Ist ja ein Beinbruch!

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und auch ich bilde da keine Ausnahme. In unserem täglichen Chaos haben sich daher gewisse Rituale etabliert. So nehme ich immer den Bus um 7:38 Uhr oder um 7:58 Uhr auf Arbeit, gestern war es der Einrücker um 7:48 Uhr. Bei den zahllosen Besprechungen sitze ich immer auf dem gleichen Platz, gestern allerdings war nur der Platz zwei Stühle weiter rechts noch frei. Von den Kabinen auf der Damentoilette nehme ich immer die rechte, gestern musste ich jedoch auf links ausweichen. Und jede Menge anderer kleiner Abweichungen.

Alles nichts Gravierendes, aber mir fiel es gestern schon auf und da ich überhaupt nicht abergläubisch bin, tat ich es nur als zufällige Merkwürdigkeiten ab, die es eben immer wieder mal gibt. Wäre ich abergläubisch, hätte ich es wohl als Omen gesehen und mich gewappnet für das, was später noch auf uns zukommen sollte.

Nachmittags fuhr ich mit dem Großen wie gewohnt zum Fußballtraining und während der Rabauke sein Ballgeschick verbesserte, nutzte ich den schönen Nachmittag und las in meinem Buch, da mir so gar nicht der Sinn nach den eher inhaltsarmen Gesprächen mit den anderen Fußballmüttern stand. Plötzlich gellte ein markerschütternder Schrei über den Platz, als dessen Ursprung ich umgehend meinen Sohn ausmachte und der mich sofort mein Buch zuklappen ließ. Der Sprößling wälzt sich gerne mal aufm dem Platz rum, sobald ein Spieler ihn nur minimal berührt oder ihm den Ball abgeluchst hat. Wir nennen ihn deshalb manchmal unseren kleinen Italiener 😉
Gestern jedoch blieb er liegen und die Tonlage des Schreis war weit von dem üblichen Mimimi-Gejaule entfernt. Der Trainer trug ihn an den Spielfeldrand, wo ich meine rudimentären medizinischen Kenntnisse ausbuddelte und eine erste Anamnese erstellte.

Es tat an der Innenseite des rechten Unterschenkels weh. Dort war der gegnerische Spieler mit seinem Knie reingerutscht. Ich dachte an eine heftige Prellung und so warteten wir ein paar Minuten. Dann sollte er versuchen, aufzustehen, was aber nicht ging, da die Schmerzen zu heftig waren. Ich entschied, mit ihm ins Krankenkaus zu fahren und es röntgen zu lassen, um einen Bruch oder eine Bänderverletzung auszuschließen. Eine der Mütter meinte, wir sollten doch ins Notfallzentrum fahren, das wäre direkt um die Ecke und nicht so weit wie die Uniklinik. Ok, na gut, hatte ich nicht daran gedacht, können wir machen.

Nach einem kurzen Abstecher nach Hause, wo ich die Kinderkrankenversichertenkarte und die Familienpackung Gummischlangen holte, hielten wir am Notfallzentrum und ich schleppte das mittlerweile 24 Kilo schwere Kindlein zum Eingang, wo mir aber direkt gesagt wurde, dass wir falsch seien, da nur Erwachsene dort behandelt würden. Ich schleppte das Kind zurück zum Auto und fuhr zur Klinik, lautstark fluchend, weil der direkte Weg durch Baustellen versperrt war. Ich fand zum Glück einen Parkplatz in der Nähe des Eingangs, was wirklich keine Selbstverständlichkeit ist. Ich trug das Kind die dennoch gut 200m zur Anmeldung und 5 Minuten später durften wir in die Kindernotfallambulanz. Eine freundliche Schwester nahm uns die eben ausgedruckten Patientenunterlagen ab und wies mich darauf hin, dass um die Ecke Rollstühle standen, von denen wir einen nehmen könnten.

Ich holte einen dieser Rollstühle und setzte das Kind rein, was es total cool fand. Vor wenigen Wochen schauten wir immer wieder mal die Paralympics und der Große wollte seitdem wissen, wie es ist, mit einem Rollstuhl zu fahren und jetzt konnte er es selber ausprobieren. So kurvte er durchs Wartezimmer, bis er die Lust verlor und vor einem großen Aquarium parkte.

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Da wir nicht die einzigen Patienten waren, durften wir ziemlich lange warten. In der Zwischenzeit freundete sich der Große mit einem anderen Jungen an, der beim Lasertag einen heftigen Schlag auf die Nase bekommen hat. Die beiden tauschten ihre ganzen Verletzungen und Unfälle aus. Ich hörte zu und war tatsächlich erstaunt, dass wir 7 Jahre gebraucht hatten, um eine Notaufnahme von innen zu sehen.

