Bitte hört auf!

Hört auf, das Bild des ertrunkenen Kleinkinds zu posten, verpixelt oder unverpixelt – völlig egal. Hört einfach auf.

Jedes Mal, wenn ich dieses Bild sehe, sterbe ich innerlich ein bisschen mehr. Seit der Geburt des Großen vor 6,5 Jahren habe ich unglaubliche Probleme damit, wenn es um tote Kinder geht. Sobald ich irgendwo eine Meldung lese oder im Fernsehen einen Beitrag sehe, in dem Kinder gestorben sind, beutelt es mich, zerreißt es mich, treibt mir unweigerlich die Tränen in die Augen.

Dabei ist es völlig egal, ob ein Vater seine zwei Kinder beim Baden unbeaufsichtigt lässt und diese im Spiel den eingestöpselten Elektrorasierer von Daddy vom Waschbeckenrand ziehen. Oder eine junge Frau und ihr 3 Jahre altes Kind durch einen Geisterfahrer auf der Autobahn ums Leben kommen. Oder ob eine verzweifelte Frau ihr Neugeborenes irgendwo ablegt. Oder ob ein syrisches Kind bei der Flucht vor der türkischen Küste ertrinkt.

Ich kann mir den Schmerz und das Leid auch sehr gut ohne Fotos vorstellen. Ich brauche keine Bilder, um Mitgefühl mit den Angehörigen zu haben. Keines dieser Fotos rüttelt mich auf, ich bin bereits hellwach. Und das nicht erst seit ein paar Wochen, seit der Flüchtlingsstrom so dermaßen anschwillt. Mich hat es schon seit Jahren angekotzt, dass die Bundesregierung das Flüchtlingsproblem ganz brav an Spanien, Italien und Griechenland abgeschoben hat. „Ist deren Problem, dort kommen die Flüchtlinge zuerst an, dort werden die Verfahren abgearbeitet, sollen die sich doch kümmern.“ Als Mare Nostrum eingestellt wurde, weil Italien die Kosten dafür nicht mehr alleine tragen wollte, wäre ich am liebsten zur Bundeskanzlerin gegangen und hätte sie geschüttelt und sie angeschrieen, ob sie denn noch alle Tassen im Schrank habe.

10 Millionen Euro im Monat hat das Programm Italien gekostet. Ungefähr soviel wie ein Tag nichteröffneter Hauptstadtflughafen im Unterhalt kostet. Peanuts!

Vor ein oder zwei Wochen machte auf Facebook die Geschichte eines syrischen Flüchtlings die Runde. Es wurde erzählt, wie das Haus seiner Eltern zerbombt wurde, wie er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern floh, wie seine jüngere Tochter von einem Schlepper ins Meer geworfen wurde.

Die Geschichte ging noch weiter, aber ich konnte sie nicht weiter lesen. Ich konnte es einfach nicht, ich wollte nicht noch mehr Leid erfahren, ich wollte den Mann, seine Frau und seine verbliebene Tochter in meiner Fantasie überleben lassen und ein glückliches friedvolles Leben in Deutschland beginnen lassen.

In dieser Nacht wachte ich schreiend auf, in meinen Träumen war ich die Flüchtlingsfrau, wurde mir das Kind entrissen. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Meine eigene kleine Tochter, die friedlich schlafend neben mir lag, hat mir dabei sehr geholfen.
Diesen Alptraum hatte ich nach dem Lesen eines einfachen Textes, ohne Bilder, ohne krasse Beschreibungen.

Seit ich gestern das erste Mal das Bild des toten Jungen gesehen habe, habe ich Angst einzuschlafen. Wenn ein Text schon solche Reaktionen bei mir auslöst, was macht dann erst ein Bild?
Und immer wieder taucht das Bild in meiner Facebook-Timeline auf. Oder auf Twitter. Oder wenn ich Nachrichten schaue. Und jedes Mal sterbe ich innerlich ein bisschen mehr. Und jedes Mal wächst meine Angst.

Deswegen: Hört auf, dieses Bild zu posten!

Mitfühlende, sorgende Menschen brauchen keine Bilder, um endlich aufzuwachen! Alle anderen sollten sich schämen, dass sie erst ein solches Bild brauchen. Die Menschen sterben nämlich nicht erst seit Anfang des Jahres im Mittelmeer, sondern schon SEHR VIEL LÄNGER!

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