28 Stunden

Um 7 Uhr am Dienstag Morgen fanden wir uns in der Uniklinik ein. Als erstes mussten wir zur Anmeldung, alle unsere Daten aufnehmen und eine Unmenge an Klebeettiketten ausdrucken lassen. Mit einem kleinen Stapel an Papierkram, Klebekram, Stoffbeutel und Kugelschreiber sollten wir dann auf Station gehen.

Mittlerweile kenne ich mich so gut in der Klinik aus, dass mir bunte Klebelurche auch nicht mehr weiter helfen und keine zwei Minuten später standen wir am Stützpunkt der kinderchirurgischen Station. Dort wurden die Etiketten und das U-Heft in Empfang genommen und wir bekamen ein Zimmer zugewiesen. Zu diesem Zeitpunkt gingen wir immer noch davon aus, dass die OP für 7:30 Uhr angesetzt war, obwohl ich nicht mehr wirklich daran glaubte. Ich hätte dafür mehr Action erwartet.

Es wurde halb Acht, es wurde um 9 Uhr, es wurde halb 10 Uhr. Es tat sich nichts. Irgendwann sagte mir „meine“ Schwester, dass die OP für 10:30 Uhr geplant war. Immerhin eine erste Aussage. Meine Süße brabbelte vergnügt vor sich hin, sie störte es nicht, dass sie seit 3 Stunden kein Frühstück hatte. Das letzte Mal wurde sie um 3 Uhr nachts gefüttert, das nächste Mal wäre sie unter Normalumständen um 9 Uhr dran gewesen. Da ihr das aber niemand gesagt hatte, ignorierte sie das einfach und wurde ganz spontan gegen 10 Uhr müde.

Ich wiegte sie in den Schlaf und kurz darauf ratzte sie tief und fest in meinem Arm. Ich saß so vor ich hin auf einem Stuhl in dem Krankenzimmer und harrte der Dinge, die da kommen mögen. Und sie kamen. In Form des Stationsarztes und seines Tross. Der Arzt fing an, mich vollzulabern, ich immer noch mit dem gerade eingeschlafenen Kind auf dem Arm. Ich schaute ihn nur verständnislos an, was will der jetzt von mir? „Meine“ Schwester kam zufällig ins Krankenzimmer und wies den Arzt darauf hin, dass dieses Kind gerade eingeschlafen ist, nüchtern sein muss für die OP, und eine Störung eher kontraproduktiv sei.

Ich hätte sie knutschen können, wenn ich nicht gerade das schlafende Kind auf dem Arm gehabt hätte. Der Arzt musste natürlich sein Gesicht wahren und so fragte er mich belangloses Zeug wie ob denn die Temperatur des Kindes ok gewesen sei und wie es mit dem Stuhlgang aussähe. Nach 4 Fragen, und wie ich hoffe meines grummeligen Blickes wegen, trat er den Rückzug an, seine Armada von Ärzten im Praktikum hinter sich her ziehend.
Aber leider gab es immer noch keine Aussage, wann die Kleene denn nun dran wäre.

Mittlerweile war es 11 Uhr geworden. Die letzte Mahlzeit war 8 Stunden her, die letzte Flüssigkeit 3 Stunden, wobei das nur ein paar Tropfen Wasser waren. Wir warteten geduldig, wobei mein Mädchen eine besondere Geduld an den Tag legte.

Immer wieder lief ich mit meiner Süßen auf dem Arm am Schwesternstützpunkt vorbei. Ich wollte den Schwestern, die genügend andere Aufgaben zu erledigen hatten, keinen unnötigen Stress verursachen, aber so ungefähr wissen, wann mein Kind dran wäre, wäre schon cool. Meine Schwester hatte mir schon vor Stunden mitgeteilt, dass 10:30 Uhr DER Termin war, aber die Realität sah anders aus.

Es wurde 11 Uhr, es wurde 12 Uhr, es wurde 12:30 Uhr. Ich bekam mein unglaublich leckeres Mittagessen, irgendein Fisch mit gedünstetem Gemüse und unsäglich harten Kartoffeln. Alle Zutaten schmeckten genau gleich, vor allem die Dillsoße. Während ich mir das Futter hinter die Kiemen schob, schaute meine Kleine interessiert zu und wartete, dass ich ihr auch was in den Mund schob. Was ich aber nicht tat, Rabenmutter und so.

