A New Trip down Memory Lane

Der Vorteil von ersten Malen ist, dass man meist nicht genau weiß, was auf einen zukommt.
Der Nachteil von Wiederholungen ist, dass man meist ziemlich genau weiß, was auf einen zukommt.

Nun hatte ich ja das Problem, dass ich von der Geburt des Großen nicht mehr allzu viele Details wusste. Zum einen, weil das mittlerweile 5 Jahre her ist und zum anderen, weil ich in der entscheidenden Phase ziemlich umnebelt von einer schmerzlindernden Morphinspritze war. Hinzu kam noch die generelle Aufregung. Ich nahm mir also für die zweite Geburt vor, so viel wie möglich mitzuschreiben und hier ist er nun, der umfassende Bericht:

8:50 – erste heftige Wehe, die mich die Luft anhalten lässt, 2 Buscopan zum Überprüfen genommen [Buscopan entspannt den Unterleib, so dass Übungswehen weniger, richtige Wehen aber verstärkt werden, wird auch in Kliniken bei Geburten eingesetzt]

9:00 – die nächste Wehe meint es auch ernst, abwarten

9:10 – ok, es scheint ein 10-Minuten-Abstand zu sein

9:17 – da mogelt sich eine Wehe dazwischen

9:25 – ok, das war kein Mogeln, das ist ein neuer Abstand, 7-8 Minuten, Zeit für den Wannen-Check

9:33 – trotz Bewegung und Stehen eine Wehe, das ist neu [sonst sind die Wehen immer weg gegangen], ab in die Wanne

10:30 – wieder aus der Wanne raus, Wehen diesmal geblieben, wenn auch schwächer geworden

10:50 – Frühstück, Wehen sind fast weg

11:30 – Wehen wieder da, und auch wieder knackig, aber unregelmäßiger Rhythmus

11:50 – beim Einräumen des Geschirrspülers reicht es mir, ich kann nicht mehr aufrecht stehen, ich rufe meine Hebamme an, sie will in einer halben Stunde vorbei kommen und nachschauen

12:10 – ich packe die letzten Sachen zusammen und informiere vorsichtshalber den Papa

12:15 – Schleimpfropf geht ab

12:24 – Hebamme klingelt genau dann, als ich eine heftige Wehe habe, ich hoppel so schnell ich kann zur Tür

12:35 – meine Hebamme lauscht nach dem Kind und tastet den Bauch ab, alles gut, danach tastet sie nach dem Muttermund, 2 cm auf, es tut sich definitiv was

12:42 – ich bekomme Wehen-Massageöl, soll den Bauch massieren, danach einen Spaziergang in der Sonne machen, aber nicht zu weit weg und zu lang (muss eh noch zum Briefkasten)

12:45 – Hebamme verabschiedet sich wieder, wir verabreden, in 3 Stunden nochmal miteinander zu sprechen

12:50 – kaum ist die Hebamme weg, kommt die nächste Wehe, während ihres Besuchs war nicht eine

13:10 – ich koch mir Wintertee [Apfel-Zimt-Tee, Zimt ist wehenfördernd], setz mich aufs Sofa und schaue Biathlon, während ich mir den Bauch einreibe, Wirkung fast sofort

13:20 – Wehen aller 2 Minuten, sehr heftig, ziehen gut nach unten

13:45 – ich ruf den Papa an, beorder ihn nach Hause, er will in einer Stunde da sein und er verständigt unseren Freund, das Kind aus dem Kindergarten zu holen

14:00 – ich zieh mich um für den Spaziergang

14:24 – hab dauernd das Gefühl, aufs Klo zu müssen

15:00 – wieder zurück vom Spaziergang

15:10 – Mann kommt nach Hause

15:17 – mein Mann ruft die Hebamme an, wir dürfen ins Geburtshaus kommen

15:35 – Ankunft im Geburtshaus

15:55 – Bett beziehen mit unserer Bettwäsche und es wird nach den Herztönen des Kindes gelauscht

16:24 – Wehen heftiger, mehr nach unten

16:45 – Muttermund bei 5-6 cm

17:08 – vermehrter Pressdrang

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Hier endet mein „Liveticker“ und ich schreib aus der Erinnerung weiter 🙂

12:24 – 15:00 Uhr (ungefähre Zeiten zur besseren Zuordnung zu den Tickermeldungen)
Als meine Hebamme bei mir zu Hause war, meinte sie, dass alles bisher noch in die sogenannte Latenzphase fallen würde und damit auch nicht wirklich zur eigentlichen Geburt gehört. Sie könne auch nicht sagen, wie lange ich schon mit dem etwas geöffneten Muttermund rumlaufen würde und kann deswegen auch keine Aussagen zum weiteren Geburtsverlauf bzw. der weiteren Dauer machen.

