2016!

Letzter Tag des Jahres, da darf der Rückblick nicht fehlen. Weltpolitisch war das vergangene Jahr eher katastrophal, ebenso was die Promi-Überlebensrate anging. Aber so im Kleinen, im Persönlichen war das Jahr ganz gut. Zumindest gab es schon wesentlich schlimmere Jahre.

Allerdings wurde – mal wieder – das gesunde neue Jahr schnell ad acta gelegt, als ich mir das Steißbein brach. Es war recht schmerzhaft, heilte aber ganz gut.
Generell war das Jahr von Krankheiten geprägt, gefühlt war ständig einer von uns krank. Die Kindkranktage für die Kleene hatten mein Mann und ich bereits im Frühjahr aufgebraucht, der Große zog dann mit seinem Schienbeinbruch im Herbst nach. Der Krankenhausaufenthalt mit der Kleenen im August schlauchte wie üblich. Im Oktober/November war ich mehr oder weniger 3 Wochen am Stück krank mit Magen-Darm, Lumboischialgie und Angina, fein säuberlich hintereinander.

Genau zu jenem Zeitpunkt, als ich meine neue Stelle als Lizenzmanagerin antrat. Super Timing, aber was willste machen. Getoppt wurde das Ganze nur vom vereinten Kranksein der gesamten Familie zu Weihnachten und zumindest ich werde den Rotz mit ins neue Jahr schleppen. Da das aber zum Glück alles nichts wirklich Ernsthaftes war und ist, beklag ich mich nicht darüber, solange genügend Paracetamol im Haus ist!

Was mir dieses Jahr richtig zu schaffen machte, war das Zeitmanagement. Als Vollzeit arbeitende Mutter mit einem Kind, das zweimal die Woche zum Training muss, wenn das Training bereits um 16:30 Uhr anfängt ist ein bisschen wie Jonglieren mit laufenden Kettensägen. Zwei Tage die Woche konnte ich jeweils eine Stunde länger arbeiten, trotzdem verbrauchen die Trainingstage 1,5 Stunden von meinem Zeitkonto. Ich balancierte so gut es ging um die Null Stunden auf meinem Gleitzeitkonto, rutschte jedoch auch mehrmals ordentlich ins Minus.

Genau wie mein Bankkonto. Anfang des Jahres war es finanziell echt verheerend. Der Kinderzimmerumbau vom Großen hat ein großes Loch gerissen, auch wenn es sich gelohnt hat und dringend nötig war. Der Urlaub war ebenso nötig, doch nicht sonderlich zuträglich für den Kontostand. Besser wurde es erst gegen Ende des Jahres, als wir die Nachzahlung von der Steuer und das Guthaben der Nebenkostenabrechnung ausbezahlt bekamen.

Zwischenmenschlich war 2016 eher ruhig, wofür ich sehr sehr dankbar bin. Das Verhältnis zu meinem Mann hat sich soweit stabilisiert. Die Beziehung zum Großen ist wesentlich besser, fast freundschaftlich geworden. Die Kleene ist supersüß, wenn sie nicht rumzickt und immer noch superkuschlig.

Wir hatten einen tollen, wunderbaren, erholsamen, stressfreien Urlaub, der uns allen sehr gut tat. Wir überstanden alle Feiertage unbeschadet, yay.

Bis auf den wenig betrauerten Tod des Schwiegervaters gab es keine Verluste in der Familie und auch dafür bin ich sehr sehr dankbar.

Zusammenfassend war 2016 ein ruhiges Jahr ohne große Ausschläge, weder nach oben noch nach unten. Dies lässt sich auch gut im Blog nachvollziehen, wo es viele philosophische, nachdenkliche Beiträge gibt, für die ich nur Muße habe, wenn keine drängenden Probleme anstehen.

Ausblick auf 2017:
Am Thema Finanzen wird sich nächstes Jahr nicht viel ändern. Im März steht der Kinderzimmerumbau für die Kleene an, dessen voraussichtliche Kosten sich nach derzeitigem Stand auf um die 1.000€ bewegen wird. Dazu kommen immer noch die Raten fürs Auto, welches erst Ende 2017 abbezahlt sein wird. Dennoch wird es wieder einen Urlaub geben, das Ziel ist aktuell noch unklar, eventuell Polen oder Dänemark. Zwischenmenschlich bleibt es hoffentlich so, wie es ist. Und weiter gebloggt wird hier auch 🙂

Bleibt mir nur noch, euch allen einen guten Rutsch und ein fantastisches, gesundes, glückliches, entspanntes neues Jahr zu wünschen!

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Frohe Weihnachten!

Verbringt ein paar schöne Stunden im Kreise eurer Lieben, futtert euch richtig die Bäuche rund, reißt das Geschenkpapier von den Präsenten, als wenn es kein Morgen gäbe und verschenkt so viele Umarmungen und Küsse, wie ihr nur könnt.

Denn Weihnachten ist nur einmal im Jahr!

De mortuis nihil nisi bene

Gestern war die Beerdigung meines Schwiegervaters.

Ich hatte mir extra einen halben Tag frei genommen, ein paar meiner Überstunden abgebaut. Tatsächlich Urlaub opfern wollte ich nicht. Trotzdem wollte ich unbedingt wissen, wer alles zur Trauerfeier erscheint und was dabei gesagt wird.

Es waren überraschend viele Trauergäste zur Feier erschienen. Ein wenig verlegen standen sie in der strahlenden Sonne, während Anna mit der Trauerrednerin letzte Details zur Rede besprach. Mein Mann war entsetzt, dass seine Mutter mittlerweile im Rollstuhl sitzt. Aus der Nähe sahen wir, dass seine Mama so ausgemergelt war, dass sie kaum aufrecht im Rollstuhl sitzen konnte.

Wir begrüßten den bekannten Familienteil und ließen uns dann die unbekannten Gäste vorstellen. Vom Pflegedienst des betreuten Wohnens, wo meine Schwiegereltern zuletzt gelebt hatten, waren 4 Mitarbeiter erschienen. Dazu ein alter Arbeitskollege des Verstorbenen und ein befreundetes Ehepaar. Insgesamt waren es um die 20 Personen.

Die Trauerfeier begann mit einem Lied, welches passender kaum hätte sein können: „Hells Bells“ von AC/DC. Vermutlich war dem Verstorbenen der eigentliche Inhalt des Liedes nicht bekannt, denn sonst hätte er vielleicht einen anderen Titel gewählt. So aber konnte ich mir ein innerliches diabolisches Grinsen nicht verkneifen.

Die Trauerrednerin begann den Nachruf mit dem Ziel, das Leben zu feiern, anstatt in tiefster Trauer zu versinken. An sich gefällt mir dieser Ansatz, gerade bei eher älteren Menschen, doch war die Rednerin für meinen Geschmack zu überdreht. Ein wenig mehr Zurückhaltung hätte ich für angemessener gehalten.

