Langweilig

Ich glaube, dem da oben ist manchmal langweilig und dann guckt er, wem es gerade zu gut geht. Und scheinbar heben wir uns da gut aus der Masse ab und zack, schon hat er uns mit seinem Schicksalshammer eins über die Rübe gezogen. Auto, Schimmel in der Wohnung, Umzug, Schulanmeldung, Kontonotstand reichen anscheinend noch nicht, denn gerade eben bekam ich einen Anruf von der Uniklinik.

Bei der letzten Kontrolluntersuchung der Kleenen vor einem Monat gab es eine Auffälligkeit beim Ultraschall. Die zwei Wochen nach ihrer Geburt geschlitzte Ureterozele scheint wieder zugewachsen oder gerade im Begriff wieder zuzuwachsen zu sein und das müsse überprüft werden. Wir dürfen daher im Dezember wieder in der Klinik vorbei schauen, wo das untersucht wird und wenn wir Pech haben, muss die Kleene erneut unters Messer. Ich bin froh, dass sich die Ärzte so gut kümmern und genau hinschauen, bevor sich das wirklich zu einem echten Problem auswächst.

Doch ganz ehrlich, so langsam tät ich auch mal wieder eine schöne Nachricht haben.

Jérôme

Psychokram, könnte triggern.

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Während meiner ersten stationären Psychotherapie war ich an der hiesigen Uniklinik. Daraus ergaben sich einige Besonderheiten. Zum einen waren die Krankheitsbilder äußerst heterogen, da war quasi alles dabei. Zum anderen waren durch die tiefenpsychologische Ausrichtung die Fälle meist auch akuter und viele dieser Fälle wären in anderen Einrichtungen wohl eher auf die Geschlossene als auf die „normale“ Station gekommen. (Das ist meine subjektive Wahrnehmung im Vergleich zur verhaltenstherapeutischen Ausrichtung ein Jahr später in einer anderen Einrichtung.) In der Klinik gab es sowohl stationäre als auch tagesklinische Patienten, die um 17 Uhr Feierabend hatten und erst am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder da sein mussten.

Einer dieser Patienten war Jérôme, welcher mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Er war Anfang 20, recht gut aussehend, hatte diesen fantastischen französischen Namen von seinen Eltern bekommen, studierte, hatte bereits einen Einsatz als Entwicklungshelfer in einem zentralafrikanischen Land hinter sich und war Mitglied in einer in Deutschland als Sekte geltenden Kirche. Wenn wir miteinander zu tun hatten, konnte ich nicht erkennen, warum er überhaupt in der Klinik war, für mich erschien er ausgeglichen und einigermaßen zufrieden.

Vermutlich erzeugte ich bei den anderen Patienten ein ähnliches Bild, denn zu diesem Zeitpunkt war mir meine Außenwirkung noch unheimlich wichtig. Ich hatte nur ein bisschen Depressionen, nix dramatisches, und weil ich gerade nichts besseres vor hatte, machte ich eben diese Therapie. Das ich wegen der Krankheit meine Arbeit habe aufgeben müssen, dass ich monatelang das Haus nicht mehr verlassen konnte, dass ich sogar Sanktionen vom Arbeitsamt erhielt, weil ich nicht in der Lage war, wichtige Termine wahrzunehmen, all das verschwieg ich. Nur meine Essstörung konnte ich leider nicht verheimlichen, denn alle Patientinnen dieser Kategorie durften das Gelände nicht alleine verlassen* und mussten nach dem Mittagessen zwangsweise eine Dreiviertelstunde „Mittagsschlaf“ halten. Und das fällt besonders auf, wenn man wie ich Raucher war und die obligatorische Kippe nach dem Essen eben nicht rauchen durfte und es außerdem herrlichstes Sommerwetter ist und sich alle anderen in dem herrlich schattigen Hof aufhielten.

Mit Jérôme konnte man sich gut unterhalten. Er erzählte von Afrika, von seiner Freundin, seiner Familie, wir spielten Tischtennis und hatten Spaß zusammen. Nichts deutete darauf hin, dass es ihm schlecht ging. Wenn es vielleicht ein Zeichen gab, dann dass er Mittags beim Autogenen Training keine Ruhe finden konnte. (Zur Erklärung: Beim AT in dieser Klinik saßen alle Patienten in einer großen Runde, jeder führte für sich das AT aus und danach wurde dem Therapeuten und der Runde kurz über Erfolg oder Misserfolg berichtet.)
Mir selbst ging es an diesem Tag nicht besonders gut, ich war sehr unruhig und aufgewühlt. Ich konnte nicht schlafen, hatte zuviele Gedanken in meinem Kopf schwirren. Irgendwann gegen 2 oder 3 Uhr morgens reichte es mir, ich ging ins Schwesternzimmer und bat um eine Wärmflasche. Dabei war es mir völlig egal, dass es mitten im Sommer und immer noch satte 25 Grad warm war. So eine externe Wärmequelle ist unglaublich tröstend und außerdem hoffte ich, dass ein kurzes Gespräch mit dem Nachtpersonal sein übriges tun würde.

