhe duschen und wir drei Übriggebliebenen aßen ganz in Ruhe und friedlich Abendbrot. Dann brachte ich die Kinder ins Bett, die Kleene brauchte ein wenig länger als sonst, aber alles im Rahmen und dann wartete ich auf die Rückkehr meiner Eltern. Seltsamerweise waren sie gut gelaunt, als sie ankamen, offensichtlich hatten sie einen schönen Abend gehabt und nicht eine der zuvor geäußerten Befürchtungen ist eingetreten.

Die Nacht war denkbar schlecht, meine Süße war irgendwie ständig wach und jammerte und war generell sehr unruhig. Ich versuchte mein Bestes, sie zu beruhigen und konnte sie mehr oder weniger bis halb 8 in Schach halten, bis der Große wach wurde. Ich war wie gerädert und hatte furchtbare Kopfschmerzen. Die Klimaanlage im Auto am Vortag hat mir einen völlig verspannten Nacken beschert, begünstigt durch den angespannten Nachmittag. Meine Ma wollte nach dem Frühstück unbedingt etwas unternehmen, aber ich konnte kaum meine Augen offen halten. Als ich auf keinen der Vorschläge einging und nur noch mit Gähnen antwortete, wurde auf Plan B umgeschaltet. Friedhofsbesuch und ich durfte mich noch mal hinlegen und eine Runde schlafen. Ich war wirklich dankbar, aber konnte es vermutlich nicht deutlich genug zeigen, weil ich einfach zu müde dazu war. Aber an diesem Punkt war mir alles egal, die Kopfschmerzen brachten mich um, da waren die stechenden Blicke meiner Ma nur ein Klacks.

Nach 2 Stunden komatösen Schlafs waren die Ausflügler wieder zurück und es gab Mittagessen. Danach warf ich mir 2 Ibus ein und die Kinder wurden zum Mittagsschlaf geschickt. Dann wurde die Schuleinführung geplant. Das heißt, meine Ma plante und mein Pa und ich durften nicken.

Das Thema verfolgt mich eh schon seit mehreren Monaten bzw. tut meine Ma das. Eine Freundin erzählte, dass sie letztes Jahr ihren großen Jungen eingeschult hatte und die anschließende Feier bei ihnen im Garten stattfand. Mir gefiel diese Idee, nur fehlt es uns am Garten. Also fragten wir den Bruder meines Mannes, der hat ein kleines Häuschen im Umland, mit Terrasse und Garten. Wir könnten grillen und viele Dinge selber machen und vorbereiten und das Kind hätte im Garten rumspringen und so seine Aufregung abbauen können. Alles war soweit fertig geplant, unklar war eigentlich nur, ob der Kartoffelsalat mit Gurken oder ohne sein soll und welche Biersorten wir kaufen. Nachdem wir aber vorletztes Wochenende bei meinem Schwager zum Geburtstag waren und da eine so grauslige Stimmung herrschte, dass mein Mann mehrere Tage brauchte, um sich wieder einzukriegen, verwarfen wir den Plan und wollten die Feier bei uns im Hof machen oder bei schlechtem Wetter bei uns in der Wohnung. Wäre zwar etwas kuschlig von den Platzverhältnissen geworden, aber trotzdem gegangen. Aber diese Variante, die sich in keinster Weise von der Schwager-Gartenvariante unterschieden hätte, lehnte meine Ma glattweg ab. Wir sollten doch in jener Gaststätte anrufen, vielleicht hätten die noch Plätze. Oder in dem anderen Restaurant, da ginge eventuell auch noch was. Alternativ würden sie bei ihrem Stammgriechen – wohlgemerkt in einer ganz anderen Stadt – nachfragen. Ich rief dann bei unserem Griechen an und konnte dort noch genügend Plätze reservieren.

Jetzt blieb nur noch die Nachmittagsgestaltung zu klären und das wollten wir eben an diesem Wochenende machen. Zusammen mit der Verteilung der Geschenke auf drei Schultüten: die elterliche, die großelterliche und die urgroßelterliche. Meine Ma packe alle Sachen auf den Tisch und verteilte dann ganz nach Belieben. Die große Legobox in ihre Tüte. Das kleine Lego in die urgroßväterliche. Dass ich dieses kleine Lego gerne als elterliches Geschenk genommen hätte, weil es einfach so supergut auf meinen Jungen passt, wurde übergangen. Und so wurden Sachen hin und her geschoben, immer begleitet mit den Worten „du musst sagen, wenn dir was nicht passt“, aber sobald ich den Mund aufmachte, wurde das entweder überhört oder mit „ach, das ist doch aber so viel besser“ abgeschmettert. Da die Ibus noch nicht ganz ihre Wirkung entfaltet hatten und es am Ende ja doch alles irgendwie meinem Kind geschenkt wird, verkniff ich mir den Streit an dieser Stelle. Nachdem meine Ma mit dem Aufteilen fertig war, durfte ich meinen Teil wieder einpacken, immerhin hatte ich den Piratensorgenfresser für unsere Schultüte gerettet! Den Fußballschal musste ich allerdings auch aufgeben. Meine Ma bemerkte, dass sie außer einem großen Lego gar kein Spielzeug in der Zuckertüte hat, also bot ich ihr eine Box mit Metallknobelspielen an. Nur widerwillig nahm sie diese, denn die Box würde ja in der Zuckertüte klappern.

Anschließend ging es um die Organisation der Feier. Sie fragte, ob ich denn Einladungen verschicken wolle. Wollte ich nicht. Denn meine Tante würde im Vorfeld ausführlich von meinen Eltern informiert, meine Cousine hat per WhatsApp bereits alle Daten erhalten und mein Schwager wurde von meinem Mann eingeladen. Meine Ma kramte drei Einladungskarten aus einer großen Kartenbox hervor und meinte, die verschickst du an die drei und schreibst dann rein, wo genau das Restaurant ist und wann es los geht. Zu diesem Zeitpunkt war ich so dankbar, dass die Ibus endlich wirkten und ich wider halbwegs geradeaus schauen konnte, dass ich die Karten eben einsteckte und sie demnächst bekrakeln werde.

Es blieb noch die Nachmittagsplanung. Meine Idee war, bei schönem Wetter eines der Wahrzeichen der Stadt zu besuchen und dort ein kleines Picknick zu veranstalten. Genug Wiese gibt es dort und eben auch öffentliche Toiletten und, so man möchte, eine fantastische Aussicht. Und nicht zu vergessen Parkplätze. Bei schlechtem Wetter gäbe es das Kaffeetrinken bei uns in der Wohnung, mit bereits oben erwähntem Kuschelfaktor, wobei ich wirklich sehr hoffe, dass halbwegs gutes Wetter ist. Der Kleene geht mir an so einem aufregenden Tag ein, wenn er sich nicht wenigstens einmal richtig austoben kann und das geht in der Wohnung eher schlecht. Meine Ma fand meinen Vorschlag irgendwie gut, aber eben auch nicht so richtig, weil irgendwie sollen wir auch bei schönen Wetter alles in der Wohnung vorbereiten. Die Erklärung habe ich nicht verstanden, ist aber auch egal, denn wir machen das jetzt so. Und wir SOLLEN DOCH BITTE DIE TAGE DAVOR GRÜNDLICHEN BUDENSCHWUNG MACHEN, damit es nicht wie Humbatz bei uns aussieht. So wie sonst immer, vergass sie zu erwähnen.