Die Rednerin beschrieb als erstes die menschlichen Seiten: humorvoll, witzig, gesellig. Er war ein lebenslustiger, unterhaltsamer Mensch, der viel unternahm und bis fast zum Schluss aufopferungsvoll seine Frau pflegte. Ich staunte ein wenig, kannte ihn aber auch nur die letzten 10 Jahre und habe ihn dort ganz anders erlebt. Auch die Erzählungen meines Mannes über seine Erlebnisse hatten mir ein anderes Bild vermittelt.

Im Nachruf wurde auf die Kindheit eingegangen, dass der Verstorbene in einer eher ländlichen Gegend aufgewachsen ist und als Kind viel Unsinn angestellt hatte und nicht der Geschickteste war. So hatte er als Kind seinem Teddy die Welt durchs Fenster zeigen wollen und dabei die Fensterscheibe eingedrückt. Was als lustige Anekdote gedacht wurde, hinterließ bei meinem Mann und mir einen sehr faden Beigeschmack, denn wir wussten, dass die Großeltern (also die Eltern des Vaters) sehr strenge Menschen waren, die wenig Nachsicht kannten und dem Kind vermutlich mit einer Eisenbahnerkoppel massiv den Hintern versohlt hatten ob dieser Untat.

Nach einer weiteren Anekdote folgte die Überleitung ins Berufsleben. Schule, Ausbildung bei der Post, jahrelange Tätigkeit als Zusteller, Wechsel als Heizer, später Hausmeister beim örtlichen Zeitungsverlag. Ein schwerer Arbeitsunfall, unverschuldet und zudem vermeidbar. Bevor die nicht zu überhörende Verbitterung über diese Ungerechtigkeiten überhand nehmen konnte, wurde das zweite Lied gespielt: Johnny Hill mit „Ruf Teddybär 1-4“, weil die musikalischen Vorlieben des Verstorbenen sehr breit gefächert waren.

Der sich nun anschließende Teil mit dem Familienleben ist mir noch fast wortwörtlich in Erinnerung, wohl auch, weil mich dieser Abschnitt oder besser gesagt die Verpackung dieses Abschnitts am meisten interessierte.

Bei seiner Tätigkeit bei der Post lernte er seine Frau kennen, die ebenfalls dort arbeitete. Sie verliebten sich ineinander und heirateten am 22. April 1972. Das Familienleben gestaltete sich intensiv.

Ein spannender Euphemismus, der unglaublich viel Interpretationsspielraum lässt. Es wurde mit keinem Wort darauf eingegangen, wie die Familie sich ursprünglich zusammen setzte, dass die Ehefrau bereits 4 Kinder hatte und dass als einziges leibliches Kind 1973 mein Mann folgte. Von den insgesamt 5 Kindern wurden überhaupt nur 3 erwähnt, die 2 älteren Mädchen fielen komplett unter den Tisch. Auch schien es niemanden zu stören, dass immer wieder Boris zwar erwähnt wurde, aber er selbst und der gesamte Familienzweig nicht bei der Trauerfeier anwesend war.

Stattdessen wurde von den vielen Reisen berichtet, die das Paar unternommen hatte, die letzte größere nach Südtirol zu den Kastelruther Spatzen, die sie dort auch leibhaftig getroffen hatten. Denn dies war eine große gemeinsame Leidenschaft und sie besuchten mindestens ein Spatzenkonzert in der Heimatstadt, wusste die Rednerin zu berichten.

Als letzter musikalischer Beitrag folgte daher ein Lied von Andreas Gabalier „Amoi seg‘ ma uns wieder“. Mitte der zweiten Strophe wurde die Urne auf einen Katafalk gesetzt und die Trauergemeinschaft lief der Urne hinterher zum Grab.

An der letzten Ruhestädte angekommen, wurde die Urne ins Grab eingelassen und jeder Anwesende durfte in Ruhe Abschied nehmen und eine handvoll Blütenblätter auf die Urne streuen. Ich dankte meinem Schwiegervater für meinen Mann und wünschte ihm, dass er eine gerechte Strafe für seine Taten im Leben erhalten möge.

Da kein Leichenschmaus oder eine andere gemeinsame Aktion im Anschluss an die Beerdigung geplant war, verabschiedeten wir uns relativ schnell und fuhren nach Hause. Im Auto unterhielten wir uns über die Rede und mein Mann, der gerade eben seinen Vater beerdigt hatte, meinte, dass der Großteil des Gesagten schlicht lächerlich war.

Gesellig mag ja stimmen, aber stand wohl wie in einem Arbeitszeugnis als Code für Alkoholismus. Als unternehmenslustig kannte er seinen Vater ebenso wenig, ich selbst hatte ihn nur als phlegmatisch in seinem vollgequaltem Zimmer vor dem Computer hockend erlebt. Meinen Mann ärgerte die Beschreibung der Familie und des Familienlebens. Entweder lässt man alle „unerwünschten“ Kinder weg oder zählt alle auf.

Was meinen Mann verwunderte war, wie sehr die Trauerfeier seine Schwester und Nichten und Neffen mitnahm. Wir waren uns einig, dass Anna komplett stockholmisiert war und die Enkel die wahren Hintergründe nicht kannten und so wirklich und wahrhaftig um ihren Opa trauern konnten. Genauso wie die 4 Mitarbeiter des Pflegedienstes, die vermutlich nur den eingangs beschriebenen Menschen kannten, dem im Alter die Kraft zum Rassismus und zu bösartigen Scherzen fehlte und der vermutlich erkannte, dass es unklug wäre, Menschen, auf die er dringend angewiesen ist, zu vergrätzen.

Als wir die Geschichte mit den Kastelruther Spatzen besprachen, meinte mein Mann, dass sein Vater die gehasst hätte wie sonst was. Ich meinte daraufhin, dass sie doch aber beim Konzert und sogar in Südtirol waren, worauf mein Mann erwiderte, dass er das nur seiner Frau zuliebe gemacht hätte und er Volksmusik nicht ausstehen konnte.
Entweder war das seiner Schwester komplett entgangen oder es war ihre kleine, persönliche Rache, sozusagen ein finaler ausgestreckter Mittelfinger in Richtung ihres Peinigers.

Immer noch im Auto sitzend, rief mein Mann dann seinen Bruder Boris an, um ihm von der Beerdigung zu erzählen. Ihm war nämlich von Anna verboten wurden, Boris eher etwas zu sagen, weil sie unbedingt vermeiden wollte, dass er bei der Trauerfeier auftaucht, denn dies war der ausdrücklichste Wunsch des Verstorbenen.

Boris war stinksauer. Er wäre eh nicht gekommen, hätte doch aber schon gerne wenigstens vom Tod gewusst, denn vor drei Wochen hatte er seine Mutter besucht und sie nach seinem Stiefvater gefragt, obwohl dieser da schon eine Woche tot war. Dieses riesige Fettnäpfchen hätte er sehr gerne vermieden.