Um 13 Uhr schaute ich wieder am Schwesternstützpunkt vorbei und meine Schwester rief erneut im OP an, ob denn mittlerweile bekannt sei, wann die Kleine dran ist. Leider gab es immer noch keine neuen Informationen, aber die Aussage, dass das Kind an den Tropf angeschlossen werden solle, damit es nicht völlig dehydriert. Ich bin wieder aufs Zimmer gegangen, die Schwester wollte nur alle notwendigen Zutaten besorgen.

Als sie wenige Minuten später mit leeren Händen ins Zimmer kam, schaute ich ein wenig verwundert, doch sie löste das Rätsel schnell auf. Der OP hätte angerufen, es könne jetzt losgehen und wir sollen in den Aufwachraum kommen. Also schnell das Kindlein in ein schickes Baby-OP-Hemd gekleidet. Die Schwester schmierte Betäubungssalbe auf mögliche Einstichstellen für venöse Zugänge und klebte Folie darüber, damit das nicht verschmiert. Mit meiner Süßen im Bettchen fuhren wir zum Aufzug und auf dem Weg dahin schnappte ich etwas von einem Notfall auf, ein Junge mit Hodentorsion, dem ich jedoch mangels medizinischer Kenntnisse keine größere Bedeutung beimaß.

Im Aufwachraum wurden wir von den Schwestern in Empfang genommen. Gleichzeitig mit uns traf ein großes, leeres Krankenbett ein, von dem es nur hieß, das wäre für einen Notfall. Die Schwestern gingen von irgendeinem Notfall in nicht näher bestimmter Zukunft aus und schoben das Bett in eine Ecke. Die Anästhesieschwester schaute sich die Akte meines Kindes an und machte sich dann mit einer Spritze an einem Fläschchen zu schaffen.

Ich fragte, ob dies der Beruhigungssaft sei, was sie bejahte. Ich wies sie darauf hin, dass ich mit der Anästhesieärztin aber vereinbart hatte, dass der Saft nur im Notfall nötig sei und es erstmal ohne probiert werden soll. Ich zeigte ihr die entsprechende Stelle in der Akte, die sie einfach übersehen hatte. Die Schwester rief dann noch jemand wichtiges an, um wirklich sicher zu gehen, bekam aber von dort auch grünes Licht und packte den Saft wieder weg.

Er war tatsächlich zu diesem Zeitpunkt nicht nötig, meine Kleene war trotz Hunger und Durst erstaunlich gut gelaunt, krabbelte in ihrem Bett und strahlte sämtliche andere Anwesenden an. Einer dieser Anwesenden war ein etwas 3-jähriger Junge, aufgrund jeglicher fehlender Behaarung vermutlich Krebspatient, der gerade von einer größeren OP aufwachte, immer die Hand seines Papas haltend. Je wacher er wurde, desto fröhlicher wurde er auch und allen Anschein nach kannte er sich im Aufwachraum gut aus und auch die Schwestern waren ihm nicht unbekannt. Ich fand es stark, wie locker er das alles wegsteckte, so lange sein Papa in der Nähe war, gleichzeitig machte mich das auch unglaublich traurig. Krebs hat in Kindern einfach nix zu suchen.

Kurz nachdem der kleine Junge auf Station geschoben wurde, öffnete sich die Tür und ein schmächtiges verängstigtes Mädchen kam mit seiner Mutter in den Raum. Sie wären der Notfall, von dem aber im Aufwachraum immer noch niemand etwas wusste. Aber immerhin war ja ein Bett da und die Schwestern sind routiniert genug, um zu wissen, was getan werden muss. Erstmal ausziehen, schickes OP-Hemdchen an, viel gutes Zureden und Trösten.

Noch während sich das Kind umzog, betraten mehrere Ärzte das Zimmer und begannen mit der OP-Aufklärung. Sie fragten nach Allergien und dem ganzen Kram. Ich wollte da nicht unbedingt lauschen, aber die ganze Szene fand keine 2 Meter von mir entfernt statt und da ich meine Kleene auf dem Arm hatte, war Ohren zuhalten nur schwer möglich.
10 Minuten war der Spuk vorbei, das Mädchen wurde in den OP geschoben und die Mama auf Station geschickt, um dort erstmal alle Formalitäten zu erledigen.