Die 2-Minuten-Wehen seit dem Weggang der Hebamme taten zwar schon weh, aber waren für mich noch gut verarbeitbar. Bei meinem Spaziergang hatte ich immer wieder Wehen, aber ich glaube nicht, dass dies einer der zahlreichen Außenstehenden mitbekommen hat. Dooferweise bin ich direkt durch das Einkaufszentrum bei uns nebenan gelaufen, wo sich jede Menge Menschen tummelten und denen wollte ich nun wirklich kein Schauspiel der besonderen Art bieten. Also keine Miene verziehen und einfach weiter laufen.

15:00 – 16:00 Uhr
Als mein Mann dann da war, packten wir noch die letzten Sachen zusammen und ich warf mir kurz vorm Verlassen der Wohnung eine erste Paracetamol ein. Der Taxifahrer bot uns (im Scherz) an, vorm Geburtshaus zu warten, aber ich lehnte das Angebot ab. Im Geburtszimmer tigerte ich ein wenig planlos rum und suchte mir Stellen, an denen sich die Wehen gut aushalten ließen. Zu Hause lehnte ich mich auf meinen Bürostuhl, dessen Lehne die optimale Höhe für mich hatte. Im Geburtshaus probierte ich den Wickeltisch, der eine ähnliche Höhe hatte, aber da nervten mich die Heizdecke auf dem Tisch und der eingeschaltete Heizstrahler darüber, da mir so schon warm genug war.

Das Zimmer selbst war abgedunkelt, alle Vorhänge zugezogen und überall brannten Kerzen und Teelichter. Es war recht heimelig und es schadete auch nicht, dass die Sonne trotz der Vorhänge ins Zimmer schien. Ich lief zwischen den Wehen immer wieder im Zimmer herum, ich wollte mich einfach nicht hinsetzen. Kam eine Wehe, warf ich mich an ein von der Decke hängendes Tragetuch und krallte mich darin fest. Danach lief ich weiter rum. Meine Hebamme animierte mich immer wieder, zwischen den Wehen etwas zu trinken und irgendwann musste das auch wieder raus. Im Geburtszimmer gibt es einen Nassbereich, der mit Vorhängen vom Rest abgetrennt werden kann, aber das war trotzdem nix für mich.

„Ich kann nicht, wenn jemand guckt“, sagte ich und verschwand aufs Klo überm Gang. (Ich bin da echt ein wenig seltsam und hab davon sogar manchmal Alpträume.) Meine Hebamme guckte etwas erstaunt und fragte mich, ob Kind kriegen in ihrer Gegenwart ginge.
Ja klar, damit hab ich kein Problem 😉

16:00 – 16:45 Uhr
Ich lief immer noch rum und ertrug die Wehen im Stehen, merkte aber, wie mir langsam die Kräfte schwanden. Meine Hebamme bot mir einen Peziball an, den ich auch dankbar annahm. Ich wippte also auf dem Ball rum und krallte mich bei einer Wehe wieder ins Tuch. Das Tuch mutierte zu meiner Rettungsleine, die ich nicht mehr los ließ. Ich krallte und biss in das Tuch, lehnte mich dagegen, zog mich daran hoch. Als ich einmal in einer Wehenpause zum Wasserglas griff, merkte ich, dass meine Hand vom Reinkrallen völlig verkrampft war und so heftig zitterte, dass ich kaum das Glas halten konnte.