Das wiederum machte meinen Mann sauer und nach dem Telefonat tobte er rum, dass er es eh niemandem recht machen könne. Hätte er Boris informiert, wäre seine Schwester wütend gewesen, so hat er nichts gesagt und jetzt ist Boris wütend. Ich konnte förmlich den kleinen Jungen sehen, hin- und hergerissen zwischen seinen Geschwistern, ohne elterlichen Beistand und sehr sehr hilflos. Er tat mir leid, aber mehr als trösten konnte ich ihn nicht.

Diese Familie hat schon so viel ertragen und vielleicht könnte diese Beerdigung tatsächlich etwas wie ein Neuanfang sein. Jetzt, wo dieses große, alles überschattende Übel nicht mehr da ist.

Adventskalender: Türchen 11 – Der Kirchgang

Die meisten Feiertage sind gute Gelegenheiten, um Traditionen zu pflegen und zu leben. Gerade Weihnachten ist voll von immer wieder kehrenden Abläufen, ich kenne die Menüfolge aller 3 Feiertage, ich weiß wann es die Geschenke gibt oder wann wir spazieren gehen. Überraschungen sind da eher selten und das ist auch gut so, denn das restliche Jahr hält im Allgemeinen genug Überraschungen für uns bereit.

Eine lange gepflegte Tradition war der Kirchgang am Heiligabend. Die Familien meiner Eltern sind recht umfangreich und geografisch interessant verteilt und so ergab es sich, dass die Schwester meines Opas auf einem kleinen Dorf ein wenig außerhalb meiner Heimatstadt lebte. Diese Schwester, von allen nur Tante Hannel genannt, egal in welchem Verwandschaftsverhältnis man tatsächlich stand, war ein Relikt aus lang vergangener Zeit. Als junge Frau war sie bei einem Gutsherren in der Umgebung angestellt, als Haushälterin und Köchin. Und wie sie kochen konnte. Und backen. Und ihre Anziehsachen lagen exakt ausgerichtet im Schrank und ihr kleines Häuschen war immer blitzeblank, obwohl sie auch schon weit in die 70 war.

In diesem Dorf gab es eine Kirche und als ich etwa 7 oder 8 Jahre alt war, führten wir die Tradition des Kirchgangs ein, obwohl meine Eltern alles andere als religiös sind und nur mein Papa getauft ist. Am Nachmittag des Heiligen Abends fuhren wir zu Tante Hannel aufs Dorf, tranken dort Kaffee und aßen das erste Stück Stollen, natürlich selbstgebacken und köstlich. Danach mummelten wir uns dick ein – in meiner Erinnerung war es an Weihnachten immer bitterlich kalt, wenn auch selten verschneit – und machten uns auf den Fußweg zur Kirche. Wir mussten zeitig da sein, denn der Gottesdienst zu Weihnachten war immer gut besucht. Meist standen wir also eine Stunde vor Beginn an der Kirche und warteten mit vielen anderen auf den Einlass, der ungefähr eine halbe Stunde später war.

In den ersten Jahren war die Kirche noch unbeheizt und trotzdem kurz vorher bereits ein gut besuchter Gottesdienst stattgefunden hatte, war der Innenraum kalt und wir mummelten uns in unsere dicken Jacken. Später wurden Heizkörper unter den Sitzbänken installiert, die einem die Beine versengten, während man oben rum immer noch bibberte.

Wie so oft war die Platzwahl der alles entscheidende Punkt. Die ersten beiden Reihen war für die dörfliche Prominenz reserviert, aber dahinter wurde verbittert um jeden Zentimeter Sitzbank gefeilscht. Einige Sitzplätze befanden sich hinter den dicken Säulen, die das Kirchendach trugen und dort wollte natürlich niemand sitzen, denn jeder wollte einen möglichst unverstellten Blick auf das Krippenspiel haben. Als endlich alle Anwesenden ihr Plätzchen gefunden hatten, läuteten die Glocken und der Posaunenchor setzte ein. Kurze Ansprache, ein Lied, dann folgte das Krippenspiel, inszeniert von den Kindern und Jugendlichen der Dorfkirchgemeinde und immer mit viel Liebe und Enthusiasmus vorgetragen. In einem Jahr wurde eine moderne Version des Krippenspiels aufgeführt, in der die Personen mit Telefon und Terminkalendern herumliefen und den üblichen Alltagsstress thematisierten. Ich fand die Idee nicht so schlecht, aber stand vermutlich recht allein mit der Meinung da, denn in den Folgejahren gab es nur die klassischen Krippenspielaufführungen.

Es folgte die Predigt, je nach Laune des Pfarrers und Verlauf des Jahres besinnlicher oder mahnender, das Vaterunser, Oh du Fröhliche, der Segen des Pfarrers und dann war der Gottesdienst auch schon wieder vorbei. Am Ausgang standen Helfer, die um Spenden baten, welche zur einen Hälfte an Brot für die Welt gingen, zur anderen zum Erhalt der Kirche verwendet wurden.

Vor der Kirche wartete der Posaunenchor und begleitete musikalisch die nach Hause gehenden Menschen. Wir liefen zu Tante Hannels Hof, verabschiedeten uns vor ihr und unseren anderen Verwandten, wünschten allen frohe Weihnachten und fuhren dann endlich nach Hause. Auf der Heimfahrt zählten wir immer, wie viele Weihnachtsmänner uns in anderen Autos begegneten.

Endlich deshalb, weil der nächste Programmpunkt daheim die Bescherung war. Zu Anfang wurde versucht, die Bescherung auf nach dem Abendessen zu verschieben, aber angesichts eines aufgeregten und zappelnden Kindes wurde schnell wieder davon abgesehen.

Diese Tradition pflegten wir lange Jahre, selbst als ich schon ausgezogen war, war der Kirchgang Pflicht. Erst als ich meinen Exfreund kennenlernte, schlief diese Angewohnheit ein. Mittlerweile ist Tante Hannel mit weit über 90 Jahren gestorben und unsere Verbindungen in dieses Dorf sind rar geworden. Doch lange Zeit konnte ich die Frage, wann denn Weihnachten für mich anfange, beantworten mit: Wenn wir am 24. in der Kirche sitzen. Dann war der ganze Vorbereitungsstress vorbei, dass wochenlange Jagen nach Geschenken lag hinter uns, die Gans wartete vorbereitet im Ofen, der Kartoffelsalat war angerührt, die Wohnung war blitzeblank, der Weihnachtsbaum zur Zufriedenheit aller angeputzt und der Kampf um die Sitzplätze war ausgestanden. Dieser Moment, als wir alle gespannt auf die ersten Töne des Posaunenchors warteten, war magisch für mich, weil dann wirklich Ruhe einkehrte. In mich. Und vor allem in meine Familie.

© Foto von Flickr/Eric Wüstenhagen „Marienkirche Lübeck“, (CC BY-SA 2.0)

Normal ist für andere

Am Freitag war die Beerdigung meiner Oma und wir hatten alles wie immer vorbereitet, nämlich scheinbar gar nicht. Das morgendliche Duschen und Stylen klappte noch wie geplant, aber dann wurden die Kinder wach und das Chaos nahm seinen Lauf.

