Adventskalender: Türchen 11 – Der Kirchgang

Die meisten Feiertage sind gute Gelegenheiten, um Traditionen zu pflegen und zu leben. Gerade Weihnachten ist voll von immer wieder kehrenden Abläufen, ich kenne die Menüfolge aller 3 Feiertage, ich weiß wann es die Geschenke gibt oder wann wir spazieren gehen. Überraschungen sind da eher selten und das ist auch gut so, denn das restliche Jahr hält im Allgemeinen genug Überraschungen für uns bereit.

Eine lange gepflegte Tradition war der Kirchgang am Heiligabend. Die Familien meiner Eltern sind recht umfangreich und geografisch interessant verteilt und so ergab es sich, dass die Schwester meines Opas auf einem kleinen Dorf ein wenig außerhalb meiner Heimatstadt lebte. Diese Schwester, von allen nur Tante Hannel genannt, egal in welchem Verwandschaftsverhältnis man tatsächlich stand, war ein Relikt aus lang vergangener Zeit. Als junge Frau war sie bei einem Gutsherren in der Umgebung angestellt, als Haushälterin und Köchin. Und wie sie kochen konnte. Und backen. Und ihre Anziehsachen lagen exakt ausgerichtet im Schrank und ihr kleines Häuschen war immer blitzeblank, obwohl sie auch schon weit in die 70 war.

In diesem Dorf gab es eine Kirche und als ich etwa 7 oder 8 Jahre alt war, führten wir die Tradition des Kirchgangs ein, obwohl meine Eltern alles andere als religiös sind und nur mein Papa getauft ist. Am Nachmittag des Heiligen Abends fuhren wir zu Tante Hannel aufs Dorf, tranken dort Kaffee und aßen das erste Stück Stollen, natürlich selbstgebacken und köstlich. Danach mummelten wir uns dick ein – in meiner Erinnerung war es an Weihnachten immer bitterlich kalt, wenn auch selten verschneit – und machten uns auf den Fußweg zur Kirche. Wir mussten zeitig da sein, denn der Gottesdienst zu Weihnachten war immer gut besucht. Meist standen wir also eine Stunde vor Beginn an der Kirche und warteten mit vielen anderen auf den Einlass, der ungefähr eine halbe Stunde später war.

In den ersten Jahren war die Kirche noch unbeheizt und trotzdem kurz vorher bereits ein gut besuchter Gottesdienst stattgefunden hatte, war der Innenraum kalt und wir mummelten uns in unsere dicken Jacken. Später wurden Heizkörper unter den Sitzbänken installiert, die einem die Beine versengten, während man oben rum immer noch bibberte.

Wie so oft war die Platzwahl der alles entscheidende Punkt. Die ersten beiden Reihen war für die dörfliche Prominenz reserviert, aber dahinter wurde verbittert um jeden Zentimeter Sitzbank gefeilscht. Einige Sitzplätze befanden sich hinter den dicken Säulen, die das Kirchendach trugen und dort wollte natürlich niemand sitzen, denn jeder wollte einen möglichst unverstellten Blick auf das Krippenspiel haben. Als endlich alle Anwesenden ihr Plätzchen gefunden hatten, läuteten die Glocken und der Posaunenchor setzte ein. Kurze Ansprache, ein Lied, dann folgte das Krippenspiel, inszeniert von den Kindern und Jugendlichen der Dorfkirchgemeinde und immer mit viel Liebe und Enthusiasmus vorgetragen. In einem Jahr wurde eine moderne Version des Krippenspiels aufgeführt, in der die Personen mit Telefon und Terminkalendern herumliefen und den üblichen Alltagsstress thematisierten. Ich fand die Idee nicht so schlecht, aber stand vermutlich recht allein mit der Meinung da, denn in den Folgejahren gab es nur die klassischen Krippenspielaufführungen.

Es folgte die Predigt, je nach Laune des Pfarrers und Verlauf des Jahres besinnlicher oder mahnender, das Vaterunser, Oh du Fröhliche, der Segen des Pfarrers und dann war der Gottesdienst auch schon wieder vorbei. Am Ausgang standen Helfer, die um Spenden baten, welche zur einen Hälfte an Brot für die Welt gingen, zur anderen zum Erhalt der Kirche verwendet wurden.

Vor der Kirche wartete der Posaunenchor und begleitete musikalisch die nach Hause gehenden Menschen. Wir liefen zu Tante Hannels Hof, verabschiedeten uns vor ihr und unseren anderen Verwandten, wünschten allen frohe Weihnachten und fuhren dann endlich nach Hause. Auf der Heimfahrt zählten wir immer, wie viele Weihnachtsmänner uns in anderen Autos begegneten.

Endlich deshalb, weil der nächste Programmpunkt daheim die Bescherung war. Zu Anfang wurde versucht, die Bescherung auf nach dem Abendessen zu verschieben, aber angesichts eines aufgeregten und zappelnden Kindes wurde schnell wieder davon abgesehen.

Diese Tradition pflegten wir lange Jahre, selbst als ich schon ausgezogen war, war der Kirchgang Pflicht. Erst als ich meinen Exfreund kennenlernte, schlief diese Angewohnheit ein. Mittlerweile ist Tante Hannel mit weit über 90 Jahren gestorben und unsere Verbindungen in dieses Dorf sind rar geworden. Doch lange Zeit konnte ich die Frage, wann denn Weihnachten für mich anfange, beantworten mit: Wenn wir am 24. in der Kirche sitzen. Dann war der ganze Vorbereitungsstress vorbei, dass wochenlange Jagen nach Geschenken lag hinter uns, die Gans wartete vorbereitet im Ofen, der Kartoffelsalat war angerührt, die Wohnung war blitzeblank, der Weihnachtsbaum zur Zufriedenheit aller angeputzt und der Kampf um die Sitzplätze war ausgestanden. Dieser Moment, als wir alle gespannt auf die ersten Töne des Posaunenchors warteten, war magisch für mich, weil dann wirklich Ruhe einkehrte. In mich. Und vor allem in meine Familie.

© Foto von Flickr/Eric Wüstenhagen „Marienkirche Lübeck“, (CC BY-SA 2.0)

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