Rosa ist scheiße

Ich habe mich ja auch hin und wieder schon aufgeregt, dass meine Tochter für einen Jungen gehalten wird, weil sie keine rosanen Klamotten trägt. Nicht, weil ich rosa nicht mag, aber weil mir dieses Rollenklischee gehörig auf die Nüsse geht und es teilweise sehr schwierig ist, überhaupt ansprechende Kinderkleidung zu finden, die eben nicht stereotypisch blau mit Autos oder rosa mit Herzen ist.

Neulich beim Schlüpferkauf – und ja, diese Teile heißen Schlüpfer oder Unterhosen, aber auf gar keinen Fall Schlübbis – ist mir das auf absurdeste Weise wieder aufgefallen. Es standen zur Auswahl: Grundton weiß, rosa oder pastelllila; Motive: Elsa aus Frozen oder Disney-Prinzessinnen oder Minnie Maus, in der Nicht-Markenabteilung kotzesüße Katzenbabies. Es fehlten: normale einfarbige Schlüpfer in bunt. Bei den Jungs geht das komischerweise. Der Große hat Unterhosen in knallbunt in orange, rot, grün, blau, grau, schwarz, mit Smileys oder Streifen, eher selten mit Autos oder Raketen.

Nun bin ich nicht die Einzige, die das nervt und jetzt hat es eine Journalistin professionell auf den Punkt gebracht:
Rosa ist scheiße

Noch ein wenig amateurhaft ärgert sie sich im Beitrag, dass sie sich entweder ständig erklären muss oder für merkwürdig gehalten wird. Da ich auch ohne Kinder für merkwürdig gehalten werde, prallten solche Resentiments schon immer an mir ab. Mit dem restlichen Artikel spricht sie mir allerdings voll aus der Seele. Vor allem, was den unterschiedlichen Umgang mit Mädchen und Jungs angeht.

Unser Mädchen hat die Bagger- und Traktorensammlung ihres großen Bruders geerbt. Sie hat mehr Schrammen an Knien und Schienbeinen als ihr Bruder, nicht weil sie ungeschickter ist, sondern wagemutiger und damit auch öfter mal auf die Nase fällt. Der Große wollte früher lange Haare haben, damit er Haargummis und – spangen verwenden kann, hat er bekommen. Nagellack wollten beide, haben auch beide bekommen. Ich ermahne meine Tochter nicht, dass sie sich nicht schmutzig machen soll, sondern ziehe ihr stattdessen robuste, erdfarbene Klamotten an. Ihr Lieblingsshirt ist grün und hat ein Kermitbild drauf. Das Lieblingsshirt des Großen ist gelb und trägt den Schriftzug „Auf Forschungsreise, bitte nicht stören“.

Es sind Kinder, sie wollen die Welt entdecken, auf ihre Weise, ungestüm oder beobachtend, immer neugierig, neuen Sachen grundsätzlich aufgeschlossen, solange immer genügend Gummibärchen vorrätig sind. Warum sollte dieser Forschungsdrang in eine Geschlechterrolle gepresst werden, wo Mädchen nur mit Puppen und Jungs nur mit Autos spielen dürfen? In dieser ganzen Diskussion muss ich dauernd an zwei Memes denken, die in schöner Regelmäßigkeit in meiner Facebooktimeline auftauchen:

  • „Das ist aber ein süßer Junge.“
    „Das ist ein Mädchen.“
    „Aber es trägt blau.“
    „Ja, wir erziehen unser Kind zweifarbig.“
  • „Vorsicht, dein Junge spielt mit einer Puppe, er könnte schwul werden.“
    „Ja und? Er könnte auch einfach ein guter Papa werden.“

Leider wird, und das wird im Artikel auch angesprochen, sehr viel Einfluß von der Umgebung ausgeübt. Im Kindergarten, in der Schule, auf dem Spielplatz, wo auch immer, überall werden die Kinder mit den althergebrachten Stereotypen konfrontiert und müssen sich dann rechtfertigen. So kam mein Großer letztens sehr geknickt aus der Schule. Nach einigem Herumdrucksen rückte er endlich mit der Sprache heraus, dass ihn die anderen Kinder in der Schule ausgelacht hatten, weil er Glitzersachen mag. Seitdem will er partout nichts glitzriges oder glänzendes mehr haben und seine Bilder verziert er nicht mehr wie sonst mit Glitter, nur noch mit Buntstiften und da ja keine Pastelltöne. Und seine Winnie-Pooh-Brotdose findet er doof, weil ein Junge ihn deswegen gehänselt hat.

Mich macht das sehr sehr traurig.

Geschützter Raum

Seit einigen Wochen habe ich wieder regelmäßige Sitzungen bei meiner Psychologin. Da es mir derzeit einigermaßen gut geht, diskutieren wir jede Woche das Thema, was gerade am meisten brennt. Mal ist es die Jobsuche, mal mein Platz in der Welt – leider ein uraltes, immer noch nicht bewältigtes Thema, mal die Kindererziehung.

Letztere war diese Woche Thema. Ich hatte diverse Blogbeiträge gelesen, wie man möglichst am besten mit seinen Kindern umgeht. Alle leuchteten mir ein, aber bei allen merkte ich auch, dass ich sie derzeit so nicht umsetze und das machte mir ein mächtig schlechtes Gewissen. Beispiel gewaltfreie Erziehung. Natürlich lehne ich jegliche Gewalt ab, auch weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt und welche Spuren selbst die kleinste Ohrfeige, von exzessivem Hosenboden versohlen oder gar Schlimmeren mal ganz abgesehen, auf der Kinderseele hinterlässt. Als ich dann aber von einer Studie lass, dass Schreien ähnlich schlimm ist wie körperliche Gewalt, gab mir das schon sehr zu denken, denn das passiert mir dann doch öfter.

Vor allem dann, wenn der Große die Ohren komplett auf Durchzug geschaltet hat. Vor einem Jahr hatten wir massive Schwierigkeiten mit ihm, schoben es aber auf den plötzlichen Weggang seines Bezugserziehers und dem Hinzukommen seiner Schwester. Diese Schwierigkeiten zogen sich eine ganze Weile hin und eine Freundin meinte, dass wäre gar nicht ungewöhnlich, dieser Zeitraum wird nicht umsonst die kleine Pubertät genannt. Das mag alles sein, trotzdem war es anstrengend und ich hab ihn öfter mal angebrüllt, weil einfach die Nerven blank lagen.