Ständig wuselte der Große zwischen meinen Beinen rum, die Kleene nutzte die Gelegenheit der vielen offenen Türen und erkundete Flur, Küche, Bad und Katzenfutter und der Mann grummelte wie gewohnt vor sich hin. Ich packte die Taschen für die Kinder und mich, bereitete ein schnelles Frühstück vor und versuchte, nicht die Nerven zu verlieren.

Nach dem Essen wurde die Familie in die vorbereitete Kleidung gewandet, die letzten Sachen in den Taschen verstaut, kurz überlegt, ob wir was vergessen hätten und dann alles ins Auto verfrachtet. Mit nur einer halben Stunde Verspätung startete ich das Auto und hörte nur ein müdes Röcheln.

Großartiges Timing, so wie es sich gehört.

Auch weitere Versuche endeten nur in diesem unschönen Röcheln. Mein erster Gedanke war, dass die Batterie mal wieder den Geist aufgegeben hat. Zum Glück nutzte gerade die einzige mir bekannte Nachbarin das fantastische Frühlingswetter aus und hängte ihre Wäsche auf dem Trockenplatz hinter meinem Parkplatz auf. Ich sprach sie an, ob denn nicht ihr Mann oder der Mann ihrer Schwester zufällig zuhause seien und sie uns fix Starthilfe geben könnte. Wir hatten genug Vorlauf eingeplant, so dass in Panik verfallen noch nicht angezeigt war.

Leider waren beide Hoffnungsträger samt ihrer fahrbaren Untersätze auf Arbeit und ich kam ein wenig ins Schwitzen, was nichts mit der mir auf den Rücken prasselnden Sonne zu tun hatte. Allerdings meinte die Nachbarin, dass es da noch ihren Onkel gebe und der sei bestimmte zuhause. Prompt schickte sie ihre Tochter los und keine zwei Minuten später öffnete sich im Haus gegenüber im ersten Stock ein Fenster und ein Mann steckte seinen Kopf heraus und fragte, was denn los sei. Meine Erklärung wurde mit dem Hinweis quittiert, dass er schon helfen könne, er sich aber noch anziehen müsse und das könnte dauern.

Ich wollte schon abwinken und den ADAC anrufen, als es dann doch ganz schnell ging und besagter Onkel in der Haustür erschien und mich fragte, ob wir denn überhaupt Starthilfekabel hätten.

Immer diese schwierigen Fragen.

Wenn, dann maximal irgendwo im Kofferraum beim Ersatzrad, wo auch der Abschlepphaken und Wagenheber rumlungerten. Also den in bester Tetrismanier gepackten Kofferraum wieder ausgeräumt, beim Ersatzrad geschaut und festgestellt, dass, wenn da mal Kabel vorhanden waren, diese sich in Staub, Dreck und altes Laub verwandelt haben.

Wieder war ich gerade dabei, das Handy zu zücken und den Pannendienst anzurufen, als der Onkel samt Auto um die Ecke bog und freudestrahlend mit Kabeln winkte. Nun könnte man annehmen, dass ich wüsste, wie Starthilfe geht, immerhin brauche ich die mindestens einmal pro Winter, aber offenbar ist dies mein blinder Fleck. Der Onkel tat aber fachmännisch, klippste hier und da die Kabel an, startete sein Auto, dann startete ich meins – und hörte wieder nur das höhnische Röcheln.

Nach einer halben Stunde also doch der ADAC. Angerufen, dem netten Herren am Telefon das Problem geschildert und seinen Hinweis „in 60 Minuten ist jemand bei Ihnen“ als Anlass genommen, ihn zu bitten, ausnahmsweise das Ganze ein wenig dringlicher zu gestalten, da mittlerweile die Zeit doch ein wenig knapp wurde. Ich drängel sonst nie, weil es erstens nichts bringt und zweitens die gelben Engel auch nur ihren Job machen, aber unter diesen Umständen meinte ich, mal eine Ausnahme machen zu können. Der Telefonist zeigte sich verständnisvoll und versprach mir Hilfe innerhalb der nächsten 30 Minuten.
Gefiel mir gut, da wir damit immer noch im Zeitrahmen wären. Wir müssten zwar direkt zum Friedhof fahren und könnten nicht wie geplant vorher bei meinen Eltern vorbei schauen, aber ein wirkliches Problem war das nicht.

Nachdem sich das Gepäck bereits eine Weile sonnen durfte, entluden wir nun auch die Kinder. Der Große durfte im Sandkasten spielen mit dem Hinweis, sich bitte nicht allzu sehr dreckig zu machen, immerhin wollten wir noch zu der Beerdigung. Die Kleene tapste vorsichtig auf der Wiese rum und freute sich ihrer neu gewonnenen Freiheit.

Nach einer Viertelstunde bog ein weiterer Nachbar mit seinem Auto auf den Hof, sah unser offensichtlich havariertes Fahrzeug und bot seine Hilfe an. Er sei Kraftfahrer und hätte Ahnung. Mir war mittlerweile alles recht und ich ließ ihn gewähren. Er interpretierte das ominöse Röcheln als Fehler des Magnetschalters des Anlassers. Da müsste man vermutlich nur mal feste mit einem Hammer drauf hauen und alles würde wieder laufen. Zum Glück ist der Motorraum meines Auto mit vielerlei Plastikabdeckungen versehen, so dass der freie Zugang zum widerspenstigen Anlasser versperrt war.

Ich wurde so langsam nervös, da die angekündigte halbe Stunde seit 10 Minuten vorbei war. Eventuell fand der Engel die Zufahrt nicht, die ein wenig versteckt zwischen einem Blumenladen und einem Bäcker liegt. Ich begab mich also zwecks Einweisung zur Zufahrt und wartete dort. Als aus den 30 Minuten 60 geworden waren, bog endlich das ADAC-Auto ums Eck und ich geleitete es zu unserem Auto.

Der Mechaniker kannte mich bereits, vermutlich hatte ich beim letzten Mal einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Genauso wie der Sand auf den Klamotten meines Jungen, die in der Zwischenzeit und mütterlichen Abwesenheit ein einheitliches Grau angenommen hatten.
Während ich so gut wie möglich das Kindlein vom Staub befreite, klemmte der Autokenner ein Prüfgerät an die Autobatterie und meinte dann, dass mit 11 Watt (? – Frauen und Technik) Restleistung nichts mehr zu reißen wäre. Nachdem nun das Wunderding einmal angeschlossen war, sollte ich den Motor mal starten und siehe, das Kätzchen schnurrte wieder und dem Anlasser blieb die angedrohte Hammerbehandlung erspart.