16:45 – 17:30 Uhr
Sobald ich auf dem Ball saß, wurden die Wehen heftiger. Sie drückten mehr nach unten und ich hatte auch das Gefühl, als müsse ich mitpressen. Dem entgegen stand aber der Befund der Hebamme, dass der Muttermund erst bei 5-6 cm sei, eine Geburt könne frühestens bei 8 cm, besser erst bei 10 cm stattfinden. Sie sah, dass ich teilweise mitpresste und machte sich entsprechende Sorgen. Sie fragte mich, wo ich die Wehen spüre und ob es weh tut, wenn ich mitpresse und es kostete mich extrem viel Kraft, mich bei den nächsten Wehen darauf zu konzentrieren, wo es ziept und drückt. Die Wehen waren mittlerweile richtig heftig und ich hatte tierische Probleme, überhaupt mit denen klar zu kommen. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass es mir zu viel wird, dass meine Nerven überlastet sind und die ganzen Eindrücke mich komplett überfordern. Außerdem waren die Wehenpausen nur noch sehr kurz, oft kamen gleich zwei Wehen hintereinander. Ich fragte, ob es ok ist, wenn ich noch eine Paracetamol nehme. War es, also warf ich mir schnell die zweite Tablette ein.

Ich wechselte irgendwann in dieser Zeit vom Ball auf den Geburtshocker, was ich viel angenehmer fand, da der Hocker von sich aus sicher stand und ich ihn nicht wie den Ball mit den Beinen stabilisieren musste. Bei jeder Wehe versuchte ich, nicht mit aller Macht mitzupressen, immer noch den nicht vollkommen offenen Muttermund im Hinterkopf, aber so richtig gelang mir das nicht. Meine Hebamme versuchte, meine Bemühungen zu bremsen, in dem sie forderte, ich solle wie eine Lokomotive schnaufen. Schoo-schoo-schoo. Super. Jetzt musste ich bei jeder Wehe an Thomas die Lokomotive, Percy und Gordon denken, während ich so vor mich hin schnaufte. Fehlte nur noch der Rauch aus meinen Ohren.

17:30 – 17:50 Uhr
Aber das Schnaufen half tatsächlich, ich konnte den Pressdrang ein wenig zurück halten. Doch auch das war irgendwann vorbei und ich dachte nur noch „fuck this shit, mir reicht’s“ und presste eben mit. Ich merkte, wie sich der Kopf nach unten schob und dabei die letzten Reste aus meiner Blase rausdrückte. Seltsamerweise empfand ich in dieser Phase die Wehen nicht mehr als schmerzhaft, obwohl sie extrem heftig waren.
Bei der nächsten Wehe war der Kopf schon kurz vorm Ausgang.
Noch eine Wehe später und der Kopf wollte endgültig raus. Ich hörte die Hebamme sagen, dass noch das Kinn fehlte und presste weiter und dann war der Kopf da. Jetzt drückten allerdings die Schultern so dermaßen, dass ich einfach weiter presste, Wehe hin oder her. Die Hebamme wollte mich noch bremsen, ich sollte auf die nächste Wehe warten, aber das schaffte ich beim besten Willen nicht mehr.

Ich spürte, wie der Körper aus mir raus rutschte und der ganze große Rest vom Fruchtwasser hinterher. Ich zitterte am ganzen Körper und dann hörte ich mein Mädchen das erste Mal schreien. Während mir die letzten Sonnenstrahlen des Tages direkt ins Gesicht schienen, stand mein Mann auf und holte schnell das vorgewärmte Handtuch vom Wickeltisch. Die Hebamme fragte mich, ob ich das Kind selber aufheben möchte oder ob sie es mir reichen sollte. Da ich immer noch zitterte, traute ich mir nicht zu, sie unfallfrei hoch zu heben und so wickelte die Hebamme das Baby ins Handtuch und legte sie mir in die Arme. Ich schaute noch total ungläubig. War es das jetzt wirklich? Das ist mein Mädchen? Hab ich das gerade alleine geschafft? Mit nur 2 Paracetamol?
Ich glaube, ich habe eine Minute gebraucht, um das wirklich alles zu begreifen, doch dann traf es mich wie ein Schlag.