Mit dieser Studie nun wurde mein eh schon sehr schlechtes Gewissen noch viel viel schlechter und für mich war dieses Thema einfach mal dran bei meiner Psychologin. Sie selbst hat zwei Jungs, der eine 11, der andere 8, sie wusste also selber genau, worüber ich sprach. Wie sehr mir das Kind den letzten Nerv rauben kann. Wie sehr es mich stresst, wenn die Ohren wie vernagelt sind. Dass sie weiß, wie leicht Kinder es schaffen, einen zur Weißglut zu treiben. Und dass es selbst ihr, der ausgebildeten, gestählten Psychologin nicht immer gelingt, angemessen und pädagogisch wertvoll zu handeln.

Scherzhaft meinte sie, dass die nach ihr kommenden Psychotherapeuten ja auch Arbeitsmaterial bräuchten und diese dann gerne ihre Erziehungsfehler ausbügeln könnten.

Sie gab mir keine konkreten Tipps, sie verurteilte mein Verhalten nicht, wofür ich sehr dankbar bin. Aber sie zeigte mir eine andere Perspektive und das war einer dieser Momente, wo es Klick macht und alle Puzzleteile wie von selbst an die richtige Stelle fallen.

Geduldig erklärte sie mir, dass es ganz normal ist, dass Kinder daheim frei drehen, die Sau rauslassen, den Bogen überspannen. Sie testen ihre Grenzen aus.

Sie werde immer hellhörig, wenn ihr jemand erzählt, wie lieb und folgsam doch das Kind wäre, wie angepasst und pflegeleicht. Wird ihr hingegen von Rabauken, Querulanten, Widerborsten und Aufmüpfigen berichtet, dann ist sie beruhigt.

Folgsam und angepasst werden Hunde, wenn sie ordentlich erzogen werden. Hunde bleiben allerdings auch ein Leben lang in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Herrchen, der sie umsorgt und Futter gibt. Kinder jedoch sind keine Hunde, sondern sie sollen irgendwann zu unabhängigen, eigenverantwortlichen Erwachsenen heranwachsen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und eine eigene Familie gründen wollen. Vor allen Dingen sollen sie irgendwann ausziehen 😉

Damit sie das auch können, müssen sie ihre Grenzen austesten, müssen sich im Konfliktverhalten erproben, müssen über die Stränge schlagen, ihren eigenen Willen durchsetzen. Das wiederum machen sie allerdings nur dort, wo sie sich sicher fühlen. Und am ehesten fühlt sich ein Kind zuhause am sichersten. Im Kindergarten, in der Schule oder bei den Großeltern laufen Kinder immer Gefahr, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden, wenn sie sich nicht an die allgemeinen Gemeinschaftsregeln halten. Deswegen sind sie dort meist auch angepasst, machen widerspruchslos alles mit und sind ein gutes Mitglied der Gruppe.

Aber dieses Angepasstsein strengt unglaublich an. Ständig befindet sich das Kind im Zwiespalt mit sich, soll es gegen die Regeln verstoßen, weil das gerade so unglaublich verlockend ist und damit den Rauswurf riskieren oder bleibt es brav und muss nichts befürchten. Jeden Tag aufs Neue, in hundert verschiedenen Situationen täglich. Kein Wunder, wenn das Kind völlig vogelwild nach Hause kommt.

Meine Psychologin meint, dass es durchaus normal ist, wenn Erzieher oder Lehrer das eigene Kind ganz anders erleben als man selbst. Es ist, als hätte man zwei verschiedene Persönlichkeiten vor sich. Sorgen muss man sich vielmehr machen, wenn das Kind sich auffällig in Schule oder Kindergarten verhält. Das deutet daraufhin, dass es zuhause übermäßig angepasst sein muss und deswegen die Grenzen in Schule oder Kindergarten austestet, weil dort die Konsequenzen weniger schlimm sind, als wenn es das daheim tut.

Denn normalerweise ist es so, dass sich ein Kind zuhause in einem geschützten Raum befindet, wo es bedenkenlos seine Grenzen austesten kann. Egal, was es macht, egal, wie sehr es die Eltern nervt, diese werden es trotzdem lieben und bei sich behalten*. Natürlich mündet das mitunter in Grabenkämpfen, selbstverständlich ist das für beide Seiten Stress! Doch ist es eine Möglichkeit für das Kind, sich von den Eltern abzugrenzen, selbstständig zu werden, sich abzunabeln, für sich einzutreten, den eigenen Willen durchzusetzen. Alles wichtige Dinge, die man später, wenn man groß ist, braucht.

Es sollte also Eltern stolz machen, wenn sich ihr Kind so scheinbar ungezogen verhält, denn es zeugt davon, dass sich das Kind sicher und geborgen genug fühlt, um so agieren zu können. Mich jedenfalls hat es beruhigt und tatsächlich stolz gemacht, es lässt mich nachsichtiger mit meinem Großen sein. Ich schimpfe weniger und mir fällt es leichter, mich in seine Sicht der Dinge hinein zu versetzen. Das heißt nicht, dass ich jetzt bei allem nachgebe, mitnichten. Wir haben die Grabenkämpfe nach wie vor und bestimmte Dinge lasse ich einfach nicht durchgehen, Stichwort Steckdosen, gefährliche Gegenstände oder Straßenverkehr. Aber ich bewerte diese Kämpfe anders. Ich nehme sie nicht mehr persönlich, denke nicht, dass er mir extra eins auswischen will, weil ich ihm vor zwei Stunden im Supermarkt das Ü-Ei verweigert habe. Sondern nehme diese Aktionen für genau das, was sie sind: ausgetestete Grenzen, geprobte Unerzogenheit, getestete Unabhängigkeit, erlebte Persönlichkeit. Manchmal auch nur simples Dampf ablassen nach einem ganzen Tag angepasst sein im Kindergarten.

