Wenn einer eine Reise tut …

… dann kann er was erzählen, sach ich dir!

Wie bereits öfter erwähnt, wohnen meine Eltern 120km von uns entfernt, wollen aber dennoch ihre Enkel so oft es geht, sehen. Das finde ich grundsätzlich ok, bringt aber ein paar Schwierigkeiten mit sich.

So kann der Große nur noch in den Schulferien, oder wenn mal ein langes Wochenende ansteht und die Schule (oder das Land) passenderweise einen Brückentag einlegt, seine Großeltern besuchen. So geschehen am 1.-Mai-Wochenende. 4 Tage, in denen die Großeltern doch die Enkel bespaßen könnten. Aber bitte nur, wenn ich die Kinder zu ihnen karre; die Rückführung würden sie übernehmen.

Na gut, 4 Tage kinderfrei klangen schon verlockend. Die Fahrt dorthin allerdings nicht. Langes Wochenende, die Heimkehrrichtung Tausender Wochenendpendler, eine supergünstig gelegene Baustelle direkt nach einem Autobahndreieck. Selbst die Automobilclubs warnten vor langen Staus.

Aber hey, kinderfreies Wochenende.
Die Kinder ins Auto gepackt, losgefahren, zweimal einem Beinahe-Crash entkommen, dem Stau ins Auge blickend noch von der Autobahn gefahren und mit nur einer Stunde Verspätung, aber dennoch reichlich geschafft, bei meinen Eltern angekommen. Nach 2 Stunden Regeneration wieder den Heimweg angetreten, entgegen dem Strom, echt relaxed.

Dieses Wochenende sollte das nächste Großelternwochenende stattfinden, diesmal nur mit dem Großen. Kann ich sehr gut verstehen, beide Kinder zusammen sind wie Uran und Plutonium: jedes Element für sich ist harmlos, zusammen erreichen sie eine kritische Masse und Bumm! Totales Chaos.

Nur hatte ich so gar keinen Bock, mir schon wieder diese Strecke anzutun, zumal die Vorzeichen genau gleich, vielleicht sogar ein wenig schlimmer als beim letzten Mal, waren. Immer noch Heimreisependelverkehr, immer noch Baustelle.
Zum Glück fiel mir rechtzeitig zur Verabschiedung ein, meine Eltern zu fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich den Großen in den Flixbus setzen würde, um mir diese olle Fahrerei zu sparen. Sie waren einverstanden und der Große auch.

Kaum zuhause angekommen, schaute ich auf der Flixbus-Webseite nach und es gab sogar noch eine halbwegs passende Verbindung für Kinder, wo der Fahrer auf minderjährige Fahrgäste aufpasst. Schnell meine Eltern angerufen und nachgefragt, ob sie um die angegebene Ankunftszeit den Großen auch abholen könnten.

Um es mit Sender Eriwan zu sagen: im Prinzip ja!
Aber, meine Eltern fanden nicht zu unrecht, dass einem Bus ein ähnliches Schicksal drohte wie einem PKW, also Stau und eine unbekannt lange Verzögerung. Ob es denn nicht besser wäre, den Zug zu nehmen.

Gut, ich also die Seite der Bahn aufgerufen und nach Verbindungen geschaut. Es gab eine ICE-Verbindung, die knapp eine Stunde benötigte, im bevorzugten Zeitfenster ankommen würde und für die es noch Sonderangebote gäbe. Na dann, gesucht, gebucht, mit Sitzplatzreservierung, weil meine Eltern unbedingt darauf bestanden. Mit 18 Euro ungefähr so teuer wie die Benzinkosten für die Fahrt. (Die rückwärtige Leerfahrt fahre ich gerne ein wenig schneller, kann aber dann das gierige Schlürfen des Benzintanks hören.)

Nun meinten meine Eltern nicht zu unrecht, dass ich dem Großen doch für sein Handy eine SIM-Karte holen sollte, nur für den Fall der Fälle, man weiß ja nie, die Züge halten immer so kurz an den Bahnhöfen und ein Stromausfall kann jederzeit passieren. Oder so.
Da mir früher Prepaidkarten förmlich hinterhergeworfen wurden, (ich glaube, ich hab noch 2 oder 3 ungenutzte ca. 8 Jahre alte Prepaidkarten in irgendeiner Schublade rumfliegen) fand ich das nicht den größten Aufwand und versprach, mich darum zu kümmern.

Heute hatte ich im benachbarten Einkaufszentrum zu tun und jenes beherbergt auch einen Handyladen für alle Anbieter. Ich stapfte also hinein und verlangte eine Prepaid-SIM-Karte. Sowas verkaufen sie nicht, bekam ich als Antwort. Ich schaute sparsam und die Verkäuferin erklärte mir, dass Prepaidkarten seit Inkrafttreten des Antiterrorgesetzes nicht mehr einfach so gekauft werden könnten.
Der Kiosk keine 20 Meter weiter würde aber welche verkaufen, und ich müsste mich entsprechend legitimieren, Ausweis oder so.

Nun gut, ich kannte den Kiosk und seine Mitarbeiter als freundlich und hilfsbereit und steuerte dorthin. Da war auch ein Ständer mit Prepaidkarten aller gängigen Mobilfunkanbieter und ich suchte mir eine Karte mit einer einprägsamen Nummer meines Anbieters aus und ging zur Kasse.
Dort erklärte mir der Verkäufer, dass ich die SIM-Karte noch aktivieren müsse. Entweder über Post-Ident mit langwierigem Hin- und Hergeschicke von irgendwelchen Ausweiskopien oder aber Online per Videochat mit meinem Ausweis.

Postweg schied schon mal aus, ich brauchte die aktivierte Karte morgen. Dann also online.
Ich loggte mich bei meinem Provider ein und wollte über mein Konto die SIM-Karte aktivieren. Ging aber nur für postalisch bestellte Karten, nicht für in Hintertupfingen am Kiosk erworbene.
Ich rollte genervt mit den Augen, folgte dann aber den Schritten in der Bedienungsanleitung. Webseite aufgerufen, Karte verifiziert, fehlte nur noch die Aktivierung.
Wieder die Auswahl zwischen Post-Ident auf dem Postweg oder Online per Videochat.

