Verhältnismäßigkeit

Es gibt Dinge, die kriege ich nicht auf die Reihe, egal, wie sehr ich mich anstrenge oder versuche, die Perspektive zu wechseln. Dann frage ich mich, ob es mir nur allein so geht oder ob mir die geistigen Kapazitäten fehlen oder ob die Ursache nicht doch auf der Gegenseite liegt.

Immer wieder passiert mir dies bei finanziellen Dingen. Nun ist allgemein bekannt, dass wir nicht auf Rosen gebettet sind, was dieses Thema anbelangt. Wir kommen gut um die Runden, müssen nicht hungern, können uns auch mal die eine oder andere größere Anschaffung leisten und müssen nicht jeden Cent zweimal umdrehen, was ich im Allgemeinen schon als großen Luxus betrachte. Wir kennen allerdings auch die andere Seite, haben öfter mal mit sehr wenig auskommen müssen (ja, ich guck dich an, olles ALG-II) und haben nichts geschenkt bekommen bzw. alles selbst erarbeitet.

Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, jammern aber auch nicht ständig drüber. Dennoch finde ich erstaunlich, wie wenig sensibel manche damit umgehen.

Meine Tante, die Zeit ihres Lebens immer richtig gut gestellt war, alles immer nur vom Feinsten hatte, der es egal ist, ob ein 2-Kilo-Bio-Suppenhuhn 25€ auf dem Wochenmarkt kostet, fragte vor einiger Zeit an, ob wir an einem geplanten großen Familientreffen mit teilnehmen wollen. Ich wollte gerne, meinem Mann war es egal. Wir sagten allerdings auch sofort, dass es vor allem darauf ankäme, was es denn kosten solle. Ja ja, das weiß sie, entgegnete sie und schob nach, dass sie da ganz tolle und preiswerte Angebote vorliegen hätte. Sie würde sich melden, sobald sie vom Rest der Familie die Zusagen hätte.

Mir schwante da schon Böses. Einen Tag später rief sie wieder an, es gäbe da zwei Orte, ganz toll gelegen (am Arsch der Welt) und super preiswert. Das eine Hotel würde für 3 Nächte nur 400€ kosten, das andere sogar nur 380€. Immerhin für uns alle zusammen, aber mir wurde da klar, dass unser beider Vorstellungen, was preiswert ist, meilenweit auseinander liegen. Ich redete mir das schön, immerhin war es all inclusive und bei Getränken kannste auch schon mal dein Eigenheim versaufen. Da es zu Ostern sein sollte und wir wegen einer schon länger geplanten Parallelveranstaltung eh nur 2 Nächte hätten bleiben können, dachte ich, wir würden es trotzdem finanziell hinkriegen. Leider gab es aber nur 3 Nächte im Paket oder gar keine und so sagten wir das Treffen ab.

Meine Tante hat bis heute nicht verstanden, dass 400€ für ein Wochenende für uns sehr viel Geld ist.

Ein anderes Beispiel ist einer meiner Kollegen, mit denen ich neuerdings das Büro teile. Ich berichtete ihm von unseren Plänen, der Kleenen endlich ein eigenes Zimmer einzurichten. Dazu würden wir zu Ikea fahren, dort unter anderem eine Kommode in weiß kaufen und diese dann mit Klebefolie farbig aufpeppen. Alternativfarben bei dieser Kommode sind leider nur Eiche rustikal oder schwarzbraun und beides finde ich für ein Kinderzimmer unpassend, die Kommode aber vom Stil und Preis her recht ordentlich.

Er fragte mich dann, was wir genau suchen und in welcher Preisspanne und ich sagte 79€ für die Kommode plus 2x 9€ für die Klebefolie, also knapp unter 100€. Er empfahl mir ein Möbelhaus in der Nähe (keines dieser Kettendinger) und meinte, die hätten ganz tolle und preiswerte Sachen. Ich schaute mir also die Homepage an und fand tolle Möbel, alle ohne Preise. Sowas macht mich ja schon stutzig. Dann fand ich die Angebotsseite und auch eine Kommode, die in etwa meinen Vorstellungen entsprach. 50% Preisnachlass klangen hübsch, aber wenn der Ausgangspreis 895€ ist, dann ist es am Ende für uns immer noch unerschwinglich.

Entsprechend äußerte ich mich meinem Kollegen gegenüber und der schaute mich verständnislos an. Es ist doch preiswert und immerhin 50% Rabatt, meinte er. Trotzdem zu viel für uns, entgegnete ich, und fragte nach, was er denn denke, wie viel Gehalt ich bekommen würde, immerhin arbeiten wir für die gleiche Firma. Er schaute nur weiter wie ein Auto, ganz offensichtlich konnte er nicht verstehen, warum ich über 400€ für eine einzelne Kommode nicht ebenso als Schnäppchen ansah.

Beim Fußballtraining des Großen habe ich ähnliches beobachtet. Während die Jungs dem Ball hinterherjagen und die Anweisungen des Trainers ignorieren, haben wir Eltern genügend Zeit, uns zu unterhalten. Da kam dann eine Mutti an und meinte, sie müsse nächste Woche einen neuen ergonomischen Ranzen für ihr Kind holen, sie könnte da einen Rabatt bekommen, so dass der Ranzen nur noch 200 statt 230€ kosten würde. (Echt jetzt, ist das Ding vergoldet?) Ich meinte, dass ich unseren Ranzen, der in einer Aktionswoche knapp unter 100€ gekostet hatte, schon fast unverschämt teuer fand. Erzählte die Mutti, sie hätte aber bei einem Vergleichstest gelesen, dass unsere Marke total schlecht sei und nicht halten würde und überhaupt, 200€ sind ja nicht die Welt.

