Normal ist für andere

Am Freitag war die Beerdigung meiner Oma und wir hatten alles wie immer vorbereitet, nämlich scheinbar gar nicht. Das morgendliche Duschen und Stylen klappte noch wie geplant, aber dann wurden die Kinder wach und das Chaos nahm seinen Lauf.

Ständig wuselte der Große zwischen meinen Beinen rum, die Kleene nutzte die Gelegenheit der vielen offenen Türen und erkundete Flur, Küche, Bad und Katzenfutter und der Mann grummelte wie gewohnt vor sich hin. Ich packte die Taschen für die Kinder und mich, bereitete ein schnelles Frühstück vor und versuchte, nicht die Nerven zu verlieren.

Nach dem Essen wurde die Familie in die vorbereitete Kleidung gewandet, die letzten Sachen in den Taschen verstaut, kurz überlegt, ob wir was vergessen hätten und dann alles ins Auto verfrachtet. Mit nur einer halben Stunde Verspätung startete ich das Auto und hörte nur ein müdes Röcheln.

Großartiges Timing, so wie es sich gehört.

Auch weitere Versuche endeten nur in diesem unschönen Röcheln. Mein erster Gedanke war, dass die Batterie mal wieder den Geist aufgegeben hat. Zum Glück nutzte gerade die einzige mir bekannte Nachbarin das fantastische Frühlingswetter aus und hängte ihre Wäsche auf dem Trockenplatz hinter meinem Parkplatz auf. Ich sprach sie an, ob denn nicht ihr Mann oder der Mann ihrer Schwester zufällig zuhause seien und sie uns fix Starthilfe geben könnte. Wir hatten genug Vorlauf eingeplant, so dass in Panik verfallen noch nicht angezeigt war.

Leider waren beide Hoffnungsträger samt ihrer fahrbaren Untersätze auf Arbeit und ich kam ein wenig ins Schwitzen, was nichts mit der mir auf den Rücken prasselnden Sonne zu tun hatte. Allerdings meinte die Nachbarin, dass es da noch ihren Onkel gebe und der sei bestimmte zuhause. Prompt schickte sie ihre Tochter los und keine zwei Minuten später öffnete sich im Haus gegenüber im ersten Stock ein Fenster und ein Mann steckte seinen Kopf heraus und fragte, was denn los sei. Meine Erklärung wurde mit dem Hinweis quittiert, dass er schon helfen könne, er sich aber noch anziehen müsse und das könnte dauern.

Ich wollte schon abwinken und den ADAC anrufen, als es dann doch ganz schnell ging und besagter Onkel in der Haustür erschien und mich fragte, ob wir denn überhaupt Starthilfekabel hätten.

Immer diese schwierigen Fragen.

Wenn, dann maximal irgendwo im Kofferraum beim Ersatzrad, wo auch der Abschlepphaken und Wagenheber rumlungerten. Also den in bester Tetrismanier gepackten Kofferraum wieder ausgeräumt, beim Ersatzrad geschaut und festgestellt, dass, wenn da mal Kabel vorhanden waren, diese sich in Staub, Dreck und altes Laub verwandelt haben.

Wieder war ich gerade dabei, das Handy zu zücken und den Pannendienst anzurufen, als der Onkel samt Auto um die Ecke bog und freudestrahlend mit Kabeln winkte. Nun könnte man annehmen, dass ich wüsste, wie Starthilfe geht, immerhin brauche ich die mindestens einmal pro Winter, aber offenbar ist dies mein blinder Fleck. Der Onkel tat aber fachmännisch, klippste hier und da die Kabel an, startete sein Auto, dann startete ich meins – und hörte wieder nur das höhnische Röcheln.

Nach einer halben Stunde also doch der ADAC. Angerufen, dem netten Herren am Telefon das Problem geschildert und seinen Hinweis „in 60 Minuten ist jemand bei Ihnen“ als Anlass genommen, ihn zu bitten, ausnahmsweise das Ganze ein wenig dringlicher zu gestalten, da mittlerweile die Zeit doch ein wenig knapp wurde. Ich drängel sonst nie, weil es erstens nichts bringt und zweitens die gelben Engel auch nur ihren Job machen, aber unter diesen Umständen meinte ich, mal eine Ausnahme machen zu können. Der Telefonist zeigte sich verständnisvoll und versprach mir Hilfe innerhalb der nächsten 30 Minuten.
Gefiel mir gut, da wir damit immer noch im Zeitrahmen wären. Wir müssten zwar direkt zum Friedhof fahren und könnten nicht wie geplant vorher bei meinen Eltern vorbei schauen, aber ein wirkliches Problem war das nicht.