17:50 – 18:30 Uhr
Ja, das ist mein Mädchen. Ich zitterte immer mehr und fragte, ob ich mich aufs Bett legen könne. Ich wurde also provisorisch auslaufsicher verpackt und schlurfte dann zum Bett, wo ich mich hin legte, das Baby immer noch an meine Brust und auf meinen Bauch gepresst. Höher ging nicht, da die Nabelschnur dafür zu kurz war. Ich kuschelte ausgiebig mit dem Kind, mein Mann machte Fotos, gab mir etwas zu trinken und schaute auch ganz verliebt auf das Kind.
Mit der letzten Wehe hatte es auch die 2. Hebamme zur Geburt geschafft und beide Hebammen besprachen jetzt leise im Hintergrund den Ablauf und füllten erste Formulare aus.

Immer wieder fühlte eine der beiden, ob die Nabelschnur noch pulsierte und so lange sie das tat, ließen sie uns in Ruhe. Irgendwann ging es dann ans Abnabeln und ich durfte die eine Nabelschnurklemme festklemmen. Ich gab mein Bestes, doch ich hatte nur die linke Hand frei und deren Kraft reichte nicht aus, die Klemme richtig zusammen zu drücken, so dass das von der Hebamme erledigt wurde, genauso wie das Durchschneiden der Nabelschnur.

Mein Mann bekam kurz darauf die Kleine auf seinen nackten Oberkörper gelegt, während ich wieder auf dem Geburtshocker Platz nahm und die Plazenta bei einer Nachwehe rauspresste. Leider löste sie sich nicht komplett, sondern hing an einer Ecke fest und meine Kraft reichte nicht mehr, diese Ecke auch noch heraus zu pressen. Die Hebamme meinte, ich könne auch husten, also hustete ich eben. Ich fand die Situation allerdings so absurd, dass ich einen Lachanfall bekam, welcher aber den gleichen Zweck erfüllte. Ich schlurfte wieder ins Bett, während die Hebammen die Plazenta auf Vollständigkeit untersuchten.

18:30 – 19:00 Uhr
Da alles ok war, kamen sie kurz darauf und gratulierten uns zur Geburt. Ich hatte mein Mädchen wieder auf der Brust liegen, während die Hebammen sich jetzt komplett dem Papierkram widmeten. Sie fragten uns nach dem Namen fürs Kind und füllten die Geburtsurkunde aus.
Danach sollte das Kind bei der U1 untersucht und anschließend gewickelt werden und wir stellten fest, dass die Kleine eine erste Ladung Mekonium auf meinem Bauch hinterlassen hat und munter mit ihren Füßen darin rum strampelte.

Also erstmal Kind sauber machen, dann untersuchen, dann anziehen. Die Untersuchung war bis auf eine eventuelle Hüftfehlstellung ohne Befund. Die Babysachen waren im Wärmeschrank, von dem mein Mann nicht wusste, wo er ist und Hebamme 2 war gerade abwesend, also lief Hebamme 1 los, um die Babysachen zu holen. Als sie nach 5 Minuten nicht wieder da war, schickte ich meinen Mann los, um zu schauen, wo die beiden blieben. Das Kind legten wir in der Zwischenzeit wieder ins Bett. Kurze Zeit später tauchten alle samt Babysachen wieder auf, doch da hatte das Kind die nächste Ladung Kindspech ins Bett gepackt. Hurra!
Kind also wieder sauber machen und dann endlich wickeln und anziehen.

19:00 – 20:00 Uhr
Was noch fehlte, war die Schadensbegutachtung an meiner Person, vor der ich wegen den Erfahrungen bei der ersten Geburt tierische Panik hatte. Die Panik legte sich etwas, als die Hebamme aufs Bett krabbelte und sich eine Stirnlampe, wie sie Höhlenforscher gerne nutzen, umband. Eigentlich war mir zum Heulen zumute, aber bei dem Anblick konnte ich einfach nur lachen und lachte, bis mir die Tränen liefen. Bevor sie endgültig abtauchte, bat ich meine Hebamme noch um einen Gefallen: sie solle doch bitte nicht in die Höhle hinein rufen und versuchen, ein Echo zu erzeugen 😀

Sie gab sich unendlich Mühe, mir nicht weh zu tun und erklärte ausführlich alle ihre Handgriffe. Es war trotzdem alles wund und zwiebelte entsprechend, aber bei weitem nicht so arg wie damals. Ich war wieder gerissen, was mich bei der Heftigkeit und dem Tempo der Geburt überhaupt nicht überraschte, aber auch wieder nicht so arg wie beim letzten Mal und die Abschürfungen fehlten völlig. Sie betäubte die Stelle zuerst mit einem herrlich kühlenden Gel und spritzte dann 2x ein Betäubungsmittel. Das Nähen selbst war schmerzfrei, ich stellte mich aber trotzdem an wie eine totale Memme.