Dazu musste ich nur eine App runterladen, den 12-stelligen Code eingeben, ein Foto meines Persos machen und einem, in gebrochenen Deutsch sprechenden Videoagenten im (wörtlichen Sinne, doofe Dachgeschoßwohung) Schweiße meines Angesichts mein Angesicht und zum Vergleich jenes auf meinem Personalausweis in meine Handycam halten.

Der Agent klickerklackerte meine Daten ins System, bedankte sich für die Nutzung dieses Services und würde die nun verifizierten Daten an meinen Mobilfunkanbieter weiterleiten. In bis zu 24 Stunden würde meine Karte dann aktiviert.

Uff! Das könnte knapp werden.

10 Minuten später checkte ich meine Emails und tatsächlich war da bereits die Prepaidkarte aktiviert. Fand ich gut. Ehrlich!

Ich hab dann die Karte in das Handy des Großen gebastelt, habe alle wichtigen Telefonnummern (Mama, Papa, Oma, Opa, Großeltern Festnetz) eingespeichert, den ganzen anderen Rotz, den SIM-Karten so mitbringen gelöscht, dem Kinde die Benutzung des Telefons erklärt und die Telefonnummer an alle Beteiligten verteilt.

Die Großeltern mussten natürlich sofort anrufen, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich die richtige Nummer übermittelt hatte.
Hatte ich. Überraschung!

Wir besprachen noch letzte Details, nahmen dem Großen etwaige Ängste („ist eh Endstation, dich kehrt das Bordpersonal raus“), verabredeten die Situationen, wo SMS oder Anrufe sinnvoll wären (vornehmlich Verspätungen auf der einen oder anderen Seite [man weiß ja nie, wann der „berühmte“ Personenschaden eintritt]) und das schon alles gut gehen wird.

Ich glaube, wir Großen sind viel aufgeregter als das Kind.
Beispielsweise habe ich sämtliche Szenarien im Kopf durchgespielt und rechne fest damit, zufällig bis zur einzigen Zwischenhaltestelle auf der Strecke mitzufahren, weil ich es nicht geschafft habe, nach Platzierung des Kindes den Zug rechtzeitig zu verlassen.

Wie auch immer, es wird nicht langweilig bei uns.
Wobei ich diese Art Abenteuer all den anderen, eher ungewollten, vorziehe.

Was soll denn da auch schief gehen? 😉

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Vorahnung

Am 30. Oktober feierte mein Opa seinen 98. Geburtstag. Da durch den bundesweiten Feiertag am 31.10. der Montag davor schulfrei war, dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, zu eben jenem Geburtstag in meine Heimatstadt zu fahren und am Ehrentag dabei zu sein. Schließlich ist in dem Alter die Anzahl zukünftiger Geburtstage recht überschaubar.

Ich rief meine Eltern an, ob es ok wäre, wenn ich mit dem Großen vorbeikommen und auch gleich dort übernachten würde. War es nicht. Weil meine Ma Frühschicht hatte und bis 14 Uhr an diesem Tag arbeiten musste. Außerdem war der Tisch in der Gaststätte, in der gefeiert werden sollte, nur für 12 Personen ausgelegt und lag in einer Nische, so dass zusätzliche Personen schlicht keinen Platz daran gehabt hätten. Mein Vorschlag, doch zum Essen selbst an einen Nebentisch zu gehen und zum Quatschen, wo Armfreiheit nicht so wichtig ist, an den großen Tisch zu kommen, fand keinen Anklang.

Ich war einigermaßen sauer, weil ich beides für bloße Ausreden hielt, die meiner Ma zusätzlichen Aufwand vom Halse halten wollte. Ich überlegte, ob ich auf gut Glück fahre, als special guest, aber auf den Stress mit meinen Eltern hatte ich irgendwie auch keine Lust.

Eigentlich wollte ich direkt am Geburtstag meinen Opa anrufen und gratulieren, war aber mit dem Großen in der Stadt unterwegs. Als ich anrufen wollte, war mein Opa bereits in der Gaststätte, so dass ich den Anruf verschieben musste.

So rief ich denn am nächsten Tag an und ließ mir ausführlich von der Feier erzählen. Mein Großer gratulierte ebenfalls, schließlich sind die beiden ganz dicke miteinander und immer, wenn sein Urenkel zu Besuch bei den Großeltern war, musste der Uropa besucht werden, der sich jedes Mal sehr darüber freute.
Außerdem fragte ich, wie es ihm ginge, was mein Opa etwas unverbindlich mit „geht so“ beantwortete. Bei der Verabschiedung meinte ich, dass wir uns bestimmt zu Weihnachten sehen. Dies hat sich in den letzten Jahren zur Tradition entwickelt, dass er für einen Nachmittag zu meinen Eltern kam oder wir zu ihm, je nach Laune und Verfassung.

Leider teilte er meine Vorfreude nicht, sondern meinte, dass er sich gar nicht sicher sei, ob er zu Weihnachten noch da wäre. Ich erwiderte, er solle nicht so etwas sagen, er ist doch noch fit für sein Alter und so lange ist es auch nicht hin. Er sagte erneut, dass er sich nicht sicher sei, dass Leben sei schon sehr beschwerlich und die Einsamkeit machte ihm sehr zu schaffen. Ratlos, was ich dazu sagen sollte, verabschiedete ich mich.