Zugegeben, bei uns herrscht das organisierte Chaos und weder mein Mann noch ich lieben Putzen. Dennoch muss niemand bei uns durch knöchelhohen Dreck waten oder muss Angst haben, sich seine Klamotten beim Setzen auf die Couch dreckig zu machen. Man kann bei uns nicht vom Boden essen – wobei, bei dem was die Kinder so beim Essen fallen lassen, könnte man durchaus davon satt werden, wenn einen die Katzenhaare nicht stören, die spätestens 5 Minuten nach dem Wischen wieder überall herumfliegen. Bei meiner Ma ist es immer und zu jeder Zeit OP-Saal-mäßig sauber und alles, was diesen Standard nicht erfüllt ist dreckig. Ich allerdings vertrete die Ansicht, dass 2 Kinder, 2 Katzen und ein Mann einfach soviel Leben in die Bude bringen, dass klinisch rein eine Illusion ist und man nur einigermaßen versuchen kann, dieses Chaos zu beherrschen. Wenn ich eine aufgeräumte Wohnung sehen will, kauf ich mir SCHÖNER WOHNEN!

Nachdem nun die Partyplanung abgeschlossen war, wurde beschlossen, dass wir noch in die Stadt fahren, Parkeisenbahn fahren. Ehrlich, ich bin es gewohnt, um die Ecke zu denken und auch Eventualitäten einzuplanen, aber manchmal bin ich echt überfordert. Wir warteten am Bahnsteig auf den Zug und sahen auf dem gegenüberliegenden Gleis einen Zug. Dessen vordere Passagierwagen waren überdacht, die hintere Hälfte war topless. So, wie ich meine Ma kenne, bevorzugt sie Schatten und mag nicht, wenn sie in der prallen Sonne sitzt. Also postierte ich mich am vorderen Ende des Bahnsteigs, in der Hoffnung, ein überdachtes leeres Abteil für uns zu ergattern. Meine Ma verteilte den Rest der Familie – Pa und sich selbst – strategisch auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr ein, ich fand tatsächlich ein überdachtes leeres Abteil, steig ein und winkte den Rest zu mir. Diese jedoch winkten zurück – aus einem nicht überdachten Wagen. Ich also mit der Süßen auf dem Arm und Wickelrucksack auf dem anderen zum anderen Abteil getrabt. „Mit Dach überm Kopf bekomme ich Beklemmungen.“
Ja ne, is klar. Hätte ich mich hinten postiert und ein freies oben rum offenes Abteil erkämpft, hätte sie vorne gestanden und ein überdachtes genommen. „Die pralle Sonne vertrag ich nicht so.“

Egal. Ich hab den Großen meine Kamera um den Hals gehängt und er hat freudestrahlend ein Bild nach dem anderen geschossen. Danach sind wir in einen Biergarten gefahren. Wir fanden ein schönes, schattiges Plätzchen weitab von der Band und den überlauten Lautsprechern. Die Band packte gerade zusammen und meine Ma fragte mich, ob denn in der Nähe der Bühne ein Tisch frei wäre. War keiner und bei meiner Suche stellte ich fest, dass die Lautsprecher ihrem Namen alle Ehre machten und laut waren, so laut, dass man nicht sein eigenes Wort verstand. Der Große war auf dem Spielplatz spielen, Pa war Getränke holen, ich begleitete die Süße bei Treppensteigversuchen. Meine Ma war also ca. 10 Minuten alleine. Zuviel. Kaum hatte mein Pa die Getränke abgestellt, wurde er losgeschickt, einen Platz in der Nähe der Bühne zu suchen. Er fand eine, winkte meine Ma heran, ich bekam das gerade so mit, weil die Süße eben wieder die Treppe heruntergekrabbelt war, Ich half also beim Gläser, Jacken und Taschen tragen und noch bevor wir Pas Tisch erreicht hatten, schwenkte meine Ma auf einen ganz anderen Tisch um. Weil da mehr Schatten war. Oder weiß der Geier.
Meine Ma jedenfalls saß jetzt perfekt, hatte alles im Blick, niemanden im Rücken und konnte sich trefflich über den wirklich gut erzogenen Hund zwei Tische weiter aufregen.

Als wir abends, nachdem die Kinder im Bett waren, noch gemütlich beisammen saßen, kam die Sprache aufs Geld. Meine Ma meinte, dass wir ja momentan ganz arg am Hungertuch zu knabbern hätten – haben wir nicht – und dass die Uroma tatsächlich was vererbt hätte. Ich bezweifle das ein wenig, drei Jahre im betreuten Wohnen werden wohl sämtliche Spareinlagen selbst bei der recht guten Witwenrente meiner Oma aufgefressen haben. Dennoch beharrten sie darauf, dass die Oma ihren drei Kindern jeweils 1.000 Euro vererbt hätte und meine Eltern würden ihren Anteil mit uns teilen. Ob das nun so ist oder nicht, ich wollte das Geld nicht so einfach im Alltag versumpfen lassen. Spontan kam mir die Idee, das Geld in irgendeiner Form anzulegen und dem Großen zugute kommen zu lassen. Zum Führerschein oder als Studienbeihilfe, was auch immer. Eben einfach nur für ihn, für später, wenn er groß ist. Ich dachte an ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto, irgendetwas das sicher ist und vielleicht ein paar Zinsen abwirft. Wobei da das Sparbuch ja schon raus ist. Wie auch immer, bei meinen Eltern lagerte noch mein Sparbuch von anno dazumals mit dem sagenhaften Betrag von 66 Euro. Allerdings konnte dies nur durch mich persönlich aufgelöst werden. Und wenn wir schon mal bei der Sparkasse sind, können wir uns doch gleich beraten lassen, was es für Möglichkeiten für die 500 Euro gibt, die im Laufe der Zeit durch Geburtstagsgelder, Jugendweihen, Sommerarbeiten, etc. aufgepolstert werden könnten.

Mein Pa und ich sind also Montag nachmittag – meine Ma musste arbeiten – zur Sparkasse gegangen, haben mein Sparbuch aufgelöst. Das ging erstaunlich einfach, nur mussten die sagenhaften 66 Euro auf ein Girokonto überwiesen werden, Barauszahlung war nicht möglich. Ein versierter Bankberater hatte auch zufällig Zeit und beriet uns ganz trefflich, nämlich ohne irgendwelche Zinsraten, Gewinnspannen oder Fallstricke zu nennen. Auf dem Papier klang die Enkelvorsorgeversicherung echt super, in Echt hat sie einfach nur unzählige Fragen zurück gelassen. Anlagen mit Wertpapieranteil konnten nicht beraten werden, da dafür beide Erziehungsberechtigte, bzw. einer mit Vollmacht des anderen, hätte anwesend sein müssen. War mir eh ganz recht, denn der Große hatte den Hydroblumentopf mit den bunten Steinen im Büro des Beraters entdeckt, was wiederum die Süße veranlasste, alle Steine aus dem Topf anzulutschen. Wir bedankten uns für die Beratung, und gingen ohne etwas zu unterschreiben nach Hause. Dort angekommen stellten wir fest, dass Ma bereits dreimal angerufen hatte, augenscheinlich was wirklich Wichtiges. Mein Pa rief zurück, aber sie nahm nicht ab, vermutlich war sie einfach zu beschäftigt. Mein Pa verzog sich mit seinem Enkel in den Keller, sie wollten an einem Projekt basteln, irgendwas mit Holz, Räder und Farbe.
Als meine Ma erneut anrief, berichtete sie mir, dass einer ihrer Kunden auch Sparkassenberater wäre und er ihr ganz dringend von einer Anlage bei der Sparkasse abgeraten hätte. Ich meinte, wir würden am Abend, wenn sie zuhause wäre, in Ruhe darüber sprechen und das ihr Berater gar nicht so unrecht hätte. Sie schwafelte noch 2 Minuten, dass sie uns gerne vor unserem Termin bei der Sparkasse erreicht hätte, dann hätten wir uns den nämlich ersparen können. Ich sagte nichts mehr dazu.
Eine halbe Stunde später rief sie erneut bei uns an und erwischte meinen Pa und erzählte ihm dasselbe, woraufhin er meinte, wir würden das Ganze am Abend, wenn sie zuhause wäre, diskutieren.