Der ADACler wollte den Motor ein wenig laufen lassen und die Batterie aufladen, damit ich beim nächsten Motorabwürgen das Auto auch wieder starten kann (pah, als wenn mir das jemals schon passiert wäre [aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte]). Ich verbesserte meine Tetrisfähigkeiten und lud den Kofferraum wieder ein, die Beifahrer wurden auf die entsprechenden Sitze geschnallt und der Retter in Not stellte mir noch einen ich-war-da-und-habe-geholfen-Zettel aus.

Mit noch verbleibenden 55 Minuten bis zum Trauerfeierstart machten wir uns endlich auf den Weg. 75 Minuten später landeten wir am Zielort und bekamen wie durch ein Wunder direkt einen Parkplatz vorm Eingang. Jeder der Großen schnappte sich einen Kleinen und wir ranntengingen so würdig wie möglich zur Trauerhalle, wo wir uns leise hineinschlichen und in die letzte Reihe setzten. Der Trauerredner verlass gerade die letzten Sätze der sehr guten Rede, wie mir anschließend versichert wurde und dann setzte das Schlußlied ein, das es schaffte, uns innerhalb kürzester Zeit in die nötige Stimmung zu versetzen.

Nachdem die letzten Takte verklungen waren, sammelte die Gemeinschaft den Blumenschmuck ein und folgte dem Bestatter samt Urne zum Grab. Meine Oma hatte bei Opas Tod vor 19 Jahren ein 4er Urnengrab ausgesucht, damit sie dereinst neben ihrem Mann bestattet werden kann. Leider hatte es der Steinmetz nicht mehr rechtzeitig geschafft, den Grabstein mit den Lebensdaten der Oma zu versehen. Die Urne wurde im Grab versenkt und der Reihe nach warfen alle Anwesenden eigene Blumen und die vom Bestatter bereit gestellten Blüten ins Grab und verabschiedeten sich.

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Wir waren als letzte dran. Der Große war von der Auswahl an Blüten im Schälchen des Bestatters überfordert, wollte er doch die größte und schönste Blüte für das Grab haben. Außerdem traute er sich nicht, mehr als nur eine Blüte zu nehmen, was ich unglaublich rührend fand. Am Ende schaute er nochmals intensiv auf das Grab und murmelte „Tschüß Uroma“.

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Ursprünglich war geplant, anschließend gemeinsam Kaffee trinken zu gehen, aber die Pläne waren kurzfristig geändert worden und so machten wir uns kurz danach auf den Weg zu meinen Eltern.

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Nachdem wir ordentlich mit Kuchen und heißen Getränken vollgestopft worden waren, wollten meine Eltern noch in die Stadt fahren, die Uroma mit gescheitem Gerstensaft begießen. Die Stammkneipe meiner Eltern eignet sich sehr gut dafür, der Große kann draußen in der Fußgängerzone an den diversen Brunnen rumtoben und die Erwachsenen eine Kleinigkeit essen.

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Wir unterhielten uns über meine Großeltern, mein Papa erzählte, woran er sich noch erinnern konnte, an all die kleinen Schrullen und Angewohnheiten, die bekannten und unbekannten Anekdoten, den schon immer ausgeprägten Gesundheitswahn meiner Oma, an die verzweigte Familie und alte Freunde. Es tat gut, das alles zu hören und meinen Großeltern hätte es mit Sicherheit auch gefallen. Eine gern zum Besten gegebene Geschichte erzählt vom Renteneintritt meines Opa, wo er die gesamte Familie in einer Gaststätte versammelte und sagte, dass niemand nach Hause ginge, bevor nicht seine komplette erste Rente versoffen wäre. Nun ist unsere Familie recht groß, seine Rente war aber noch größer und so wurden nach einer langen Nacht am nächsten Tag alle wieder zum Mittagessen in die Schänke einbestellt 🙂

Pünktlich zum Sonnenuntergang machten wir noch einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt, etwas, dass sich immer wieder und zu jeder Jahreszeit lohnt.

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Am nächsten Tag traf sich die komplette Familie zum Mittagessen, wir tauschten die aktuellsten Neuigkeiten aus, bestaunten die Neuzugänge, bedauerten die Abgänge und genossen ganz generell die Gesellschaft und den ersten echten Frühlingstag dieses Jahres.

Für alle kleineren Enkel und Urenkel hatte meine Tante, die große Tochter der Oma, kleine Geschenke zusammengestellt, damit diese auch etwas hatten, was sie an die Oma/Uroma erinnern sollte. Meine Süße bekam einen großen, superkuschligen Teddy, den sie den ganzen Tag stolz durch die Gegend schleppte ❤

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P.S. An dem Wochenende sind noch viele andere nicht geplante Dinge passiert, aber es scheint, dass mein Tageserzählmaximum bei 1.500 Wörtern liegt.

Neunundneunzig

So alt war meine Omi, als sie letzte Nacht friedlich für immer eingeschlafen ist 😥

Und auch, wenn bei Menschen über Neunzig der Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet kommt, war es bei meiner Oma doch überraschend. Bis zuletzt war sie erstaunlich fit, konnte sich größtenteils selbst versorgen und immer noch gut laufen. Erst vor drei Jahren kam sie ins betreute Wohnen, vorher lebte sie mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienst in ihrer eigenen Wohnung.

Mein Großer hatte von je her eine besondere Beziehung zu ihr. Er hat sie oft besucht, sie hatten ihre kleinen Rituale entwickelt, er durfte immer auf ihrem Rollator mitfahren und er hatte sogar ein paar Spielsachen bei ihr. Aufgrund ihres Alters, und vielleicht war es auch beginnende Demenz, ließ ihr Gedächtnis nach. Menschen, die sie selten besuchte, erkannte sie zwar noch als irgendwie bekannt, konnte sie aber nicht mehr zuordnen oder sich an den Namen erinnern. Ich war schon lange Zeit nur noch die Mama des Großen, mein Papa war ihr nur noch als ihr Sohn bekannt, aber meinen Großen nannte sie immer beim Namen.

Ich weiß noch nicht so richtig, wie ich ihm das beibringen soll, es ist der erste Todesfall in seinem bewussten Leben (seine andere Uroma starb, als er 1,5 Jahre alt war und er hatte sie nur einmal kurz gesehen). Der Tod gehört zum Leben dazu, ich werde das nicht vor ihm verheimlichen.

Am 11. April wäre meine Oma 100 Jahre alt geworden und wir hatten eine große Feier mit allen Familienmitgliedern geplant. Jetzt werden wir sie wohl an diesem Tag beerdigen, sich an ihr Leben erinnern und dieses feiern.

Mach’s gut, Omi!

Das war’s dann?!

Als ich heute meinen WordPress-Jahresrückblick betrachtete, fiel mir auf, dass es zum Ende hin schon rapide abnimmt, was die Veröffentlichung neuer Posts angeht. Es ist nicht so, dass ich nichts mehr zu erzählen hätte oder mich das Bloggen nicht mehr interessiert, ganz im Gegenteil. Der WordPress-Tab ist permanent offen, ich lese alle neuen Beiträge der verfolgten Blogs, hin und wieder kommentiere ich sogar. Und doch gibt es keine neuen Beiträge von mir.