Die nächsten Tage wuchs meine Sorge. Am Telefon hatte mein Opa gemeint, dass er mir zu meinem Geburtstag einen Tag später eine Karte per Einschreiben schicken würde, diese aber wegen des Feiertags wohl ein wenig verspätet ankommt. Ich sagte, dass dies überhaupt kein Problem sei. Bis zum Ende der Woche war keine Geburtstagskarte im Briefkasten. Ich kontaktierte meine Eltern, ob sie denn Neuigkeiten vom Opa hätten, hatten sie aber nicht. Am Dienstag bat ich meine Eltern, beim Opa anzurufen oder vorbeizuschauen, ich hätte so ein ungutes Gefühl, da die Karte immer noch nicht da sei, was äußerst ungewöhnlich war, da mein Opa an sich sehr zuverlässig ist.

Sie riefen mich an, sagten, sie hätten Opa erreicht und die Karte wäre wegen einer falschen Hausnummer zurückgekommen. Sie würde die nächsten Tage erneut, diesmal mit richtiger Hausnummer, losgeschickt. Zudem erzählten sie, dass der Neffe meines Opas jeden zweiten Tag bei ihm vorbeischauen würde und er sofort Bescheid sagte, wenn etwas nicht stimmte.

Ich war erleichtert und beruhigte mich ein wenig. Meine Sorge war nicht unbegründet, gab es in der Vergangenheit doch mehrere Episoden, wo mein Opa versucht hatte, sein Leben zu beenden. So wurde er mehrfach von der Bahnpolizei aufgegriffen, weil er im Gleisbett in der Nähe von Bahnhöfen herumirrte, um sich im passenden Moment vor einen Zug zu werfen. Zum Glück waren die Polizisten immer schneller als der nächste Zug.

Erst als meine Cousine, die als Rettungsassistentin arbeitet und bereits mehrfach menschliche Überreste von Triebwagen und Gleisen kratzen musste, ein Machtwort sprach, hörte er damit auf. Sie meinte, dass wir alle es nicht verhindern könnten, wenn er sich unbedingt etwas antun wolle, aber er solle doch bitteschön darauf achten, keine anderen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen und es gäbe bereits genug Lokführer, die mit einem lebenslangen Trauma klarkommen müssten, weil jemand keine andere Lösung gefunden hatte.

Als wieder einige Tage später immer noch keine Karte im Briefkasten war, wuchs meine Unruhe erneut. Besonders der angesprochene Punkt Einsamkeit beschäftigte mich. Die letzten Jahre waren wahrlich nicht optimal verlaufen. Nicht allzu lange nach dem Tod meiner Oma vor knapp 8 Jahren enthüllte mein Opa ein lange gehütetes Geheimnis. Er habe vor 40 Jahren eine Affäre gehabt, aus der eine uneheliche Tochter entstanden ist. Jetzt würde er die Beziehung zu eben jenem Kind intensivieren wollen.
Seine große Tochter war außer sich. Sie brach für lange Zeit jeglichen Kontakt ab und auch ihr Kinder verringerten ihre Besuche. Sein Sohn war bestürzt, hielt aber den Kontakt so gut es ging aufrecht, was sich in der Vergangenheit eh bereits auf 2-3 Besuche im Jahr beschränkte, da sie ziemlich weit weg wohnten.
Meine Ma nahm die Geschichte gelassen. Sicher war sie gekränkt, dass ihre Mutter betrogen worden war, aber kannte sie das Leben im Allgemeinen doch so gut, dass sie auch diese Wendung mit einiger Gelassenheit hinnahm. Sie war auch die erste aus der Familie, die die Halbschwester begrüßte und ein normales, wenn auch nicht inniges, Verhältnis anstrebte.

Ich bin eh die Allerletzte, die andere Menschen verurteilte und so war es mir von Anfang an gleich. Ich kenne alle Facetten des Lebens und weiß auch, wie schnell es mit so einer Affäre gehen kann. Deswegen hatte ich auch keinerlei Probleme damit, weiterhin engen Kontakt mit meinem Opa zu halten. Schließlich gab es viele gute Erinnerungen, an gemeinsam verbrachte Ferien, Feiertage, Urlaube, Wanderungen und Ausflüge. Meine Großeltern, beide, konnten wundervoll kochen. Sie waren beide Naturfreunde, brachten mir die Grundzüge des Kletterns bei (nicht auf den Knien), zeigten mir die Schönheiten der Natur und waren ganz generell viel weniger streng als meine Ma.

Heute nun kam der Anruf meines Papas, den ich so lange befürchtet hatte. Mein Opa habe sich in der letzten Nacht das Leben genommen, indem er sich von einer Brücke stürzte. Meine erste Frage war, ob dabei andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wurden sie nicht.
Ich konnte nicht lange mit meinem Pa reden, da ich den Großen von einer Geburtstagsparty abholen musste. Auf dem Weg dahin fragte ich mich immer und immer wieder, ob ich hätte mehr tun müssen. Ich war traurig, dass ich nicht meinem Impuls gefolgt bin, ihn zu seinem Geburtstag zu besuchen. Und ich war wütend. Ich wollte meinen Opa anschreien, was er doch für ein Idiot sei. Aber gleichzeitig hatte ich tiefes Verständnis für ihn. Doch auch dies konnte nicht verhindern, dass ich einen totalen Heulkrampf im Auto hatte. Ich war selber überrascht, dass mich sein Tod so sehr mitnimmt. Mit 98 Jahren sollte ein Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet sein. Aber dieser ist es!

Am Abend telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie waren ebenso wenig überrascht wie ich, vielleicht hatten sie sogar schon eher geahnt, dass dies kommen würde. Meine Ma erzählte, dass mein Opa, der Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Autofahrer war, in letzter Zeit einige leichtsinnige Unfälle gebaut habe und sein Führerschein vermutlich in naher Zukunft eingezogen worden wäre. Er hatte bereits vorher angekündigt, dass wenn dies passieren würde, er sich da Leben nähme.

Nun war es anscheinend soweit 😥

Auszeit

Ich habe mir tatsächlich die letzten Tage eine Auszeit gegönnt. Nicht nur vom Bloggen, sondern auch von meinem Alltag. Anlass war, dass eine alte Freundin, die ich länger kenne, als ich freiwillig zugeben würde, vor 3 Wochen in einer dramatischen Aktion ein Kind bekommen hat.