Neben mir, auf der anderen Seite stand eine Mutter, die seit Jahren nur von Hartz-4 lebt, jetzt eine Weiterbildung zur mobilen Altenpflegerin macht, zu der auch der Führerschein gehört. Leider ist sie beim ersten Mal durch die praktische Prüfung gefallen, weil sie so unglaublich nervös war und die jetzt verzweifelt versucht, entweder das Jobcenter zu überreden, die Kosten für die Nachprüfung zu übernehmen oder das Geld aus privaten Mitteln zusammenzukratzen und dafür ihre Familie und Freunde anbetteln muss. Für diese Frau sind 200€ im Moment tatsächlich die Welt, der Unterschied zwischen ein bisschen Wohlstand oder Armut für immer.

Wenn ich in der Fußballgruppe sage, dass ich im Winter jede Woche 12€ für das Training in einer Indoor-Sporthalle ziemlich happig finde, weil wir ja auch noch die Vereinsmitgliedsbeiträge und die Mannschaftskasse als Kosten haben, ernte ich verständnislose Blicke. Es freut mich, dass die anderen Eltern solche Geldsorgen nicht kennen, finde es aber gleichzeitig vermessen, davon auszugehen, dass es allen anderen ebenso geht.

Wie gesagt, vielleicht fehlt auch nur mir die Verhältnismäßigkeit.

Mit spitzem Bleistift

Ende des Jahres ist bei mir immer der finanzielle Notstand angesagt. Aus nicht näher bekannten Gründen sind zum Jahresende die besonders großen Batzen fällig, als da wären Autoversicherung + Steuer, Jahreskarte des ÖPNV und zur Abrundung der Xing-Mitgliedsbeitrag. Weil das insgesamt mit knapp 1.500 € zu Buche schlägt und wir wie üblich keine Chance zum Ansparen haben, bringt mich das in arge Bedrängnis, der ich dieses Jahr nun den Kampf angesagt habe.

Das einfachste war, den Xing-Premium-Account zu kündigen und fortan mit der Basisversion zu leben. Da ich ich mich aktuell nicht im Bewerbungsprozess befinde, bringt mir die kostenpflichtige Variante nichts und mittlerweile habe ich meine Neugierde so gut im Griff, dass ich gut damit leben kann, nicht zu wissen, wer als letztes mein Profil besucht hat.

Das ÖPNV-Ticket war da schon ein wenig komplizierter, da mein eigener Schweinehund ins Spiel kommt. Statt täglich den Bus zur Arbeit zu nehmen, müsste ich aufs Fahrrad umsteigen oder das eigene Auto nehmen, wobei das mangels Parkplätzen nur eine suboptimale Alternative ist. Ich müsste das Auto ziemlich weit weg parken, dann entsprechend weit laufen, wäre dabei Wind und Wetter ausgesetzt und würde wenig bis gar keine Zeit einsparen. Dann doch lieber das Fahrrad, damit bin ich genauso flexibel wie mit dem Auto und es gibt genügend Fahrradabstellplätze direkt vor dem Firmeneingang. Die Sache hat nur zwei Haken: 1. habe ich gar kein Fahrrad und 2. muss ich den ÖPNV-Vertrag kündigen.

Der Vertrag läuft als Jobticket, wird von der Firma finanziell mit 1€ (echt jetzt) subventioniert, was mir allerdings einen Rabatt von 10% verschafft. Der Vertrag aber muss sowohl von der Firma als auch von mir selbst gekündigt werden, bis zum 10. des Vormonats, also mit ca. 6 Wochen Vorlauf. Da der Vertrag am 1.11. automatisch um 1 Jahr verlängert worden wäre, ich das alles aber erst Anfang September ausklamüsert und entschieden hatte, wurde es ein wenig eng bei der Kündigung. Erst mal bei der Hotline angerufen, die meinten, ich sollte mir ein Schreiben von der Personalabteilung geben lassen. Bei der Personalabteilung gewesen, die meinten, ich solle mir das Formular aus dem Service Center holen, welches sie dann gerne unterschreiben und abstempeln würden. In die Stadt zum Service Center gefahren, Formular geben lassen, Formular ausgefüllt, am nächsten Tag von der Personalabteilung abstempeln lassen, am übernächsten Tag wieder in die Stadt gefahren und im Service Center die endlich komplette Kündigung abgegeben, am 10.9. – exakt zum Stichtag. Damit sollte dieser große Posten wegfallen.

Jetzt brauche ich nur noch ein Fahrrad. Die einschlägigen Internetportale haben zwar eine riesige Auswahl, aber spielen auch in für mich unerreichbaren Preisklassen. Meine Eltern haben mir signalisiert, dass sie sich mit 100€ als Geburtstagsgeschenk am Fahrradkauf beteiligen wollen, dennoch ist es zuviel für meinen Geldbeutel. Ich erhielt den Tipp, dass das lokale Fundbüro immer wieder mal gefundene Fahrräder versteigert, aber natürlich sind gerade keine Versteigerungen geplant. Wann wieder eine ansteht, konnte mir auch niemand sagen.
Dann also Ebay Kleinanzeigen. Da gibt es viele Fahrräder, viele auch preiswert, die meisten davon aber auch uralt (>25 Jahre). Ab und zu jedoch ist eine kleine Perle dazwischen, bei der ich mein Glück versuchen werde. Ich werde berichten, wie das ausgeht.

