Schmerzgrenze

Was ich ja überhaupt nicht mag ist, wenn mich Menschen frühmorgens zutexten und nicht mal in Ruhe abwarten können, bis ich ausreichend wach bin. Noch dazu montags, wenn mein Gehirn sich noch krampfhaft an den vergangenen Sonntag klammert und die Nacht wie so oft viel zu kurz war.

Während heute morgen mein Rechner auf Arbeit gerade startete, tapperte ich mit müde verquollenen Augen und meiner Wasserflasche zum Wasserspender. Diese Gelegenheit nutzte ein Kollege sofort aus, kam auf mich zu und fragte mich, wie gut ich denn im Schmerzen aushalten bin. Dass es mich nur zur Wasserstelle trieb, damit ich die zwei Paracetamol gegen meine Rückenschmerzen nicht trocken herunterwürgen musste, konnte er ja nicht ahnen. Vielmehr wollte er mir ganz stolz von seinem neuen Tattoo berichten und wie sehr es doch an seiner Wade zwicken und jucken würde.

Mein Mitleid hielt sich in Grenzen und ich murmelte was von „selbstgewähltes Schicksal“. Er meinte, es würde mich vielleicht interessieren, wenn ich dann selber mein Tattoo stechen ließe. Ja ok, wir hatten uns ein paar mal darüber unterhalten und ich hätte auch gerne eins, aber im Moment habe ich weder das Geld noch irgendeine Idee, was wo wie hin soll. Wahrscheinlich war ich der erste Mensch abseits der sozialen Medien, dem er davon erzählen konnte, was mich schon traurig machte und normalerweise hör ich auch gern zu. Nur heute hatte er sich einfach einen sehr ungünstigen Moment ausgesucht.

Der erste Schultag nach den Herbstferien, dazu der erste Tag, wo der Große mit Krücken zur Schule und dort in den 4. Stock musste. Mein Plan, deswegen extra zeitig loszugehen, ging nicht auf, weil ich die einbeinigen Hygiene- und Bekleidungskünste meines Kindes maßlos überschätzte. So machten wir uns eine Viertelstunde vor Schulbeginn auf den Weg und die 500 m, für die wir sonst 5 Minuten benötigen, dauerten 20 Minuten. Dann noch die nicht enden wollende Treppe hinauf zum Klassenzimmer, wohin ich den Rabauken heute ausnahmsweise begleitete, denn Eltern dürfen sonst nur bis zum ersten Treppenabsatz mit und müssen sich dann von ihrem Nachwuchs verabschieden.
Die Lehrerin war aber verständnisvoll, ließ mich das Kind samt Ranzen an seinem Platz parken und erkundigte sich, ob wir den Schulstoff nachgeholt hatten, was ich bejahte.

Alsdann flitzte ich zur Haltestelle, wo ich meinem Bus nur noch hinterherwinken konnte. Machte aber nichts, denn der nächste Bus sollte bereits 3 Minuten später kommen. Die 3 Minuten dauerten aufgrund eines Fehlers im Raum-Zeit-Gefüge (oder wegen einer Baustelle) 15 Minuten , so dass ich knapp eine Stunde nach meiner üblichen Zeit endlich auf Arbeit war.

Das Schmerzmittel hatte noch nicht angefangen zu wirken, als ich den ersten Anruf in einer langen Reihe von Telefonaten bekam, alle mit dem gleichen Inhalt. Man warte auf Zuarbeiten meines Chef, ob ich ihm denn Bescheid sagen könnte. Kann ich, wenn ich ihn sehe, was aber unwahrscheinlich ist, denn erstens ist sein Terminkalender lückenlos bis zum späten Nachmittag voll und zweitens ist für die nächsten drei Tage eine wichtige Revision anberaumt. Aber Sie sagen ihm Bescheid? Ja, wenn ich ihn sehe, dann tue ich das, aber wie gesagt, es ist nicht sicher, dass ich ihn überhaupt sehe. Aber Sie sagen ihm Bescheid?!
Aaaaargh! Kopf -> Tisch!
Und nach dem 5. Mal tut es schon weh.

Ich rettete mich bis zum Mittag, wo ich mir zwei Ibuprofen einwarf, denn die Schmerzen waren immer noch unerträglich. Wie ich es bis 15 Uhr geschafft habe, wo ich erneut 2 Paras schmiss, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, woher diese unsäglichen Schmerzen kommen, aber ich weiß, dass sie mir aktuell den Nerv rauben und ich kaum noch klar denken kann. 😦

Ist ja kein Beinbruch

Öfter mal was Neues! Obwohl mit gebrochenen Knochen ins Neue Jahr starten hatte ich schon mal. Diesmal ist es ein Arbeitsunfall. Als Informatiker sind die Möglichkeiten, auf Arbeit zu verunfallen eher gering, es sei dann, man tackert sich versehentlich in den Oberschenkel oder klemmt sich einen Finger in der Tastatur ein. Da sind die Möglichkeiten auf dem Weg von und zur Arbeit ungleich größer und so ist auch mein Arbeitsunfall ein Wegeunfall.

Hier bei uns im Flachland war das Wetter die letzten Tage ein wenig unschlüssig, ob es uns nun doch den richtigen Winter schicken soll oder uns lieber noch ein wenig veralbert. Gestern morgen entschied es sich für die Veralbern-Option und zeigte 7 Uhr morgens satte 2 Grad plus bei sternenklarem Himmel.