Diese Freundin, nennen wir sie Franzi, wurde mit mir zusammen eingeschult und wir gingen dann 8 Jahre lang in eine Klasse. Wir verstanden uns von jeher gut, waren aber nie beste Freundinnen, was hauptsächlich daran lag, dass ich für ein solches Verhältnis nicht geschaffen bin oder da vermutlich völlig verquere Vorstellungen habe.

Als Kind nimmt man für gewöhnlich die Dinge einfach so hin, wie sie sind und so dachte ich mir auch nichts dabei, als ich sie zuhause besuchte und Franzis familiäre Verhältnisse direkt erlebte. Es roch seltsam und ihre Eltern benahmen sich anders als meine, aber das hatte ich bei anderen Klassenkameraden auch schon erlebt und ich dachte, dass das eben nur eine weitere Facette von Familienleben ist. Allerdings eine, die mir nicht so gut gefiel und so trafen wir uns meistens außerhalb Franzis Wohnung.

Nachdem ich nach der 8. Klasse aufs Gymnasium gewechselt bin und sie weiter auf der Mittelschule blieb und ihren Realschulabschluß machte, verloren wir uns aus den Augen, obwohl wir immer noch im selben „Dorf“ wohnten. Wir sahen uns nur noch einmal wieder, zum Klassentreffen vor 10 Jahren. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass sie von einer bewegten Vergangenheit erzählt hatte, von Brüchen im Lebenslauf, aber auch, dass sie zu diesem Zeitpunkt hart daran arbeitete, wieder auf die Füße zu kommen.

Ich selber war mehr als genug mit meinem Leben beschäftigt und so blieb es bei dieser kurzen Begegnung. Bis ich vor einiger Zeit einen Suchlauf bei Facebook startete. Ich suche dort regelmäßig nach alten Bekannten, da ich selbst nur unter Pseudonym auftrete und nur von Insidern gefunden werden kann. (Eine kurze Google-Suche bestätigt meine Strategie, mein echter Name wird genau 2 mal gefunden, die Fundstellen lassen aber nur wenige weitere Schlüsse zu.) So spüre ich immer wieder mal Klassenkameraden oder Studienkollegen auf, so eben auch Franzi.

Wir stellten einen losen Kontakt her, wollten uns irgendwann mal treffen, ohne dies aber zu konkretisieren. Zum Jahreswechsel postete sie eine Meldung, die darauf hinwies, dass sie schwanger ist. Neugierig wie ich bin, fragte ich nach dem Termin und sie meinte, am 12. Januar wäre der errechnete Termin. Ui, dass es schon so bald sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Sie war entsprechend aufgeregt und unsicher, da ihr jegliche familiäre Unterstützung fehlte.

Franzis Mutter war bei der Geburt ihres Bruders zusammen mit ihm gestorben, der Vater ist unbekannt. So kam sie mit 3 Jahren zur jüngeren Schwester ihrer Mutter, welche die Vormundschaft für sie übernahm. Mehr als die nötigste Pflege war jedoch nicht drin, von Liebe oder Geborgenheit ganz zu schweigen und nur der großzügige Scheck für die Pflegeeltern verhinderte, dass Franzi ins Heim abgeschoben wurde. Ihre Tante, die größere Schwester ihrer Mutter, kümmerte sich ab und zu in den Ferien um sie, aber viel Zuwendung erfuhr sie dort auch nicht, da, so vermutet Franzi, der Mann der Tante wohl ihr Vater sei und eine mehr oder weniger länger dauernde Affäre mit ihrer Mutter hatte, was wiederum die Tante nicht sonderlich lustig fand und das daraus resultierende Kind sie immer wieder schmerzlich daran erinnerte.

Sobald Franzi alt genug war, kehrte sie dieser Familie den Rücken und kümmerte sich fortan um sich selbst. Im Laufe der Jahre erfuhr sie immer mehr Details und jedes kleine Puzzlestück entfremdete sie mehr von ihrer Familie und vor einigen Jahren war das Maß voll und sie brach den Kontakt komplett ab. Nach Franzis Aussage besteht der Großteil ihres Freundeskreis aus jungen, schwulen Männern, so dass es auch von dieser Seite her schwer wird mit hilfreichen Tipps für eine frischgebackene Mutter. Umso dankbarer war sie, als ich meine Hilfe anbot und ihr per Chat immer wieder den Rücken stärkte und ihr sagte, dass sie das alles gut macht und eine Mama auch mal verzweifeln dürfe.

Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die virtuelle Hilfe nicht ganz ausreicht, vor allem nach der kräftezehrenden Geburt, und so bot ich ihr an, für ein paar Tage bei ihr zu wohnen. Die Geburt war echt nichts für schwache Nerven. 9 Tage nach dem errechneten Termin ging sie ins Krankenhaus, wo sie da behalten und die Geburt eingeleitet wurde. Sie quälte sich 4 Tage lang durch unregelmäßige Wehen, Untersuchungen, CTGs und wechselndes Krankenhauspersonal, bis das ganze Theater mitten in der Nacht mit einem Notkaiserschnitt beendet wurde. Keine Sekunde zu früh, denn der kleine Kerl war völlig entkräftigt, ebenso wie seine Mama. Durch die Not-OP war der Schnitt, meiner laienhaften Meinung nach, besonders groß und auch die Naht sah eher nach Metzger aus. Entsprechend große Probleme hatte Franzi mit der Narbe, die ständig zwackte und ziepte und generell irgendwie immer im Weg war.