Was vornehmlich daran liegt, dass mir ein wenig die Zeit dazu fehlt und sich zudem in mir immer mehr Angst breit macht.

Obwohl ich stets bemüht bin, mich dem alljährlichen Vorweihnachtsstress zu entziehen, war ich gefühlt permanent auf dem Weihnachtsmarkt oder im Internet unterwegs und habe nach Geschenken gesucht. Große Geschenke fielen dieses Jahr aus bekannten Gründen etwas kleiner aus und mangelnde Kooperation der zu Beschenkenden was Wünsche angeht zwangen mich zu viel mehr Inspiration und Improvisation als die letzten Male. Die Feiertage selbst verbrachten wir bei meinen Eltern. Eine ruhige und entspannte Zeit, entgegen allen Erwartungen 🙂

Kurz vor Weihnachten hatte ich mir in den Kopf gesetzt, einen Harry-Potter-Filmmarathon zu machen und tatsächlich haben wir gestern die beiden letzten Teile geschafft. Zwischendurch war eben Weihnachten, 2x die Haselnüsse und World’s End. Es tat unglaublich gut, mal wieder konzentriert und gemeinsam Filme zu schauen, dass ist im Alltag fast gar nicht mehr drin. Und weil es so gut tat, haben wir uns heute noch den Hobbit im Kino angeguckt. Nacheinander.

Den viel interessanteren Film liefert allerdings derzeit unsere Tochter, die rasant ihre Umgebung erkundet. Seit sie krabbeln kann, gibt es kein Halten, sie jagt Katzen, erkundet sämtliche Ecken, überwindet unsere Kindereckenbarrieren im Wohnzimmer und versucht unaufhörlich, endlich Laufen zu lernen. Das Stehen klappt mittlerweile ganz gut, manchmal sogar für wenige Sekunden freihändig. Dabei kommentiert sie alles, freut sich über jede ihrer Errungenschaften, beklatscht uns oder sich selbst und interagiert generell sehr häufig mit uns. Bei alledem braucht sie aber immer die Rückversicherung der Mama, so dass ich nicht mal für wenige Augenblicke den Raum oder ihren Sichtbereich verlassen darf, da sie sonst sofort zu weinen anfängt. Es macht so unglaublich viel Freude, ihr beim Erforschen zuzuschauen, dass ich manchmal vor Glück platzen könnte.

Womit wir auch schon bei den Ängsten wären. Denn tief in mir drin befürchte ich jede Sekunde, dass dieses Glück wieder vorbei sein könnte. Die letzten zwei oder drei Wochen sind so anders, entspannt, auf angenehme Art ruhig, dass da jeden Moment was passieren MUSS. Es war die letzten Jahre immer so, wenn es uns zu gut ging, dann krachte es kurz darauf.

Ich hab auch schon eine Idee, wo es krachen könnte, denn immerhin steht meiner Süßen Mitte Januar ihre Operation bevor. Es ist kein großer Eingriff, aber die notwendige Vollnarkose macht mir unglaublich Angst, jeden Tag, den der Termin näher kommt, mehr.

Kurz davor habe ich ein Gespräch mit meinem neuen Chef und der ganz großen Chefin auf Arbeit. Vermutlich wird es darum gehen, ab wann ich wieder arbeiten gehe und wie mein Wiedereinstieg aussehen kann. Nix dramatisches, aber führt mir dieser Termin doch sehr deutlich vor Augen, dass meine Zeit zuhause so langsam zu Ende geht. Ich fühle mich hier zuhause sehr wohl, ich habe genügend Aufgaben, um mich den ganzen Tag zu beschäftigen. Ich merke aber auch, dass die letzten Monate nicht spurlos an mir vorüber gegangen sind und habe große Angst, der zusätzlichen Belastung durch die Arbeit nicht gewachsen zu sein. Zumal eben immer noch der unbekannte Faktor des neuen Chefs ist. Sein Vorgänger war der weltbeste Chef, ein echt klasse Typ, aber oft genug stand ich mir mit meiner dämlichen Schüchternheit (dazu liegt noch ein Artikel auf Halde) selbst im Weg, so dass wir zwar gut zusammen gearbeitet haben, aber ich selten ungehemmt im Umgang mit ihm war, was auf die Dauer auch ziemlich belastend ist.

Die Beziehung mit meinem Mann ist auch noch nicht endgültig geklärt. Ich denke zwar, dass wir auf dem Weg der Annäherung sind, doch vermeiden wir beide jegliche Gespräche darüber, beide aus Angst vor unbequemen Wahrheiten und möglichen Konsequenzen. Ich glaube, die Trennung ist mehr oder weniger vom Tisch, aber klare Verhältnisse sehen anders aus. Und diese Ungewissheit zehrt. An den Nerven und den nicht so üppigen Kraftreserven. Ich müsste das Gespräch suchen, aber dann wird aus Ungewissheit und Hoffnung Tatsachen und Realität und davor habe ich auch ordentlich Angst.

Neben all dem verkommen andere Begebenheiten zu reinen Randnotizen. Dass ich drei Wochen lang in mehreren Etappen den Schimmel im Schlafzimmer, der sich hinter den Kleiderschränken auf einer Länge von 4 Metern und bis zu 1,5 Meter hoch an der Außenwand gebildet hat, beseitigt habe. Dass mich mein bester Freund menschlich schwer enttäuscht hat. Dass sich die finanzielle Situation ein wenig entspannt hat, trotz der knapp 1.000 Euro Nebenkostennachzahlung, die wir für die Wohnung für 2013 berappen müssen.
Da war bestimmt noch mehr, aber das hab ich schon wieder vergessen.

Also bleibt derzeit von diesem Jahr neben dem großen Glück der Geburt meiner Tochter jede Menge kleine und großen Dramen, auf die ich im neuen Jahr gerne verzichten kann. Von den vornehmlich traurigen Nachrichten des Weltgeschehens ganz abgesehen.

So bleibt mir nur, auf ein besseres Jahr 2015 zu hoffen und euch allen einen guten Rutsch zu wünschen.

Alles wird gut!

Frohe Festtage

Es ist jedes Jahr dasselbe: Urplötzlich ist wieder Weihnachten!

Ich wünsche allen schöne und besinnliche Festtage, ohne Stress und Streitereien, dafür aber mit Geschenken, über die ihr euch wirklich freuen könnt, eventuell ist sogar der eine oder andere langgehegte und endlich erfüllte Wunsch dabei. Haut ordentlich beim Essen rein, aber nicht zuviel, mit Bauchgrimmen auf der Couch liegen ist auch doof. Schaut euch Drei Haselnüsse für Aschenbrödel an (bspw. heute 20:15 auf einsfestival oder morgen 9:00 auf rbb oder 16:25 auf mdr). Sagt euren Lieben, dass ihr sie gern habt und seid ein weniger nachsichtiger als sonst, wenn durch den Vorweihnachtsstress die Nerven einzelner Familienmitglieder blank liegen, vielleicht sind eine Umarmung und ein herzliches Danke hilfreicher als eine bissige Bemerkung.