Daran ist nichts Hinterhältiges, keine Rache, nur normales groß werden. Das natürlich viel zu schnell geht ❤

* Dies deckt sich mit den Beobachtungen einer Heimerzieherin, die ich bei einer meiner Therapien kennenlernen durfte. Sie berichtete, dass neue Kinder im Heim, die ihr zugeteilt wurden, absichtlich irgendeinen Blödsinn angestellt haben, bspw. eine Kleinigkeit in einem Laden geklaut oder einem Schulkameraden „eins auf die Fresse gegeben“ haben, nur um zu testen, ob die Erzieherin sie verstößt, so wie ihre Eltern, oder ob sie bei ihnen bleibt und sie immer noch mag, obwohl sie gegen Regeln verstoßen haben. Schon damals hat mich das unendlich traurig gemacht.

Zum Scheitern verurteilt

Auf das Thema „Scheitern als Eltern“ bin ich durch den Blogbeitrag von Andrea Harmonika gestoßen, welchen sie im Rahmen einer Blogparade verfasst hat. Ich fand den Beitrag amüsant, da er mir in sehr angenehmer Art vor Augen hielt, dass ich jeden Tag an der Aufgabe Elternsein scheitere und kommentierte das entsprechend.

Doch seit dem lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Es geistert in meinem Kopf, schiebt sich immer wieder in mein Bewusstsein, weil ich einfach nicht akzeptieren kann, dass ich als Muttern gescheitert sein soll. Ich fühle mich nicht als gescheitert! Wenn ich meine Kinder so anschaue, dann habe ich bestimmt einiges falsch, aber auch jede Menge richtig gemacht. OK, ich kann keine Hosen für meine Kinder nähen und mit dem Backen ist es auch nicht weit her, aber ist das tatsächlich ein brauchbarer Maßstab für gelungene Elternschaft?

Wer legt denn überhaupt die Maßstäbe fest? Und mit welchem Recht? Beim Sport ist das meist relativ klar geregelt. Wer beim Hochsprung am höchsten springt, hat gewonnen, wer die Latte reißt, ist an dieser Höhe gescheitert. Ist man im Hochsprung nicht besonders gut, dann kann man vielleicht ganz schnell laufen oder etwas sehr weit werfen. Und wem nichts von alledem gut gelingt, der kann immer noch als Zuschauer auf den Rängen Platz nehmen und die Athleten anfeuern.

Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, das Publikum als gescheitert anzusehen. Oder den Hochspringer, der zwangsläufig beim Kugelstoßen versagen muss.
Warum dann also die strengen Vorgaben für Eltern?

Nimmt man sich zwei beliebige Elternratgeber und vergleicht die Ratschläge, dann findet man höchstwahrscheinlich mindestens einen Punkt, der völlig konträr zum gleichen Abschnitt im anderen Buch beschrieben wird. Folge ich nun dem einen Ratgeber, muss ich zwangsläufig an den Maßstäben des anderen Ratgebers scheitern. Das ist übrigens der Grund, warum ich diese Elternratgeber meide wie die Pest, da sie mich letztendlich mehr verwirren als sie mir helfen.

Folgt man den Tipps von Freundinnen, Eltern, Großeltern, Tanten oder den eh alles besserwissenden Miteinkäufern im Supermarkt, bietet sich das gleiche Bild. Der eine rät, man solle das Kind in der Quengelzone schreien lassen, der andere fühlt sich dadurch massiv belästigt und hält das Kind für völlig verzogen. Der Onkel, der entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn wir erzählen, dass wir mit unseren Kindern regelmäßig in Restaurants (und damit meine ich jetzt nicht diese „Restaurants“ zu den goldenen Bögen etc.) zum Essen gehen und wir dort bis 21 Uhr oder gar noch länger bleiben. Dem entgegen steht die Bedienung in besagten Restaurants, die sich freut, dass wir kommen und es schön findet, dass auch Deutsche mal so unverkrampft mit ihren Kindern umgehen (O-Ton).

Wer hat denn jetzt Recht bzw. welcher Maßstab ist denn nun der, an dem ich mich als Mutter messen lassen muss?

Da Menschen Individuen sind mit unterschiedlichsten Erfahrung, Moralvorstellungen und kulturellen Hintergründen, und Eltern entgegen der landläufigen Meinung eben auch nur Menschen sind, können solche allgemeingültigen Maßstäbe gar nicht angelegt werden.

Eine Freundin brachte es, wie ich finde, schön prägnant auf den Punkt: „Als gescheitert würde ich mich betrachten, wenn meine Kinder mir nicht ihre Sorgen anvertrauen können oder sich von mir nicht geliebt fühlen. Alles andere ist doch nur Bonus.“

Ob man dieses Ziel nun mit selbstgenähten Hosen oder selbstgebackenem smartiesgefüllten Regenbogenkuchen schafft oder täglich den Lieferservice bestellt, ist doch letztendlich egal.

 

#geschichtenvomscheitern

Grenzenlos

Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute einem Erziehungsthema und meinen Erfahrungen damit und meinen Gedanken dazu widmen.

Grenzen sind eine tolle Sache. Es gibt Ländergrenzen und Stadtgrenzen. Unser Sonnensystem hat eine Grenze, genauso wie eine Zelle. Gesellschaftliche Grenzen wurden über Tausende von Jahren innerhalb von Bevölkerungsgruppen gefestigt und sind heute als Gesetze erfasst. In meiner Noch-Firma gibt es sogenannte Spielregeln, an denen sich die Mitarbeiter im Umgang miteinander orientieren können. Im Straßenverkehr gibt es Vorschriften und viele davon regeln weltweit gültig den Verkehr.

Und wie Leitplanken auf einer Autobahn vermitteln Grenzen Sicherheit und geben einen Rahmen vor, innerhalb dessen man sich ausprobieren und entfalten kann. Man kann diese Grenzen austesten und mitunter sogar verschieben, muss aber in jedem Fall mit den Konsequenzen leben, positiv wie negativ.
Besonders Kinder, die gerade die Welt entdecken, benötigen die Sicherheit, die ihnen diese Grenzen geben. Nur so können sie furchtlos in alle Ecken kriechen, an neuen Dingen lutschen. Meine Süße beispielsweise muss sich immer wieder durch Blicke in meine Richtung versichern, dass es ok ist, was sie macht, dass ich auf sie aufpasse und sie vor drohenden Gefahren bewahre. Dabei steigt die Entfernung, die sie als sicher empfindet mit jedem Tag. Das wird aber nur möglich, weil sie sich sicher sein kann, dass ich sofort da bin, wenn sie unsicher wird.