Da wir nun auch schon wieder eine halbe Stunde warteten, fragte ich mal vorsichtig nach, wann wir denn dran seien. Tja, der Notfall des Jungen hatte sämtliche Pläne verschoben. Welcher Junge, fragte ich, und die Schwestern sagten, dass das Gewusel gerade um einen Jungen ging. Ich hätte schwören können, dass das ein Mädchen war, so feingliedrig wie er aussah. Die sehr langen Haare taten ein übriges in in meiner Wahrnehmung. Also war dies wohl der auf Station erwähnte äußerst schmerzhafte Notfall.

So mussten wir nun warten, bis der Notfall durch war, ehe wir dran kommen konnten. Irgendwann kam jemand vom OP-Team in den Aufwachraum und plauderte mit den Schwestern und ich schnappte „und dann machen wir erstmal Mittag“ auf. Definitiv nichts, was ich in dem Moment hören wollte. Ändern konnte ich aber auch nichts, denn hungrige Ärzte sind unkonzentriert und das Risiko wollte ich genauso wenig eingehen.

Meine Süße wurde unruhig und ich tanzte mit ihr durch den Raum, der gerade frei von irgendwelchen Notfällen oder aufwachenden Patienten war. Die Schwestern machten auch gerade Mittag und wir hatten unsere Ruhe. Irgendwann rieb sich mein Mädchen die Augen und zog an ihren Ohren, ein ganz sicheres Zeichen, dass sie müde ist. Ich wiegte sie so lange hin und her, bis sie eingeschlafen war. Keine 3 Minuten später kam jemand vom OP-Team und meinte, es könnte jetzt los gehen.

Ich küsste sie zum Abschied und übergab sie der Ärztin, schaute ihr hinterher, bis sie hinter einer Tür verschwand und ging auf Station. Es war mittlerweile halb 3, ich war erschöpft durch das viele Tragen, erleichtert, dass es endlich los ging und gleichzeitig besorgt, ob denn alles gut gehen würde.

Ich versuchte, mich abzulenken, nicht nachdenken zu müssen und erstaunlich kurze Zeit später kam eine Schwester und meinte, ich könne wieder in den Aufwachraum. Ein Steinbruch purzelte mir vom Herzen. Fünf Minuten später stand ich neben meinem tief schlafenden Mädchen und sah ihr beim Atmen zu. Eine Schwester stellte mir einen Stuhl neben das Bett, ich setzte mich drauf, schob meine Hand durch das Gitter und hielt ihr die Hand.

Bald fing sie an, sich zu bewegen. Erst den Kopf nach links oder rechts gedreht, dann ein wenig geschnieft, bevor sie blinzelnd die Augen öffnete. Dann ging alles sehr schnell. Sie streckte sich, sie blinzelte noch ein wenig und dann setzte sie sich hin und wollte Action. Die Schwestern im Aufwachraum staunten nicht schlecht, fanden es aber toll, dass sie so gut gelaunt angestrahlt worden. Eine Schester wurde von Station gerufen, damit wir wieder nach oben gebracht werden können und 10 Minuten später waren wir in unserem Zimmer.

Ich legte meine Süße erstmal ausgiebig an, meine Brüste waren kurz vorm Platzen, da sie 12 – 16 Stunden nicht mehr gefordert waren. Mein Mädchen war so ausgehungert, dass es ihr ein Leichtes war, mir Erleichterung zu verschaffen. Derart vollgestopft und immer noch ziemlich erschöpft fiel sie kurz darauf in meinen Armen in den Schlaf und ich war froh, sie halten und wiegen zu können. Kaum hatte sie 5 Minuten geschlafen, ging die Zimmertür auf. Ich dachte zuerst, die Schwester wolle nach uns schauen, aber nein, sie hatte einen neuen Mitbewohner im Schlepptau.