Im Gegenzug werde ich selber einige Teile dort einstellen und hoffen, dass sich Käufer für die bei unserer Entrümpelungsaktion übrig gebliebenen Teile finden. Auch wenn dies bedeutet, mich von der heiß und innig geliebten Babyschale im Giraffendesign trennen zu müssen, aber diese für etwaige Enkel aufheben ist auch doof. Vielleicht kommt ja darüber so viel Geld zusammen, um den Autoversicherungsbatzen abfedern zu können.

Denn da flatterte mir am Wochenende die neue Beitragsrechnung in den elektronischen Briefkasten. Obwohl ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen, ist der Beitragssatz für Haftpflicht und Teilkasko nur um ganze 7€ gesunken. Weil mir das so gar nicht gefiel, warf ich eines der zahlreichen Vergleichsportale an und das spuckte mir für meinen Tarif bei der gleichen Versicherung einen um 100€ niedrigeren Beitragssatz aus. Da mir das spanisch vorkam, rief ich kurzerhand bei meiner Versicherung an und fragte freundlich nach, wie das kommt. Der ebenso freundliche Mitarbeiter bleib mir eine Erklärung schuldig, bot mir aber einen Nachlass von 15% an. Als ich erstaunt fragte, wie das denn geht, meinte er, in dem man die Hotline anruft und freundlich fragt.
Es scheint wohl, dass Versicherungen einen gewissen Spielraum haben, um Kunden nicht zu verlieren. Diesen Spielraum nutze ich jetzt aus und muss statt 650€ nur noch 550€ zahlen. Kein schlechter Deal für 5 Minuten Telefon.

Insgesamt ist damit die finanzielle Last auf irgendwas um die 600€ + Fahrrad gesunken und lässt uns dieses Jahr ein wenig entspannter auf Weihnachten zugehen. Hoffen wir mal, dass da jetzt nichts unvorhergesehenes reingrätscht.

Wie schaffen die anderen das?!

Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer häufiger. Egal, wie viel Mühe ich mir gebe und völlig gleich, auf welche persönlichen Belange ich verzichte, am Ende des Tages sind immer noch zu viele unerledigte Aufgaben übrig.

Ein typischer Wochentag sieht derzeit bei mir so aus:

  • 7:00 Uhr klingelt der Wecker. Dies ist der frühestmögliche Zeitpunkt an dem ich so etwas ähnliches wie ausgeschlafen bin und meiner Umgebung nicht mehr zwangsläufig schade. Experimente mit früheren Aufstehzeiten sind grandios gescheitert, entweder weil ich verschlafen hatte oder den ganzen Tag dauergrummelnd und -motzend herumgelaufen bin.
  • 7:10 Uhr wird das große Kind geweckt. Es ist zum Glück mittlerweile in der Lage, selbstständig aufs Klo zu gehen und sich danach die Klamotten anzuziehen, die ich ihm kurz zuvor rausgelegt habe. Experimente, die Auswahl der Anziehsachen dem Kind zu überlassen, scheitern regelmäßig, da bei -10 Grad die kurzen Hosen und bei +35 Grad der Rollkragenpullover gewählt werden. (Kein Scherz, beides exakt so geschehen.)
  • 7:25 Uhr bin ich hoffentlich mit meiner Morgentoilette fertig und kann mich der Draußenwelt präsentieren. Das Kind übernimmt jetzt das Bad, putzt sich die Zähne und befummelt seine Frisur.
  • 7:30 Uhr schmiere ich die Frühstücksbrote für die Schule, fülle die Wasserflasche auf, überprüfe nochmals den Ranzeninhalt.
  • 7:35 Uhr laufen wir los zur Schule.
  • 7:40 Uhr sind wir wieder daheim, weil die Sporttasche vergessen wurde. Manchmal überspringen wir diesen Punkt, weil uns auf dem Schulweg nicht auffällt, dass der Turnbeutel noch daheim liegt.
  • 7:45 Uhr liefer ich das Kind an der Schule/Straßenecke/auf halbem Weg ab und hetzte zurück zur Bushaltestelle.
  • 8:00 Uhr piepse ich mich auf Arbeit ein. Wenn ich den 48er Bus verpasst habe, kann es auch mal 8:10 Uhr sein, wenn der Bus noch Verspätung hat, 8:15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich schon, ob ich an diesem Tag Minusstunden (oder -minuten) machen werde.
  • 16:35 Uhr piepse ich mich wieder auf Arbeit aus.
  • 16:38 Uhr kommt der Bus. Sagt der Fahrplan. Die Realität packt 3-10 Minuten drauf.
  • 16:57 Uhr hole ich das Kind aus dem Hort ab. Der Große ist typischerweise das letzte Kind, die Hortnerin hat schon die Handtasche über der Schulter, der Hausmeister wischt gerade den letzten Treppenabsatz.
  • 17:10 Uhr gehen wir im Supermarkt um die Ecke kurz einkaufen, weil wir sonst zum Abendbrot nur trocken Brot haben. Oder trocken Wurst, je nachdem, was gerade ausgegangen ist.
  • 17:45 Uhr kommen wir in der Wohnung an. Der Große bettelt, dass er ganz dringend noch eine Runde im Hof spielen will, also lass ich ihn, bis der Papa mit der Kleenen nach Hause kommt.
    In der Zwischenzeit mache ich mir etwas zu trinken und werfe eine Maschine Buntwäsche an.
  • 18:15 Uhr kommt der Rest der Familie nach Hause. Große Freude ob des Wiedersehens.
  • 18:30 Uhr bereiten wir das Abendbrot vor, decken den Tisch, räumen all die leckeren Sachen aus dem Kühlschrank auf den Esstisch. Die Kinder helfen fleißig mit. Die Süße kippt die offene Wurstpackung aus, der Große muss ganz dringend aufs Klo.
  • 18:45 Uhr gibt es Abendbrot. Die Kleene kann sich nicht entscheiden, was sie haben möchte und heult stattdessen lieber rum. Der Große mault, dass ausgerechnet das nicht da ist, worauf er gerade Appetit hat. Bloß gut, dass wir eine Stunde zuvor im Supermarkt waren, wo wir eben dies hätten mitbringen können. Als ich ihn auf diesen Umstand hinweise, heult auch er.
  • 19:15 Uhr ist die Kleene mit dem Abendbrot fertig und schmiert ihre fettverkrusteten Hände am Sofa ab, während ich ins Bad renne, um einen Waschlappen für eben jene Hände zu holen. Der Große hockt vor zwei belegten Scheiben Brot, offensichtlich pappsatt, aber weil er dies nicht zugeben möchte, knabbert er immer wieder an einer der Brotscheiben herum.
  • 19:30 Uhr räumen wir den Abendbrottisch wieder ab. Der Große starrt immer noch seine Brotscheiben an, die Kleene ärgert die Katze, die daraufhin die Krallen ausfährt und sie kratzt. Die Kleene heult.
  • Um 19:45 Uhr breche ich das Abendbrot ab, von den zwei angeknabberten Brotscheiben sind noch 4/5. übrig. Der Große wird zum Zähneputzen und Schlafanzug anziehen weggeschickt. Ich schnappe mir die Kleene und bereite sie aufs Bett vor.
  • 20:00 Uhr sind beide Kinder bettfertig. Es werden ausgiebige Gutenachtwünsche und Küsse verteilt. Dann bringe ich die Süße ins Bett, während mein Mann den Großen in sein Zimmer bringt und ihm noch eine Gutenachtgeschichte vorliest.
  • 20:15 Uhr beginnt quasi unser Feierabend. Ich checke meine Emails, rege mich über irgendwelchen Unsinn tierisch auf. Überfliege kurz Facebook, rege mich über den Unsinn auf, der da gepostet wird. Nebenbei läuft irgendeine Serie. Es ist völlig egal welche, wir kriegen eh nichts vom Plot mit.
  • 21 Uhr checke ich den Ranzen des Großen, überprüfe das Hausaufgabenheft und die Postmappe, finde einen Elternbrief samt Belehrung, die wir unterschrieben vorgestern hätten abgeben müssen und eine Mathehausaufgabe, die bis morgen erledigt werden müsste. Ich wappne mich für den Eintrag der Lehrerin, dass ich das Schreiben – mal wieder – verspätet abgegeben habe und hoffe inständig, dass der Große am Nachmittag im Hort die Hausaufgaben gemacht hat.
  • 21:30 Uhr fällt mir die Wäsche in der Waschmaschine ein. Mir fällt auch ein, dass beide Wäscheständer mit trockener Wäsche voll belegt sind, ich diese aber nicht wegräumen kann, weil ich dann eines oder beide Kinder wecken würde. So verschiebe ich Wäsche abnehmen und aufhängen auf den nächsten Tag.
  • 22 Uhr lese ich die neuen Blogbeiträge bei WordPress oder den interessanten Zeitungsartikel, der mir per Chat geschickt wurde oder klicke mich durch ein Quiz, dass mir wieder mal sagt, ich wäre ein Hufflepuff, obwohl ich im Innersten genau weiß, dass ich ein Gryffindor bin.
  • Um 23 Uhr stelle ich entsetzt fest, dass es bereits 23 Uhr ist und ich doch vor einer halben Stunde ins Bett wollte. Also lese ich fix den Artikel zu Ende, verkneife mir einen weiteren Kommentar in einer spannenden Diskussion und mache mit bettfertig.
  • 23:30 Uhr liege ich erschöpft im Bett und denke daran, dass ich noch Gymnastikübungen für den Rücken machen wollte, damit die Ischiasreizung nicht wieder kommt. Weil ich aber zu müde bin, reicht es nur, um mein Harry Potter Hörbuch anzuwerfen. Da ich mich nur noch an das Kapitel, aber nicht mehr die genaue Stelle erinnern kann, an der ich am Vorabend eingeschlafen bin, höre ich mir zum 5. Mal den selben Satz an.
  • 23:33 Uhr bin ich eingeschlafen.

