Panic Monday – Nachtrag

Das Gespräch war  in etwa das, was ich befürchtet hatte.

Es wurde eröffnet mit „Frau Xayriel, gibt es etwas, was wir als Unternehmen tun können, damit Sie weniger Ausfallzeiten haben?“
Eigentlich ganz nett, aber dann ging es richtig rund. Dieses Jahr hätte ich schon 23 Tage krankheitsbedingt gefehlt, letztes Jahr waren es inkl. Urlaub um die 80 Tage. Wenn man das hochrechnet, werden es dieses Jahr wohl wieder mindestens 60 Tage werden (inklusive Urlaub versteht sich). So viel Abwesenheit ist nicht hilfreich in einer solch verantwortungsvollen Position.

Ich erwiderte, dass weder das Unternehmen noch ich in der Lage sind, diese Fehlzeiten zu beeinflussen, da weder das Unternehmen noch ich vorhersehen können, wann sich eines der Kinder das Bein bricht oder wegen einer notwendigen Operation ins Krankenhaus muss oder ich mir das Steißbein breche oder einen wirklich eklig-hartnäckigen Virus einfange. Um dies zu verhindern, müsste ich ins stille Kämmerlein gesperrt werden, die Kinder dürften nicht zum Training oder in den Kindergarten und überhaupt müsste jeglicher Kontakt zur Außenwelt minimiert werden.

„Aber Frau Xayriel, Sie haben ja auch über Rückenprobleme geklagt und da wurde ja jetzt ein höhenverstellbarer Tisch bestellt.“ – „Ach, wurde das endlich gemacht?“
Das Attest des Betriebsarztes dazu hatte ich noch im alten Jahr erhalten. Ich erzählte dann, was für ein Spießrutenlauf es war, der über ein halbes Jahr dauerte, um das OK für den Tisch zu bekommen und dass, wenn man sich als Unternehmen ein wenig entgegenkommender gezeigt hätte, zwei der letztjährigen Krankheitswochen vermutlich hätten vermieden werden können.

„Aber was machen wir denn nun mit Ihnen?“
„Wenn es Ihnen zu unsicher ist, müssen Sie sich halt nach einem Ersatz umschauen. Die Ausfälle sind wie gesagt nichts, was ich beeinflussen kann oder was ich forciere. Ich sage ja meinem Kind nicht, es soll sich das Bein brechen. Und ich mache auch nicht blau, weil ich gerade keine Lust zum arbeiten habe.“
Mir war das an der Stelle echt zu dusslig.
„Das unterstellen wir Ihnen auch gar nicht.“ Der Einwurf kam einen Zacken zu zügig, um wirklich glaubhaft zu sein.

„Und dann haben Sie ja heute, direkt nach Ihrer Wiederkehr, Urlaub und Freistellungen wegen Schöffentätigkeit beantragt. Das sieht auch nicht sonderlich toll aus.“
„Ich dachte, es wäre von Vorteil, wenn ich die Termine, da sie ja nun bekannt sind, so zeitig wie möglich beantrage, damit sich alle darauf einstellen können. Immerhin sind die Gerichtstermine auch nichts, was ich beeinflussen kann, sondern die werden von außen vorgegeben.“
Dazu erklärte ich noch, dass ich mich bereits 2013 als Schöffe beworben hatte, zu einem Zeitpunkt, wo nicht mal in meinen kühnsten Träumen absehbar war, dass ich hier in dieser Firma landen würde. Mir wurde dann mitgeteilt, dass die Personalabteilung meinte, dass man für solche Tätigkeiten nur 3 Tage im Jahr freigestellt werden muss.* Worauf ich meinte, dass dies spannend ist, da niemand bei Gerichtsverfahren vorher genau sagen kann, wie viele Termine letztendlich benötigt werden und ich bei einem laufenden Verfahren nicht mittendrin sagen kann, dass ich nicht mehr mitmache kann, weil mich die Firma nicht mehr freistellt, weil dann nämlich das gesamte Verfahren neu aufgerollt werden müsste. Fand mein Chef ebenfalls nicht witzig, aber was willste machen?!