Kaum war dieser in den Armen seines Vaters über die Zimmerschwelle gekommen, fing er an, wie am Spieß zu brüllen. Ich konnte nur noch „Das ist jetzt nicht euer Ernst?!“ denken und es entschlüpfte mir auch ein lautes „Oh nein“. Ich war so froh, dass meine Süße eingeschlafen war und jetzt folgte hier so ein Terror und da wusste ich noch nicht, was noch an Terror folgen sollte. Das andere Kind schrie und schrie, mein Kind schaute nur verstört, blieb aber ansonsten ruhig. Nach einer Viertelstunde dieses Gebrülls setzte ich mein Kind ins Bett und verließ das Zimmer. Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und brauchte erst mal einen Tee und musste ganz tief durchatmen.

Als ich kurz darauf ins Zimmer zurück kehrte, saß meine Süße immer noch völlig konsterniert in ihrem Bett und schaute dem Jungen beim Brüllen zu. Der Vater versuchte über das Gebrüll hinweg am Telefon seiner Frau klar zu machen, dass sie ins Krankenhaus kommen solle. Diese schien das nicht zu begreifen und immer wieder musste der Mann ihr erklären, dass es nicht möglich ist, dass er hier mit einer fremden Frau (= mir) in einem Zimmer übernachten darf.

Irgendwann war der Junge so erschöpft vom Brüllen, dass er es einfach einstellte. Allerdings durfte niemand Fremdes an sein Bett heran und Papa durfte nicht weg von ihm. Dieser hatte sich in sein Schicksal ergeben und spielte mit seinem Handy, während sein Kind immer und immer wieder nach im fragte. Störte den Papa aber nicht, erst als sein Kind wieder anfing mit Schreien reagierte er.

Ich kuschelte während dessen mit meiner Kleinen, stillte sie immer wieder, spielte mit ihr, beruhigte sie. Sie schaute immer wieder verschreckt hoch, wenn der Junge den nächsten Wutanfall hatte, was so aller 10-15 Minuten der Fall war. Es gab Abendbrot und für mich eine Entschuldigung, das Zimmer für wenige Minuten verlassen zu können. Mein Mann besuchte uns, überzeugte sich, dass es seiner Tochter wirklich gut geht. Da Krankenhäuser so gar nicht sein Fall sind, wir eh am nächsten Tag entlassen werden sollten und dieser brüllende Junge echt nicht der Brüller war, blieb er nur kurz.

Während dessen telefonierte der Papa noch zwei weitere Male mit der Mutter, welche offensichtlich nicht wusste, wo die Uniklinik ist oder wie sie dahin kommen sollte. Ich finde es eine erstaunliche Leistung, da die Klinik sehr zentrumsnah liegt, ungefähr 4 normale Wohnblöcke umfasst und sehr gut ausgeschildert ist. Selbst als frisch Zugezogener, was sie aber nicht war, hat man relativ schnell herausgefunden, wo man hin muss. Egal, Mama tauchte mit einem nicht näher bekannten Mann auf. Beide betraten grußlos das Zimmer, schauten nur kurz zu uns rüber, bevor sie sich dem Kind widmeten.

Die Mutter fragte erneut, warum denn nicht der Papa im Krankenhaus bleiben könne und er erklärte es ihr erneut. Sie schien es trotzdem nicht zu verstehen, fügte sich aber in ihr Schicksal. Der unbekannte Mann verabschiedete sich wieder und kurz darauf tat das auch der Papa, was einen erneuten Wut- und Schreianfall zur Folge hatte. Erstaunlicherweise blieb meine Süße die ganze Zeit über ruhig, obwohl ich ihr ansah, dass sie völlig erschöpft war und eigentlich nur schlafen wollte.

Da ich selber kurz vorm Umfallen war, kann ich mich an die genauen Ereignisse des Abends nicht mehr erinnern. Ich versuchte, so schnell wie möglich die Nachtruhe einzuläuten. Es nützte nur bedingt etwas, da der Junge aller Stunden wach wurde und nach seiner Mutter brüllte. Wenn diese dann am Bett stand, brüllte er nach seinem Vater. Manchmal brüllte er auch einfach nur so. Meine Kleene schlief entsprechend unruhig, kam oft und so dösten wir uns gemeinsam durch die Nacht. Dass stündlich, gerade wenn alles wieder ruhig geworden war, die Nachtschwester kam und uns mit einem Suchscheinwerfer in die Gesichter leuchtete, fiel dann auch nicht mehr ins Gewicht.