Genauso wichtig wie die Regeln bzw. die Grenzen an sich, ist die konsequente Einhaltung. Kinder, die nur linear denken können, die abstrakte oder verwinkelte Gedankengänge nicht nachvollziehen können, brauchen klare Ansagen. Nein! Leg dich hin! Nicht in die Steckdose fassen! Das hast du gut gemacht!

Dabei muss das Nein, welches hier für sämtliche Grenzen steht, so lange wiederholt werden, bis das Kind es verstanden hat. Egal, wie laut es schreit oder wie oft es sich auf den Boden wirft. Das Kind will natürlich die Grenzen austesten, will schauen, wie weit es gehen kann, will sich ausprobieren. Weswegen man nicht jede Kleinigkeit reglementieren sollte, sondern nur die wirklich wichtigen. Welche einem als Eltern wichtig sind, entscheidet jeder für sich. Dem einen blutet vielleicht das Herz beim Anblick eines zerrissenen Buches, dem anderen ist der reinweise Sofabezug heilig.

Natürlich ist das erste Nein, die erste Grenze ein Weltuntergang für das Kind. Ebenso natürlich ist es für die Eltern schwer zu ertragen, wenn dicke Tränen über die kindlichen Wangen kullern, doch sollte man genau jetzt standhaft bleiben. Die ersten „Grenzkämpfe“ sind relativ schnell vorbei, so oder so, stellen aber die Weichen für die Zukunft. Hier lernt das Kind, ob es sich auf elterliche Ansagen verlassen kann, oder ob diese je nach Bedarf aufgeweicht werden. Jetzt nachgeben signalisiert dem Nachwuchs, dass es machen kann, was es will. Das mag im ersten Moment eine schöne Erfahrung für ihn sein, aber in der späteren Konsequenz wird er sich wie eine rollende Kugel auf einer endlosen Ebene fühlen: haltlos.

Es mag Eltern gerade am Anfang helfen, dass für Kinder so ziemlich alles ein Weltuntergang sein kann. Für unseren Großen war das Ende der Welt nahe, als er aus seiner Tüte alle orangenen Gummibärchen gefuttert hatte, obwohl noch alle grünen, weißen und roten drin waren. Oder das die Wagen seiner Holzeisenbahn nicht in der richtigen Reihenfolge angeordnet waren. Oder das in seiner Buchstabensuppe nur Ws und keine Ms drin waren.

Genauso wichtig finde ich, sich zu überlegen, welche Grenzen man ziehen will. Jede Grenze bedeutet mitunter auch einen Kampf, jedes Mal, wenn diese Grenze erreicht wird, gerade, wenn diese Regel vom Kind nicht nachvollzogen werden kann. Außerdem kann sich ein Kind nur eine begrenzte Menge an Regeln merken. „Nicht an oder mit Steckdosen spielen.“ ist eine relativ eindeutige und notwendige Regel, auch wenn es ganz supertolle Steckdosensicherungen gibt. „Einem Auto wird kein Kleid angezogen.“ halte ich eher für unsinnig, ganz egal wie teuer das Auto oder Kleid war. Das Spielzeug gehört dem Kind (vorausgesetzt dem ist so), also darf es damit machen, was es will. Und wenn es es kaputt machen will, dann ist es eben so. Zudem lernt es nebenbei noch zwei weitere wichtige Lektionen: nicht alle Dinge sind reparabel und nicht alles ist endlos verfügbar.
Man sollte als Eltern, eventuell auch mit den Großeltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen, gemeinsam entscheiden, welche Regeln für das Kind gelten. Die Situation muss nicht unnötig dadurch verschärft werden, dass das Kind sagt, aber bei Papa oder Oma darf ich das.

„Aber ich will mein Kind nicht reglementieren und so in seiner freien Entfaltung stören!“ Kannst du ja gerne machen, aber dann hat dein Kind eben ein scheiß Benehmen. So wie Max im Krankenhaus. Sobald etwas nicht nach seinem Willen ging, verfiel er in einen absoluten Wutanfall. Er brüllte so lange mit voller Lautstärke, bis die Eltern einknickten und seinem Willen nachgaben. Dazwischen kamen von Mama immer wieder leise „Zschzschzsch, sei doch bitte ruhig, ja?“ oder gegen Ende nur noch resignierte Seufzer. Ich wäre da schon lange eingeschritten und hätte Stop gesagt, wenn das mein Kind gewesen wäre.

Aber woher soll das Kind auch wissen, was es machen darf. Wenn Mama verängstigt fragt: „Mag der Max sich jetzt mal hinlegen?“ Natürlich mag der Max gerade nicht, welches Kind will schon freiwillig schlafen. Stattdessen brüllt sich der Max lieber die Seele aus dem Leib, während Mama bettelnd fragt und fragt.
Das Max durchaus in der Lage ist zu begreifen, was seine Eltern von ihm wollen, zeigte sich, als seine Mama in einem Anfall von Inspiration zu ihm sagte: „Leg dich hin und schlaf.“ Zack, Max legte sich hin und versuchte zu schlafen.

Wär mir ja alles egal gewesen, wenn durch diese fehlenden Grenzen Max nicht so dermaßen unsicher gewesen wäre, dass seine Eltern keinen Meter von seinem Bett weichen durften und Fremde, schon gar keine mit weißen Kitteln, durften nicht näher als zwei Meter an sein Bett, ohne das es im Gebrüll endete.. Dies ging soweit, dass sich seine Mama zwei Stunden lang den Toilettengang verkniff, weil Max es ihr „verboten“ hat. Sie fragte ihn, ob es ok wäre, wenn sie mal kurz aufs Klo geht. Max fing sofort an zu weinen und als die Mama probehalber einen Schritt Richtung Bad ging, folgte der Wutanfall. Also blieb Mama solange am Bett stehen, bis Max eingeschlafen war.

Es macht einen Unterschied, ob ich meinem Kind erkläre, dass ich mal fix aufs Klo verschwinde, aber ganz bestimmt gleich wieder komme oder ob ich es frage, ob es in Ordnung ist, dass ich mal fix aufs Klo verschwinde. Bei Letzterem lasse ich zu, dass mein Kind mich erzieht statt andersrum. Bei ersterem wird das Kind anfangs unsicher sein, aber wenn ich wirklich fix zurückkehre, dann zeige ich meine Verlässlichkeit.