Wir vereinbarten also, dass ich für 3 Tage bei ihr bin, bevor ich für ein paar weitere Tage bei meinen Eltern bin. So war es für mich nur eine Fahrt und quasi 2 Fliegen mit einer Klappe.
Nur hatten wir zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen von unserem Zusammenleben. Franzi ging von einem verspäteten Schullandheimausflug aus, wo wir Mädels es uns gemütlich machten und über alte Zeiten quatschen, während ich mehr so an große Schwester und tatkräftige Hilfe dachte. Sie hatte auch die Energie und den Bewegungsdrang eines 11 Monate alten Babies völlig unterschätzt und war leicht angesäuert, als meine Süße ihren Süßen am ersten Nachmittag mit ihren Gebrabbel und Gekrabbel in seiner Ruhe störte, was dieser mit ausgiebiger Quengelei quittierte. Erschwert wurde die ganze Situation dadurch, dass sich Franzi seit der Rückkehr aus dem Krankenhaus jeglichen Fernseh- oder Radiokonsum versagte, damit ihr Prinz (O-Ton) ja nicht durch die Geräusche gestört würde.

Sie wurde auch nicht müde, diese Störung am nächsten Tag ihrem gesamten Freundeskreis auf die Nase zu binden. Ich schob es nachsichtig auf den noch völlig durcheinander gewirbelten Hormonhaushalt und sagte nichts dazu. Stattdessen bot ich ihr an, mal eben fix durch die Wohnung zu saugen, da sie immer wieder betonte, wie sehr sie der Schmutz störte. Es war nicht sonderlich dreckig, sondern eben so, wenn ein Erwachsener und eine Katze sich den Wohnraum teilen, Katzenhaare, ein paar Flusen und Krümel, aber weit entfernt von versifft, jedoch nicht in Franzis Augen, sie ist da vorgeprägt durch die Wohnung ihres Vormundes, die meist vor Dreck starrte. Mein Angebot schlug sie jedoch aus mit der Begründung, dass sie das ja alles auch alleine machen können muss, wenn ich nicht mehr da bin. Ich versuchte, dagegen zu argumentieren, dass ich ebenso Dreck mache, aber sie wollte nichts davon hören. Dann eben nicht.

Genau das Gleiche mit dem Angebot, ihr sehr quengeliges Baby für eine Weile ins Tragetuch zu nehmen, damit er sich beruhigt und sie das aber wegen der Kaiserschnittnarbe nicht könnte. Das gleiche beim Essen machen. Danach habe ich aufgegeben, irgendetwas anzubieten. Ich verstehe, dass sie nicht in irgendeiner Schuld bei mir stehen will, würde das aber auch niemals aufrechnen und hoffe, in der Richtung nichts angedeutet zu haben.

Da ich wusste, dass Franzi nicht in Reichtümern badete, hatte ich ihr angeboten, unsere aussortierten Babyklamotten mitzubringen. Ich suchte alle Sachen zusammen, gab schweren Herzens auch ein paar Lieblingsstücke her und packte 4 Windelkartons voll. Ursprünglich wollten wir die Sachen bei Ebay verticken, doch hatte ich keinerlei Lust, mich darum zu kümmern, weswegen ich eigentlich ganz froh war, die Sachen auf diese Weise los zu werden und noch einem lieben Menschen eine Freude machen zu können.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, vielleicht dass sie neugierig die Kartons öffnet, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. Oder das sie mir sagt, sie packt sie ganz in Ruhe aus, wenn ich wieder weg bin. Auf jeden Fall nicht, dass ich sie kurz vor meiner Abreise bitten würde, doch mal nachzuschauen, ob was brauchbares für sie dabei wäre. Lustlos öffnete sie die Kartons, schaute wenig begeistert auf die zugegeben offensichtlich bereits getragenen Sachen und packte sie kommentarlos zusammen. Dann stand sie auf, öffnete einen Schrank und meinte, dass dieser voll mit Klamotten wäre und zeigte mir ausgewählte Stücke: ein Strampler von Steiff, diverse Bodies von Baby Walz, diverse andere Markenklamotten, alle angeblich gebraucht, aber fast wie neu aussehend.
Zugegeben, ich war bitter enttäuscht und hätte am liebsten die Kartons wieder mitgenommen. Stattdessen bat ich sie, die Sachen an Mütter zu verschenken, welche Klamotten benötigten, was Franzi auch zusagte.

Richtig frostig wurde es am 2. Tag, als sie ihren obligatorischen Spaziergang machte, der in der Vergangenheit immer drei Stunden dauerte, in denen ihr Schatz friedlich und dick eingemummelt schlief. Wir begleiteten sie, mein Mädchen nicht ganz so dick eingepackt, und liefen durch die Straßenschluchten, in denen eisig der Wind um die Ecken pfiff. Nach zwei Stunden fragte ich, ob wir wieder heim gehen können, da ich völlig durchgefroren sei. Nur widerwillig gab sie meinem Wunsch nach und es wunderte mich dann auch nicht, dass sie am nächsten Morgen meinte, sie müsse am Mittag ganz dringend weg und ich müsste den Besuch um einen Tag verkürzen.

Wäre ja alles kein Problem gewesen, da ich eh vor hatte, zu meinen Eltern zu gehen. Nur waren beide so richtig heftig krank, mein Pa mit Grippe trotz Impfung und meine Ma mit Bronchitis, und überhaupt nicht in der Lage, sich um irgendwas zu kümmern. Wir waren alle von einem Tag später ausgegangen, in der Hoffnung, dass meine Eltern bis dahin das Schlimmste überstanden hätten. So musste jetzt ein Alternativprogramm her, denn ich hatte absolut keinen Bock, wieder nach Hause zu fahren.

Unabhängig von allen Spannungen, die zwischen Franzi und mir aufkamen, tat mir die Abwesenheit von Heim und Familie so gut, dass sogar meine Schmerzen im Rücken nachließen. So schmerzfrei war ich eine ganze Weile nicht mehr und das allein wog die Widrigkeiten mehr als wieder auf.