Es wurde Abend, Ma kam heim, die Kinder gingen ins Bett, wir redeten über den Tag. Ich fasste die Ereignisse beim Berater zusammen, neutral und ohne Wertung. Meine Ma tickte aus, als hätten wir bereits irgendwas unterschrieben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich zuhause mit meiner Bank reden würde, mir deren Angebote erklären lassen würde. Zudem würde ich meinen unabhängigen Versicherungsmakler anrufen, wenn diese Enkelvorsorgeversicherung eine echte Versicherung wäre, dann hätte der bestimmt etwas ähnliches zu vielleicht besseren Konditionen im Angebot. Generell würden wir nichts überstürzen, ein oder zwei Monate mehr bzw. weniger würden das Kraut echt nicht fett machen. Meine Ma reagierte darauf gar nicht, sie war fest davon überzeugt, wir würden am nächsten Tag die Enkelvorsorge bei der Sparkasse unterschreiben. Sie lamentierte lang und breit, wie niemand auf sie hören würde und sie wüsste ja eh alles immer am Besten und wir würden nur auf die billigen Tricks der Berater hereinfallen.

An diesem Punkt wollte ich sie am liebsten anschreien: „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, ich bin mittlerweile erwachsen und durchaus in der Lage, vernünftige Entscheidungen alleine zu treffen!“

Hätte ich auch nur den geringsten Funken Hoffnung gehabt, dass es irgendwas bewirkt, ja irgendwas geändert hätte, wäre ich auf Konfrontation gegangen. So habe ich es sein gelassen, habe mich meinem Schicksal gefügt.

Ich war dieses Wochenende wieder das kleine Kind, dass keinerlei Macht über seine Eltern, um ehrlich zu sein, nur seine Mutter, hat. Dass sich gegen die Ungerechtigkeiten, die beiläufigen Verletzungen nicht wehrt, in dem verzweifelten Versuch geliebt zu werden. Wir haben an diesem Wochenende viel zusammen unternommen, beide Enkel stehen vor wichtigen Meilensteinen, die Anerkennung verdienen. Der Große versucht alles zu lesen, was ihm unter die Augen kommt. „Feuerwehrzufahrt“, „Speisekarte“, „Lisa (5) Berlin“ – fantastische Leistung für einen Vorschüler, fast nicht beachtet von der Oma.
Meine Süße lernt Wörter, vergisst dabei gerne das O. „ma“, „alle“, „ben“, „pa“, „Ja“. Sie kann sich verständlich machen, wenn man sich bemüht, ihre Wörter zu verstehen. Aber wenn „Oma“ nicht korrekt ausgesprochen wird, hat man schlechte Karten. Oma versteht nicht, dass man die halbe Nacht wach ist und jammert, weil gerade so ein furchtbar riesiger Backenzahn gerade den Durchbruch wagt. Sie versteht auch nicht, dass in einem solchen Moment die Mamabrust das einzig wahre Tröstliche ist. Stattdessen wird gefragt: „Muss das sein?“, „Kommt da überhaupt noch was?“

Ich könnte jetzt sagen, das wär mir alles egal, da steh ich drüber. Tu ich aber leider nicht. Ich mach mir nen Kopp.

Es gab einen Moment an diesem Wochenende. Wir saßen auf dem Balkon, die Kinder haben Mittagsschlaf gemacht. Es gab nichts zu bereden. Ich sah auf die Füße meiner Mutter und fand sie einfach nur hässlich. Ich blickte  nach oben, betrachtete sie. Ich versuchte, meine Gefühle für sie zu ergründen.  Ich finde dies immer am einfachsten, wenn ich mir vorstelle, ich wäre auf der Beerdigung dieser Person. Also stellte ich mir vor, was wäre, wenn ich meine Ma beerdigen würde. Was würde ich fühlen? Wäre ich traurig? Würde ich sie vermissen? Was würde sie bemerkenswert machen?

Meine Antworten erstaunten mich. Vor diesem Wochenende habe ich mir ganz ähnliche Gedanken gemacht, vor allem im Rahmen meiner Therapiesitzungen. Eigentlich war ich ganz stolz auf meine Ma, ich fand, sie hatte bestimmte Dinge ganz gut gemacht. Sie hat mir viel Vertrauen geschenkt, mich mit 16 bis 21 oder 22 Uhr rausgelassen. Mich nicht kontrolliert, vermutlich weil es damals keine Handies gab. Ich durfte mit 12 meinen eigenen ersten Computer kaufen, von meinem Ersparten, aber immerhin. Ich fand als Teenager so ganz generell meine Ma als ganz cool. Mein Pa war um Längen cooler, aber ist ja auch der Vater.

Ich betrachtete ihre Zehen und fand sie einfach nur abstoßend. Obwohl sie meinen eigenen so ähnlich waren, fand ich sie eklig. Ich sah mich in der Trauerhalle des örtlichen Friedhofs und nicht eine Träne wollte mir beim Anblick ihres Sarges/ihrer Urne über die Wange laufen. Immer wieder dachte ich mir, hey, das ist deine Ma, du musst doch trauern. Aber dieses Gefühl wollte einfach nicht kommen. Ich überlegte, ob ich sie vermissen würde und wenn ja, was? Ihre Umarmungen? Ihre Küsse? Ihr Verständnis? Ihre Ratschläge? Ihre Wärme?

Nichts von alledem! Nichts von alledem hatte ich als Kind erlebt.

Derzeit wäre sie ein Trauerfall wie meine 99-jährige Oma. Schade, dass sie geht. Gut, dass sie nicht leiden musste.

Und wie immer frage ich mich, ob es irgendetwas nützen würde, sie darauf anzusprechen. Und wie immer grätschte die Stimme meines Pa dazwischen. „Sie würde es nicht verstehen. Sie wüsste nicht, worüber du redest.“ – „Aber wie hältst du das aus?“ – „Ich lasse sie einfach machen. Für den Rest habe ich meinen Keller, meine Arbeit oder meinen MP3-Player.“

Vielleicht erlange ich irgendwann diese Bewusstseinsstufe, sie einfach machen zu lassen …

Highlight der Woche

Sobald sich die ersten zwei zartfarbigen Streifen auf dem Schwangerschaftstest gezeigt haben und man diese meist erfreuliche Nachricht dem Freundes- und Bekanntenkreis kund getan hat, hagelt es von allen Seiten mehr oder weniger brauchbare Ratschläge und Tipps. Noch häufiger jedoch folgen Kommentare, was denn in den nächsten Monaten und Jahren auf einen als werdende und später seiende Eltern zukommt.

Mit einem hämischen Lächeln auf den Lippen wird vor den schlaflosen Nächten gewarnt, diabolisch grinsend werden die intensivsten Windelwechselgeschichten zum Besten gegeben und mitleidig wird darauf hingewiesen, dass man die Wespentaille ab jetzt getrost für alle Zeiten vergessen kann. Stoisch erträgt man all dies, nur um es dann selbst bei der nächstbesten Gelegenheit den werdenden Eltern aufs Brot zu Schmieren.

Tja, so ist er, der Kreislauf des Lebens.

Aber niemand, wirklich niemand, klärt einen vorher über die wahren Höhepunkte des Elternseins auf: Elternveranstaltungen in den Kinderbetreuungseinrichtungen. Sie kommen meist ganz unschuldig daher und nennen sich „Osterkaffee“. Oder auch getarnt als „Chinesisches Mondfest“. Manchmal versuchen sie auch gar nicht ihre hinterhältige Natur zu verstecken und nennen sich ganz plump „Zuckertütenbasteln für Eltern“.