Alles wird gut 🙂

Alles auf Anfang

Manchmal, wenn ich einen Film anschaue und dieser dann eine unerwartete Wendung nimmt, denke ich mir, ach komm, hört doch auf, das Leben funktioniert niemals so, ihr wollt doch jetzt nur unnötig die Spannung hoch halten, weil ihr noch 10 Minuten Sendezeit übrig habt. Doof nur, wenn dann das wahreechte Leben dann genau solche billigen Wendungen vollführt.

Setzt sich also mein Mann gestern wieder an den Tisch, genauso wie vor zwei Wochen, knetet dabei seine Hände und schaut recht verzweifelt auf die Tischplatte. Haargenauso wie vor zwei Wochen. Ich spiele also wieder meine Rolle als Stichwortgeber und frage, was denn los ist. Er meint nur, später, wenn die Kinder schlafen. Großartig, darf ich mir also wieder nen Kopp darüber machen, was denn jetzt noch kommen möge, was es denn diesmal für eine Katastrophe sei.

Nachdem dann der Große im Bett ist, setzt sich mein Mann neben mich auf die Couch und sagt mit leiser Stimme, dass das alles doof ist und er doch lieber bei seiner Familie bleiben würde und nicht mehr weggehen will. Ganz großes Kino. Ich hatte mich gerade gedanklich soweit in meinem neuen Leben eingerichtet, dass ich Pläne für eine Post-Marriage-Era geschmiedet habe, hatte mich emotional soweit gelöst bzw. wieder gefangen, um auf eigenen Füßen zu stehen, und jetzt kommt dieser (sorry) Idiot an und will nun doch weiter machen?

Was mach ich denn jetzt?

Soll ich den Typ einfach so zurück nehmen? Oder ihn, so wie er es geplant hatte, vor die Tür setzen?

So auf die Schnelle fiel mir nichts Gescheites ein. Dass unsere Beziehung einige Probleme hat, ist jetzt nichts Neues, denn so ganz aus dem Nichts kommen dann zwei Kurzzeittrennungen auch wieder nicht. (Kurze Anmerkung: ich hatte mich vor 2,5 Jahren für 3 Monate getrennt, aus mehr oder weniger den gleichen Gründen, die er jetzt angab.)

Ich habe gestern folgende Bedingung gestellt. Jeder von uns schreibt bis Weihnachten für sich auf, was seine persönlichen Ziele im Leben sind, was er noch vom Leben erwartet, wo er mal hin möchte und wie er sich das zukünftige familiäre Zusammenleben vorstellt. Dabei ist es völlig egal, wie absurd oder unmöglich diese Wünsche sind, es soll alles aufgeschrieben werden. Zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn der Große Urlaub bei den Großeltern macht, setzen wir uns intensiv zusammen und reden darüber und über alles andere, was uns noch so einfällt.
Bis dahin hat sich hoffentlich jeder soweit sortiert, dass man vernünftig, in Ruhe und ohne verletzte Gefühle darüber reden kann.

Und dann schauen wir mal, wo wir so stehen und ob es eine gemeinsame Zukunft geben kann.

Wenigstens ist jetzt erstmal die Anspannung raus und der Eiertanz hat vorerst aufgehört. Das fand ich mit jedem Tag anstrengender und nerviger und ich hatte ehrlich keine Ahnung, wie lange ich das noch durchgehalten hätte. Und auch das Weihnachten bei meinen Eltern hat seinen Schrecken verloren.

Ich finde es übrigens eine starke Leistung von meinem Mann, zuzugeben, dass er sich geirrt hat, dass er seinen Stolz heruntergeschluckt hat. Ich kenne zu viele Beispiele, wo der Stolz oder das Ego stärker war. Die meisten ehelichen Rosenkriege oder eskalierten Nachbarschaftsstreitereien beginnen so.

Beim Gute-Nacht-Kuss gestern, so flüchtig er auch war, hatte ich so ein leichtes Kribbeln im Bauch. Darauf kann man doch aufbauen, oder?

25 Jahre

Es geht derzeit durch alle Medien und auch ich habe meine Geschichte zum Mauerfall. Wenige Tage vorher war ich 12 geworden, hatte so am Rande etwas von den Ausreisewellen mitbekommen und meine Mama war regelmäßig bei den Montagsdemonstrationen dabei. Da sie aus diversen Gründen nicht sonderlich glücklich mit dem System war, war es für sie selbstverständlich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas dagegen zu unternehmen. Sie dachte wohl auch über Ausreise nach, aber das Risiko war ihr zu hoch.

Im Tal der Ahnungslosen lebend, gab es nur spärliche Informationen, Westfernsehen hatten wir nicht, wir mussten uns darauf verlassen, was hinter der Hand gemunkelt wurde. Durch die Abgeschiedenheit war allerdings meine Schulzeit relativ unproblematisch. Zwar wurde der Westcomic eingezogen, wenn ihn ein Lehrer fand, aber größere Repressalien gab es deswegen nicht. Ich kann mich auch nicht an großartige Agitation erinnern. Vermutlich waren wir (meine Schule oder auch nur meine Klasse) das kleine gallische Dorf.

Doch auch schon zu dieser Zeit zeichnete sich eine kleine dunkle Wolke am Horizont ab. Ich war immer eine gute Schülerin, mir fiel das Lernen leicht und ohne großen Aufwand konnte ich gute Noten erzielen. Das Abitur wäre da an sich die logische Konsequenz gewesen, wären wir nicht eine besonders leistungsstarke Klasse gewesen, in der ein Drittel der Schüler ganz oben mitspielte. Jedoch durften pro Klasse nur ein oder zwei Schüler auf die EOS (Erweiterte Oberschule) wechseln, um dort ihr Abitur zu machen. Jungen konnten den Umweg über die Armee gehen, sich langfristig verpflichten, um dann so studieren zu können. Für mich blieb da allerdings nichts. Ich durfte eine Lehre machen, wenn ich Glück hatte, durfte ich mir wegen der guten Leistungen noch eine halbwegs interessante Richtung aussuchen, wenn ich Pech hatte, musste ich das machen, was gerade gebraucht wurde. So wie meine Mama, die für ihr Leben gerne Köchin geworden wäre, aber Lageristin machen musste. Als Begründung sagte sie mir, sie hätte wegen einer Allergie nicht Köchin werden dürfen, was jedoch ziemlich unwahrscheinlich ist, da sie mir meine tatsächlichen Allergien erst nach langen Jahren geglaubt hat und ich hab sie noch nie mit irgendwelchen Allergieanzeichen oder Ekzemen gesehen.

Im Osten gab es zu jener Zeit noch Samstagsunterricht und der Sonnabend wäre der 11.11. gewesen. Wir planten bei uns in der Klasse etwas zu diesem Anlass, wollten uns anscheuseln und seltsame Sachen anziehen. Ich war vorbereitet, doch sollte es anders kommen.