Nachdem sich das Gepäck bereits eine Weile sonnen durfte, entluden wir nun auch die Kinder. Der Große durfte im Sandkasten spielen mit dem Hinweis, sich bitte nicht allzu sehr dreckig zu machen, immerhin wollten wir noch zu der Beerdigung. Die Kleene tapste vorsichtig auf der Wiese rum und freute sich ihrer neu gewonnenen Freiheit.

Nach einer Viertelstunde bog ein weiterer Nachbar mit seinem Auto auf den Hof, sah unser offensichtlich havariertes Fahrzeug und bot seine Hilfe an. Er sei Kraftfahrer und hätte Ahnung. Mir war mittlerweile alles recht und ich ließ ihn gewähren. Er interpretierte das ominöse Röcheln als Fehler des Magnetschalters des Anlassers. Da müsste man vermutlich nur mal feste mit einem Hammer drauf hauen und alles würde wieder laufen. Zum Glück ist der Motorraum meines Auto mit vielerlei Plastikabdeckungen versehen, so dass der freie Zugang zum widerspenstigen Anlasser versperrt war.

Ich wurde so langsam nervös, da die angekündigte halbe Stunde seit 10 Minuten vorbei war. Eventuell fand der Engel die Zufahrt nicht, die ein wenig versteckt zwischen einem Blumenladen und einem Bäcker liegt. Ich begab mich also zwecks Einweisung zur Zufahrt und wartete dort. Als aus den 30 Minuten 60 geworden waren, bog endlich das ADAC-Auto ums Eck und ich geleitete es zu unserem Auto.

Der Mechaniker kannte mich bereits, vermutlich hatte ich beim letzten Mal einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Genauso wie der Sand auf den Klamotten meines Jungen, die in der Zwischenzeit und mütterlichen Abwesenheit ein einheitliches Grau angenommen hatten.
Während ich so gut wie möglich das Kindlein vom Staub befreite, klemmte der Autokenner ein Prüfgerät an die Autobatterie und meinte dann, dass mit 11 Watt (? – Frauen und Technik) Restleistung nichts mehr zu reißen wäre. Nachdem nun das Wunderding einmal angeschlossen war, sollte ich den Motor mal starten und siehe, das Kätzchen schnurrte wieder und dem Anlasser blieb die angedrohte Hammerbehandlung erspart.

Der ADACler wollte den Motor ein wenig laufen lassen und die Batterie aufladen, damit ich beim nächsten Motorabwürgen das Auto auch wieder starten kann (pah, als wenn mir das jemals schon passiert wäre [aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte]). Ich verbesserte meine Tetrisfähigkeiten und lud den Kofferraum wieder ein, die Beifahrer wurden auf die entsprechenden Sitze geschnallt und der Retter in Not stellte mir noch einen ich-war-da-und-habe-geholfen-Zettel aus.

Mit noch verbleibenden 55 Minuten bis zum Trauerfeierstart machten wir uns endlich auf den Weg. 75 Minuten später landeten wir am Zielort und bekamen wie durch ein Wunder direkt einen Parkplatz vorm Eingang. Jeder der Großen schnappte sich einen Kleinen und wir ranntengingen so würdig wie möglich zur Trauerhalle, wo wir uns leise hineinschlichen und in die letzte Reihe setzten. Der Trauerredner verlass gerade die letzten Sätze der sehr guten Rede, wie mir anschließend versichert wurde und dann setzte das Schlußlied ein, das es schaffte, uns innerhalb kürzester Zeit in die nötige Stimmung zu versetzen.

Nachdem die letzten Takte verklungen waren, sammelte die Gemeinschaft den Blumenschmuck ein und folgte dem Bestatter samt Urne zum Grab. Meine Oma hatte bei Opas Tod vor 19 Jahren ein 4er Urnengrab ausgesucht, damit sie dereinst neben ihrem Mann bestattet werden kann. Leider hatte es der Steinmetz nicht mehr rechtzeitig geschafft, den Grabstein mit den Lebensdaten der Oma zu versehen. Die Urne wurde im Grab versenkt und der Reihe nach warfen alle Anwesenden eigene Blumen und die vom Bestatter bereit gestellten Blüten ins Grab und verabschiedeten sich.