Nachdem das auch erledigt war, wollte ich eigentlich nur noch nach Hause. Also packten wir unsere Sachen zusammen, zogen die Betten wieder ab, zogen uns an, packten das Kind in den Kindersitz. Die Hebammen riefen uns ein Taxi und wir unterschrieben noch ein paar Formulare. Wir bekamen das Kinderheft und die Geburtsurkunde ausgehändigt und wir vereinbarten mit der Hebamme, dass sie am nächsten Tag um 12 Uhr bei uns vorbei schaut.

20:00
Nach einer kurzen Taxifahrt waren wir wieder daheim. Der Papa trug sein Mädchen ganz stolz die Treppen hoch und über die Schwelle. Wir telefonierten noch schnell mit unserem Großen, der noch gar nicht richtig verstand, dass er jetzt eine Schwester hat. Abschließend wurden noch die Großeltern informiert, bevor wir uns alle für eine erste gemeinsame Nacht in unser Bett kuschelten.

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Das Zahlenwerk:

Geburtsdatum: 20.03.2014
Uhrzeit: 17:43 Uhr
Gewicht: 3300 g
Kopfumfang: 34 cm
Länge: 50 cm

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Der Name wieder als Rätsel:

Der Rufname ist lateinischen Ursprungs und ist häufiger im spanischen und osteuropäischen Raum vertreten. So heißt etwa die spanischstämmige Schauspielerin, welche die Tonks in den Harry Potter Filmen verkörpert, so, aber auch die Ehefrau von Vitali Klitschko trägt diesen Namen. Zudem gibt es in meinem Zweitlieblingscomputerspiel eine Protagonistin und eine Rüstung, die so heißen.
Der zweite Name wurde in Anlehnung an eine berühmte antike Seherin vergeben, der niemand ihre Prophezeiungen glauben wollte und was letztendlich zum Untergang einer ganzen Zivilisation führte. Als das Internet noch jung und noch nicht alle schönen Nicknames belegt waren, wählte ich den Namen außerdem als mein Webpseudonym.

A Trip down Memory Lane

Ich hatte es schon angedroht, und hier kommt nun der Bericht zur Geburt von meinem Großen. Kann sein, dass alles auch ganz anders war, 5 Jahre und eine Menge Hormone können Erinnerungen ganz erheblich verfälschen 😉

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Freitags dachte ich, dass es losgeht, regelmäßige Wehen aller 8 Minuten. Doch nach 3 Stunden hatten sie sich wieder verflüchtigt und so kam das Baby dann doch nicht am Geburtstag meines Mannes und ich musste mir etwas anderes als Geschenk einfallen lassen 😉

Am Dienstag darauf wurde es aber tatsächlich ernst. Ich war am Abend gegen 23 Uhr ins Bett gegangen und wurde dann gegen 1 Uhr morgens wach, als mein Mann ins Bett kam. Und ich spürte, dass irgendetwas anders war. Ich hatte wieder Wehen, wieder recht regelmäßig aller 8 Minuten. Es tat nicht weh, war nur ein wenig unangenehm. Ich versuchte noch, ein wenig zu schlafen, aber das wollte mir nicht gelingen. Also weckte ich gegen 3 Uhr morgens meinen Mann und teilte ihm mit, dass wohl heute der große Tag sei. Er könne noch in Ruhe wach werden und Kaffee trinken, aber irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft sollten wir uns doch auf ins Krankenhaus machen.

