Erschreckend

Alle Welt, zumindest die deutschsprachige, spricht über den vorgestern ausgestrahlten Fernsehfilm „Terror“.

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Ein Luftwaffenoffizier schießt ein Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord ab, weil ein Terrorist droht, dieses Flugzeug in ein mit 70.000 Menschen gefülltes Stadion zu steuern. Der Offizier tut dies, obwohl er Kenntnis des Bundesverfassungsgerichtsurteils hat, das solche Abschüsse verbietet. Daraufhin wird er angeklagt und die Gerichtsverhandlung ist der Inhalt des Terror-Films, an dessen Ende die Zuschauer abstimmen durften, ob der Angeklagte schuldig oder freizusprechen ist.

Satte 86,9% der Zuschauer stimmten für Freispruch!

Ich finde diese Zahl erschreckend. In den Augen der Zuschauer scheint es völlig legitim zu sein, eine verhältnismäßig kleine Anzahl Menschen zum Schutz einer größeren Anzahl zu opfern.

Wenn man dieser Argumentation folgt, stellt sich zwangsläufig die Frage, wo man die Grenze zieht? Ist ein Verhältnis von 164 Passagieren zu 70.000 Stadionbesuchern angemessen? 100 zu 50.000? 10 zu 1.000? 1:2? Ein behindertes Kind für ein nichtbehindertes Kind? Wer oder was entscheidet, dass ein Leben wertvoller ist als ein anderes?

Genau dies hat das Bundesverfassungsgericht bemängelt und hat den Abschuss eines Flugzeugs in einer solchen Situation unter Strafe gestellt. Es ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, Menschen zu Objekten zu degradieren, die man wie Figuren auf dem Schachbrett hin- und herschieben kann. Die Würde des Menschen ist unantastbar und jedes Leben ist wertvoll, das des Bauerns genauso wie das des Königs.

Natürlich ist mein erster Impuls, mein Bauchgefühl auch, die Rettung der 70.000 anzustreben. Doch es gibt zu viele Unwägbarkeiten. Ist wirklich ein Terrorist an Bord? Steuert er das Flugzeug wirklich Richtung Stadion? Ist er präzise genug, es genau dort zum Absturz zu bringen? Kann ausgeschlossen werden, dass beim Abschuss des Flugzeugs nicht noch weitere Menschen zu Schaden kommen? Besteht die Möglichkeit, dass Passagiere oder Crew den Terroristen überwältigen können? Überlegt es sich der Terrorist kurz vor knapp noch anders? Zu viele wenns, um wirklich sicher den Ausgang beurteilen zu können. Und selbst wenn es zu 100% sicher ist, bleibt immer noch das Menschenwürdeurteil!

Ein Kollege hatte am Montag mit mir eine Diskussion darüber vom Zaun brechen wollen. Er hatte den Film am Sonntag im Kino gesehen und er war in seinem früheren Leben Offizier der Luftwaffe. Sein Urteil war eindeutig. Er rechnete allerdings nicht damit, dass ich das Urteil des Bundesverfassungsgerichts kannte und ihm nicht bedingungslos zustimmte. Er brach daraufhin sehr schnell die Diskussion ab, was ich nachvollziehen kann. Wenn in einer Armee Menschen als „weiche Ziele“ und Bombenabwürfe auf Schulen und Krankenhäuser als „Kollateralschäden“ bezeichnet werden, fällt es schwer, die Menschen nicht als Objekte zu sehen und die simplen mathematischen Kosten-Nutzen-Rechnungen sein zu lassen.
Aus genau diesem Grund sollte man dem Militär auch nicht die Regierungsverantwortung überlassen.

Einen spannenden Ansatz zu diesem Trolley-Problem bildet derzeit die Programmierung der selbstfahrenden Autos. Auch solche Fahrzeuge werden früher oder später in Gefahrensituationen kommen und der Bordcomputer muss dann „entscheiden“, welche Maßnahmen er einleitet. Das MIT hat dazu eine kleine App entwickelt, bei der reale Menschen entscheiden dürfen, wie in solchen Situationen verfahren werden sollte.
Ein Szenario zeigt beispielsweise, wie eine Familie mit 3 Kindern regelwidrig bei Rot die Straße überquert. Der Fahrer hat die Wahl zwischen draufhalten und Mutter und ein Kind töten, oder ausweichen und sich selbst töten.
Ganz klar ausweichen, oder?
Wie fällt allerdings die Entscheidung aus, wenn statt der Familie ein dicker Mann, eine alte Frau und eine Katze die Straße queren? Beim Draufhalten sterben alle Fußgänger, beim Ausweichen nur der Fahrer.
Eher draufhalten, oder?