Da ich wusste, dass meine Eltern sich unglaublich auf meinen Besuch gefreut hatten und so gerne ihre Enkelin gesehen hätten, vereinbarte ich mit ihnen, dass ich kurz bei ihnen vorbei schaue, bevor ich mich auf den Heimweg mache.
Meine Ma sah aus wie der Tod auf Latschen, völlig kaputt lag sie im Bett. Meinem Pa ging es vergleichsweise gut, denn die Impfung hatte immerhin bewirkt, dass die Grippe nicht so heftig und langwierig bei ihm wütete. Mein Mädchen nutzte ihre neu gewonnene Freiheit in der absolut kindersicheren großelterlichen Wohnung und erkundete alles fröhlich quietschend, was wiederum meine Ma veranlasste, aufs Sofa ins Wohnzimmer umzusiedeln, um ihre Enkelin besser beobachten zu können.
Als ich nach einer Stunde meinte, dass mir überhaupt nicht nach Autobahn ist, sagte mein Pa, dass sie eh davon ausgegangen wären, dass ich wenigstens bis zum nächsten Tag bliebe. Hatte ich irgendwie anders verstanden, war aber keineswegs böse drum.

Aus der eintägigen Verlängerung wurden 4 Tage, in denen es meinen Eltern zusehends besser ging. Wir mussten nur meine Ma immer wieder bremsen, denn sobald es ihr ein Stückchen besser ging, fing sie an, in der Wohnung zu wirbeln. Erst war es nur Essen kochen, dann Wäsche waschen, später Betten neu beziehen. Und wirklich jedes Mal sagte sie hinterher, dass sie die Aktion ganz schön angestrengt hätte und sie wohl doch nicht so gesund ist, wie sie gerne wäre. Und jedes Mal sagte ich ihr, dass sie aufpassen solle, dass diese Besserungen trügerisch sein können und sie sich einfach noch ein wenig ausruhen sollte. Ich könnte ja auch Aufgaben übernehmen, wie Wäsche aufhängen und so. Aber nicht mit meiner Mutter. Ich hätte ihr förmlich den Wäschekorb aus der Hand reißen und sie ans Sofa festbinden müssen, um sie vom Wäsche aufhängen abzuhalten.

Früher hätte ich solche Kämpfe gekämpft, jetzt lass ich sie einfach machen. Sie ist alt genug.

So kehrten meine Süße und ich gestern wieder nach Hause zurück, ich mit einem Abschiedsgeschenk in Form eines fetten Schnupfens im Gepäck, den ich mit viel Schlaf auskuriere. Meine Männer haben ordentlich die Stellung gehalten und sich sehr gefreut, dass wir wieder da sind.

Wieder da sind auch meine Rücken- und Schulterschmerzen, welche natürlich durch meine Rückkehr ausgelöst wurden. Allerdings bin ich noch unsicher, ob es an unserer Familiensituation liegt oder aber ob der ganz normale Alltag mit Behörden, Briefen und Bewerbungen mich überfordern. Ich werde das die nächsten Tage mal genauer analysieren.

Auch, wenn die Woche nicht so verlief, wie ich mir das vorgestellt hatte, tat mir die Auszeit gut und ich hab ein wenig Kraft sammeln können.

Härtetest

Ich war mal wieder für ein langes Wochenende mit den Kindern bei meinen Eltern zu Besuch. Was an sich wie eine gute Sache klingt, war in mehrfacher Weise ein echter Härtetest. Ich konnte viele Verhaltensweisen bei meiner Mutter beobachten, die mich tatsächlich dankbar sein lassen, dass wir relativ weit weg voneinander wohnen. Mehrmals gab es Situationen, die kurz vor der Eskalation standen und ich war heilfroh, als ich wieder nach Hause fahren konnte.

sonnenblume

Bereits der Start war holprig. Ich hatte am Dienstag ein Video meiner brabbelnden Süßen bei Facebook gepostet, was meine Mutter daran erinnerte, dass sie ihre Enkel schon ewig nicht mehr gesehen hat. Mittwochs rief sie unvermittelt an und fragte, ob wir am nächsten Tag bis Sonntag vorbei kommen wollten. Nun hat mich die Erfahrung gelehrt, dass die Frage an sich gar keine Frage ist, sondern mehr ein Befehl, dessen Nichtbefolgung mir noch ewig aufs Brot geschmiert werden wird. Ich hatte zwar für den Rest der Woche einige Pläne gemacht, doch konnte ich diese ohne große Probleme verschieben. Spontanität stört mich grundsätzlich nicht, was mir aber sauer aufstieß, war, als mir meine Mutter im Laufe des Wochenendes ihr Leid klagte, dass sie durch ihrer beiden sehr unterschiedlichen Schichtsysteme ihre freien Tage nur ganz selten miteinander verbringen könnten und es sie nervte, wenn sie die Wochenenden alleine zuhause rumsitzen würde, während Papa arbeitet. Und dieses Wochenende wäre seit Ewigkeiten mal wieder das erste, wo sie beide nicht arbeiten müssten. Statt also dieses Wochenende zu zweit zu genießen, laden sie uns ein und machen sich weiteren Stress. Und dass es meine Mutter stresst, war nicht zu übersehen.

lampe

Denn sie kann nicht einfach nur einladen und wir sind dann da und freuen uns an der Anwesenheit des anderen. Nein, es müssen die Essen für die Tage vorgekocht und extra spezielle Wurst oder Süßigkeiten besorgt werden. Die Tage vertrödeln geht auch nicht, da muss jeden Tag ein Programm her, ganz egal, ob meine Mutter nach ihrer Schicht schon völlig alle ist. Im Gegenzug regte sie sich über Freunde auf, zu denen man mal nicht eben spontan zum Grillen gehen kann, weil die Freunde immer so viel vorbereiten. Dass die Freunde das für sie aus dem gleichen Grund machen wie sie für uns, nämlich dem anderen zeigen, dass er wertvoll genug ist, sich eine solche Mühe zu machen und dass die Mühe gerne in Kauf genommen wird, übersieht sie. Außerdem will sie eh nichts mehr mit so verlogenen Menschen zu tun haben. Sollen sie doch frei heraus sagen, wenn sie keine Zeit oder Lust haben, anstatt sich durch den Grillabend zu quälen. Als wenn meine Mutter immer ehrlich wäre.