Je nach Organisationsstufe des Kindergartens wird einem der Termin für die nächste Veranstaltung atemlos zwischen Tür und Angel beim Abholen des Kindes zugerufen, wenn selbiges gerade laut plärrend erzählt, dass ihm der Jeremy-Jason schon wieder eins mit einem Bauklotz über die Rübe gezogen hat, was voll gemein ist, denn dadurch ist der Sprößling mit dem Stift abgerutscht und schon ist sein selbstgemaltes Bild, das viel schöner und glitzriger war als das von Sophie-Anna, total versaut gewesen.
Wenn man Glück hat, wurde der Termin auf einen bunten Zettel gekrakelt, versehen mit ganz vielen Smilies, und an die Tür gepinnt, wo man ihn in Ruhe und viel mühevoller Kleinarbeit entziffern kann, wenn man das Kind abholt. Wenn man Pech hat, holen gerade andere Eltern ihr Kind ab, die Tür steht permanent offen und man bekommt diesen Zettel nie zu Gesicht.
Der 5er im Lotto ist, wenn man auf die Veranstaltungen per Email hingewiesen wird. Der 6er, wenn auch die richtige Emailadresse verwendet wurde. Der 6er mit Superzahl, wenn der gesamte Verteiler im BCC steht.

All diesen Veranstaltungen ist gemein, dass man zwangsläufig auf „andere Eltern“ trifft, während man auf diesen Minikinderstühlen hockt, die Knie irgendwo auf Ohrenhöhe und aus denen man niemals im Leben würdevoll aufstehen kann, sobald man größer als 1,50 m gewachsen ist.

Die „anderen Eltern“ haben zu solchen Veranstaltungen immer den tollsten selbstgebackenen Kuchen dabei, während man selbst froh ist, die letzten vertrockneten Stücke Blechkuchens vom Bäcker um die Ecke ergattert zu haben. Diese Mütter sehen immer aus wie aus dem Ei gepellt, ich bin schon froh, wenn die Essensresteflecke auf meiner Jacke, nachdem sich mindestens eines meiner Kinder unbedingt den Mund daran abwischen musste, während ich ihm zur Verabschiedung einen Kuss auf die Wange gegeben habe, farblich zu denen auf meiner Hose passen.

Allein der Geruch, wenn ich den Hort des GrauensKindergarten betrete. Schon direkt nach Öffnen der Eingangstür schlägt einem der Geruch nach verwesender Kinderkotze entgegen, der sich gleichmäßig im ganzen Haus verteilt hat. Ich weiß nicht, ob die Mischung aus getragenen Kindersocken, trocknenden Matschhosen, Mittagessen und scharfen Reinigungsmitteln diesen Duft erzeugt, oder ob sich tatsächlich vor Urzeiten mal ein Kind an einer unauffälligen Stelle übergeben hat. Ist ja letztendlich auch egal, stinken tut es so oder so erbärmlich.

Heute stand Zuckertütenbasteln auf dem Plan und ich fand mich am vorgeschriebenen Ort zur rechten Zeit ein. Die Erzieherinnen hatten schon mal was vorbereitet und so standen bereits frisch verklebte Tütenrohlinge auf dem Tisch. Ich wurde als Mama des Großen erkannt und prompt gefragt, ob ich lieber eine blaue oder eine grüne Zuckertüte haben möchte. Ich entschied mich für die orangene.

Damit die Tüte nicht sofort den Inhalt preis gibt, lag Krepppapier bereit, mit dem man den Verschluss der Tüte basteln konnte. Ich rissschnitt mit einer Minischere ein entsprechend großes Stück vom roten Papier ab und wollte dieses innen in die Tüte kleben. Mit Leim, der aus dem letzten Jahrtausend stammte. Egal, ich ignorierte die seltsamen Flecken oben auf dem Klebestift und schmodderte den oberen inneren Rand der Tüte ordentlich auf 5 Zentimeter Breite ein.
Vorsichtig drückte ich das Krepppapier auf den Rand, bis ich die Runde rum war. Dann wiederholte ich die Prozedur. Dann wischte ich mir die Kleberklumpen an der Hose ab, bat um den Flüssigkleber und wiederholte die Spiel.

Es gab Buchstaben zum Aufkleben, in bunt, Moosgummi und Glitzer. Die bunten und die glitzernden klebten von selbst, die Moosgummi mussten extra mit Leim versehen werden. Seltsamerweise waren die Buchstaben s, c, h, u, l und e viel zu wenig vorhanden, keine Ahnung warum. Ich half mir, indem ich aus übriggebliebenen Moosgummi-Ns Hs und aus Qs, die eh niemand braucht, Us bastelte. Es gab auch chinesische Drachen und Lampions als Aufkleber, welche ich gerne und reichlich nutzte. Den Namen meines Kindes formte ich aus Glitzerbuchstaben, mit dem Resultat, dass die Hälfte des Glitzers an meinen leimverschmierten Fingern und meiner Hose haftete.
Die Moosgummibuchstaben wollten sich partout nicht der Rundung der Tüte anpassen und flappten ständig vom Untergrund wieder hoch, ganz gleich, wie viel oder welchen Leim ich verwendete. Egal, das ist individuell und wird anderswo Kunst genannt.

Als positiv bleibt mir zu bemerken, dass die Stunde zum Glück frei von „anderen Eltern“ war und ich tatsächlich Spaß hatte. Negativ sticht heraus, dass die „anderen Eltern“ vermutlich so mit Kuchen backen beschäftigt waren, dass sie ihren Kindern nicht so etwas Schnödes wie eine Zuckertüte basteln konnten und die übrigen Eltern zusätzlich diese Aufgabe übernehmen mussten, weswegen es ein paar weniger liebevoll gestaltete Exemplare ohne Namen gibt und weswegen mein Mann grummelnd mit beiden Kindern im Schlepptau vor der Türe wartete, während ich noch fix eine Fremdtüte fertig beklebte.

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Beim nächsten Basteln bringe ich meine eigene Tube Sekundenkleber mit. Wäre doch gelacht, wenn ich mich nicht komplett an eine Zuckertüte pappen könnte 😉

Einatmen – ausatmen

Orrr man, ich könnt mich grad wieder uffrechen tun.

OK, ich reg mich auch grad tierisch auf – und die Themen, über die ich mich aufrege, sind gerade schier endlos.

  • Diese dusslige #regrettingmotherhood-Debatte.
    Die einen Mütter regen sich auf, dass es überhaupt Mütter gibt, die ihr Muttersein auch nur das kleinste bisschen bereuen.
    Die anderen regen sich auf, dass Mütter, die es bereuen, Mutter geworden sein (also die Hardcore-Variante, die wirklich beim Zeit zurückdrehen kein Kind mehr kriegen will) darüber Blogartikel verfasst, die irgendwann mal von den „ungewünschten“ Kindern im Netz gefunden werden.
    Die nächsten regen sich auf, dass die Mütter sich mit dem Thema auseinandersetzen, die nur einzelne Punkte am Muttersein doof finden, wo es in der ursprünglichen Fassung doch darum ging, das ganze Muttersein doof zu finden.
    Mal schauen, was als nächstes Subthema aufkommt.
  • Da kündigt die ZDF-Sendung „heute nacht“ ihren Beitrag zur Absturztrauerfeier gestern damit an, dass bewusst keine trauernden Angehörigen und Freunde der Opfer gefilmt wurden. Im Beitrag allerdings wird die Schwester eines Opfers gezeigt, in Tränen aufgelöst. Vermutlich galt für sie die Regelung nicht, da sie auch eine Rede vorne am Pult hielt.
    Wie auch immer, es ändert nichts am Zynismus dieser Aussage.
  • Es ertrinken 400 Flüchtlinge im Mittelmeer.
    Wenigstens ein paar Kamerateams sind vor Ort und berichten.
    Die zahllosen Opfer der letzten Jahre hat keine Sau interessiert (zu oft taucht in der verlinkten Liste „Flüchtlingsboot“ auf).
    Da fordert unser Innenminister, dass man endlich was tun müsse, aber wenn, dann in den Ursprungsländern der Flüchtlinge, da man sonst nur die Schleuser noch reicher machen würde. Finde ich einen guten Ansatz. Dann, liebe Bundesregierung, leg mal los, hilf Westafrika, die wirtschaftlichen Schäden der Ebola-Epidemie auszugleichen. Dann intervenier mal in Nigeria, wo Boko Haram fast unbehelligt ihr Unwesen treiben, Menschen entführen und abschlachten kann. Dann schau mal richtig in Syrien hin und versteck dich nicht hinter fadenscheinigen Ausreden wie „Souveränität des Staates“, wenn es dir in der Vergangenheit bei anderen Ländern doch auch egal war.
    Zur Finanzierung darfst du gerne den Soli weiter einziehen, brauchst auch die Steuern nicht zu senken und kannst diese unsäglich-unnütze PKW-Maut einführen.
  • Die doofe Schulbezirkregelung unserer Stadt, die uns heute den Ablehnungsbescheid zu unserem Schulbezirkswechselantrag geschickt hat. Hatten wir zwar nicht anders erwartet, aber aufregen tuts mich trotzdem.