Bei Harry Potter hat der jugendliche Albus Dumbledore zusammen mit Gellert Grindelwald ganz ähnliche Fantasien. Sie wollen wenige opfern, damit viele besser leben können. Vorzugsweise sind die Opfer Muggle und die Nutznieser Zauberer und begründet wird dieses Vorgehen mit „the greater good“. Relativ schnell sieht Dumbledore seinen generellen Denkfehler ein und zieht sich demütig zurück, während Grindelwald seine Machtfantasien weiter auslebt.
Dennoch, in der entscheidenden Phase im Kampf gegen Voldemort erinnert er sich an seinen jugendlichen Idealismus:

„Ja“, rief Dumbledore, „manchmal muss man eben an das größere Ganze denken!“

Im Gegensatz zu allen anderen Szenarien läßt er aber Harry selber entscheiden, ob er sich Voldemort stellen und sich für die anderen opfern soll.

Ein anderes, extremeres Beispiel wurde in den Tributen von Panem beschrieben, als im 3. Teil eine kleine Explosion in einer Menge von Kapitol-Kindern herbeigeführt wurde. Als sich die herbeigeeilten Rettungskräfte um die Menschen kümmern, gibt es eine riesige Explosion, die fast alle Kinder und Retter tötet, unter anderem auch Katniss‘ Schwester.
Als ersten Impuls hat Katniss Präsident Snow in Verdacht, aber es stellt sich heraus, dass der Anschlag von Rebellenpräsidentin Coin geplant war, weil sie hoffte, dass damit der Widerstand der Kapitolbewohner entgültig gebrochen würde und das Blutvergiessen aufhören. Der Plan ging auf, die Kämpfe wurden umgehend eingestellt und so wurden vermutlich tausende Menschenleben gerettet.
Gerechtfertigte Aktion, oder?

Von daher finde ich das Urteil des Bundesverfassungsgerichts wichtig und wertvoll, weil es einen ganz klaren moralischen Kompass vorgibt. Egal in welcher Situation, niemand darf oder kann entscheiden, welches Leben wertvoller ist. Niemand hat das Recht, einem 95-jährigen mit einer Überlebensprognose von nur noch einer Woche, diesem sein Recht auf Leben zu nehmen. Es ist nicht möglich, den Wert eines Menschen zu bestimmen, denn jeder Mensch ist in seiner Individualität anders wertvoll, so dass allgemeingültig angelegte Maßstäbe zwangsläufig scheitern müssen. Und weil diese Wertbestimmung unmöglich ist, können Menschenleben nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Nicht 1:1, nicht 1:100 und schon gar nicht 164:70.000!

#TerrorIhrUrteil

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MONTAGSFRAGE // HABT IHR EUCH SCHON MAL VOR EINEM BUCH GEDRÜCKT, OBWOHL IHR ES EIGENTLICH LESEN WOLLTET?

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Oh ja, da gibt es einige.

Seit Jahren schiebe ich „Wüstenblume“ von Waris Dirie vor mir her. Ich weiß, worum es in dem Buch geht und allein die Vorstellung der Geschehnisse ist für mich beinahe unerträglich. Das Ganze dann schwarz auf weiß zu lesen macht mir gehörig Angst.

Irgendein beliebiges Buch aus dem Darkover-Zyklus von Marion Zimmer Bradley. Als Mädchen bzw. junge Frau habe ich die Bücher verschlungen, kaufte mir immer mal wieder eines, aber ich wollte sie gerne alle haben und vor einigen Jahren, als ich schon groß und mit einem richtigen Job war, konnte ich mir das endlich leisten. Als ich dann eines der Bücher angefangen habe zu lesen, merkte ich, dass ich in der Zwischenzeit zu alt, zu realistisch, zu desillusioniert oder was auch immer geworden bin und der Zauber dieser Welt verflogen war. Seit dem traue ich mich nicht mehr an diese Bücher heran.