Ich packte in Ruhe die Sachen, maß die Abstände zwischen den Wehen, die weiter aller 7 oder 8 Minuten kamen und allmählich stärker wurden, aber immer noch erträglich waren. Um halb 5 setzten wir uns ins Auto und ich, da mein Mann nie Autofahren gelernt hat, fuhr uns ins 1,5 km entfernte Uniklinikum. Wir meldeten uns auf der Geburtsstation an und kamen in ein kleines Untersuchungszimmer, wo kurze Zeit später eine Hebamme nach mir schaute und meinte, ja, das wären schon Wehen, aber Muttermund erst bei 1-2 Zentimeter, also keine Eile geboten. Ich solle erstmal in dem Zimmer warten, nach dem Schichtwechsel um 6 würde ich dann in einen Kreißsaal kommen. Da es mir soweit gut ging und auch das Fachpersonal der Ansicht war, dass es „echte“ Wehen sind, war ich erstmal beruhigt und wartete geduldig.

Der Schichtwechsel kam und brachte neben unserem eigenen Zimmer leider eine ältere Hebamme, die gut und gerne auch als Feldwebel auf dem Kasernenhof Karriere hätte machen können. Da fehlte jegliches Einfühlungsvermögen und menschliche Wärme, weswegen ich nicht sonderlich böse drum war, dass sie sich nur aller 2 Stunden mal blicken ließ. Mich wunderte es auch nicht, dass zum Mittag der Muttermund immer noch bei nur 1-2 Zentimetern war. Damit sich irgendwas tut, wurden wir spazieren geschickt. Ich fand das doof, weil ich mich nicht in aller Öffentlichkeit schnaufend, watschelnd und manchmal vor Schmerzen leicht gekrümmt präsentieren wollte. Aber das Zimmer ging mir auch langsam aufn Keks. So drehten wir also 1,5 Stunden lang unsere Runden im Klinikgarten und waren kurz vor Schichtwechsel wieder „daheim“. Wehen kamen ein wenig häufiger, die Schmerzen waren aber immer noch erträglich. Ich hatte bislang nur prophylaktisch einen Zugang gelegt und zwei Paracetamol bekommen.

Kurz nach dem Schichtwechsel wurde beschlossen, dass mein Mann, der vor Müdigkeit mittlerweile kaum noch aufrecht stehen konnte, erstmal wieder nach Hause gehen kann, da das hier alles noch ein wenig dauern würde. Auf dem Rückweg könne er doch bitte noch Schokolade mitbringen, denn echte feste Nahrung durfte ich nicht essen, das Abendbrot tags zuvor war meine letzte Mahlzeit gewesen und so langsam hatte ich ein wenig Hunger.

Irgendwann bekam ich auch einen Einlauf, ob nun in dieser oder der Schicht davor weiß ich nicht mehr. Mir war es recht, da so erstens mehr Platz fürs Baby war und so auch die Sauerei bei der Geburt nicht noch vergrößert wurde. Mit dem Schichtwechsel bekam ich auch wieder eine neue Hebamme, auch wieder etwas älter und mit osteuropäischem Akzent, die sich wunderbar um mich kümmerte. Sie erklärte mir die Situation, besprach die nächsten Schritte und erzählte auch, dass auf der Station gerade viele Frauen entbinden würden und es bei einigen wohl zu Komplikationen gekommen ist, weswegen sie nicht permanent bei mir wäre. Sie würde aber die Hebammenschülerin bei mir lassen, was sie dann auch tat. Eben diese Schülerin quälte mich in der Zwischenzeit damit, dass ich mich permanent auf dem Bett von links nach rechts und wieder zurück wälzen musste.

In meinem Pottwalzustand eine echte Tortur und ich ächzte und stöhnte, während ich meinen Bauch ein ums andere Mal auf die andere Seite wuchtete. In diesem Moment war ich heilfroh, den Geburtsvorbereitungskurs gemacht zu haben, denn so wusste ich, dass sich dadurch das Baby ordentlich in den Geburtskanal schrauben kann. Ich teilte auch der Schülerin mit, dass ich sie ohne dieses Wissen wohl auf ewig verfluchen würde. Sie lächelte erleichtert, vermutlich hatten einige Frauen in der Vergangenheit keinen solchen Kurs besucht und genau dies getan. Ich wurschtelte also auf dem Bett rum und wehte fröhlich vor mich hin. In meiner Erinnerung war das alles zwar anstrengend, aber immer noch erträglich.