Die halbe Nacht brüllte Max nach seinem Papa, die andere Hälfte brüllte er einfach nur so. Er brüllte, als eine Schwester mit einem Ohrthermometer seine Temperatur messen wollte. Er brüllte, als selbige Schwester das Bett richtete. Er brüllte und brüllte, bis die Schwester mal eine Bemerkung Richtung Mama machte, dass diese doch bitte mal eingreifen und eine klare Ansage machen sollte. Was diese aber nicht tat. Entnervt rollte die Schwester, die sich wirklich alle Mühe gab, mit den Augen. Und Mama wunderte sich, dass die Schwestern ihr eher kühl begegneten.

Bitte helft mit, dass es weniger Maxe auf dieser Welt gibt 😉

So ein Kindergarten

Am Dienstag hatten wir das Gespräch mit der Erzieherin des Großen. Ich habe sie zum ersten Mal gesehen, ist ein ganz liebe, noch recht jung.

Wir sprachen über den Großen und sein mitunter unterirdisches Benehmen. Sie fragte, seit wann das so wäre und wir sagten, seit G., sein ehemaliger Erzieher, von heute auf morgen den Kindergarten verlassen hat. Mehr oder weniger zu diesem Zeitpunkt wurde auch seine Schwester geboren. A., die Neue, erklärte, dass der Weggang Gs für alle überraschend kam und niemand weiß, warum er gegangen ist.

Sie selber hat versucht, den Kontakt zu ihm herzustellen, bekam jedoch keine Antwort. Sie meinte, wir könnten noch bei der Leitung nachfragen, aber mein Mann schüttelte nur den Kopf. Hätte er schon gemacht, aber keine Antwort erhalten. Uns wundert das alles sehr und natürlich gibt es die wildesten Spekulationen. Ich vermute, er hat sich mit dem Chef oder einem Elternpaar überworfen, denn in einer Infomail vom Kindergarten wurden alle darüber informiert, dass G nach 3-monatiger Kündigungsfrist den Kindergarten verlässt und bis dahin freigestellt ist. Sollten schwerwiegendere Sachen vorgefallen sein, wäre er mit Sicherheit fristlos gekündigt worden.

Unser Kind erzählt leider nur sporadisch vom Kindergarten, aber wenn er erzählt, dann bezeichnet er sich selber immer noch als Gs Kind. Dazu muss man wissen, dass 2 bis 3 reguläre Kindergartengruppen in einer großen Gruppe auf einer Etage zusammen sind und jedes Kind einen sogenannten Bezugserzieher hat, der die Entwicklung des Kindes überwacht und bei Fragen und Problemen von Kindern und Eltern bereit steht.
Von sich aus hat unser Großer noch nie von A erzählt, erst auf Nachfrage bestätigte er, dass er jetzt ein A-Kind sei.

Mit dem Weggang Gs gab es zudem strukturelle Umbauten im Kindergarten. Mehrere andere Erzieher haben sich krank gemeldet oder gekündigt, so dass die heißgeliebten, regelmäßigen Montagswanderungen in ein nahe gelegenes Wäldchen ausfallen mussten.
Jeden Freitag war Experimentetag, wo G sehr anschaulich den Kindern ein bestimmtes Thema näher gebracht hat. Einmal erklärte er bspw., warum frische Blätter grün und alte Blätter braun sind und warum die braunen Blätter gut brennen, die grünen hingegen gar nicht.
Auch die anderen Tage hatten bestimmte Themen, aber ich gehe davon aus, dass diese, da nicht so umfangreich, fortgeführt wurden.

Auf jeden Fall sind allein die Ereignisse im Kindergarten schon ziemlich heftig und müssen von so einem kleinen Kind erstmal verarbeitet werden. Dass dann zusätzlich noch die kleine Schwester kam, hat dem ganzen die Krone aufgesetzt. Er brauchte einfach einen Prellbock, um seine ganze Wut, den Ärger und seine Ängste irgendwie abzubauen. Und diesen Job mussten und müssen wir wohl oder übel übernehmen.

Wir sprachen dann noch über Möglichkeiten, den Kleenen dabei zu unterstützen. Ganz wichtig dabei ist, ihm immer wieder zu erklären, warum G nicht mehr da ist. Wir haben uns darauf geeinigt, dass er eine Arbeit in seiner Heimatstadt gefunden und deswegen weggegangen ist. Nur deswegen und nicht, weil er den Großen nicht mehr mag oder was auch immer er sich eingeredet hat.

A sucht zusätzlich das Gespräch mit dem Großen, sobald sie dazu Gelegenheit hat, denn derzeit sind mehrere Erzieher krank und sie kümmert sich zeitweise allein um 25 Kinder, und will auch noch mal ausloten, was sie in Sachen G ausrichten kann. Außerdem meinte sie, dass sie Gs Ansichten nicht unbedingt teile, was die Vorschulbildung angehe. Es ist durchaus angezeigt, dass er Lesen, Schreiben und Rechnen lernen kann, wenn er das von sich aus möchte. Es wäre entwicklungstechnisch jetzt eh an der Reihe, dass er einfache Rechenaufgaben lösen und seinen Namen schreiben könne. Na, wenn es nur das ist, das kriegen wir hin. Ich hab von einer Freundin vor einiger Zeit einen Tipp zu altersgerechten Lernhilfen bekommen und da werden wir einfach mal aktiv werden. (Werde dazu evtl. noch einen separaten Beitrag verfassen.)

Zum Schluss tauschten wir uns noch über die Macken unseres Rabauken aus. Wie er genau weiß, dass es falsch ist, der Katze auf den Schwanz zu latschen. Wie entnervend es ist, wenn er gefragt wird, warum er das tut und dann entweder gar keine Reaktion oder ein genuscheltes „ich weiß nicht“ kommt. Er kennt alle Regeln, entscheidet sich dennoch, diese nicht zu befolgen. Als er das jetzt zu Hause machte, fragte ich ihn, warum. Als erstes kam wieder „ich weiß nicht“, doch das ließ diesmal ich nicht gelten. Ich hakte nach, er zierte sich und ich zählte von 3 runter. Seltsamerweise wirkt dieser kleine Countdown immer. Spätestens beim Luftholen zu 1 hat er plötzlich eine Antwort parat. Selbst bei so simplen Sachen wie „welche Eissorte möchtest du?“ muss der Countdown her, sonst stehen wir ewig vor der Eistheke.
Als ich also von 3 runter zähle, sagt er mir bei 2, dass es ihm Spaß mache. Auch, wenn er keine 2 Sekunden später die Aussage widerrufen hat, denke ich, dass das der Wahrheit recht nahe kommt.