Der Große und ich machten uns auf den Weg zur Schule. Der Boden war ein wenig feucht, aber die Temperaturen waren nicht niedrig genug, um das Wasser gefrieren zu lassen. Die auf dem Fußweg benutzten Gehwegplatten sind im Normalzustand schon glatt und bei Feuchtigkeit wird es schnell rutschig, aber es lag noch genug Split vom letzten Wintereinbruch auf dem Weg, um Schlimmeres zu verhindern.

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Bis auf diese eine Stelle.

Dort, wo seit über drei Jahren moderne Stadthäuser gebaut werden sollen, fehlen Bäume oder Häuser am Straßenrand und der Wind kann ungehindert durch diese Lücke pfeifen. Das hat den Boden gefrieren lassen und die Gehwegplatten waren spiegelglatt. Da die 100m vorher alles gut und unrutschig war, rechnete ich Null damit und mir zog es urplötzlich die Füsse weg und meine nicht unerhebliche Schwungmasse folgte brav der Schwerkraft. Das sah bestimmt aus wie in diesen Schwarzweiß-Slapstickfilmen:

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Jedenfalls war das Ergebnis nur halb so lustig für mich, denn mir taten mein Hintern und mein linkes Handgelenk ganz schön weh. Aber ein echter Indianer kennt keinen Schmerz und das Kind musste zur Schule und der Bus wartete auch nicht auf mich.

Auf Arbeit angekommen, ließ ich mich wie gewohnt auf meinen Bürostuhl plumpsen und sprang wie von der Tarantel gestochen wieder auf, denn das tat mal höllisch weh. Ich setzte mich ein wenig vorsichtiger hin – besser, aber immer noch weit entfernt von gut. Nach ein wenig Rumrutschen und Justieren saß ich dann schief auf halbrechts und konnte einigermaßen arbeiten.

Als mein Chef eine halbe Stunde später kam, erzählte ich ihm vom Missgeschick und er meinte, ich solle das von einem Arzt begutachten lassen und auf jeden Fall vorsorglich das Arbeitsunfallformular ausfüllen. Ich meinte darauf hin, dass ich unbedingt noch bei der Schulung für unser Ticketsystem an diesem Tag dabei sein wollte. Diese wurde bereits einmal verschoben und eine meiner Aufgaben ist es, eine verbindliche Handlungsanweisung für eben jenes Ticketsystem zu erstellen. Die Schulung zu verpassen hätte eine weitere 2- oder 3-monatige Verzögerung des ganzen Themas zur Folge gehabt.

Also Zähne zusammenbeißen und weiterhin schief auf den Stühlen rumlümmeln. 13 Uhr war ich endlich raus aus der Firma und bin nach Hause, weil mein Hausarzt erst um 14 Uhr aufmacht. Pünktlich fand ich mich dort ein, nur um mir mitteilen zu lassen, dass Arbeitsunfälle nicht vom Hausarzt, sondern von einem Durchgangsarzt begutachtet werden müssen.

Ahja.

Zum Glück gibt es bei uns ums Eck eine chirurgische Notfallklinik, die genau das tut. 3 Bushaltestellen später stand ich in dem vollen Wartezimmer, erzählte der Empfangsdame von meinem Missgeschick und sie stellte mir im Gegenzug ganz viele Fragen: Unfallhergang, Unfallzeitpunkt, reguläre Arbeitszeiten, Firma (Adresse wusste die Dame auf Anhieb, scheinen wohl öfter welche von uns zu verunfallen und sich dort behandeln zu lassen), Berufsgenossenschaft. Uh, mit der letzten Frage hatte sie mich erwischt und eiskalt als Ersttäter enttarnt.

Ich suchte die Telefonnummer unserer Hotline raus, rief an, und erhielt nach kurzer Beratung im Hintergrund die Antwort: Verwaltungsberufsgenossenschaft. Stolz trat ich vor die Empfangsdame und sie schalmeite mir schon VBG entgegen – definitiv war ich nicht die Erste.

Trotz des vollen Wartezimmers kam ich schnell dran und wurde zuerst zum Röntgen geführt, wo ich mich flach auf den Rücken auf die Röntgenliege legen sollte. Bis dahin hatte ich die Schmerzen gut im Griff, aber durch das Hinlegen und den Druck auf den unteren Rücken änderte sich das schlagartig. Zwei Knochenfotos und ich durfte mich wieder anziehen und vor dem Behandlungszimmer Platz nehmen.

Drei Minuten später rief mich der Arzt herein und fragte, wo es weh tut.
„Da unten.“
„Wo, da unten? Kreuzbein?“
„Na, dann unten eben, unterm Kreuzbein.“
„Dort?“ Und bohrte mir beiden Daumen da unterm Kreuzbein in die Haut.
„JAAAAAA, genau dort.“
„Oder doch eher hier oben?“ Und drückt schmerzfrei am Kreuzbein rum.
„Nein, dort nicht, darunter. Aber nicht nochmal die Daumen reindrücken!“

Er nickte, setzte sich an den PC und drehte den Monitor zu mir: Steißbeinbruch!

Behandlungsmöglichkeiten gleich Null, nix mit eingipsen oder sowas, sondern einfach nur abwarten und Ibuprofen hochdosiert nehmen. Er schrieb mich bis nächsten Freitag krank und bat mich, an jenem Freitag zur Kontrolle vorbei zu kommen.

Mach ich, Boss, aber nur, wenn Sie dann nicht mehr ihre Daumen da reinbohren!

 

© Foto von Flickr/onnola „Spur der Sterne“, (CC BY-SA 2.0)

© Gif von hier.