Und wegen all dieser Themen komme ich nicht dazu, über die U6 und die Krippeneingewöhnung der Süßen oder das erste echte Fußballtraining des Großen zu schreiben.

Und das regt mich gleich noch mehr auf!

Zum Scheitern verurteilt

Auf das Thema „Scheitern als Eltern“ bin ich durch den Blogbeitrag von Andrea Harmonika gestoßen, welchen sie im Rahmen einer Blogparade verfasst hat. Ich fand den Beitrag amüsant, da er mir in sehr angenehmer Art vor Augen hielt, dass ich jeden Tag an der Aufgabe Elternsein scheitere und kommentierte das entsprechend.

Doch seit dem lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Es geistert in meinem Kopf, schiebt sich immer wieder in mein Bewusstsein, weil ich einfach nicht akzeptieren kann, dass ich als Muttern gescheitert sein soll. Ich fühle mich nicht als gescheitert! Wenn ich meine Kinder so anschaue, dann habe ich bestimmt einiges falsch, aber auch jede Menge richtig gemacht. OK, ich kann keine Hosen für meine Kinder nähen und mit dem Backen ist es auch nicht weit her, aber ist das tatsächlich ein brauchbarer Maßstab für gelungene Elternschaft?

Wer legt denn überhaupt die Maßstäbe fest? Und mit welchem Recht? Beim Sport ist das meist relativ klar geregelt. Wer beim Hochsprung am höchsten springt, hat gewonnen, wer die Latte reißt, ist an dieser Höhe gescheitert. Ist man im Hochsprung nicht besonders gut, dann kann man vielleicht ganz schnell laufen oder etwas sehr weit werfen. Und wem nichts von alledem gut gelingt, der kann immer noch als Zuschauer auf den Rängen Platz nehmen und die Athleten anfeuern.

Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, das Publikum als gescheitert anzusehen. Oder den Hochspringer, der zwangsläufig beim Kugelstoßen versagen muss.
Warum dann also die strengen Vorgaben für Eltern?

Nimmt man sich zwei beliebige Elternratgeber und vergleicht die Ratschläge, dann findet man höchstwahrscheinlich mindestens einen Punkt, der völlig konträr zum gleichen Abschnitt im anderen Buch beschrieben wird. Folge ich nun dem einen Ratgeber, muss ich zwangsläufig an den Maßstäben des anderen Ratgebers scheitern. Das ist übrigens der Grund, warum ich diese Elternratgeber meide wie die Pest, da sie mich letztendlich mehr verwirren als sie mir helfen.

Folgt man den Tipps von Freundinnen, Eltern, Großeltern, Tanten oder den eh alles besserwissenden Miteinkäufern im Supermarkt, bietet sich das gleiche Bild. Der eine rät, man solle das Kind in der Quengelzone schreien lassen, der andere fühlt sich dadurch massiv belästigt und hält das Kind für völlig verzogen. Der Onkel, der entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn wir erzählen, dass wir mit unseren Kindern regelmäßig in Restaurants (und damit meine ich jetzt nicht diese „Restaurants“ zu den goldenen Bögen etc.) zum Essen gehen und wir dort bis 21 Uhr oder gar noch länger bleiben. Dem entgegen steht die Bedienung in besagten Restaurants, die sich freut, dass wir kommen und es schön findet, dass auch Deutsche mal so unverkrampft mit ihren Kindern umgehen (O-Ton).

Wer hat denn jetzt Recht bzw. welcher Maßstab ist denn nun der, an dem ich mich als Mutter messen lassen muss?

Da Menschen Individuen sind mit unterschiedlichsten Erfahrung, Moralvorstellungen und kulturellen Hintergründen, und Eltern entgegen der landläufigen Meinung eben auch nur Menschen sind, können solche allgemeingültigen Maßstäbe gar nicht angelegt werden.

Eine Freundin brachte es, wie ich finde, schön prägnant auf den Punkt: „Als gescheitert würde ich mich betrachten, wenn meine Kinder mir nicht ihre Sorgen anvertrauen können oder sich von mir nicht geliebt fühlen. Alles andere ist doch nur Bonus.“

Ob man dieses Ziel nun mit selbstgenähten Hosen oder selbstgebackenem smartiesgefüllten Regenbogenkuchen schafft oder täglich den Lieferservice bestellt, ist doch letztendlich egal.

 

#geschichtenvomscheitern

Normal ist für andere

Am Freitag war die Beerdigung meiner Oma und wir hatten alles wie immer vorbereitet, nämlich scheinbar gar nicht. Das morgendliche Duschen und Stylen klappte noch wie geplant, aber dann wurden die Kinder wach und das Chaos nahm seinen Lauf.

Ständig wuselte der Große zwischen meinen Beinen rum, die Kleene nutzte die Gelegenheit der vielen offenen Türen und erkundete Flur, Küche, Bad und Katzenfutter und der Mann grummelte wie gewohnt vor sich hin. Ich packte die Taschen für die Kinder und mich, bereitete ein schnelles Frühstück vor und versuchte, nicht die Nerven zu verlieren.

Nach dem Essen wurde die Familie in die vorbereitete Kleidung gewandet, die letzten Sachen in den Taschen verstaut, kurz überlegt, ob wir was vergessen hätten und dann alles ins Auto verfrachtet. Mit nur einer halben Stunde Verspätung startete ich das Auto und hörte nur ein müdes Röcheln.

Großartiges Timing, so wie es sich gehört.

Auch weitere Versuche endeten nur in diesem unschönen Röcheln. Mein erster Gedanke war, dass die Batterie mal wieder den Geist aufgegeben hat. Zum Glück nutzte gerade die einzige mir bekannte Nachbarin das fantastische Frühlingswetter aus und hängte ihre Wäsche auf dem Trockenplatz hinter meinem Parkplatz auf. Ich sprach sie an, ob denn nicht ihr Mann oder der Mann ihrer Schwester zufällig zuhause seien und sie uns fix Starthilfe geben könnte. Wir hatten genug Vorlauf eingeplant, so dass in Panik verfallen noch nicht angezeigt war.

Leider waren beide Hoffnungsträger samt ihrer fahrbaren Untersätze auf Arbeit und ich kam ein wenig ins Schwitzen, was nichts mit der mir auf den Rücken prasselnden Sonne zu tun hatte. Allerdings meinte die Nachbarin, dass es da noch ihren Onkel gebe und der sei bestimmte zuhause. Prompt schickte sie ihre Tochter los und keine zwei Minuten später öffnete sich im Haus gegenüber im ersten Stock ein Fenster und ein Mann steckte seinen Kopf heraus und fragte, was denn los sei. Meine Erklärung wurde mit dem Hinweis quittiert, dass er schon helfen könne, er sich aber noch anziehen müsse und das könnte dauern.