Nun stellt sich die Frage, warum macht ihm das Spaß? Weil er sich als Rebell fühlen kann? Weil die Trotzigen im Kindergarten die Helden sind? Geht der Gruppendruck schon los? Ist es der Versuch, unsere Aufmerksamkeit zu kriegen? Oder Eifersucht auf seine Schwester? Weil der eigentlich coole Job als großer Bruder in echt ziemlich uncool ist?
Vermutlich wird es eine Mischung aus allem sein.

A und wir sind uns ziemlich sicher, dass es für den Großen besser wird, wenn er offiziell als Vorschulkind zählt. Dann bekommt er wesentlich mehr Geistesfutter, es gibt wieder regelmäßig Ausflüge, diesmal in Schulen, und er ist mit seinen besten Freunden, nachdem einer davon, ein chinesischer Junge wegen Sprachdefiziten zurückgestellt wurde, in einem kleinen, elitären Kreis.
Seit letzter Woche geht er jeden Donnerstag zur Ballschule, exklusives (Fußball-)Training nur für ihn. Es gefällt ihm, er mag den Trainer und er lernt neue Tricks.

Ich bin zwar noch skeptisch, aber die letzten beiden Tage waren recht friedlich, vielleicht entspannt sich die Situation ja langsam. Unser Verständnis für seine schwierige Situation ist aber mit Sicherheit ein guter Anfang.

Ratlos

Das Wochenende war anstrengend, nicht nur wegen des schwülen Wetters.

Der Große hört einfach nicht. Oder besser gesagt, er will nicht hören. Wir können uns den Mund fusslig reden, aber der Effekt ist der gleiche, als wenn ich mit der Wand reden würde. Wobei vielleicht noch schlimmer, denn von der Wand erwarte ich keine Reaktionen.

Es sind auch keine großen Sachen, die wir verlangen.

Er soll nicht im Flur rennen, weil er dann stürzen und sich weh tun kann. Und was macht er? Rennt permanent auf dem Flur rum und packt sich zweimal volle Kanne längs. Schreit dann das ganze Haus zusammen. Rennt 30 Sekunden später wieder durch den Flur. Lernen durch Schmerz versagt auf der ganzen Linie.

Er soll die Katze nicht treten. Ich beobachte, wie er nach der Katze treten will, ermahne ihn streng, 3 Sekunden später will er sie wieder treten.

Wir bitten ihn, leise zu sein, weil seine Schwester gerade nach einem einstündigen Schreimarathon eingeschlafen ist. Er fängt an, sein Spielzeugfach im Wohnzimmer lautstark auszuräumen, so dass die Kleene wieder wach wird und schreit.

Ich schnapp ihn mir, erkläre ihm etwas und sobald ich fertig bin, erzählt er mir etwas von Drachen bei Siebensteins.

Er fragt mich etwas, und während ich ihm antworte, platzt er dazwischen, dass er jetzt Gummibärchen haben möchte.

Die Punkte der Auflistung kann man beliebig oft wiederholen.

Ich mag nicht mehr. Ich bin fix und alle, weil ich mich so maßlos über ihn geärgert habe. Ich weiß nicht, wie wir ihm begreiflich machen können, dass es für ihn von Vorteil ist, auch mal zuzuhören.

Ich weiß, dass positive Verstärkung ganz gut wirkt, aber dazu müsste er erstmal etwas positives machen. Derzeit habe ich den Eindruck, er ist nur auf Zerstörung aus. Ich weiß nicht, ob er damit die Geburt seiner Schwester und die damit für ihn verbundenen Einschränkungen kompensiert, mag das aber nicht so recht glauben, weil so seltsam drauf war er auch schon vorher phasenweise. Nur so schlimm wie jetzt war es noch nie.

Falls er doch mal etwas gut gemacht hat, dann freue ich mich und sage ihm, dass mir das gefallen hat und ich stolz auf ihn bin. Und dann, zack, 5 Sekunden später latscht er der Katze absichtlich auf den Schwanz. Da könnt ich ausflippen. Als wenn er nur auf das Lob gewartet hätte, als wenn er dann wieder einen Bonus hat, den man gegen etwas Negatives aufrechnen kann.

Ich weiß nicht, woher er das hat, wir rechnen nichts auf. Wir tragen auch nichts nach oder schmieren ihm alte Geschichten aufs Brot, er hingegen findet es toll, immer und immer wieder zu betonen, wie ich ihm bspw. vor Jahren mal beim Fingernägelschneiden in den Finger geschnitten habe.
Er findet es auch toll, uns zu beleidigen. Wir versuchen, das zu ignorieren, einfach damit er kein Machtmittel hat, aber bei „du alte Sau“ ist einfach mal Schluss. Er sagt das nicht nur zu uns, sondern auch zu Bekannten, Freunden, der Verkäuferin im Supermarkt. Und findet das lustig.

Ich weiß, das Gewalt keine Lösung ist, doch derzeit steh ich jedesmal so knapp davor, ihm eine Ohrfeige zu geben.

Ich weiß auch, dass sein Verhalten durch unser Verhalten beeinflusst wird und wenn wir sein Verhalten ändern wollen, wir unseres zuerst ändern müssen. Nur weiß ich nicht, was wir noch ändern können. Egal, was wir versuchen, es ändert genau nichts. Diese Rat- und Hilflosigkeit schafft mich zusätzlich. Ich überlege, uns professionelle Hilfe zu suchen, denn so kann es nicht weiter gehen, das wird nicht gut enden.

Ehrlich, im Moment graut es mir vor den nächsten Wochenenden 😥

 

NACHTRAG: Ein befreundeter Erzieher meinte, das Verhalten könnte daran liegen, dass der Kindergartenbetreuer vom Großen im März Knall auf Fall gegangen ist, ohne richtige Verabschiedung und Begründung. Da mag was dran sein, doch können wir diese Tatsache leider nicht ändern. Mein Mann wird sich deshalb diese Woche um einen Beratungstermin bei der Diakonie bemühen und um ein Gespräch mit der neuen Erzieherin.