Am Ende der Nacht stand ein karges Frühstück und meine Süße mit extremen Augenringen. Ich war so erschrocken, als ich die dunklen Ringe sah, ich wäre am liebsten sofort nach Hause geflüchtet. Doch mussten wir noch auf den Arztbericht warten. Um 8 Uhr war dann die Erschöpfung zu groß für mein Mädchen, sie schlief in meinen Armen ein und ratzte und ratzte und ließ sich durch kein Gebrüll der Welt mehr stören.

Es kam der Arzt, erklärte mir, dass bei der OP festgestellt wurde, dass die Ureterozele nicht wieder zusammen gewachsen war und auch alle anderen Zu- und Abflüsse offen waren. Also das Optimum in ihrem Zustand. Er würde noch den Arztbrief fertig machen und einen Termin für die nächste Kontrolle vereinbaren, dann dürften wir gehen.

Wir warteten geduldig, ich packte meine Sachen zusammen, gab meinem Mann und meinen Eltern Bescheid. Die Schwester erlöste mein Kind von ihrem Zugang und dann kam endlich der ersehnte Arztbrief. Wir waren entlassen.

Um kurz nach 11 verließen wir die Klinik gen Heimat, wo wir erstmal ausgiebig Mittagsschlaf machten.

 

Leben in Warteposition

Es gibt Situationen, in denen sich alles ändert. Dinge laufen viel langsamer ab als sonst, die bekannte Welt schrumpft und Prioritäten verschieben sich dramatisch.

Für mich begann ein solche Situation mit dem Anruf, dass wir am nächsten Tag stationär ins Krankenhaus sollten. Gleichzeitig begann damit auch eine quälende Warterei.
Ich wartete. Darauf, dass es endlich los ging. Darauf, dass ein Arzt kam. Darauf, dass mein Mädchen wach wird. Ich wartete auf alles mögliche und fürchtete zugleich diese Momente. Die daraus resultierende Zerrissenheit ist unglaublich zermürbend.

Wir packten also am Mittwoch Morgen unsere Sachen und begaben uns zur vereinbarten Zeit ins Krankenhaus, wo wir auch schon erwartet wurden. Während ich an der Anmeldung sämtliche Formalitäten klärte, wurde die Kleene bereits auf der Station aufgenommen, vermessen und das erste Mal begutachtet. Als ich dazu kam, war dieser Teil fast abgeschlossen und mir wurde das Zimmer gezeigt. In einer Ecke stand ein offensichtlich bereits belegtes Bett, in einer anderen ein schwarzer Sessel. Dieser wurde mir als meine zukünftige Bettstatt vorgestellt, was ich allerdings für einen Scherz hielt.

Es war nur keiner, denn fünf Minuten später meinte die Schwester, sie würde versuchen, ein Klappbett zu organisieren, aber falls keines mehr da wäre, könnte der Sessel ausgeklappt werden. Das war das erste von ganz vielen Malen, an dem ich am liebsten sofort wieder nach Hause gegangen wäre.
Mir wurde mein Spind gezeigt, mein Nachtschränkchen, das Bad, die Schwesternstation, die Getränkestation, die Küche, alles nur mit knappen Erklärungen begleitet, wenn überhaupt. Ich hatte ja die nächsten Tage genügend Zeit, alles selbst heraus zu finden.

Als nächstes wartete ich auf die Blutabnahme.
Bei selbiger war mein Mädchen unglaublich tapfer. Die Schwestern wollten ihr Blut vom Kopf abnehmen, weil dort die Venen am besten zu sehen waren. Sie meinten zudem, sie hätten gerne, wenn das Kind richtig schreit, weil dann das Blut durch die Anstrengung besser fließen würde und bei so kleinen Babies wäre es schwierig, die benötigte Menge an Blut zu bekommen. Nur hatten sie die Rechnung ohne mein Kind gemacht. Nach einem kräftigen Brüller direkt nach dem Einstich beruhigte sie sich wieder und lang dann friedlich auf der Liege und harrte der Dinge, die da noch kommen mögen, während die Schwestern an ihrem Kopf rumdrückten und fieberhaft versuchten, die drei kleinen Röhrchen mit Blut zu füllen, was ihnen letztendlich auch gelang.