Sehr lange habe ich mich vor den Harry Potter Büchern gedrückt. Ich fand den Hype, der darum gemacht wurde, viel zu albern und schwor mir, nie auch nur einen Cent für die Bücher auszugeben. Aber wie das Leben so spielt, einige Jahre später wollte einer unserer Freunde auswandern, entrümpelte dazu seinen ganzen Hausstand und vermachte mir seine englischen Originale, einige davon sogar Erstausgaben. Und wenn ich sie schon mal da hab, kann ich sie ja auch lesen.
Schwerer Fehler, denn seit dem hat mich das Harry Potter Fieber gepackt und zu den Büchern sind die Filme auf DVD und die Hörbücher von Stephen Fry gekommen.

Aus finanziellen Gründen gedrückt habe ich mich vor den „Sandman“-Comics von Neil Gaiman. In der 9. oder 10. Klasse gewann ich bei einer Verlosung unserer Schülerzeitung den ersten Band der Reihe und fand ihn großartig. Zu gerne hätte ich gewusst, wie die Geschichte weiter geht, aber 25 oder mehr Euro für eine Ausgabe überstieg sehr lange meine Möglichkeiten. Vor zwei Jahren, zu meiner jährlichen Weihnachtsbestellung, holte ich mir alle Bände sowie die eine oder andere Ergänzung. Das Warten hat sich gelohnt und die Comics sind ihr Geld definitiv wert.

MONTAGSFRAGE // WER IST EUER LIEBSTER HÖRBUCHSPRECHER/EURE LIEBSTE HÖRBUCHSPRECHERIN?

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Ich kenn jetzt nicht so wahnsinnig viele Hörbuchsprecher, da ich nicht so wahnsinnig viele Hörbücher habe. In meinem Besitz befinden sich diverse BBC-Hörspiele von Agatha Christie Stücken mit vielen verschiedenen Sprechern. Das 5. Buch von A Song of Ice and Fire, gelesen von Roy Dotrice, wartet darauf, endlich gehört zu werden und die Millenium-Trilogie in Englisch von einem unbekannten Vorleser steht auch in der Warteschlange.

Allerdings konkurrieren sie alle mit dem einzig wahren und wahrhaft großartigem Stephen Fry, der mir seit mehreren Jahren fast jede Nacht ein Stück Harry Potter vorliest. Seine Stimme ist mittlerweile so vertraut und er liest die Bücher dermaßen effektvoll, dass es jeder andere Hörbuchsprecher enorm schwer haben wird, auch nur ansatzweise neben ihm zu bestehen.

MONTAGSFRAGE // HAPPY END ERWÜNSCHT?

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Nein, bloß nicht!

Erstens mag ich Schnulzenromane nicht, bei denen das Happy End bereits von der ersten Seite an feststeht. Und zweitens finde ich das völlig weltfremd.

Bücher brauchen das Ende, welches zu ihnen passt, nicht das, welches sich der Leser wünscht. Und auch, wenn es weit weg von einem Happy End ist, fand ich das Ende von David Nicholls‘ One Day / Zwei an einem Tag mal so richtig doof. Da hätte es bessere Möglichkeiten gegeben.

Das Harry Potter glücklich enden muss, liegt in der Natur der Sache, Jugendbuch eben. Genauso Tolkiens Herr der Ringe. Wo würden wir denn hinkommen, wenn der Eine Ring eben nicht zerstört würde? Wo bliebe denn die Hoffnung der Menschheit?

Eigentlich finde ich es auch schade, dass mein Lieblingsgenre immer genau das eine Ende hat, im Krimi wird eben am Ende des Buchs der Mörder gefunden. Ab und zu gibt es Abweichungen von dem Muster, sei es, dass der Mörder auf der ersten Seite bekannt gemacht wird -> Ruth Rendells Urteil in Stein, oder aber dass es in ganz seltenen Fällen DEN einen Mörder nicht gibt -> Agatha Christies Mörder im Orientexpress.

Und welches Ende hat mir jetzt gefallen? Ich mach es jetzt mal daran fest, welches Ende mich nachhaltig beeindruckt hat, so sehr, dass es mir schwer fiel, überhaupt ein anderes Buch in die Hand zu nehmen, so lange wirkte es nach:

  • Barbara Vine: Die im Dunklen sieht man doch
  • Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb
  • Isabel Allende: Eva Luna