Pädagogisch nicht besonders wertvoll

Inspiriert durch Blumenelfes Beitrag, in dem sie sich unter anderem wünscht, nicht immer nur Heile-Welt-Blogeinträge zu lesen, möchte ich ein wenig von unserem Erziehungsalltag schreiben.

Es gibt bei uns genau drei feste Regeln, an die sich der Große, und später auch die Kleene, halten muss:

  1. Nicht in Steckdosen fassen oder an oder mit ihnen spielen. Wir haben zwar Steckdosenkindersicherungen, aber neugierige Kinderfummelhände machen davor nicht halt.
  2. Nicht auf dem Stubensofa rumtoben. Wenn er hopsen, klettern oder sonstigen Unsinn machen möchte, dann kann er das auf seinem Sofa in seinem Zimmer machen.
  3. Die Katzen werden nicht geärgert. Dazu gehört das Jagen, Kneifen, am Schwanz ziehen oder auf die Nase stupsen.

Regel 1 wird konsequent befolgt, bei Regel 2 + 3 gibt es immer wieder Ausreißer. Während Verstoß gegen 2. eine Freifahrt ins Kinderzimmer nach sich zieht, regeln de Katzen die Einhaltung von Punkt 3 selber. Mit teils schmerzhaften Folgen, aber ohne erkennbaren Lerneffekt beim Kind. Lernen durch Schmerz funktioniert eben nicht immer.

Der Große hat im Wohnzimmer eine eigene Spielecke, in der er sich austoben kann, teilweise mit Beteiligung der Katzen, die Lego-Räder oder rollende Matchboxautos genauso spannend finden wie das Kind. Die Spielsachen dürfen nach Gutdünken verwendet und kombiniert werden, wenn dadurch etwas kaputt geht oder nicht mehr verwendet werden kann, dann muss das Kindlein lernen, damit klar zu kommen. Dazu darf sich allerdings gerne an der elterlichen Schulter ausgeheult werden. Wir haben gemerkt, dass Ermahnungen oder Erklärungen zum sorgfältigen Umgang mit Spielmaterial genau Null Effekt haben, aber die Praxis sehr wohl ein guter Lehrmeister ist.
Das gesamte Kinderzimmer ist mehr oder weniger zur Verwüstung frei gegeben, allerdings sind Verschönerungsaktionen mit Farbe oder Aufklebern mit uns abzusprechen. Für Aufkleber steht der Kopfteil seines Bettes zur Verfügung, welches er nach Belieben dekorieren darf. Für zeichnerische Ambitionen gibt es eine Maltafel für Kreide und Whiteboardmarker und bis auf eine Ausnahme blieben wir dadurch von Malaktionen auf der Tapete verschont. Wenn er mit Bunt- oder Filzstiften malen möchte, kann er sich jederzeit Papier bei uns abholen. Desweiteren möchten wir, dass wenigstens ein schmaler Trampelpfad bis zum Bett spielzeugfrei bleibt.

Mindestens einmal die Woche lassen wir das Kind seine Spielsachen wegräumen, damit die Putzkolonne ungehindert durch die Wohnung wirbeln kann. Das klappt wunderbar, denn alles, was nach einer großzügig bemessenen Aufräumzeit noch auf dem Boden liegt, wird weggesaugt. Wir helfen natürlich beim Aufräumen, wenn wir darum gebeten werden und bis auf winzige Legosteine sind bisher wohl alle Spielsachen dem großen Saugmonster entkommen.

Die Spielsachen sind aus Holz, Plastik, Gummi, Stoff, Papier oder was auch immer. Wir haben es mit Holzbauklötzen versucht, aber Legosteine pappen nunmal besser zusammen und lassen sich höher stapeln. Eine Armee von Plüschtieren belagert das kindliche Bett so sehr, dass das Kind fast gar keinen Platz zum schlafen hat. Eines davon wegräumen geht gar nicht, da jedes Plüschi wichtig und heiß geliebt ist. Die absoluten Favoriten sind allerdings Fahrzeuge jeglicher Art. Je abgeschrammter, je besser. Und wehe, ich wage es, ein Auto wegzuwerfen, weil es nur noch 3 Räder und keinerlei Lack mehr hat. Und Fußbälle. Und Murmeln. Hauptsache es rollt, sehr zur Freude der Katzen.

Schlafenszeit ist gegen 20 Uhr, sollte am nächsten Tag kein Kindergarten sein, gerne auch etwas länger. Trotz dieses späten Zubett Gehens kommt es vor, dass das Kindlein bereits um 6 Uhr morgens auf der Matte steht und bespaßt werden möchte. Diese Aufgabe übernimmt dann bei uns der Fernseher, während mein Mann daneben als Aufsichtsperson auf dem Sofa döst. Wenn wir unser Kind schon vor dem TV parken, stellen wir ihm wenigstens was Gescheites ein, nämlich KIKA. Kindgerechte Sendungen ohne Werbung, nur etwas nervig in der Geräuschkulisse.

Überhaupt Fernsehen. Das läuft bei uns relativ viel, meist als Hintergrundbeschallung, so wie bei anderen das Radio. Nur hat Radio den Nachteil, dass dort immer die ewig gleichen Lieder laufen und die aufgesetzte Fröhlichkeit sich nicht auf mich überträgt. Da es tagsüber bei den privaten Fernsehsendern nicht viel anders ist, läuft dann bei uns meist ZDFinfo. Vielleicht können wir durch die Dokumentationen noch etwas lernen.

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Schmeckt jemandem das Essen nicht, kommt eben etwas anderes auf den Tisch. Bei uns muss niemand hungern, es wird aber auch niemand zum Essen gezwungen. Sollte unser Kind entscheiden, dass es nach 3 Löffeln satt ist, dann ist es eben so. Sollte es nach der 3. Brötchenhälfte immer noch Hunger haben, dann ist es eben so. Zudem steht immer eine Dose mit Süßigkeiten rum, aus der sich das Kind nach Belieben bedienen darf. Nur kurz vor den Mahlzeiten wird der Gummibärchenverzehr eingeschränkt. Ab und zu mopse ich ein paar Süßigkeiten aus dieser Dose, weil sie sonst schlecht werden. Dies ist kein Scherz, der Große isst so wenig aus seiner Schatzkiste, dass manche Sachen nach 2 oder 3 Monaten aussortiert werden müssen.