Danach war es Zeit fürs Mittagessen und ich war gespannt, wie es schmecken würde, hatte ich doch die verschiedensten Horrorgeschichten im Hinterkopf. Da ich mich am Vortag nicht für ein bestimmtes Gericht anmelden konnte, musste ich nehmen, was mir angeboten wurde und das war Hühnerbrust mit Kartoffeln und Möhrengemüse. Durchaus essbar, wenn auch fad gewürzt, was jedoch zu erwarten war.

wpid-20140402_115252.jpg

Dann wieder warten. Auf die OP-Aufklärung. Die Anästhesie-Aufklärung. Das Klappbett. Welches im Laufe des Nachmittags kam, im noch zusammengeklappten Zustand. Ich wartete auf einem harten Stuhl, der mit jeder Minute unbequemer wurde. Gerne hätte ich mich auf das Bett gelegt, durfte es aber alleine nicht aufbauen.

Wie ich sehr viele Dinge nicht alleine durfte. Mir beispielsweise Obst vom Essenswagen nehmen, das durfte aus Hygienegründen nur die Essensausgeberin, wie sie mir unmissverständlich klar machte.

Alleine allerdings durfte ich das Kind wickeln, das Babybett sauber machen, gefühlt permanent Temperatur beim Kind messen. Am späten Nachmittag kam der Papa nochmal vorbei und wir sind raus in den Park gegangen, ein wenig Sonne und Ruhe abfassen. Meine Zimmergenossin hatte seit Mittag erst ihre Mutter zu Besuch, ab Nachmittag kamen dann noch Mann und Kind dazu und alle waren ständig am Schwatzen, über was, weiß ich nicht, da sie sich auf Russisch unterhielten.
Durch den Spaziergang verpasste ich das reguläre Abendessen und durfte dann bei der Essensdame, bei der ich schon zum Kaffee negativ aufgefallen bin, um zwei Scheiben Brot und etwas Wurst betteln. Ich musste alles ganz fix essen, denn um 19 Uhr musste das gesamte Geschirr abgewaschen sein und sie dürfe nachträglich nichts per Hand spülen, besagt die Krankenhausvorschrift.

Die Nacht verlief einigermaßen ruhig, außer dass aller Stunden eine Schwester mit Taschenlampe in den Zimmern nachschaute, ob alle Patienten noch da sind.
Ich hatte mir vorsorglich den Wecker auf 3 Uhr gestellt, zu diesem Zeitpunkt durfte das Kind zum letzten Mal vor der OP gestillt werden. Das klappte auch ganz gut und wir waren gerade wieder eingeschlafen, als mich die Nachtschwester weckte und meinte, ich solle doch das Kind stillen, wäre ja das letzte Mal vor der OP. Hmpf.
Ich hoffte, dass sich das Kind ordentlich voll gefuttert hatte und bis zum Morgen schlafen würde, aber nein, mein Mädel wurde um 5 Uhr wach und hatte Hunger. Zwei Stunden lang.
Ich versuchte, sie so gut es eben ging zu beruhigen und zählte die Minuten bis 7:30 Uhr, wollte aber gleichzeitig die Zeit anhalten, um mein Mädchen nicht hergeben zu müssen.

Pünktlich holte uns eine Schwester ab und brachte uns in den Aufwachraum, wo wir noch so lange miteinander kuscheln durften, bis das OP-Team komplett war. Mit uns wartete ein ca. 14-jähriger Junge, der immer wieder zu uns herüber schaute. Sicher bereute er in diesem Moment seine Entscheidung, die Mama nicht vor der OP dabei haben zu wollen, er wäre doch kein Kind mehr, aber so aufgeregt und unsicher wie er aussah, hätte ihm eine mütterliche Umarmung bestimmt gut getan.
Meine Kleine wurde mir dann von einer Schwester abgenommen und in den OP gebracht, während ich auf wackligen Beinen und den Tränen nahe wieder auf mein Zimmer ging und wartete.
Es gab Frühstück und ich würgte appetitlos das Brötchen herunter und zählte wiederum die Minuten. Ich sah der Putzfrau staunend zu, wie sie mit dem Wischer das ganze, ca. 30 Quadratmeter große Zimmer in einem Rutsch reinigte nass machte. Eine weitere Schwester wischte Staub. Dazwischen eine Meute Weißkittel, die Visite hielt. Ein wenig Abwechslung bei der Warterei.