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Wir waren als letzte dran. Der Große war von der Auswahl an Blüten im Schälchen des Bestatters überfordert, wollte er doch die größte und schönste Blüte für das Grab haben. Außerdem traute er sich nicht, mehr als nur eine Blüte zu nehmen, was ich unglaublich rührend fand. Am Ende schaute er nochmals intensiv auf das Grab und murmelte „Tschüß Uroma“.

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Ursprünglich war geplant, anschließend gemeinsam Kaffee trinken zu gehen, aber die Pläne waren kurzfristig geändert worden und so machten wir uns kurz danach auf den Weg zu meinen Eltern.

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Nachdem wir ordentlich mit Kuchen und heißen Getränken vollgestopft worden waren, wollten meine Eltern noch in die Stadt fahren, die Uroma mit gescheitem Gerstensaft begießen. Die Stammkneipe meiner Eltern eignet sich sehr gut dafür, der Große kann draußen in der Fußgängerzone an den diversen Brunnen rumtoben und die Erwachsenen eine Kleinigkeit essen.

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Wir unterhielten uns über meine Großeltern, mein Papa erzählte, woran er sich noch erinnern konnte, an all die kleinen Schrullen und Angewohnheiten, die bekannten und unbekannten Anekdoten, den schon immer ausgeprägten Gesundheitswahn meiner Oma, an die verzweigte Familie und alte Freunde. Es tat gut, das alles zu hören und meinen Großeltern hätte es mit Sicherheit auch gefallen. Eine gern zum Besten gegebene Geschichte erzählt vom Renteneintritt meines Opa, wo er die gesamte Familie in einer Gaststätte versammelte und sagte, dass niemand nach Hause ginge, bevor nicht seine komplette erste Rente versoffen wäre. Nun ist unsere Familie recht groß, seine Rente war aber noch größer und so wurden nach einer langen Nacht am nächsten Tag alle wieder zum Mittagessen in die Schänke einbestellt 🙂

Pünktlich zum Sonnenuntergang machten wir noch einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt, etwas, dass sich immer wieder und zu jeder Jahreszeit lohnt.

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Am nächsten Tag traf sich die komplette Familie zum Mittagessen, wir tauschten die aktuellsten Neuigkeiten aus, bestaunten die Neuzugänge, bedauerten die Abgänge und genossen ganz generell die Gesellschaft und den ersten echten Frühlingstag dieses Jahres.

Für alle kleineren Enkel und Urenkel hatte meine Tante, die große Tochter der Oma, kleine Geschenke zusammengestellt, damit diese auch etwas hatten, was sie an die Oma/Uroma erinnern sollte. Meine Süße bekam einen großen, superkuschligen Teddy, den sie den ganzen Tag stolz durch die Gegend schleppte ❤

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P.S. An dem Wochenende sind noch viele andere nicht geplante Dinge passiert, aber es scheint, dass mein Tageserzählmaximum bei 1.500 Wörtern liegt.

Letztes Geleit

Morgen, einen Tag vor ihrem 100. Geburtstag, wird meine Oma beerdigt.

Um eine würdige Abschiednahme für die ganze Familie zu ermöglichen, renne ich seit Wochen in der Stadt rum, um für das große Kind gescheite schwarze oder wenigstens dunkle Klamotten zu erstehen.

Seltsamerweise war dies für mein Mädchen gar kein Problem, da gab es vor einigen Wochen zwei Kleider im Sonderangebot bei H&M. Ein schwarzes Samtkleid, absolut passend für den Anlass, für 5 Euro, und ein schwarz-weiß-gestreiftes Kleid mit schwarzem Bolerojäckchen für 7 Euro. Das Jäckchen kommt jetzt zum Samtkleid, darunter ein schwarzer Body, ebenfalls H&M, aber schon vor Ewigkeiten für den Italienurlaub gekauft. Dazu ein paar schwarze Strumpfhosen und ein paar dunkelblaue Stoffstiefel, Chucks nicht unähnlich und fertig ist die Trauerkleidung.