Leider sind diese Tagesabläufe eher theoretisch. Die letzten Wochen war ich Montags immer mit dem Großen in der Stadt, dringende Einkäufe für die Schule erledigen oder Termine wahrnehmen. Dienstags und Donnerstag holt mein Mann den Großen vom Hort ab, da darf ich länger arbeiten. Je nach Einpiepszeit am Morgen schaffe ich 45-55 Minuten extra. Wenn ich länger als eine Stunde mehr arbeite, wird mir ab der 60. Minute 15 Minuten zusätzlicher Pause abgezogen, so dass ich mindestens 9 Stunden und 16 Minuten arbeiten muss, um überhaupt einen Nutzen zu haben. Wie an anderer Stelle erwähnt, bekomme ich Mehrarbeit erst ab Minute 31 gutgeschrieben, so dass ich, wenn ich nach 8 Stunden und 25 Minuten Nettoarbeitszeit auspiepse 25 Minuten der Firma schenke. Völlig beklopptes System, aber wohl rechtlich in Ordnung.

Mittwochs und Freitags hat der Große Fußballtraining, welches um 16:30 Uhr beginnt. Um mein Kind pünktlich zum Trainingsstart in Fußballmontur auf dem Feld stehen zu haben, muss ich spätestens um 15:35 Uhr von Arbeit los. Wenn dann alles passt, kann ich das Kind um 15:55 Uhr aus dem Hort mitnehmen. Sollte er draußen rumtoben und ich ihn erst suchen müssen, kann es sein, dass wir erst 16:10 Uhr vom Hort wegkommen. Dann nach Hause, umziehen, ins Auto, ab zum Sportplatz. Bei optimalem Verlauf sind wir 16:25 Uhr auf dem Trainingsgelände, bei suboptimalem erst 16:45 Uhr, weswegen ich versuche, einen Bus eher zu erwischen, was aber eben auch 20 Minuten weniger Arbeitszeit bedeutet. Da ich es mit viel Glück auf 1 3/4 Stunden Mehrarbeit pro Woche bringe, aber durch die Trainingszeiten jeweils mindestens eine Stunde einbüße, mache ich im Schnitt eine halbe Stunde pro Woche minus.

Zum Glück hat sich die Frau des Trainers bereit erklärt, den Großen Mittwochs aus dem Hort abzuholen und zusammen mit ihrem Sohn zum Training zu bringen. Wir hatten es erst mit den Eltern eines Klassenkameraden, der in der gleichen Mannschaft trainiert, probiert, aber dort gab es Missverständnisse, weil jene Eltern von einer einmaligen Sache ausgingen, während ich der Meinung bin, klar kommuniziert zu haben, dass dies jeden Mittwoch so wäre. Da ich niemandem zur Last fallen möchte und mich zudem noch der Hort wegen des Aufstands der Mutter in der zweiten Woche angerufen hat, fiel diese Option flach. Glücklicherweise sprang die Trainerfrau ein, da sie wohl eh immer Mittwochs in der Gegend wäre und da könnte sie den Großen problemlos mitnehmen. Das rettet mir ungefähr eine Dreiviertelstunde Arbeitszeit und wenn es gut läuft, stehen am Ende der Woche +20 Minuten auf meinem Arbeitszeitkonto.

Wenn es gut läuft. Und nichts dazwischen kommt. So wie diese Woche, wo wir die Sporttasche mit den Trainingssachen, der direkt neben dem Schulranzen stand, am Morgen vergessen hatten, mitzunehmen. Weil ich nicht wollte, dass mein Kind ohne Schienbeinschoner spielt – der Rest ist mir absolut rille – bin ich eine halbe Stunde eher als geplant los, nach Hause geeilt, die Sporttasche eingesackt und zum Sportplatz gerast. Nur eine Viertelstunde nach Trainingsbeginn war ich da und echt stolz, es so schnell geschafft zu haben, um dann festzustellen, dass das Kindlein neben einem kompletten Trikotsatz richtige Fußballschuhe und Schienbeinschoner geborgt bekommen hat. Die Mama erzählte mir dann, dass sie mittlerweile 4 komplette Trikotsätze hätten und das überhaupt kein Problem wäre.

Ich stellte mir die Frage, wie sie das machen. Unser Kind hat gerade mal den Trikotsatz vom Verein, aber nicht ein einziges irgendeiner Profimannschaft. Wir können uns die 70 oder mehr Euro für ein Shirt schlicht nicht leisten. Und das, obwohl ich 40 Stunden und mein Mann zwischen 30 und 35 Stunden arbeiten geht und wir beide mehrere Euros überm Mindeststundenlohn liegen. Trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht, wie ich hier im Blog oft genug erwähnt habe. Dann höre ich, dass die Trainerfamilie (Mutter, Vater, Kind) ein Haus gebaut hat, ein Sky-Abo besitzt, ein Auto aus deutscher Produktion fährt und zweimal pro Jahr in den Urlaub fliegt. Ich gönne ihnen das, ich bin auch nicht neidisch, nur stelle ich mir eben die Frage, wie sie das schaffen. Und warum wir das nicht hinkriegen.