Ich war so durch den Wind, dass ich gar nicht checkte, dass der Arzt, der kurz nach 9 Uhr das Zimmer betrat, zu mir wollte. Erst, als er schon zwei Sätze auf mich eingesprochen hatte, begann mein Gehirn die Informationen auch zu verarbeiten. Die OP ist gut verlaufen, die Ureterozele wurde geschlitzt und ist sofort in sich zusammengefallen. Es gab keine Komplikationen und mein Kind liegt bereits im Aufwachraum, wohin ich in Kürze gehen dürfte.
So richtig kapiert hab ich das in dem Moment alles nicht, ich nickte automatisch und bedankte mich beim Arzt. Und wartete wieder.

Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit, obwohl es in Wirklichkeit nur 10 Minuten waren, kam eine Schwester und brachte mich zum Aufwachraum. Als erstes sah ich das leere Kinderbett, in dem noch ihr Drache hockte. Erst als mich die Aufwachraumschwester in Empfang nahm, bemerkte ich, dass mein Kind in einem Wärmebettchen lag und ein Monitor ihre Vitalwerte anzeigte  und munter vor sich hin piepte. Die sehr nette Schwester erklärte mir, dass sie nach der Operation ein wenig ausgekühlt sei und sie deswegen im Wärmebett liegt, bis sichergestellt ist, dass sie alleine die Temperatur halten kann. Wenn der Monitor hektisch zu piepsen anfinge, solle ich mir keine Sorgen machen, die Sensoren messen mitunter nicht richtig, besonders bei so kleinen Kindern. Erst wenn die Schwester herbei geeilt käme, wäre es mehr als nur ein verrutschter Sensor.
Ahja.

Ich setzte mich neben das Wärmebett, schaute mein Mädchen an und wartete.
Die Schwester schaute immer wieder mal vorbei, stellte erst die Wärmelampe über dem Bett aus, dann die Heizung des Bettes selber und prüfte, ob alles so ist, wie es sein sollte. Das Kindlein schlief.
Zwischendrin wurde der Jugendliche vom Morgen in den Aufwachraum gebracht. Ich war froh und erleichtert, dass er seine OP auch gut überstanden hatte. Ich musste schmunzeln, als er, einigermaßen wieder zu sich gekommen, darum bat, dass seine Mama darüber informiert würde, dass alles gut gegangen ist, sie mache sich sicher Sorgen.
Nach zwei Stunden im Aufwachraum, davon eine Stunde lang ohne äußere Wärmezufuhr durften wir zurück auf die Station, natürlich nur im Begleitung einer Schwester.
Auf Station angekommen, wartete ich, dass die Kleene wach wird. Sie aber schlief und schlief und schlief. Sehr zum Leidwesen meiner Brüste, die mir zu verstehen gaben, dass 8+ Stunden ohne Entleerung nicht im Sinne des Erfinders und vor allem schmerzhaft sind.

Meine Warterei wurde durch das Mittagessen unterbrochen, diesmal irgendetwas Fischiges mit Reis und nennen wir es mal Gurkensalat.

wpid-20140403_120120.jpg

Ich rief meinen Mann an und fragte, ob und wann er denn an diesem Tag vorbei kommen wollte, was dieser wiederum als Startschuss verstand und sich sofort auf den Weg machte. Während ich also darauf wartete, dass die Kleene aufwacht, wartete ich auf meinen Mann. Als dieser dann kam, war er recht enttäuscht, dass sein Nachwuchs immer noch seinen Rausch ausschlief. Auch die Schwestern schauten immer wieder nach.

Da meine Brüste mittlerweile heftig schmerzten, versuchte ich, mein Mädchen sanft zu wecken. Dort ein Kitzeln, da ein Streicheln, aus dem Bett nehmen, mit ihr sprechen – alles nur mit mäßigem Erfolg.