Im Laufe der ganzen Prozedur fragte ich mal nach PDA, aber da wurde mir gesagt, dass ich damit nicht mehr in die Wanne könne und außerdem mindestens 24 Stunden lang im Krankenhaus bleiben müsse, was ich nicht unbedingt wollte. Also ging es weiter mit Paracetamol und ordentlichem Atmen. Ein wirkliches Zeitgefühl hatte ich bereits nicht mehr, ich war einfach zu sehr beschäftigt, um darauf zu achten. Irgendwann nach 16 Uhr registrierte ich, dass die Hebammenschülerin anfing, Babyklamotten rauszulegen, was ich spannend fand, da die Geburt ja eigentlich noch einige Stunden dauern sollte. Kurz darauf kam die Hebamme rein, untersuchte mich und meinte, dass wir dann doch mal den Papa anrufen sollten. Ich war ein wenig erschrocken, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Muttermund war mittlerweile vollständig auf und an sich konnte es nun richtig losgehen.

Die Anrufversuche blieben lange Zeit erfolglos, was mich nicht wunderte, denn wenn mein Mann einmal schläft, dann aber richtig. Gegen 17 Uhr erreichte sie ihn dann und er machte sich wieder auf den Weg. Ich kämpfte nun mit den richtigen Presswehen und die waren auch recht schmerzhaft. Dagegen bekam ich ein Morphiumderivat in die Pobacke gespritzt. Was für ein krasses Zeug. Ich spürte die Schmerzen zwar immer noch in voller Stärke, aber es war mir scheißegal. Ich kann völlig nachvollziehen, warum jemand davon abhängig werden kann. Ich schwebte wie in Watte gepackt auf meinem Bett, presste aber bei jeder Wehe ganz brav mit. Auch wenn die Schmerzen echt heftig waren, fand ich die Situation selbst viel angenehmer als die vielen Stunden davor. Ich war zwar immer noch hilflos, konnte aber das erste mal wirklich etwas tun, aktiv werden. Und so presste ich mit aller Kraft.

Um 17:30 Uhr hatte es dann mein Mann geschafft und traf wieder im Kreißsaal ein, pünktlich zum Show-Down. 3 Presswehen später war der Kleene da und wir endlich eine richtige Familie.
Blieb noch die Frage, wer die Nabelschnur durchschneidet. Mein Mann hatte vorher schon abgelehnt, da er für solche Situationen nicht geschaffen ist. Wir hatten auch vereinbart, dass er jeder Zeit gehen könne, wenn es ihm zuviel wird, ich würde es ihm nicht übel nehmen. Und dem Personal ist auch geholfen, wenn sie nicht noch einen zusätzlichen Patienten zu versorgen hätten. Ich hatte vorher die Hebamme gebeten, mich nach der Geburt zu fragen, ob ich denn die Nabelschnur durchschneiden wollte, was diese auch tat. Aber als ich so nach unten schaute und mir dort ein blutverschmiertes Ärmchen entgegenwinkte, lehnte auch ich ab. War für mich die richtige Entscheidung, die ich nie bereut habe.

Das Kind wurde also von der Hebamme abgenabelt und mit den Worten „Es ist ein Jun-g-e“ (die herrliche Betonung ist uns allen in Erinnerung geblieben) begrüßt. Der größte Schmodder wurde beseitigt und dann lag das Baby auch schon bei mir auf der Brust. Ich bekam ein Wehenmittel gespritzt, damit die Plazenta möglichst schnell nachkam, was sie auch tat. Unter heftigen Ziehen löste sie sich, was ich als äußerst unangenehm empfand und mich immer noch frage, ob man nicht 5 Minuten länger hätte warten können.
Danach kam der Arzt und begutachtete den angerichteten Schaden, ein Dammriss 2. Grades und ein paar Abschürfungen, die genäht werden mussten. Der Arzt machte sich sogleich daran und diese Prozedur war schlimmer als die gesamten Stunden zuvor. Die Nahtstellen wurden lokal betäubt und waren auch nicht das Problem. Nur wischte der Arzt immer wieder das Gebiet trocken und das fühlte sich an, als wenn er dazu grobes Sandpapier benutzte. Das waren einfach nur schreckliche Schmerzen. Außerdem fiel in dieser Zeit auch die gesamte Anspannung der letzten Stunden, Tage, Monate von mir ab und die musste irgendwie raus und so schrie ich bei jedem Wischer. Ich versuchte auch dem Arzt zu erklären, wie es sich anfühlt, was er da machte, aber das schien ihn nicht zu interessieren, er wischte weiter großzügig und inbrünstig da unten rum und es fühlte sich an, als würde es stundenlang kein Ende nehmen.