Aufgrund der sehr knappen Zeit in der Woche müssen wir einen Großteil der Dinge am Wochenende erledigen. Wäsche waschen, Einkaufen, Wohnung putzen. Wenn ich dann erzähle, dass ich den Großen am Wochenende eben nicht auch noch zum Ligaspiel fahren kann, weil da ein halber Tag drauf geht, werd ich seltsam angeschaut. Immerhin wurde mir von einer anderen Mama angeboten, den Großen abzuholen und zum Ligaspiel zu fahren. Damit kann ich leben, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, dass wir das nicht selber hinbekommen. So habe ich aus lauter Verzweiflung zugesagt, am kommenden Wochenende das Kind wieder selber zum Spiel zu begleiten. Bedeutet um 7 Uhr aufstehen am Sonntag, um 8 Uhr auf dem Sportplatz sein, um 9 Uhr startet das Spiel, um 10:30 Uhr ist Spielende, um 11 Uhr kommen wir vom Sportplatz weg, um 11:30 Uhr sind wir pünktlich zur Sendung mit der Maus daheim. Dann ist Mittagsschlaf, wo Lärm machen tabu ist. So komm ich erst gegen 16 Uhr dazu, zusammen mit meinem Mann die Wohnung zu putzen. Um 20 Uhr werde ich das Badezimmer feudeln und mir um 20:30 Uhr mein erkaltetes Abendessen aufwärmen und versuchen, die erste halbe Stunde des Sonntagsfilms aus dem Restprogramm zu eruieren.

Sollte an einem solchen Wochenende noch ein Heimspiel des lokalen Bundesligavereins stattfinden, wird jegliche Planung über den Haufen geworfen. Da gehen inklusive An- und Abreise locker 6 Stunden drauf und erfahrungsgemäß können wir an solchen Tagen sämtliche andere Vorhaben vergessen. Da bin ich doch echt dankbar, dass Heimspiele nur aller zwei Wochen vorkommen und dieser Rhythmus durch Länderspiele zusätzlich unterbrochen wird.

Und als wenn die Wochen nicht schon dicht genug gepackt sind, kommen in den nächsten Monaten weitere Zeitfresser hinzu. Wenn ich die Rehasportmaßnahme von der Krankenkasse genehmigt bekomme (Termin dazu am nächsten Montag um 17:15 Uhr), bin ich im nächsten halben Jahr Dienstags und Donnerstag ab 18 Uhr für 1,5 Stunden damit beschäftigt, meinen Rücken zu stärken. Ich benötige einen Routinezahnarzttermin. Ab Herbst, also quasi heute, muss ich mich wieder um die 2. Folge der Hyposensibilisierung kümmern. Das ist immens wichtig, denn mein allergisches Asthma wird mit jedem Tag schlimmer und aktuell röchel ich in bester Darth Vader Manier vor mich hin, Asthmaspray hin oder her. Die Hyposensibilierung geht nur nachmittags, früh schaff ich es wegen Schulstarttermin und Kernarbeitszeit nicht und ich muss bis spätestens 17 Uhr beim Arzt sein, da ich ja jedes Mal eine halbe Stunde vor Ort warten muss, ob sich eine allergische Reaktion zeigt. Entweder ich lege das auf Dienstag oder Donnerstag, wo ich kinderfrei und so mehr Zeit zur Verfügung habe, damit aber riskiere, beim Rehasport nicht richtig mitmachen zu können, weil der Arm wegen der Injektion zu weh tut, oder ich probiere Montag, muss dafür aber eher von Arbeit los, weil ich den Großen ja noch aus dem Hort abholen muss.

Dann merke ich, dass dieser ganze Terminstress mir sehr aufs Gemüt schläfgt und ich würde gerne meine Sitzungen bei meiner Psychotherapeutin weiter führen. Den spätesten Termin, den sie mir anbieten kann ist 15:30 Uhr. Da sie am anderen Ende der Stadt ihre Praxis hat, müsste ich sogar die Kernarbeitszeit, die bis 15 Uhr geht, verletzen, um den Termin wahrnehmen zu können. Was das mit meinem Arbeitszeitkonto macht, darüber möchte ich nicht mal ansatzweise nachdenken.

Beim letzten Elternabend empfahlen uns die Mathematik- und die Deutschlehrerin, dass wir mit den Kindern üben sollten. Jedes Wochenende ein Diktat, eine Leseübung und eine einseitige Rechenübung. Bei Bedarf gerne mehr. Vor den angekündigten Lernzielkontrollen (früher hieß das Klassenarbeit) müsste der Stoff mit den Kindern wiederholt werden. Dies alles ist nötig, weil die Bewertungsmaßstäbe so extrem hoch angesetzt sind. So gibt es nur bei erreichten 95% eine 1, bis 80% eine 2, bis 65% eine 3, bis 45% eine 4, bis 25% eine 5, darunter 6. Bei einem Diktat oder bei unangekündigten Kurzkontrollen gibt es die 1 nur bei 0 Fehlern.
Nichtüben verschafft uns mehr Luft, verbaut dem Kind aber auch die Chancen, also ist es keine Option. So werden wir dies also auch noch mit ins Wochenende stopfen.

Ja, ich weiß, eine Lösung wäre, verkürzt arbeiten zu gehen. Aber das ist finanziell nicht drin. Ich bin Hauptverdiener, von meinem Konto gehen sämtliche Fixkosten (Miete, Internet, Kindergarten, Hort, Versicherungen, Steuer, Kredit, etc.) ab, so dass am Ende nur um die 300 Euro an frei verfügbarem Geld übrig bleiben. Bei Teilzeit würde dieser Betrag gegen Null gehen, es gäbe keine Urlaube mehr, keine Klamotten für die Kinder, keine Fußballdauerkarten, keine Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke.