Gegen 14 Uhr zeichnete sich ein Ende der Aufwachwartezeit ab, eine halbe Stunde später wollte sie dann tatsächlich das erste Mal etwas trinken.
Riesengroße Erleichterung.
Der Familienanhang meiner Zimmerkollegin hatte sich in der Zwischenzeit wieder vollständig eingefunden. Da ich dafür keinen Nerv hatte und draußen herrlich die Sonne schien, fragten wir, ob wir mit der Kleinen eine Runde in den Park dürften. Durften wir nicht, es wäre zuviel für sie. Kurz darauf ging mein Mann wieder heim und ich wartete alleine.
Auf die Vesper. Auf das Abendessen. Auf die nächste Wachphase des Kindes. Darauf, dass irgendwas passiert.
Aber außer einem Kontrollultraschall, bei dem festgestellt wurde, dass sich die Stauung bereits verkleinert hatte, wurde meine Warterei durch nichts unterbrochen.

Ich las mein Buch zu Ende, spielte mit meinem Handy und wartete, dass ich endlich schlafen gehen konnte.
Kaum lag ich im Bett, war ich auch schon eingeschlafen. Gegen Mitternacht weckte mich mein Kind und hatte Hunger. Und was für welchen. Nach über einer Stunde Dauertrinken und Nuckeln an der Brust, konnte ich nicht mehr, die Schmerzen wurden zu groß. Dem Baby war das egal, es wollte mehr. Mehr trinken. Oder mehr kuscheln. Oder was auch immer. Auf jeden Fall schrie es, was ich bisher gar nicht kannte.
Ich wartete darauf, dass sie sich beruhigt, doch erst gegen 2 Uhr, nachdem ich sie improvisiert gepuckt und eine Stunde durchs Zimmer geschleppt hatte, selber ständig kurz davor, vor Erschöpfung umzufallen, hörte sie auf und schlief einfach ein.
Und schlief, bis wir morgens von den Schwestern geweckt wurden.

Wir sollten an diesem Tag entlassen werden, aber niemand konnte uns sagen, wann das ungefähr sein wird. Ich wartete wieder, diesmal darauf, dass uns irgendjemand informiert. Die Warterei wurde durch einen neuerlichen Ultraschall unterbrochen, bei dem die Ärztin jedoch keine weitere Veränderung feststellen konnte.
Gegen 11 Uhr fragte ich bei den Schwestern, die sich bis dahin außergewöhnlich rar gemacht hatten, nach, ob und wann ich denn nach Hause könne, wurde aber auf die noch ausstehende Visite vertröstet.
Ich weiß nicht, wann genau, aber letztendlich tauchte die Armada der Weißkittelberockten auf und gaben uns grünes Licht für die Entlassung. Ich solle am Montag zum Kinderarzt zur Kontrolle und in 3 Wochen zur Nachsorge in die Klinik. Mach ich alles, nur lasst mich endlich da raus.

Ich rief meinen Mann an, er solle uns abholen. Während ich auf ihn wartete, führte ich mir ein letztes Krankenhausmittagessen zu Gemüte, Geflügelkräuterbällchen mit Kartoffelmus und Wurzelgemüse, das unleckerste der drei Gerichte.

wpid-20140404_120720.jpg

Mein Mann kam und erlöste uns endlich von dieser unsäglichen Warterei. Das Leben findet wieder in Normalgeschwindigkeit statt, der Horizont erweitert sich. Knapp drei Tage war ich der Welt entrückt, keine Nachrichten, kein Fernsehen, keine Zeitung. Nur Sorge um mein Mädchen und warten.

Äußerlich hat sie den Krankenhausaufenthalt gut überstanden. Seelisch hat sie noch eine Menge zu verarbeiten. Seit gestern schreit sie nach jedem Stillen, lässt sich frühestens nach 10 Minuten Dauerbrüllens beruhigen und kommt nur noch im Tragetuch zur Ruhe. Vom tiefenentspannten, pflegeleichten Kind ist fast nichts mehr übrig. Ich hoffe, dass sich das bald legt und sie ihr sonniges Gemüt wiederfindet.

wpid-20140404_074835.jpg