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Meine Mutter lebt permanent nach Pippi Langstrumpfs Motto „Ich mache mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Wenn sie etwas macht, ist das in Ordnung, macht jemand anderes genau das gleiche, dann ist das zumindest kritisierbar. So waren wir unterwegs zu ihrem Lieblingsbiergarten, dieser war aber wegen einer naheliegenden Veranstaltung hoffnungslos überfüllt. Wir zogen also weiter zu einem anderen Biergarten, wo wir entgegen der ersten Annahme auch einen schönen Platz fanden. Allerdings bediente uns dort eine Kellnerin, die vor Jahren mal eine etwas unglückliche Bemerkung meiner Mutter gegenüber gemacht hatte. Sie war also schon bedient, bevor wir überhaupt bestellt hatten. Nun war die Lokalität gut gefüllt, weswegen es zwei Minuten dauerte, bis sich die Bedienung um uns kümmerte. Sie begrüßte uns gut gelaunt, meine Mutter deutete etwas in Richtung „hat ja lang genug gedauert“ an, worauf die Kellnerin, wie ich fand, gekonnt und höflich reagierte. Meiner Mutter allerdings schlief bei der Antwort wortwörtlich das Gesicht ein, ich schaute alarmiert meinen Papa an und wir wussten, dass die nächsten Sekunden entscheidend sind, ob wir dort blieben oder überstürzt und unter lautem Geschimpfe aufbrechen müssen. Wir durften bleiben.

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Etwas später fragte uns meine Mutter, wie wir denn den Spruch fanden und wir antworteten wahrheitsgemäß, dass wir ihn ok und gar nicht flapsig oder gar frech fanden. Ich war ehrlich überrascht, dass sie unsere Rückmeldungen einforderte, dies passiert höchst selten, allerdings war sie bitter enttäuscht, dass wir nicht ihre Meinung teilten. Ich versuchte, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihr die Perspektive der Bedienung zu zeigen, aber das wollte sie nicht hören. Sie blaffte mich an, ich solle es gut sein lassen. Erst, als ich ihr ein Kompliment machen konnte, wie viel besser sie doch als andere Verkäufer oder Kellner ist, entspannte sich die Situation.

Dieses Verhalten ist mir an diesem Wochenende das erste Mal so richtig bewusst geworden. Meine Mutter kann sich nur gut fühlen, wenn sie sich über andere stellen kann. Sei es, dass sie schlanker ist (und sie ist selber weit entfernt von gertenschlank), oder ihre Klamotten besser sind, oder man bei ihr nicht die Unterwäsche unterm Kleid durchschimmern sieht oder was auch immer. Es muss bei anderen Personen immer etwas schlechtes gefunden werden, einen Menschen einfach so, wie er ist zu akzeptieren, vielleicht sogar sein Anderssein kommentarlos hinzunehmen, geht gar nicht.

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Ich freute mich, als ich ihr von unseren Urlaubsplänen erzählen durfte. Gerne zeigte ich ihr am Computer, wo wir hin wollten, wie unsere bereits gebuchten Unterkünfte aussehen und welche Tagestouren wir vorhaben. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber bestimmt nicht, dass wir nicht so viel herum fahren sollten, dass wir uns doch viel lieber entspannen und „zur Ruhe kommen“ sollten. Ich hab bisher immer noch nicht verstanden, was sie damit meint, denn wir haben nicht das Gefühl, zur Ruhe kommen zu müssen. Wir wollen uns die Gegend anschauen, ein bisschen was erleben und möglichst jeden Abend die eine oder andere Runde am Strand drehen. Wir haben das in der Form bereits in England gemacht und es hat uns allen, auch unserem Kind, sehr gut gefallen. Außerdem waren wir alle ganz wunderbar erholt hinterher. Warum also sollten wir das jetzt anders handhaben?

Wie auch immer, das ganze Wochenende redete sie auf mich ein, dass wir den Urlaub doch anders machen sollten. Nicht so lange, nicht so weite Fahrten, nicht so viele Sehenswürdigkeiten. Nicht einmal kam „oh, das wird meinem Enkel bestimmt gefallen“, wenn ich von expliziten Kinderaktivitäten erzählte, kein „schreibt uns von dort doch bitte eine Karte oder bringt uns etwas mit“, kein „Rom hat ja so viel zu bieten“, nur ständige Einwände.

fernsehturm

Als ich erzählte, dass meine Cousine mit ihrer Familie dieses Jahr eine zweiwöchige Kreuzfahrt macht, kam als Reaktion „na, die können es sich ja auch leisten, die geben ja auch nichts an ihre Mutter (meine Tante) ab, während diese kaum weiß, wie sie die Miete zahlen soll“. Meine Mutter kennt die Geschichte meiner Cousine genauso gut, vermutlich sogar wesentlich besser als ich, und sollte wissen, dass meine Cousine meiner Tante genau nichts schuldet, aber meine Cousine kann einfach nichts recht machen. Vor einigen Monaten regte sich meine Mutter über meinen Opa auf, über seine Marotten und Ansprüche und dass er sich auch nicht wundern braucht, dass ihn niemand mehr besucht. Jetzt am Wochenende allerdings hieß es, dass sie es unmöglich findet, dass meine Cousine ihren Opa nie besucht oder sich bei ihm meldet. Wie es eben gerade passt.