Nun ist es aber viel wichtiger, dass mein Junge angemessene Sachen trägt. Er war sehr mit seiner Uroma verbunden, besuchte sie viel und hat auch die Tage nach der traurigen Nachricht viel geweint. Deswegen möchte ich, dass er mit allem Drum und Dran Abschied nehmen kann, damit er sich später nicht ärgert, weil irgendwas nicht stimmte, ganz egal, ob die Konventionen überholt sind oder für Kinder nicht gelten.

Es scheint aber heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, ein schwarzes T-Shirt oder eine schwarze Jacke zu bekommen, auf dem/der kein unmögliches Bild oder überdimensionales Logo prangt. So bin ich auf ein dunkelblaues Poloshirt ausgewichen, zusammen mit einer schwarzen Jeanshose, die er schon im Schrank hatte, und einer schwarzen Fleecejacke, die wir mal in der herrenlose Fundsachenbox im Kindergarten gefunden haben.

Ich hoffe, dass ich damit die Ansprüche meines Kindes erfülle und er morgen in stimmiger Kleidung seiner geliebten Uroma das letzte Geleit geben kann.

Härtetest

Ich war mal wieder für ein langes Wochenende mit den Kindern bei meinen Eltern zu Besuch. Was an sich wie eine gute Sache klingt, war in mehrfacher Weise ein echter Härtetest. Ich konnte viele Verhaltensweisen bei meiner Mutter beobachten, die mich tatsächlich dankbar sein lassen, dass wir relativ weit weg voneinander wohnen. Mehrmals gab es Situationen, die kurz vor der Eskalation standen und ich war heilfroh, als ich wieder nach Hause fahren konnte.

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Bereits der Start war holprig. Ich hatte am Dienstag ein Video meiner brabbelnden Süßen bei Facebook gepostet, was meine Mutter daran erinnerte, dass sie ihre Enkel schon ewig nicht mehr gesehen hat. Mittwochs rief sie unvermittelt an und fragte, ob wir am nächsten Tag bis Sonntag vorbei kommen wollten. Nun hat mich die Erfahrung gelehrt, dass die Frage an sich gar keine Frage ist, sondern mehr ein Befehl, dessen Nichtbefolgung mir noch ewig aufs Brot geschmiert werden wird. Ich hatte zwar für den Rest der Woche einige Pläne gemacht, doch konnte ich diese ohne große Probleme verschieben. Spontanität stört mich grundsätzlich nicht, was mir aber sauer aufstieß, war, als mir meine Mutter im Laufe des Wochenendes ihr Leid klagte, dass sie durch ihrer beiden sehr unterschiedlichen Schichtsysteme ihre freien Tage nur ganz selten miteinander verbringen könnten und es sie nervte, wenn sie die Wochenenden alleine zuhause rumsitzen würde, während Papa arbeitet. Und dieses Wochenende wäre seit Ewigkeiten mal wieder das erste, wo sie beide nicht arbeiten müssten. Statt also dieses Wochenende zu zweit zu genießen, laden sie uns ein und machen sich weiteren Stress. Und dass es meine Mutter stresst, war nicht zu übersehen.

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Denn sie kann nicht einfach nur einladen und wir sind dann da und freuen uns an der Anwesenheit des anderen. Nein, es müssen die Essen für die Tage vorgekocht und extra spezielle Wurst oder Süßigkeiten besorgt werden. Die Tage vertrödeln geht auch nicht, da muss jeden Tag ein Programm her, ganz egal, ob meine Mutter nach ihrer Schicht schon völlig alle ist. Im Gegenzug regte sie sich über Freunde auf, zu denen man mal nicht eben spontan zum Grillen gehen kann, weil die Freunde immer so viel vorbereiten. Dass die Freunde das für sie aus dem gleichen Grund machen wie sie für uns, nämlich dem anderen zeigen, dass er wertvoll genug ist, sich eine solche Mühe zu machen und dass die Mühe gerne in Kauf genommen wird, übersieht sie. Außerdem will sie eh nichts mehr mit so verlogenen Menschen zu tun haben. Sollen sie doch frei heraus sagen, wenn sie keine Zeit oder Lust haben, anstatt sich durch den Grillabend zu quälen. Als wenn meine Mutter immer ehrlich wäre.