Und erneut frage ich mich, wie schaffen andere das? Meine Cousine und ihr Mann haben ein Haus gebaut. Er ist angestellter Handwerker, sie Rettungssanitäterin, beides durchaus ehrenwerte Berufe, aber keine, die den großen Reichtum mit sich bringen. Dennoch haben sie das Haus. Und egal, ob meine Mama meint, dass sie das Grundstück billig bekommen haben und er als Handwerker Hinz und Kunz kennt und die kostengünstig beim Bauen mitgeholfen haben, das Haus wird dennoch mindestens um die 100.000 Euro gekostet haben. Ein Betrag, den wir nie aufbringen könnten bzw. bei dem wir uns über 20 Jahre per Kredit an eine Bank binden würden, was mir völlig widerstrebt. Denn wenn mir mein Lebenslauf eins gelernt hat, dann dass nichts so beständig ist wie die Veränderung. Das Maximum, was wir derzeit verkraften ist der Kredit fürs Auto, welcher genau 2 Jahre lang läuft, genauso lang wie mein befristeter Arbeitsvertrag. Mag mein Chef noch so oft sagen, dass er mich so bald es geht entfristet, ich plane aktuell nicht länger als bis Oktober 2017.

Also kämpfe ich mich durch den Alltag, immer gehetzt von einem Termin zu anderen, die aktuellen Busfahrpläne, mein Arbeitszeitkonto, den nächsten Spieltag und die Arztöffnungszeiten im Hinterkopf.
Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal in Ruhe und mit Genuss einen Spielfilm angeschaut haben. Oder etwas mit unseren Freunden unternommen. Oder ausgeschlafen. Oder jenseits des Urlaubs entspannt.
Das letzte Mal mit meinem Mann intim? Ich würde laut loslachen, wäre ich nicht so erschöpft.

Dann sehe ich auf Facebook ein Foto eines Regenbogensmartieskindergeburtstagskuchen, selbstgebacken und wunderschön und breche in Tränen aus, weil wir es nicht mal hinbekommen, eine Kindergeburtstagsfeier zu organisieren, bei der ein solcher Kuchen den Höhepunkt darstellen könnte …

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Würfelspiele

Es findet ja gerade der 100. Katholikentag statt, bei dessen Eröffnungsfeier ein Einspieler gezeigt wurde, in dem Katholiken kurz erzählten, was sie mit Gott und dem Katholizismus verbindet und warum das so toll ist. Ich empfand das eher als Anti-Werbefilm, da für mich viele Erzählungen so klangen, als müsste Gott aufwändig in den Alltag integriert werden, ohne davon einen wirklichen Nutzen zu haben. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass krampfhaft vermieden werden sollte, Gott und die Religion mit negativen Dingen wie Tod oder Verlusten in Verbindung zu bringen, wo meines Erachtens nach dies aber genau die Hauptpunkte sind, wo Religion stabilisierend und aufbauend wirken kann.

Nun mag diese Einschätzung daran liegen, dass ich Religionen eher skeptisch gegenüber stehe. Ich möchte niemandem seinen Glauben absprechen und die meisten Religionen predigen ähnliche Werte – tu niemandem weh und sei nett zu deinen Mitmenschen und der Umwelt – aber ich kann nach diesen Werten leben, ohne mich einer Glaubensrichtung anschließen zu müssen.

Dennoch habe ich manchmal den Eindruck, dass es eine höhere Macht gibt und der ist manchmal langweilig. Und weil Gott nicht würfelt*, denkt er sich eben andere Spielchen aus und sucht sich geeignete Opfer.

Uns, zum Beispiel.

Gerade ist es mal wieder arg krass bei uns. Da beruhigt sich die kleine Pubertät des Großen gerade und die Trotzphase der Kleenen ebenso, so dass wir eigentlich ein paar ruhigen Momenten entgegen sehen könnten, aber nö, da grätscht der Rest des Lebens rein.

Finanziell ist bei uns der Notstand ausgebrochen. Wir haben uns in keinster Weise von den Mammutausgaben im Herbst und Winter – Autokauf, Jahreskarte ÖPNV, neues Kinderzimmer für den großen – erholt, da kommen die nächsten Batzen auf uns zu.

Fußballdauerkarten, im Vergleich zur Vorsaison dürfen jetzt beide Kinder für ihre Karten zahlen.Ja, wir wussten, dass das jetzt auf uns zukommt und auch die Höhe war uns ungefähr bekannt. Nur hatten wir absolut keine Gelegenheit, irgendwie darauf zu sparen. Die Karten nicht zu kaufen ist auch keine Option, da wir sonst nur noch teurere Karten erwerben könnten und außerdem wollen wir unsere geliebten Stammplätze nur ungern hergeben, zumal diese Plätze in der preiswertesten Kategorie liegen.

Urlaub. Eigentlich nicht drin, aber wir brauchen den so dringend nach den Querelen von vor 1,5-1 Jahr. Ich zähle jetzt schon die Tage und Wochen, bis es los geht, obwohl die Finanzierung noch völlig unklar ist. Zum Glück haben wir Ferienwohnungen, wo wir uns selbst bekochen und verpflegen können, denn ein- oder zweimal pro Tag im Restaurant essen ist definitiv nicht drin. Maximal ne Tüte Pommes. Einmal. Pro Woche. Die Eintrittsgelder machen mir noch ein wenig Sorgen, aber auch da hoffe ich, dass wir noch ein paar niedrigpreisige Attraktionen finden werden.

Jetzt bete ich nur noch, dass nichts Unvorhergesehenes wie defekte Waschmaschinen oder ähnliches dazwischen kommt, denn das würde uns derzeit das Genick brechen.