Ich wollte schon abwinken und den ADAC anrufen, als es dann doch ganz schnell ging und besagter Onkel in der Haustür erschien und mich fragte, ob wir denn überhaupt Starthilfekabel hätten.

Immer diese schwierigen Fragen.

Wenn, dann maximal irgendwo im Kofferraum beim Ersatzrad, wo auch der Abschlepphaken und Wagenheber rumlungerten. Also den in bester Tetrismanier gepackten Kofferraum wieder ausgeräumt, beim Ersatzrad geschaut und festgestellt, dass, wenn da mal Kabel vorhanden waren, diese sich in Staub, Dreck und altes Laub verwandelt haben.

Wieder war ich gerade dabei, das Handy zu zücken und den Pannendienst anzurufen, als der Onkel samt Auto um die Ecke bog und freudestrahlend mit Kabeln winkte. Nun könnte man annehmen, dass ich wüsste, wie Starthilfe geht, immerhin brauche ich die mindestens einmal pro Winter, aber offenbar ist dies mein blinder Fleck. Der Onkel tat aber fachmännisch, klippste hier und da die Kabel an, startete sein Auto, dann startete ich meins – und hörte wieder nur das höhnische Röcheln.

Nach einer halben Stunde also doch der ADAC. Angerufen, dem netten Herren am Telefon das Problem geschildert und seinen Hinweis „in 60 Minuten ist jemand bei Ihnen“ als Anlass genommen, ihn zu bitten, ausnahmsweise das Ganze ein wenig dringlicher zu gestalten, da mittlerweile die Zeit doch ein wenig knapp wurde. Ich drängel sonst nie, weil es erstens nichts bringt und zweitens die gelben Engel auch nur ihren Job machen, aber unter diesen Umständen meinte ich, mal eine Ausnahme machen zu können. Der Telefonist zeigte sich verständnisvoll und versprach mir Hilfe innerhalb der nächsten 30 Minuten.
Gefiel mir gut, da wir damit immer noch im Zeitrahmen wären. Wir müssten zwar direkt zum Friedhof fahren und könnten nicht wie geplant vorher bei meinen Eltern vorbei schauen, aber ein wirkliches Problem war das nicht.

Nachdem sich das Gepäck bereits eine Weile sonnen durfte, entluden wir nun auch die Kinder. Der Große durfte im Sandkasten spielen mit dem Hinweis, sich bitte nicht allzu sehr dreckig zu machen, immerhin wollten wir noch zu der Beerdigung. Die Kleene tapste vorsichtig auf der Wiese rum und freute sich ihrer neu gewonnenen Freiheit.

Nach einer Viertelstunde bog ein weiterer Nachbar mit seinem Auto auf den Hof, sah unser offensichtlich havariertes Fahrzeug und bot seine Hilfe an. Er sei Kraftfahrer und hätte Ahnung. Mir war mittlerweile alles recht und ich ließ ihn gewähren. Er interpretierte das ominöse Röcheln als Fehler des Magnetschalters des Anlassers. Da müsste man vermutlich nur mal feste mit einem Hammer drauf hauen und alles würde wieder laufen. Zum Glück ist der Motorraum meines Auto mit vielerlei Plastikabdeckungen versehen, so dass der freie Zugang zum widerspenstigen Anlasser versperrt war.

Ich wurde so langsam nervös, da die angekündigte halbe Stunde seit 10 Minuten vorbei war. Eventuell fand der Engel die Zufahrt nicht, die ein wenig versteckt zwischen einem Blumenladen und einem Bäcker liegt. Ich begab mich also zwecks Einweisung zur Zufahrt und wartete dort. Als aus den 30 Minuten 60 geworden waren, bog endlich das ADAC-Auto ums Eck und ich geleitete es zu unserem Auto.

Der Mechaniker kannte mich bereits, vermutlich hatte ich beim letzten Mal einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Genauso wie der Sand auf den Klamotten meines Jungen, die in der Zwischenzeit und mütterlichen Abwesenheit ein einheitliches Grau angenommen hatten.
Während ich so gut wie möglich das Kindlein vom Staub befreite, klemmte der Autokenner ein Prüfgerät an die Autobatterie und meinte dann, dass mit 11 Watt (? – Frauen und Technik) Restleistung nichts mehr zu reißen wäre. Nachdem nun das Wunderding einmal angeschlossen war, sollte ich den Motor mal starten und siehe, das Kätzchen schnurrte wieder und dem Anlasser blieb die angedrohte Hammerbehandlung erspart.

Der ADACler wollte den Motor ein wenig laufen lassen und die Batterie aufladen, damit ich beim nächsten Motorabwürgen das Auto auch wieder starten kann (pah, als wenn mir das jemals schon passiert wäre [aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte]). Ich verbesserte meine Tetrisfähigkeiten und lud den Kofferraum wieder ein, die Beifahrer wurden auf die entsprechenden Sitze geschnallt und der Retter in Not stellte mir noch einen ich-war-da-und-habe-geholfen-Zettel aus.

Mit noch verbleibenden 55 Minuten bis zum Trauerfeierstart machten wir uns endlich auf den Weg. 75 Minuten später landeten wir am Zielort und bekamen wie durch ein Wunder direkt einen Parkplatz vorm Eingang. Jeder der Großen schnappte sich einen Kleinen und wir ranntengingen so würdig wie möglich zur Trauerhalle, wo wir uns leise hineinschlichen und in die letzte Reihe setzten. Der Trauerredner verlass gerade die letzten Sätze der sehr guten Rede, wie mir anschließend versichert wurde und dann setzte das Schlußlied ein, das es schaffte, uns innerhalb kürzester Zeit in die nötige Stimmung zu versetzen.

Nachdem die letzten Takte verklungen waren, sammelte die Gemeinschaft den Blumenschmuck ein und folgte dem Bestatter samt Urne zum Grab. Meine Oma hatte bei Opas Tod vor 19 Jahren ein 4er Urnengrab ausgesucht, damit sie dereinst neben ihrem Mann bestattet werden kann. Leider hatte es der Steinmetz nicht mehr rechtzeitig geschafft, den Grabstein mit den Lebensdaten der Oma zu versehen. Die Urne wurde im Grab versenkt und der Reihe nach warfen alle Anwesenden eigene Blumen und die vom Bestatter bereit gestellten Blüten ins Grab und verabschiedeten sich.

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Wir waren als letzte dran. Der Große war von der Auswahl an Blüten im Schälchen des Bestatters überfordert, wollte er doch die größte und schönste Blüte für das Grab haben. Außerdem traute er sich nicht, mehr als nur eine Blüte zu nehmen, was ich unglaublich rührend fand. Am Ende schaute er nochmals intensiv auf das Grab und murmelte „Tschüß Uroma“.

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Ursprünglich war geplant, anschließend gemeinsam Kaffee trinken zu gehen, aber die Pläne waren kurzfristig geändert worden und so machten wir uns kurz danach auf den Weg zu meinen Eltern.

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Nachdem wir ordentlich mit Kuchen und heißen Getränken vollgestopft worden waren, wollten meine Eltern noch in die Stadt fahren, die Uroma mit gescheitem Gerstensaft begießen. Die Stammkneipe meiner Eltern eignet sich sehr gut dafür, der Große kann draußen in der Fußgängerzone an den diversen Brunnen rumtoben und die Erwachsenen eine Kleinigkeit essen.