Insgesamt lief es also darauf hinaus, dass ich zu viel krank feiere. Ich denke nicht, dass damit mein Vertrag entfristet wird und jede neuerliche Krankheit wird mir über kurz oder lang wieder auf’s Brot geschmiert. Irgendwie weigere ich mich, jetzt zu hoffen und zu beten, dass weder meine Kinder noch ich erneut krank werden, weil ich das für den falschen Weg halte. Menschen werden krank, Menschen werden immer zum unpassendsten Zeitpunkt krank, Menschen haben Kinder, die krank werden, Menschen werden vom Bus angefahren.

Letztendlich fördert ein solches Verhalten doch nur, dass sich die Mitarbeiter todkrank zur Arbeit schleppen, dort die Kollegen anstecken und den Produktionsausfall potenzieren. Und es erzeugt einen Leistungsdruck, der zur innerlichen Kündigung oder zum Burn-out führt und den wieder gerade zu biegen, dauert wesentlich länger, als eine hartnäckige Grippe zu kurieren.

* Eine kurze Internetrecherche hat gezeigt, dass es da keine Begrenzung gibt. Der Arbeitgeber hat den Schöffen freizustellen und der Schöffe darf durch seine Schöffentätigkeit keine beruflichen Nachteile erleiden. Was freue ich mich darauf, dass morgen meinem Chef zu verklickern.

Ist ja kein Beinbruch

Öfter mal was Neues! Obwohl mit gebrochenen Knochen ins Neue Jahr starten hatte ich schon mal. Diesmal ist es ein Arbeitsunfall. Als Informatiker sind die Möglichkeiten, auf Arbeit zu verunfallen eher gering, es sei dann, man tackert sich versehentlich in den Oberschenkel oder klemmt sich einen Finger in der Tastatur ein. Da sind die Möglichkeiten auf dem Weg von und zur Arbeit ungleich größer und so ist auch mein Arbeitsunfall ein Wegeunfall.

Hier bei uns im Flachland war das Wetter die letzten Tage ein wenig unschlüssig, ob es uns nun doch den richtigen Winter schicken soll oder uns lieber noch ein wenig veralbert. Gestern morgen entschied es sich für die Veralbern-Option und zeigte 7 Uhr morgens satte 2 Grad plus bei sternenklarem Himmel.

Der Große und ich machten uns auf den Weg zur Schule. Der Boden war ein wenig feucht, aber die Temperaturen waren nicht niedrig genug, um das Wasser gefrieren zu lassen. Die auf dem Fußweg benutzten Gehwegplatten sind im Normalzustand schon glatt und bei Feuchtigkeit wird es schnell rutschig, aber es lag noch genug Split vom letzten Wintereinbruch auf dem Weg, um Schlimmeres zu verhindern.

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Bis auf diese eine Stelle.

Dort, wo seit über drei Jahren moderne Stadthäuser gebaut werden sollen, fehlen Bäume oder Häuser am Straßenrand und der Wind kann ungehindert durch diese Lücke pfeifen. Das hat den Boden gefrieren lassen und die Gehwegplatten waren spiegelglatt. Da die 100m vorher alles gut und unrutschig war, rechnete ich Null damit und mir zog es urplötzlich die Füsse weg und meine nicht unerhebliche Schwungmasse folgte brav der Schwerkraft. Das sah bestimmt aus wie in diesen Schwarzweiß-Slapstickfilmen:

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Jedenfalls war das Ergebnis nur halb so lustig für mich, denn mir taten mein Hintern und mein linkes Handgelenk ganz schön weh. Aber ein echter Indianer kennt keinen Schmerz und das Kind musste zur Schule und der Bus wartete auch nicht auf mich.

Auf Arbeit angekommen, ließ ich mich wie gewohnt auf meinen Bürostuhl plumpsen und sprang wie von der Tarantel gestochen wieder auf, denn das tat mal höllisch weh. Ich setzte mich ein wenig vorsichtiger hin – besser, aber immer noch weit entfernt von gut. Nach ein wenig Rumrutschen und Justieren saß ich dann schief auf halbrechts und konnte einigermaßen arbeiten.