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Meine Mutter lebt permanent nach Pippi Langstrumpfs Motto „Ich mache mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Wenn sie etwas macht, ist das in Ordnung, macht jemand anderes genau das gleiche, dann ist das zumindest kritisierbar. So waren wir unterwegs zu ihrem Lieblingsbiergarten, dieser war aber wegen einer naheliegenden Veranstaltung hoffnungslos überfüllt. Wir zogen also weiter zu einem anderen Biergarten, wo wir entgegen der ersten Annahme auch einen schönen Platz fanden. Allerdings bediente uns dort eine Kellnerin, die vor Jahren mal eine etwas unglückliche Bemerkung meiner Mutter gegenüber gemacht hatte. Sie war also schon bedient, bevor wir überhaupt bestellt hatten. Nun war die Lokalität gut gefüllt, weswegen es zwei Minuten dauerte, bis sich die Bedienung um uns kümmerte. Sie begrüßte uns gut gelaunt, meine Mutter deutete etwas in Richtung „hat ja lang genug gedauert“ an, worauf die Kellnerin, wie ich fand, gekonnt und höflich reagierte. Meiner Mutter allerdings schlief bei der Antwort wortwörtlich das Gesicht ein, ich schaute alarmiert meinen Papa an und wir wussten, dass die nächsten Sekunden entscheidend sind, ob wir dort blieben oder überstürzt und unter lautem Geschimpfe aufbrechen müssen. Wir durften bleiben.

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Etwas später fragte uns meine Mutter, wie wir denn den Spruch fanden und wir antworteten wahrheitsgemäß, dass wir ihn ok und gar nicht flapsig oder gar frech fanden. Ich war ehrlich überrascht, dass sie unsere Rückmeldungen einforderte, dies passiert höchst selten, allerdings war sie bitter enttäuscht, dass wir nicht ihre Meinung teilten. Ich versuchte, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihr die Perspektive der Bedienung zu zeigen, aber das wollte sie nicht hören. Sie blaffte mich an, ich solle es gut sein lassen. Erst, als ich ihr ein Kompliment machen konnte, wie viel besser sie doch als andere Verkäufer oder Kellner ist, entspannte sich die Situation.

Dieses Verhalten ist mir an diesem Wochenende das erste Mal so richtig bewusst geworden. Meine Mutter kann sich nur gut fühlen, wenn sie sich über andere stellen kann. Sei es, dass sie schlanker ist (und sie ist selber weit entfernt von gertenschlank), oder ihre Klamotten besser sind, oder man bei ihr nicht die Unterwäsche unterm Kleid durchschimmern sieht oder was auch immer. Es muss bei anderen Personen immer etwas schlechtes gefunden werden, einen Menschen einfach so, wie er ist zu akzeptieren, vielleicht sogar sein Anderssein kommentarlos hinzunehmen, geht gar nicht.

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Ich freute mich, als ich ihr von unseren Urlaubsplänen erzählen durfte. Gerne zeigte ich ihr am Computer, wo wir hin wollten, wie unsere bereits gebuchten Unterkünfte aussehen und welche Tagestouren wir vorhaben. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber bestimmt nicht, dass wir nicht so viel herum fahren sollten, dass wir uns doch viel lieber entspannen und „zur Ruhe kommen“ sollten. Ich hab bisher immer noch nicht verstanden, was sie damit meint, denn wir haben nicht das Gefühl, zur Ruhe kommen zu müssen. Wir wollen uns die Gegend anschauen, ein bisschen was erleben und möglichst jeden Abend die eine oder andere Runde am Strand drehen. Wir haben das in der Form bereits in England gemacht und es hat uns allen, auch unserem Kind, sehr gut gefallen. Außerdem waren wir alle ganz wunderbar erholt hinterher. Warum also sollten wir das jetzt anders handhaben?

Wie auch immer, das ganze Wochenende redete sie auf mich ein, dass wir den Urlaub doch anders machen sollten. Nicht so lange, nicht so weite Fahrten, nicht so viele Sehenswürdigkeiten. Nicht einmal kam „oh, das wird meinem Enkel bestimmt gefallen“, wenn ich von expliziten Kinderaktivitäten erzählte, kein „schreibt uns von dort doch bitte eine Karte oder bringt uns etwas mit“, kein „Rom hat ja so viel zu bieten“, nur ständige Einwände.