Unser Kind ist dreckig. Also nicht immer, aber spätestens nach 5 Minuten. Noch schneller, wenn es frisch gewaschene Sachen an hat. Da Umziehen aller 5 Minuten keinen Sinn macht, bleibt es eben dreckig. Am Ende des Tages klopfen wir den gröbsten Dreck von ihm ab.
Zähne werden jedoch immer gut geputzt, morgens und abends. Wir haben früh damit angefangen unter Zuhilfenahme der bösen Zahnzwerge, welche mit ihren Picken nachts Löcher in ungeputzte Kinderzähne schlagen. Diese Geschichten hatten so großen Erfolg, dass der Große nicht einschlafen kann, wenn seine Zähne nicht geputzt sind.

Wir bespaßen unser Kind nicht rund um die Uhr. Wir gehen nicht jeden Tag raus an die frische Luft, nicht mal, wenn die Sonne scheint. Manchmal dümpeln wir einfach den ganzen Tag in der Wohnung rum.
Wir schreien das Kind auch mal an. Besonders, wenn es richtig Blödsinn gemacht hat. Oder wenn es uns nach dem dritten Ansprechen oder Ermahnen immer noch nicht gehört hat. Manchmal gibt es Situationen, wo das eben passiert und wo Erklärungen einfach nicht wirken. Weil wir es schon 10 mal erklärt haben. Oder das Kind einfach nicht zuhört. Oder es eben ein anstrengender Tag war.

Wir sind Verfechter der gewaltfreien Erziehung, da mein Mann und ich dies in unserer Kindheit nicht erfahren durften, uns aber noch sehr genau daran erinnern können. Gerade bei diesem Hintergrund ist die Umsetzung des Vorsatzes nicht immer einfach, ist es doch die vermeintlich schnellste und einfachste Lösung, um den eigenen Willen durchzusetzen. Bis auf eine Ausnahme ist es uns bisher gelungen. Ich ärgere mich, dass es die Ausnahme gab, dass mir keine bessere Alternative eingefallen ist. Ich kann es aber auch nicht rückgängig machen, sondern nur daraus für die Zukunft lernen. Ich habe damals mit dem Großen über die ganze Situation gesprochen und mich bei ihm entschuldigt.

 

Wir sind sicher nicht die perfekten Eltern, jedoch geben wir das Beste im Rahmen unserer Möglichkeiten. Ich denke oft, dass wir mehr mit dem Kind machen sollten, mehr raus, mehr Spielplatz, mehr Malen. Doch das würde auch mehr Kraft kosten. Ich könnte diese bestimmt die erste Zeit aufbringen, aber eben nicht für lange.  Was passiert, wenn mir die Energie ausgeht, ich wieder in ein dunkles Loch stürze, weil mir der Kontakt zur den Mitmenschen zu viel wurde. Ist dem Kind dann damit mehr geholfen? Oder ist es so, wie es jetzt ist, unsere Ideallösung?

Solche Fragen stelle ich mir immer wieder, überprüfe immer wieder mein eigenes Verhalten, überlege, was wir optimieren können. Fakt ist, dass meine psychischen Erkrankungen tiefgreifend waren und nicht so wahnsinnig lange zurück liegen und das Gleichgewicht, welches ich mittlerweile gefunden habe, immer noch sehr fragil ist.
Kann ich trotz dieser Vorgeschichte eine gute Mutter sein? Ich denke schon, da es meiner Meinung nach nicht darauf ankommt, wie pädagogisch wertvoll das Spielzeug ist oder ob nur ökologisch unbedenkliche Lacke verwendet wurden.

Viel wichtiger ist, ob das Kind Liebe und Respekt erfährt. Und das bekommen unsere Kinder jederzeit in vollem Umfang.

Leichter Aufwärtstrend

Es geht bergauf. Wenn auch nur langsam, aber doch irgendwie nach oben.

Ich hab entdeckt, dass mein Mann doch eine Schmerzgrenze kennt, was den Verschmutzungsgrad der Wohnung anbelangt. Ganz selbstständig hat er am Wochenende die Küche und das Bad ein wenig auf Vordermann gebracht, was mich dann auch motivierte, im Rahmen meiner Verhältnisse mitzumachen. Gibt zwar noch eine Menge anderer Stellen, aber ein Anfang ist gemacht.

Die Waschsituation ist leider immer noch kritisch. Es ist aber auch nicht hilfreich, dass der Kleene derzeit aller 3 Nächte ins Bett pullert. Schon alleine deswegen komm ich kaum damit hinterher, den riesigen Wäscheberg tatsächlich auch mal abzubauen, weil ständig Bettlaken und Kissenbezüge (der Kleene macht Murphy alle Ehre und bettnässt mit größtmöglichem Schaden) unsere old school Wäschetrockner blockieren. Für die neumodische elektrische Variante fehlen uns sowohl Platz als auch Geld.

Das Interesse fürs Kind generell wächst auch wieder, wobei es mir dennoch schwer fällt, seine Stimmungsschwankungen und Wutanfälle zu ertragen. Da ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich einfach abschalte. Ich finde es auch sehr nervig, wenn er überhaupt nicht zuhört, unsere Hinweise nicht beachtet und nicht aus seinen Fehlern lernt, ist doch sonst so ein cleveres Kerlchen. Wenn ich ihm 3 mal sage, er soll die Katze nicht ärgern, er das aber trotzdem tut und dann – Überraschung – gekratzt wird und auf voller Lautstärke brüllt, dann fehlt mir dafür irgendwie das Verständnis. Besonders, wenn es zwei oder drei mal am selben Tag passiert. Keine Ahnung, was hier die pädagogisch wertvolle Lösung ist.

Der Tagesablauf ist immer noch gestört, genauso wie meine Nachtruhe. Derzeit sind es insgesamt nicht mehr als 5 Stunden pro Tag, verteilt in 2 Etappen. Belastbar ist anders.

Gibt also noch genügend Baustellen, doch die ersten Schritte in die richtige Richtung scheinen wohl gemacht.