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Es gab am Wochenende einen Moment, da saß ich alleine mit meiner Mutter relativ entspannt zusammen. Das wäre an sich der perfekte Moment gewesen, vertraulich über Probleme, Wehwehchen, Sorgen und Nöte zu reden, aber ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen, ihr mein Herz auszuschütten. Denn anstatt Mitgefühl, Anteilnahme oder auch nur interessiertem Zuhören wären nur Vorwürfe gekommen oder sie hätte gejammert, dass sie sich ja jetzt noch viel mehr Sorgen machen müsse, aber helfen könne sie uns ja doch nicht, weil kein Geld/keine Zeit/keine Ideen/keine Nerven/… Dass die beste Hilfe darin bestehen würde, einfach nur mal über diese Sachen reden zu können, einen Zuhörer zu haben, der einen am Ende in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut wird, das wird sie nie verstehen.

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Ein wenig Verständnis für die Leiden eines kleinen Babies könnte auch nicht schaden. Meine Süße zahnt gerade wie wild. Sie sabbert, stopft sich beide Fäuste in den Mund, lutscht voll Inbrunst an eigenen oder fremden Fingern und ist generell eher unleidlich. Sie jammert viel und weint gerne und laut. Dass sich das mit Arbeitsstress und Erschöpfung nicht gut verträgt, ist mir auch klar, nur hat ein Baby leider keinen Ausschalter, den ich nach Belieben umlegen kann. Ich habe mich sehr bemüht, die Kleene zu beruhigen und es ist mir ganz gut gelungen. Was ich allerdings nicht beeinflussen konnte, war ihr Fremdeln. Alles normal, nur das Verständnis der Oma hielt sich in engen Grenzen. Klar versteh ich, dass sie sich auf ihre Enkel gefreut hat und jetzt enttäuscht ist, doch auch ihr sollte mittlerweile klar sein, dass Kinder unberechenbar sind.

Naja, das Wochenende ist vorbei, aber es wird mich wohl noch eine Weile beschäftigen.

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P.S. Die Fotos sind mit unserer neuen Kamera entstanden und haben nicht wirklich etwas mit dem Text zu tun 🙂

Kurzurlaub

Großeltern sind toll, vor allem, wenn sie so gerne Großeltern sind wie meine Eltern*. Daher war es nur eine Frage der Zeit, dass ich mit den Kindern zu ihnen fahre und wir uns dort so richtig verwöhnen lassen. Da meine Eltern beide noch voll und dazu noch in Schichten arbeiten, ist es gar nicht so einfach, geeignete Zeitfenster zu finden. Da ich derzeit etwaige Betreuungslücken überbrücken kann, ist die Terminfindung zum Glück ein wenig entspannter.

Wir sind also gestern mit Sack und Pack hergefahren. Den Papa haben wir zu Hause gelassen, damit er sich mal richtig ausschlafen und erholen kann. Wir werden hier ein bisschen shoppen gehen und das schöne Wetter genießen, meine Heimatstadt hat einige hübsche Plätzchen und eignet sich hervorragend dazu. Eventuell besuchen wir noch die Uroma und den Uropa, mal schauen, was sich so ergibt. Und zwischendurch werden wir mit superleckerem Essen vollgestopft 🙂

Am Montag abend geht es wieder nach Hause, nach einem hoffentlich für alle erholsamen Wochenende.

* Was hat meine Ma früher getätert, ich solle bloß nicht jung schwanger werden, sie möchte nicht in ihrem (damaligen) Alter von ihrem Enkel quer über die Straße „Oma“ gerufen werden. So ändern sich die Zeiten 😉

Na dann, frohe Weihnachten

Für uns hat Weihnachten noch gar nicht richtig angefangen, da hab ich schon keinen Bock mehr drauf 😦

Traditionell feiern wir das Fest bei meinen Eltern, aus diesen und jenen Gründen, und dieses Jahr kann das Feiern aus organisatorischen Gründen erst am 25. stattfinden. Doch begab es sich zu der Zeit, dass wir gestern beim Baden des Kleenen feststellen mussten, dass dieser aus dem Kindergarten ein extra Geschenk in Form von Läusen mitgebracht hatte.

Wir beschlossen also, heute auf dem Weg zu den Großeltern bei einer Apotheke vorbei zu fahren, dort ein Mittelchen dagegen zu holen und dieses dann im großelterlichen Badezimmer auf dem Kinderkopf anzuwenden. Dooferweise begab es sich zur selben Zeit, dass unser Internetanschluß die Zusammenarbeit verweigerte.

Wir teilten beides den Großeltern mit, womit das Unglück seinen Lauf nahm. In der Annahme, dass wir nun gänzlich von der digitalen Welt abgeschottet sind, fühlten sie sich berufen, selber nach einer Lösung der Lausproblematik zu suchen. Und wenn meine Eltern etwas suchen, dann landen sie mit traumwandlerischer Sicherheit auf den eher dubiosen Seiten.

Also bekamen wir heute morgen einen Anruf, dass wir unseren ursprünglichen Plan vergessen, sofort in die Apotheke fahren und dort die Medizin holen und uns allen den Kopf waschen sollten, bevor wir auch nur überhaupt daran dächten, bei ihnen aufzuschlagen, denn meine Ma hatte keine Lust, sämtliche Klamotten, Kissen, Möbel etc. zu desinfizieren.
Also Panik bis zum Abwinken.

Ich war natürlich wenig begeistert, weniger von dem Vorschlag selbst, als mehr von der Art, wie er rüber gebracht wurde. Ich ahne jetzt, dass die sich die ganze Nacht nen Kopp drum gemacht haben und dass meine Ma sich schon sieht, wie sie zusätzlich zu dem schon vorhandenen Stress noch die ganze Wohnung keimfrei kriegt. Da lauert doch schon der Nervenzusammenbruch am Horizont. Und meine zugegeben grummelige Reaktion am Telefon wird ihr übriges dazu beigetragen haben.

Der Rahmen für gemütliche Feiertage ist also gesetzt, jetzt muss ich nur noch abwarten, ob es wieder zu einem Eklat wie letztes Jahr kommt oder ob es beim allgemeinen Zähne knirschen bleibt.

Eine entspannte Suche bei Wikipedia hätte uns da einiges an Ärger erspart.