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Als ich erzählte, dass meine Cousine mit ihrer Familie dieses Jahr eine zweiwöchige Kreuzfahrt macht, kam als Reaktion „na, die können es sich ja auch leisten, die geben ja auch nichts an ihre Mutter (meine Tante) ab, während diese kaum weiß, wie sie die Miete zahlen soll“. Meine Mutter kennt die Geschichte meiner Cousine genauso gut, vermutlich sogar wesentlich besser als ich, und sollte wissen, dass meine Cousine meiner Tante genau nichts schuldet, aber meine Cousine kann einfach nichts recht machen. Vor einigen Monaten regte sich meine Mutter über meinen Opa auf, über seine Marotten und Ansprüche und dass er sich auch nicht wundern braucht, dass ihn niemand mehr besucht. Jetzt am Wochenende allerdings hieß es, dass sie es unmöglich findet, dass meine Cousine ihren Opa nie besucht oder sich bei ihm meldet. Wie es eben gerade passt.

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Es gab am Wochenende einen Moment, da saß ich alleine mit meiner Mutter relativ entspannt zusammen. Das wäre an sich der perfekte Moment gewesen, vertraulich über Probleme, Wehwehchen, Sorgen und Nöte zu reden, aber ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen, ihr mein Herz auszuschütten. Denn anstatt Mitgefühl, Anteilnahme oder auch nur interessiertem Zuhören wären nur Vorwürfe gekommen oder sie hätte gejammert, dass sie sich ja jetzt noch viel mehr Sorgen machen müsse, aber helfen könne sie uns ja doch nicht, weil kein Geld/keine Zeit/keine Ideen/keine Nerven/… Dass die beste Hilfe darin bestehen würde, einfach nur mal über diese Sachen reden zu können, einen Zuhörer zu haben, der einen am Ende in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut wird, das wird sie nie verstehen.

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Ein wenig Verständnis für die Leiden eines kleinen Babies könnte auch nicht schaden. Meine Süße zahnt gerade wie wild. Sie sabbert, stopft sich beide Fäuste in den Mund, lutscht voll Inbrunst an eigenen oder fremden Fingern und ist generell eher unleidlich. Sie jammert viel und weint gerne und laut. Dass sich das mit Arbeitsstress und Erschöpfung nicht gut verträgt, ist mir auch klar, nur hat ein Baby leider keinen Ausschalter, den ich nach Belieben umlegen kann. Ich habe mich sehr bemüht, die Kleene zu beruhigen und es ist mir ganz gut gelungen. Was ich allerdings nicht beeinflussen konnte, war ihr Fremdeln. Alles normal, nur das Verständnis der Oma hielt sich in engen Grenzen. Klar versteh ich, dass sie sich auf ihre Enkel gefreut hat und jetzt enttäuscht ist, doch auch ihr sollte mittlerweile klar sein, dass Kinder unberechenbar sind.

Naja, das Wochenende ist vorbei, aber es wird mich wohl noch eine Weile beschäftigen.

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P.S. Die Fotos sind mit unserer neuen Kamera entstanden und haben nicht wirklich etwas mit dem Text zu tun 🙂

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Großeltern sind toll, vor allem, wenn sie so gerne Großeltern sind wie meine Eltern*. Daher war es nur eine Frage der Zeit, dass ich mit den Kindern zu ihnen fahre und wir uns dort so richtig verwöhnen lassen. Da meine Eltern beide noch voll und dazu noch in Schichten arbeiten, ist es gar nicht so einfach, geeignete Zeitfenster zu finden. Da ich derzeit etwaige Betreuungslücken überbrücken kann, ist die Terminfindung zum Glück ein wenig entspannter.

Wir sind also gestern mit Sack und Pack hergefahren. Den Papa haben wir zu Hause gelassen, damit er sich mal richtig ausschlafen und erholen kann. Wir werden hier ein bisschen shoppen gehen und das schöne Wetter genießen, meine Heimatstadt hat einige hübsche Plätzchen und eignet sich hervorragend dazu. Eventuell besuchen wir noch die Uroma und den Uropa, mal schauen, was sich so ergibt. Und zwischendurch werden wir mit superleckerem Essen vollgestopft 🙂

Am Montag abend geht es wieder nach Hause, nach einem hoffentlich für alle erholsamen Wochenende.

* Was hat meine Ma früher getätert, ich solle bloß nicht jung schwanger werden, sie möchte nicht in ihrem (damaligen) Alter von ihrem Enkel quer über die Straße „Oma“ gerufen werden. So ändern sich die Zeiten 😉