Auf Arbeit ist es gerade nur bedingt schön, was jedoch nicht an meinen direkten Mitstreitern liegt, sondern daran, dass die Firma von einem externen Investor aufgekauft wurde, der dann wiederrum eine kleinere Konkurrenzfirma dazukaufte und jetzt versucht, diese beiden Firmen unter einen Hut zu bekommen. Das ist mit soviel Unsicherheiten und Umstrukturierungen verbunden, dass jeder versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Daraus resultiert ein Klima des Anschwärzens, Schuld zuschieben und abwälzen, Themen blocken oder unbedingt durchdrücken. Wir als Rechenzentrum stehen irgendwie immer ganz am Ende und kriegen fast immer den Schwarzen Peter zugeschoben, obwohl wir in den allerwenigsten Fällen etwas für die Probleme können, sondern im Gegenteil, permanent dem Rest der Firma den Arsch retten müssen, so dass unsere eigentlichen Aufgaben regelmäßig zu kurz kommen, worüber sich wiederum alle aufregen, denn das Rechenzentrum liefere nie pünktlich seine zugesagten Arbeiten ab. Mittlerweile sind wir soweit, dass wir überlegen, probehalber mal 1 oder 2 Tage nichts zu machen, um dem Rest zu verdeutlichen, was wir alles machen und wie schnell die anderen ohne uns aufgeschmissen wären.

Bei meinem Mann ist es auch stressig, wenn auch ein wenig anders. Dort hat die Firma einen Prestigeauftrag an Land gezogen, der, so er erfolgreich erledigt wird, viele weitere große und lukrative Aufträge nach sich zieht. So ackern dort alle für den Erfolg, es wurde ein Urlaubsstop verhängt und jeder Mitarbeiter wurde zu 48 Wochenstunden Arbeit verdonnert. Das harmoniert ganz wunderbar mit unseren Kinderbetreuungspflichten und so zirkeln mein Mann und ich mit unseren Arbeitszeiten, damit ich auf der einen Seite nicht in die Minusstunden rutsche und mein Mann andererseits nicht das komplette Wochenende im Home Office rackern muss, um die geforderten Stunden zu bringen. Familienleben hat derzeit dadurch Pause und wir haben einen weiteren triftigen Urlaubsgrund mehr.

Weil das an Chaos noch nicht reicht, haben wir quasi als Backup noch die Doppelniere der Süßen. Für die war eigentlich für diese Woche ein OP-Termin angesetzt, aber leider wurde die Kleene 1,5 Wochen vorher krank, so richtig mit Fieber und Ausschlag, so dass die OP kurzfristig um mindestens 4 Wochen verschoben werden musste. Fetzt, wenn mal alles schon auf den Termin ausgerichtet und geplant hat, der Chef auf Arbeit umdisponierte und am Ende alles wieder rückgängig gemacht werden musste. Macht man sich wahnsinnig viele Freunde damit.
Zum Glück fand sich schnell ein neuer OP-Termin, diesmal am 20. Juni und ich bete, dass es dann mit der OP klappt, weil wir sonst erst nach dem Urlaub operieren können und ich wollte da eigentlich schon ohne das Antibiotikum wegfahren.

Als Sahnehäubchen samt Kirsche kam dann am Sonntag die Hiobsbotschaft, dass mein Schwiegervater massive Lungenprobleme bekommen hat, ins Krankenhaus eingeliefert  und dort ins künstliche Koma versetzt wurde. Jeder, der sich an Anna erinnert, wird wissen, dass es mir herzlich egal ist, was mit meinem Schwiegervater passiert, aber dennoch ist er der Vater meines Mannes und für ihn ist das eine enorme Belastung. Da angedeutet wurde, dass die Möglichkeit besteht, dass der Vater nicht mehr aus dem Koma aufwacht, wurde meinem Mann nahe gelegt, ihn doch bitte im Krankenhaus zu besuchen. Nun ist er hin und her gerissen, denn wegen der 48-Stunden-Woche hat er dafür überhaupt keine Zeit, von den Nerven ganz zu schweigen. Aber es ist eben auch der Vater und eventuell ist es die letzte Gelegenheit, ihn noch mal zu sehen. Drüber reden will mein Mann nicht, was soll er auch sagen, ich kenne seine Gemütslage auch so.

An dieser Stelle würde ich der höheren Macht gerne die Würfel wegnehmen, aber wie gesagt, Gott würfelt nicht!

 

* God does not play dice with the universe: He plays an ineffable game of His own devising, which might be compared, from the perspective of any of the other players [i.e. everybody], to being involved in an obscure and complex variant of poker in a pitch-dark room, with blank cards, for infinite stakes, with a Dealer who won’t tell you the rules, and who smiles all the time.
~ Good Omens, Terry Pratchett & Neil Gaiman
(Gott würfelt nicht mit dem Universum: Er spielt ein unbeschreibliches selbst erdachtes Spiel, welches man aus der Perspektive eines jeden der anderen Spieler [z.B. jedermann] damit vergleichen kann, dass man bei einer undurchsichtigen und komplexen Pokervariante mitmacht, bei der man sich in einem stockdunklen Raum befindet, mit unbedruckten Karten und unendlich hohen Einsätzen, mit einem Geber, der dir die Regeln nicht verrät und der die ganze Zeit lächelt.)

© Foto von Flickr/Steve Johnson „Dice“, (CC BY 2.0)