Endlich wurden wir aufgerufen und ich rollte das Kind in den Behandlungsraum. Ein freundlicher Arzt ließ sich berichten, was genau passiert ist und seiner skeptischen Mine entnahm ich, dass er ebenso wie ich davon ausging, dass es nur eine ordentliche Prellung, aber keinesfalls etwas ernsthaftes ist. Er untersuchte das Bein ausführlich, streckte und beugte es, drückte hier und da und jedes Mal, wenn er hinten auf die Wade drückte, jaulte das Kindlein auf. Alle anderen Untersuchungen ließ er stoisch über sich ergehen. Weil aber vorn am Schienbein nichts weh tat, dachte ich, dass evtl. das Wadenbein gebrochen ist. Der Arzt blieb bei seiner Meinung, steigerte sie sogar, indem er „wettete“, dass da nichts kaputt sei. Dennoch schickte er uns zum Röntgen, sicher ist sicher.

Ich rollte das Kind zum Röntgen, wo wir zur Abwechslung mal nicht warten mussten. 3 Minuten später kam der Junge aus dem Röntgenraum zurück und die Schwester meinte, sie würde die Aufnahmen fertig machen und direkt zum Rechner des Arztes schicken und wir sollten drauf achten, dass der Große den Fuß auf gar keinen Fall belaste.

Mir schwante übles, da war wohl doch mehr als angenommen kaputt gegangen. Wir meldeten uns wieder zurück und warteten, bis wir erneut zum Arzt vorgelassen wurden. Dieser bestätigte dann meine Vermutung, es war tatsächlich etwas kaputt gegangen, aber nicht das Waden-, sondern das Schienbein. Schöner sauberer Bruch, zum Glück nichts abgesplittert oder verrutscht.

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Die Schmerzen, die beim Drücken auf der Wade entstanden, wurden dadurch verursacht, dass das Wadenbein dann immer auf den Bruch drückte.

Umgehend wurde der Gips vorbereitet und während ich mit dem Arzt noch organisatorisches klärte (Schulbesuch, Weiterversorgung, Lagerung, etc.), kümmerten sich eine Schwester und eine Schwesternschülerin um mein Kind. Als ich dazu kam, lag er auf dem Bauch und ließ sich neugierig jeden Handgriff, der gerade gemacht wurde, erklären. Ich saß daneben und schaute zu, wie eine große Gipsschiene erst angepasst und dann mit Mullbinden ans Bein gebunden wurde. Ich dachte, er würde einen Vollgips bekommen, aber die erste Versorgung sollte mittels Liegegips erfolgen, mit dem der Patient, wie der Name schon sagt, hauptsächlich liegt und das Bein keinesfalls belasten darf.

Wieder daheim angekommen, durfte ihn zur Abwechslung der Papa in den 3. Stock tragen, während ich die Trainingsgruppe und die Großeltern über das Ergebnis informierte. Alle zeigten sich gleichermaßen erschrocken. Die Trainingsgruppe, weil sie damit einen der besten Spieler auf unbestimmte Zeit verlieren. Die Großeltern, weil der Junge die erste Oktoberwoche bei ihnen Urlaub macht und sie schon jede Menge Pläne geschmiedet hatten, die jetzt alle über den Haufen geworden wurden. Während von allen Seiten Genesungswünsche eintrudelten, überlegten wir, wo wir das Kind schlafen legten. Sein Hochbett fiel definitiv aus, dort wird er eine ganze Weile nicht mehr schlafen können.
Kurzerhand verfrachteten wir die Matratze auf den Boden vor den Kleiderschrank, da fiel er nicht so tief, falls er aus dem Bett rollte.

Die Nacht hat er gut überstanden. Der Toilettengang gelingt nach anfänglichen Schwierigkeiten gut, da sich der Patient mit dem steifen Bein nicht wie gewohnt auf die Schüssel setzen kann. Die eigentliche Herausforderung werden aber die nächsten Tage sein. So ein aktives Kind zur Untätigkeit auf der Couch liegend zu verdonnern, kommt schon Folter gleich. Ganz egal, wie lange KIKA läuft oder wie oft es Kekse oder Gummibärchen gibt.

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Am Montag werde ich einen Kinderchirurgen anrufen und mit ihm das weitere Vorgehen abstimmen. Mal schauen, was dieser sagt und wann es einen ordentlichen Gehgips gibt.