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Wir unterhielten uns über meine Großeltern, mein Papa erzählte, woran er sich noch erinnern konnte, an all die kleinen Schrullen und Angewohnheiten, die bekannten und unbekannten Anekdoten, den schon immer ausgeprägten Gesundheitswahn meiner Oma, an die verzweigte Familie und alte Freunde. Es tat gut, das alles zu hören und meinen Großeltern hätte es mit Sicherheit auch gefallen. Eine gern zum Besten gegebene Geschichte erzählt vom Renteneintritt meines Opa, wo er die gesamte Familie in einer Gaststätte versammelte und sagte, dass niemand nach Hause ginge, bevor nicht seine komplette erste Rente versoffen wäre. Nun ist unsere Familie recht groß, seine Rente war aber noch größer und so wurden nach einer langen Nacht am nächsten Tag alle wieder zum Mittagessen in die Schänke einbestellt 🙂

Pünktlich zum Sonnenuntergang machten wir noch einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt, etwas, dass sich immer wieder und zu jeder Jahreszeit lohnt.

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Am nächsten Tag traf sich die komplette Familie zum Mittagessen, wir tauschten die aktuellsten Neuigkeiten aus, bestaunten die Neuzugänge, bedauerten die Abgänge und genossen ganz generell die Gesellschaft und den ersten echten Frühlingstag dieses Jahres.

Für alle kleineren Enkel und Urenkel hatte meine Tante, die große Tochter der Oma, kleine Geschenke zusammengestellt, damit diese auch etwas hatten, was sie an die Oma/Uroma erinnern sollte. Meine Süße bekam einen großen, superkuschligen Teddy, den sie den ganzen Tag stolz durch die Gegend schleppte ❤

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P.S. An dem Wochenende sind noch viele andere nicht geplante Dinge passiert, aber es scheint, dass mein Tageserzählmaximum bei 1.500 Wörtern liegt.

Wait for something to happen

In dem Lied gibt es oben genannte Textzeile und das ist auch genau der Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Nicht, dass in der Vergangenheit zu wenig passiert wäre, aber all diese Ereignisse verdammen mich derzeit zum Warten, ohne wirklich etwas tun zu können.

Ich kann nicht mit meinen Eltern über die veränderte Situation reden, da wir dort Weihnachten und nächstes Wochenende noch den 55. bzw. den 60. Geburtstag meiner Eltern feiern wollen. Ich würde ihnen erstens diese Feiertage versauen, denn vor allem meine Ma macht sich immer enorme Sorgen. Und zweitens könnte sie wohl ihre Verachtung ob des Verhaltens ihres Schwiegersohns nicht verhehlen und sehr wahrscheinlich würde die ganze Situation eskalieren und dann noch dazu in einer Zeit, in der meine Ma echt schon stresstechnisch auf dem Kieferknochen läuft, Zahnfleisch ist da keines mehr da.

In meinen Gedanken stelle ich mich immer mehr auf die neue Wirklichkeit ein, plane die Zeit nach dem Auszug meines Mannes, überlege, was ich mit dem zusätzlichen Platz anstellen werde. Mir graut es vor dem Auseinanderklamüsern unserer Dinge. Bei den Möbeln ist es noch relativ unkompliziert, er kann schlecht von mir verlangen, dass wir uns die Küche teilen, unser Sofa im Wohnzimmer gibt es auch nur als Ganzes, unser Bett werde ich auch nicht zersägen können. So wird der Großteil einfach mal hier bleiben müssen, zumal ein nicht unerheblicher Teil von mir in die Ehe gebracht wurde. Bei den DVDs sieht das alles wieder ganz anders aus, ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, wer da was geholt oder wem geschenkt hat. Bücher und CDs sind da wieder unkompliziert, zu unterschiedlich sind hier unsere Geschmäcker.

Wie die Kinder auf die veränderte Situation reagieren, allen voran der Große, der doch eher ein Sensibelchen ist. Wie das mit der Aufteilung klappt. Wie ich es ertrage, die Kinder nur noch die Hälfte der Zeit um mich zu haben. Ob das mit der Kleinen überhaupt so geht, da sie noch sehr abhängig von mir ist. Ob das wirklich so günstig ist, dass mein Mann ans andere Ende der Stadt zieht und dem Großen einen, wie ich finde, extrem langen Schulweg aufbürdet. Ob ich das wirklich so akzeptieren muss.

Wie sich das alles organisatorisch darstellen wird, ist mir noch völlig unbekannt. Ich weiß nicht, wo die Kleine ab Frühjahr in die Krippe geht, da wir noch keinen Platz haben, wie das dann mit dem Kindergarten des Großen hinhaut und wie sich das alles mit meiner Arbeit verträgt. Ich werde 40 Stunden gehen, dafür werde ich bezahlt und ich brauche das Geld auch. Was mein neuer, mir bislang unbekannter Chef dazu sagen wird, ob er einsieht, dass ich bereits um halb Acht anfangen werde, damit ich entsprechend zeitig Feierabend machen kann, um die Kinder abzuholen, weiß ich nicht. Ob es mit ihm die Möglichkeit gibt, mit Home Office ein paar Stunden weniger auf Arbeit sein zu müssen? Das alles in der IT-Branche, die eher für ihre späten Arbeitszeiten bekannt ist. Was ist mit Dienstreisen zu unseren Außenstellen, wenn ich über Nacht wegbleibe. Mir bereitet das ganz schöne Kopfschmerzen.

Meine persönliche Zukunft ist ebenso unbekannt. So ganz perspektivisch hätte ich irgendwann schon gerne wieder jemanden an meiner Seite und bin gerade dabei zu überlegen, wie derjenige sein sollte und ob es so jemanden überhaupt geben kann. Wie das mit den Kindern wäre. Es wäre toll, hätte ich jemanden, der mir die Hand hält und sagt, alles wird gut, wir kriegen das gemeinsam hin. Und so zwei, drei Komplimente könnten meinem geschundenen Ego auch nicht schaden. Aber egal, wie schön das wäre, ich glaube, dass wäre mir im Moment dann doch zuviel. Initiativbewerbungen nehme ich trotzdem entgegen 😉

Und immer dieses doofe Warten, wo ich doch so ungeduldig bin.

25 Jahre

Es geht derzeit durch alle Medien und auch ich habe meine Geschichte zum Mauerfall. Wenige Tage vorher war ich 12 geworden, hatte so am Rande etwas von den Ausreisewellen mitbekommen und meine Mama war regelmäßig bei den Montagsdemonstrationen dabei. Da sie aus diversen Gründen nicht sonderlich glücklich mit dem System war, war es für sie selbstverständlich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas dagegen zu unternehmen. Sie dachte wohl auch über Ausreise nach, aber das Risiko war ihr zu hoch.

Im Tal der Ahnungslosen lebend, gab es nur spärliche Informationen, Westfernsehen hatten wir nicht, wir mussten uns darauf verlassen, was hinter der Hand gemunkelt wurde. Durch die Abgeschiedenheit war allerdings meine Schulzeit relativ unproblematisch. Zwar wurde der Westcomic eingezogen, wenn ihn ein Lehrer fand, aber größere Repressalien gab es deswegen nicht. Ich kann mich auch nicht an großartige Agitation erinnern. Vermutlich waren wir (meine Schule oder auch nur meine Klasse) das kleine gallische Dorf.

Doch auch schon zu dieser Zeit zeichnete sich eine kleine dunkle Wolke am Horizont ab. Ich war immer eine gute Schülerin, mir fiel das Lernen leicht und ohne großen Aufwand konnte ich gute Noten erzielen. Das Abitur wäre da an sich die logische Konsequenz gewesen, wären wir nicht eine besonders leistungsstarke Klasse gewesen, in der ein Drittel der Schüler ganz oben mitspielte. Jedoch durften pro Klasse nur ein oder zwei Schüler auf die EOS (Erweiterte Oberschule) wechseln, um dort ihr Abitur zu machen. Jungen konnten den Umweg über die Armee gehen, sich langfristig verpflichten, um dann so studieren zu können. Für mich blieb da allerdings nichts. Ich durfte eine Lehre machen, wenn ich Glück hatte, durfte ich mir wegen der guten Leistungen noch eine halbwegs interessante Richtung aussuchen, wenn ich Pech hatte, musste ich das machen, was gerade gebraucht wurde. So wie meine Mama, die für ihr Leben gerne Köchin geworden wäre, aber Lageristin machen musste. Als Begründung sagte sie mir, sie hätte wegen einer Allergie nicht Köchin werden dürfen, was jedoch ziemlich unwahrscheinlich ist, da sie mir meine tatsächlichen Allergien erst nach langen Jahren geglaubt hat und ich hab sie noch nie mit irgendwelchen Allergieanzeichen oder Ekzemen gesehen.