Als er dann irgendwann fertig war, konnte ich endlich mein Mamaglück genießen und das Kind richtig betrachten und es zum ersten Mal anlegen, was auch sofort gut klappte. Mein Mann kümmerte sich um die Dokumentation der Geschehnisse. Ich hatte vorher mit ihm vereinbart, dass er, sobald das Kind da ist, er sich nur noch um das Kind kümmern sollte. Wenn irgendwas mit ihm ist, wenn es Komplikationen gibt und es spezielle Versorgung braucht, dann solle er ihm nicht von der Seite weichen und gut auf es aufpassen. Ich würde mich um mich selber kümmern bzw. war ich nicht so wichtig. Außerdem war mir so auch eine große Sorge genommen, wusste ich doch den Kleinen gut versorgt.

Der war in der Zwischenzeit begutachtet und für schick befunden worden, so dass wir erstmal wieder alleine gelassen wurden und uns in der neuen Situation zurecht finden konnten. Aus gut informierten Kreisen weiß ich, dass dies nicht aus Rücksichtnahme auf die Eltern passiert, sondern draußen nur jede Menge Papierkram wartete, der ausgefüllt werden musste. Wir bekamen mitgeteilt, dass wir bis zu 4 Stunden nach der Geburt im Kreißsaal bleiben durften, also da auch keine Eile bestand. Da soweit alles gut gelaufen ist, beschlossen wir, unserem ursprünglichen Plan zu folgen und direkt wieder nach Hause zu fahren. Wir teilten das dem Personal mit, die darauf bestanden, dass das Baby vorher noch vom Kinderarzt gecheckt würde. Die Ärztin war jedoch sehr zufrieden mit ihm und so konnten wir gegen 22:30 Uhr wieder nach Hause fahren.

Wir packten also wieder alles ins Auto, schnallten den Kleenen gut in der Babyschale fest, und da mein Mann in der Zwischenzeit immer noch nicht gelernt hatte, Auto zu fahren, setzte ich mich ans Steuer und 5 Minuten später waren wir tatsächlich daheim. Der stolze Papa trug das Baby über die Schwelle in die Wohnung und dort standen wir, erstmal ratlos, was wir denn nun machen sollten. Ich rief meine Hebamme an, hatte kurz zuvor noch schnell ein schlechtes Gewissen, da es ja doch recht spät war, doch als sie ran ging, hörte ich laute Stimmen und Musik im Hintergrund, und ich erzählte ihr von den Neuigkeiten. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und sie sprach uns Mut zu, dass wir es bis dahin schon packen würden. Es folgte noch ein schneller Anruf bei meinen Eltern und es reichten genau zwei Worte, um die Neuigkeiten zu überbringen: Hallo Opa 🙂

Da für uns alle der Tag sehr anstrengend war, sind wir direkt danach ins Bett, der Kleene hat sich noch schnell eine weitere Mahlzeit geholt und kurze Zeit später waren wir alle eingeschlafen und sind erst 8 Stunden später wieder wach geworden.

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Und hier noch das dazugehörige Zahlenwerk:

Geburtsdatum: 03.03.2009
Uhrzeit: 17:44 Uhr
Gewicht: 3330 g
Kopfumfang: 33 cm
Länge: 49 cm

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Und den Namen gibt es als kleines Rätsel 🙂

Das Kind wurde nach dem Sänger meiner Lieblingsband benannt, welche genauso alt ist wie ich, Baujahr ’77.
Den vollständigen Namen inklusive Zweitnamen haben wir 1:1 von einem Schriftsteller übernommen, der, neben ganz vielen anderen, so wunderbare Werke wie „The Merry Men and Other Tales and Fables“ oder „The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ geschaffen hat.