Als mein Chef eine halbe Stunde später kam, erzählte ich ihm vom Missgeschick und er meinte, ich solle das von einem Arzt begutachten lassen und auf jeden Fall vorsorglich das Arbeitsunfallformular ausfüllen. Ich meinte darauf hin, dass ich unbedingt noch bei der Schulung für unser Ticketsystem an diesem Tag dabei sein wollte. Diese wurde bereits einmal verschoben und eine meiner Aufgaben ist es, eine verbindliche Handlungsanweisung für eben jenes Ticketsystem zu erstellen. Die Schulung zu verpassen hätte eine weitere 2- oder 3-monatige Verzögerung des ganzen Themas zur Folge gehabt.

Also Zähne zusammenbeißen und weiterhin schief auf den Stühlen rumlümmeln. 13 Uhr war ich endlich raus aus der Firma und bin nach Hause, weil mein Hausarzt erst um 14 Uhr aufmacht. Pünktlich fand ich mich dort ein, nur um mir mitteilen zu lassen, dass Arbeitsunfälle nicht vom Hausarzt, sondern von einem Durchgangsarzt begutachtet werden müssen.

Ahja.

Zum Glück gibt es bei uns ums Eck eine chirurgische Notfallklinik, die genau das tut. 3 Bushaltestellen später stand ich in dem vollen Wartezimmer, erzählte der Empfangsdame von meinem Missgeschick und sie stellte mir im Gegenzug ganz viele Fragen: Unfallhergang, Unfallzeitpunkt, reguläre Arbeitszeiten, Firma (Adresse wusste die Dame auf Anhieb, scheinen wohl öfter welche von uns zu verunfallen und sich dort behandeln zu lassen), Berufsgenossenschaft. Uh, mit der letzten Frage hatte sie mich erwischt und eiskalt als Ersttäter enttarnt.

Ich suchte die Telefonnummer unserer Hotline raus, rief an, und erhielt nach kurzer Beratung im Hintergrund die Antwort: Verwaltungsberufsgenossenschaft. Stolz trat ich vor die Empfangsdame und sie schalmeite mir schon VBG entgegen – definitiv war ich nicht die Erste.

Trotz des vollen Wartezimmers kam ich schnell dran und wurde zuerst zum Röntgen geführt, wo ich mich flach auf den Rücken auf die Röntgenliege legen sollte. Bis dahin hatte ich die Schmerzen gut im Griff, aber durch das Hinlegen und den Druck auf den unteren Rücken änderte sich das schlagartig. Zwei Knochenfotos und ich durfte mich wieder anziehen und vor dem Behandlungszimmer Platz nehmen.

Drei Minuten später rief mich der Arzt herein und fragte, wo es weh tut.
„Da unten.“
„Wo, da unten? Kreuzbein?“
„Na, dann unten eben, unterm Kreuzbein.“
„Dort?“ Und bohrte mir beiden Daumen da unterm Kreuzbein in die Haut.
„JAAAAAA, genau dort.“
„Oder doch eher hier oben?“ Und drückt schmerzfrei am Kreuzbein rum.
„Nein, dort nicht, darunter. Aber nicht nochmal die Daumen reindrücken!“

Er nickte, setzte sich an den PC und drehte den Monitor zu mir: Steißbeinbruch!

Behandlungsmöglichkeiten gleich Null, nix mit eingipsen oder sowas, sondern einfach nur abwarten und Ibuprofen hochdosiert nehmen. Er schrieb mich bis nächsten Freitag krank und bat mich, an jenem Freitag zur Kontrolle vorbei zu kommen.

Mach ich, Boss, aber nur, wenn Sie dann nicht mehr ihre Daumen da reinbohren!

 

© Foto von Flickr/onnola „Spur der Sterne“, (CC BY-SA 2.0)

© Gif von hier.