Wie ich so auf meine Wärmflasche wartete, klingelte es an der Kliniktür. Eine Schwester kümmerte sich um den nächtlichen Besucher. Nach wenigen Minuten kam sie mit einem völlig aufgelöstem, total blutverschmierten Jérôme ins Zimmer. Soviel Blut, dass das Gesicht nicht mehr richtig zu erkennen war, die Haare verklebt, das T-Shirt nass. Mir wurde eilig die Wärmflasche in die Hand gedrückt, ich wurde gefragt, ob das erstmal reicht. Meine Probleme sind schlagartig ganz klein, ich zog mich zurück, die Pfleger hatten gerade wichtigeres zu tun.

Am nächsten Morgen beim Frühstück saß Jérôme mit am Tisch und ich sah, woher das ganze Blut stammte. Er hatte sich mit einer Rasierklinge beide Wangen und die Stirn mit unzähligen Schnitten geritzt. Die Wunden sind jetzt zwar versorgt, der Anblick aber nicht minder erschreckend. Natürlich ist er Gesprächsthema unter den Patienten und bei den Therapiestunden. Nicht aus Sensationshunger oder krankhafter Neugier, sondern weil jeder einzelne heftig auf diesen Anblick reagiert, auf diese Krise aus dem Nichts.
Ich habe bis dahin nur geritzte Arme und Beine gesehen, das Gesicht war mir neu. Und bis heute frage ich mich, wie groß der innere Druck gewesen sein muss, dass er nur durch eine solche Aktion abgebaut werden konnte.

Jérôme wurde daraufhin stationär aufgenommen. Da er nicht in meiner Therapiegruppe war, habe ich auch nie erfahren, was die Ursache für die Krise war oder wie es mit ihm weiter ging.
Ich hoffe und wünsche mir, dass er die ihm angebotene Hilfe annehmen konnte und seine Dämonen in den Griff bekommen hat.

 

* Diese Regelung nahm teilweise absurde Züge an. So musste ich einmal in die Hautklinik, da ich allergisch auf die stärkegestärkte Klinikbettwäsche reagierte und sie extra für mich einen Krankenwagen anfordern mussten, weil ich den Kilometer bis zur Klinik nicht alleine laufen durfte. Ich hätte in dieser Zeit ja den nächsten Dönerladen leerkaufen können oder so.

Geburtshaus oder Uniklinik

Ich hatte am Dienstag meinen ersten Termin bei der Hebamme. Das Gespräch war sehr angenehm und sie erkundigte sich ausführlich nach meine Vorgeschichte und allen sonstigen relevanten Themen. Sie drückte mir auch was zum Lesen in die Hand und erklärte mir das Vorgehen und was alles zu beachten sei. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl und hatte auch keine Probleme, über eher unangenehme Dinge zu sprechen.

Ich habe nur an dem Punkt ein wenig gestockt, als sie meinte, das wäre ja jetzt meine dritte Schwangerschaft. Sie hat ja recht, aber für mich ist dieses Ereignis schon wieder so weit weg, dass es in meinem normalen Denken gar nicht mehr vorkommt. Sie erkundigte sich, wie das für mich war und wie ich diese Geburt erlebt habe. Ich musste eingestehen, dass ich das überhaupt nicht als Geburt betrachtet habe, da es sich nur anfühlte wie eine verspätete Periode. Sicherlich geholfen hat dabei, dass auf dem Ultraschallbild kein Fruchtkörper und erst recht kein Herzschlag zu sehen war. Wäre dies anders gewesen, hätte ich vermutlich auch mehr daran zu knabbern gehabt. Beim drüber reden merkte ich auch, dass für mich dieses Thema wirklich abgeschlossen ist und nicht nur durch die aktuellen Ereignisse überlagert wurde.

Am Ende des Gesprächs fragte mich die Hebamme, ob ich mir schon Gedanken gemacht habe, wo ich denn entbinden möchte. Spontan hätte ich Uniklinik gesagt, wie beim ersten Mal. Ich hätte auch nichts gegen das Geburtshaus, wenn die da auch die etwas härteren Schmerzmittel zur Verfügung hätten. Ich brauch nicht unbedingt eine PDA, aber Paracetamol als stärkste Droge ist mir eventuell zu wenig. Da habe ich Angst, dass es mir dann doch zu viel zu heftig wird.

So beschäftige ich mich also seit Dienstag mit der Frage, ob ich mir eine Geburt im Geburtshaus zutraue oder doch wieder auf die Sicherheit der Uniklinik zurückgreife. Es gibt für beides Pros und Kontras, und im Moment weiß ich nicht, was überwiegt. Zum einen ist noch ein wenig Zeit bis zur Entscheidung, zum anderen hält sie mir den Platz im Geburtshaus noch ein wenig frei und ich könnte mich jederzeit auch noch umentscheiden.

Und sonst so?
Aufregende Ereignisse auf Arbeit, die mich, würde ich noch arbeiten, ziemlich direkt und heftig betreffen würden. So aber bleiben anderthalb Jahre, in denen sich die Dinge immer noch ändern können.
Körperlich geht es mir besser, nur aufrechtes Sitzen wird immer schwieriger. Werde mir deswegen die nächsten Tage ein neues Notebook fürs Sofasurfen zulegen.
Psychisch ist es eher so lala. Ich kann total schlecht einschlafen, bin viel am Grübeln, obwohl ich eigentlich keinen echten Anlass dazu habe. Mal schauen, wie sich das entwickelt.

Achja, der Krümel turnt fleißig in mir rum und mittlerweile spüre ich ihn auch von außen ❤