Im Osten gab es zu jener Zeit noch Samstagsunterricht und der Sonnabend wäre der 11.11. gewesen. Wir planten bei uns in der Klasse etwas zu diesem Anlass, wollten uns anscheuseln und seltsame Sachen anziehen. Ich war vorbereitet, doch sollte es anders kommen.

Meine Eltern hatten irgendwie von der Grenzöffnung erfahren und am 10. November, direkt nach dem Unterricht, setzten mich meine Eltern in unseren Trabbi, packten ein paar Klamotten dazu und dann ging es direkt nach Berlin zu meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter. Wir kamen am frühen Abend an, doch leider waren unsere Verwandten ausgeflogen, vermutlich schauten sie sich, wie so viele andere auch, den Westen an. Wir saßen im Auto und warteten und warteten. Es wurde langsam kalt im Auto, doch wir harrten aus. Sollte auch nur der Hauch einer Chance bestehen, dass die Mauer tatsächlich offen war und dies auch noch die nächsten Tage sein, würde meine Mama nicht eher wieder heimfahren, bis sie sich selbst davon überzeugt hatte.

Irgendwann nach Mitternacht kamen sie dann, Onkel, Tante und die beiden Kinder. Während wir uns im Wohnzimmer aufwärmten, erzählten sie mit glänzenden Augen, was sie alles erlebt und gesehen hatten. Die vielen Menschen, die bunten Lichter, die Stimmung. Wir beschlossen, am nächsten Morgen gemeinsam einen Ausflug in den Westen zu machen. Für mich war das alles unwirklich, das ganze Ausmaß der Ereignisse konnte ich gar nicht erfassen, wie auch. Bis auf die eine oder andere Rüge – ich hatte einmal den Kopf von Erich Honecker in einem Schulbuch mit Bleistift schwarz gemalt, das gab dann einen Eintrag ins Klassenbuch und ich musste das wieder wegradieren – hatte ich nicht zu leiden. Ich war bis auf ein Jahr immer stellvertretende Gruppenratsvorsitzende, der Rat tagte viermal im Jahr, quatschte ein bissl rum und gestaltete eine Wandzeitung zu irgendwas harmlosen wie „Bunter Herbst“ oder verfasste einen Bericht vom letzten Treffen mit der Patenbrigade, an die ich mich heute beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, und das war es auch schon an politischer (Zwangs-)Bildung.

So standen wir also am nächsten Morgen vor einem noch gänzlich geschlossenem Stück Berliner Mauer. In der Zeitung oder im Radio waren die Stellen durchgegeben, an denen an diesem Tag die Mauer zusätzlich zu den bereits bestehenden und hoffnungslos überfüllten Grenzübergängen geöffnet werden sollte. Als geübter DDR-Bürger standen wir geordnet in einer Schlange und warteten. Die Stimmung war seltsam, angespannt und voller Vorfreude. Ich freute mich, meinen Cousin und meine Cousine wiedersehen zu können, wir hatten uns viel zu erzählen.

Irgendwann kam ein Bagger oder Kran oder irgendein anderes technisches Gerät und hob einige Betonteile aus der Mauer, hüben wie drüben, und fertig war der Grenzübergang. Wir liefen auf die andere Seite, wo wir von einer jubelnden Menschenmasse empfangen wurden. Meine Mama weinte, vor Erleichterung und vor Glück, für sie war es die Erfüllung ihrer Träume. Inmitten der Menschen standen drei LKW mit heruntergeklappten Ladeflächen, von denen Menschen Plastebeutel (wow, Plastebeutel, in bunt, sowas hatten wir nicht im Osten) mit Begrüßungsgeschenken – ein Paket Kaffee, ein Bund Bananen, Schokolade, etc. – an die Ossis verteilten. Tengelmann, Plus und Edeka hatten jeweils einen Wagen hingestellt, niemand wollte sich diese Chance der frühzeitigen Neukundenprägung entgehen lassen.

Wir liefen durch die Menschenmassen, nahmen die Beutel in Empfang und dann ging es weiter. Wo wir genau lang gelaufen sind, weiß ich nicht mehr, kann mich erinnern, irgendwann spät abends am Kudamm gewesen zu sein und irgendwann tagsüber holten wir an einer Bank, natürlich wieder mit ausgiebigem Schlangestehen, unser Begrüßungsgeld ab. In einem Supermarkt holten wir uns Getränke in Dosen, was wir bisher nur mal im Urlaub in der CSSR gesehen hatten. Es war eine Dose Miranda und eine Dose SchwippSchwapp für mich, was meine Eltern sich holten, weiß ich nicht mehr. Den ersten Schluck vergesse ich nie, die Kohlensäure prickelte ein wenig unangenehm, der Orangengeschmack war ein wenig zu aufdringlich und ein klitzekleinwenig bitter und ich dachte nur, so also schmeckt der Westen.

Als es schon lange dunkel geworden war, kehrten wir in die Wohnung meines Onkels zurück und tauschten unsere Erfahrungen aus. Wir hatten uns nach der Grenze von Onkel und Tante getrennt, schließlich kannten sie den Kudamm schon, sie wollten sich andere Ecken ansehen. Am Sonntag waren wir nochmal drüben, und abends sind wir wieder nach Hause gefahren, am Montag mussten alle wieder arbeiten und die Kinder in die Schule.

Und seit dem?

1992 wechselte ich nach der 8. Klasse aufs Gymnasium und machte 1996 mein Abitur. Danach studierte ich und machte 2002 mein Diplom. Das Wintersemester 1999/2000 verbrachte ich in Finnland. 2003 nahm ich einen Job im Westen an und pendelte zwischen Ost und West bis 2005, als ich ins Schwabenland zog. 2003 kaufte ich mir mein erstes eigenes Auto, ohne jahrelang darauf warten zu müssen. 2006 kehrte ich in meine Heimat zurück. Unser Freundeskreis besteht aus Ossis und Wessis, Niederländern, Italienern, Rumänen, Russen, Isländern, …

Meine Eltern hatten ein wenig mehr Schwierigkeiten, in dem neuen Land zurecht zu kommen, was hauptsächlich daran lag, dass ihre alten Betriebe geschlossen wurden. Mein Papa ging für einige Jahre als Wochenendpendler ins Saarland, bis er eine Umschulung machte und einige Jahre in dem neuen Beruf arbeite. Als dies gesundheitlich nicht mehr möglich war, machte er eine erneute Umschulung und arbeitet jetzt eben in diesem Beruf.
Meine Mama arbeitete einige Jahre als Vertreterin für Sportartikel im Einzelhandel, bis die Firmenzentrale im Niedersächsischen pleite ging. Dann schulte auch sie um und arbeitet seitdem als Verkäuferin. Meine Eltern reisen viel, einmal im Jahr ans Meer, Ostsee oder Mittelmeer, einmal im Jahr in die Berge, österreichische oder bayerische Alpen.

Für unsere Familie war der Mauerfall eine Chance, die wir, so denke ich, ergriffen und das beste daraus gemacht haben. Darauf bin ich stolz und ich bin ebenso stolz darauf, Teil der Nation zu sein, der die friedliche Revolution gelang. Und ich bin dankbar, unendlich dankbar!