Meine Eltern hatten irgendwie von der Grenzöffnung erfahren und am 10. November, direkt nach dem Unterricht, setzten mich meine Eltern in unseren Trabbi, packten ein paar Klamotten dazu und dann ging es direkt nach Berlin zu meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter. Wir kamen am frühen Abend an, doch leider waren unsere Verwandten ausgeflogen, vermutlich schauten sie sich, wie so viele andere auch, den Westen an. Wir saßen im Auto und warteten und warteten. Es wurde langsam kalt im Auto, doch wir harrten aus. Sollte auch nur der Hauch einer Chance bestehen, dass die Mauer tatsächlich offen war und dies auch noch die nächsten Tage sein, würde meine Mama nicht eher wieder heimfahren, bis sie sich selbst davon überzeugt hatte.

Irgendwann nach Mitternacht kamen sie dann, Onkel, Tante und die beiden Kinder. Während wir uns im Wohnzimmer aufwärmten, erzählten sie mit glänzenden Augen, was sie alles erlebt und gesehen hatten. Die vielen Menschen, die bunten Lichter, die Stimmung. Wir beschlossen, am nächsten Morgen gemeinsam einen Ausflug in den Westen zu machen. Für mich war das alles unwirklich, das ganze Ausmaß der Ereignisse konnte ich gar nicht erfassen, wie auch. Bis auf die eine oder andere Rüge – ich hatte einmal den Kopf von Erich Honecker in einem Schulbuch mit Bleistift schwarz gemalt, das gab dann einen Eintrag ins Klassenbuch und ich musste das wieder wegradieren – hatte ich nicht zu leiden. Ich war bis auf ein Jahr immer stellvertretende Gruppenratsvorsitzende, der Rat tagte viermal im Jahr, quatschte ein bissl rum und gestaltete eine Wandzeitung zu irgendwas harmlosen wie „Bunter Herbst“ oder verfasste einen Bericht vom letzten Treffen mit der Patenbrigade, an die ich mich heute beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, und das war es auch schon an politischer (Zwangs-)Bildung.

So standen wir also am nächsten Morgen vor einem noch gänzlich geschlossenem Stück Berliner Mauer. In der Zeitung oder im Radio waren die Stellen durchgegeben, an denen an diesem Tag die Mauer zusätzlich zu den bereits bestehenden und hoffnungslos überfüllten Grenzübergängen geöffnet werden sollte. Als geübter DDR-Bürger standen wir geordnet in einer Schlange und warteten. Die Stimmung war seltsam, angespannt und voller Vorfreude. Ich freute mich, meinen Cousin und meine Cousine wiedersehen zu können, wir hatten uns viel zu erzählen.

Irgendwann kam ein Bagger oder Kran oder irgendein anderes technisches Gerät und hob einige Betonteile aus der Mauer, hüben wie drüben, und fertig war der Grenzübergang. Wir liefen auf die andere Seite, wo wir von einer jubelnden Menschenmasse empfangen wurden. Meine Mama weinte, vor Erleichterung und vor Glück, für sie war es die Erfüllung ihrer Träume. Inmitten der Menschen standen drei LKW mit heruntergeklappten Ladeflächen, von denen Menschen Plastebeutel (wow, Plastebeutel, in bunt, sowas hatten wir nicht im Osten) mit Begrüßungsgeschenken – ein Paket Kaffee, ein Bund Bananen, Schokolade, etc. – an die Ossis verteilten. Tengelmann, Plus und Edeka hatten jeweils einen Wagen hingestellt, niemand wollte sich diese Chance der frühzeitigen Neukundenprägung entgehen lassen.

Wir liefen durch die Menschenmassen, nahmen die Beutel in Empfang und dann ging es weiter. Wo wir genau lang gelaufen sind, weiß ich nicht mehr, kann mich erinnern, irgendwann spät abends am Kudamm gewesen zu sein und irgendwann tagsüber holten wir an einer Bank, natürlich wieder mit ausgiebigem Schlangestehen, unser Begrüßungsgeld ab. In einem Supermarkt holten wir uns Getränke in Dosen, was wir bisher nur mal im Urlaub in der CSSR gesehen hatten. Es war eine Dose Miranda und eine Dose SchwippSchwapp für mich, was meine Eltern sich holten, weiß ich nicht mehr. Den ersten Schluck vergesse ich nie, die Kohlensäure prickelte ein wenig unangenehm, der Orangengeschmack war ein wenig zu aufdringlich und ein klitzekleinwenig bitter und ich dachte nur, so also schmeckt der Westen.

Als es schon lange dunkel geworden war, kehrten wir in die Wohnung meines Onkels zurück und tauschten unsere Erfahrungen aus. Wir hatten uns nach der Grenze von Onkel und Tante getrennt, schließlich kannten sie den Kudamm schon, sie wollten sich andere Ecken ansehen. Am Sonntag waren wir nochmal drüben, und abends sind wir wieder nach Hause gefahren, am Montag mussten alle wieder arbeiten und die Kinder in die Schule.

Und seit dem?

1992 wechselte ich nach der 8. Klasse aufs Gymnasium und machte 1996 mein Abitur. Danach studierte ich und machte 2002 mein Diplom. Das Wintersemester 1999/2000 verbrachte ich in Finnland. 2003 nahm ich einen Job im Westen an und pendelte zwischen Ost und West bis 2005, als ich ins Schwabenland zog. 2003 kaufte ich mir mein erstes eigenes Auto, ohne jahrelang darauf warten zu müssen. 2006 kehrte ich in meine Heimat zurück. Unser Freundeskreis besteht aus Ossis und Wessis, Niederländern, Italienern, Rumänen, Russen, Isländern, …

Meine Eltern hatten ein wenig mehr Schwierigkeiten, in dem neuen Land zurecht zu kommen, was hauptsächlich daran lag, dass ihre alten Betriebe geschlossen wurden. Mein Papa ging für einige Jahre als Wochenendpendler ins Saarland, bis er eine Umschulung machte und einige Jahre in dem neuen Beruf arbeite. Als dies gesundheitlich nicht mehr möglich war, machte er eine erneute Umschulung und arbeitet jetzt eben in diesem Beruf.
Meine Mama arbeitete einige Jahre als Vertreterin für Sportartikel im Einzelhandel, bis die Firmenzentrale im Niedersächsischen pleite ging. Dann schulte auch sie um und arbeitet seitdem als Verkäuferin. Meine Eltern reisen viel, einmal im Jahr ans Meer, Ostsee oder Mittelmeer, einmal im Jahr in die Berge, österreichische oder bayerische Alpen.

Für unsere Familie war der Mauerfall eine Chance, die wir, so denke ich, ergriffen und das beste daraus gemacht haben. Darauf bin ich stolz und ich bin ebenso stolz darauf, Teil der Nation zu sein, der die friedliche Revolution gelang. Und ich bin dankbar, unendlich dankbar!