Nach Diktat verreist

Ich habe Post von meiner Anwältin bekommen, denn meine alte Firma hat auf ihr Schreiben reagiert. Sie hat mir eine Kopie der Antwort zukommen lassen. Seit ich dieses gelesen habe, rast mein Herz und ich möcht am liebsten irgendwas kaputt machen oder jemanden anschreien. Da mir meine Sachen aber doch recht teuer und meine Familie sehr lieb ist, schreibe ich lieber einen Blogeintrag dazu.

Am besten zitiere ich mal das Schreiben:

Tatsächlich ist der Arbeitsplatz Ihrer Mandantin auch entfallen.

Unrichtig ist, dass sich Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten auf einem anderen Arbeitsplatz ergeben haben oder bis zum Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist am 30.06.2015 hinaus ergeben werden. Die Position einer Projektassistentin im IT-Bereich gibt es nicht mehr. Susi (meine Vertretung) bekleidet diese auch nicht. Susi war ursprünglich als Vertreterin Ihrer Mandantin als Projektassistentin im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik im Bereich IT eingesetzt. Nachdem der Arbeitsplatz in der IT für eine Projektassistentin aufgrund der betrieblichen Veränderungen entfallen war, ergab sich eine Einsatzmöglichkeit für Susi aufgrund der besonderen gezeigten organisatorischen und kaufmännischen Leistungen im kaufmännischen Bereich (Finanzbereich) des Unternehmens. Susi hat im Gegensatz zu Ihrer Mandantin auch ein universitäres Studium, das sie zur Übernahme von Projektmanagementaufgaben im Finanzbereich befähigt. Susi ist nunmehr direkt der kaufmännischen Leiterin unterstellt und seit einiger Zeit dort tätig. Für diese Tätigkeit hatte Ihre Mandantin keine Qualifikationen und wäre Ihre Mandantin auch nicht geeignet. Die Tätigkeit verlangt eine andere Qualifikation, die Ihre Mandantin nicht vorweisen kann. Susi ist in dem Finanzbereich im Übrigen nicht erst seit Ausspruch der Kündigung dort eingesetzt. Dementsprechend hätte unsere Mandantin ohnehin keine Verpflichtung gehabt, Einsatzmöglichkeiten Ihrer Mandantin auf dem Platz von Susi zu prüfen. Der Arbeitsplatz ist nach Ausspruch der Kündigung nicht neu entstanden und auch nicht frei geworden.

Einzig und allein im Vergleich zu der ursprünglich einmal ausgeübten Tätigkeit als Projektassistentin im IT-Bereich ist geblieben, dass Susi ihren Arbeitsplatz in demselben Büro hat, in dem ursprünglich Ihre Mandantin gearbeitet hat. Dies ist aber den begrenzten örtlichen Möglichkeiten geschuldet, weil für Susi ein anderes Büro nicht zur Verfügung stand. Über ihren konkreten Einsatz, ihre Stellung und Zuordnung im Unternehmen besagt dies aber nichts.

Der Einsatz Ihrer Mandantin war hingegen auf den reinen IT-Bereich beschränkt. Ein arbeitgeberseitiges Direktionsrecht zu einem Einsatz in einem anderen Bereich bestand nicht. Die Assistenztätigkeit bezog sich ausschließlich auf IT-Themen. Dies ist mit den von Susi ausgeübten Tätigkeiten nicht vergleichbar.

Wir bitten deshalb um Verständnis dafür, dass unsere Mandantin keine Veranlassung sieht, die Abfindung zu erhöhen.

Boar, ich koche!

Nehmen wir das Schreiben mal auseinander.

aufgrund der besonderen gezeigten organisatorischen und kaufmännischen Leistungen im kaufmännischen Bereich (Finanzbereich) des Unternehmens.

Susi hatte genau die gleichen Aufgaben wie ich. Auch ich habe organisatorische und kaufmännische Leistungen erbracht!

Susi hat im Gegensatz zu Ihrer Mandantin auch ein universitäres Studium, das sie zur Übernahme von Projektmanagementaufgaben im Finanzbereich befähigt

Dieser Satz kommt einem Schlag ins Gesicht gleich. Es ist richtig, ich habe „nur“ einen Fachhochschulabschluss. Allerdings ist dies ein Diplom, für das ich 5 Jahre studiert habe. Im Fach Wirtschaftsinformatik. Susi hingegen hat einen Universitätsabschluss. Bachelor. Auch Wirtschaftsinformatik.

Die wollen ernsthaft behaupten, dass ein Bachelor höherwertiger ist als ein Diplom? 2 Jahre besser als 5 Jahre? Ernsthaft? Ob ich eine Anzeige wegen Beleidigung deswegen schreiben kann?

Für diese Tätigkeit hatte Ihre Mandantin keine Qualifikationen und wäre Ihre Mandantin auch nicht geeignet. Die Tätigkeit verlangt eine andere Qualifikation, die Ihre Mandantin nicht vorweisen kann.

Und weiter geht es mit den Beleidigungen. Wie gesagt, Susi hat nur den Bachelor und hatte während und nach dem Studium nur Stellen, die nie auch nur im Geringsten etwas mit Finanzwesen zu tun hatten. Logistikbranche ja, aber keine Finanzen.

Ich hingegen habe in meinem minderwertigen Fachhochschulstudium mehrere Semester Buchhaltung, Kosten-Leistungsrechnung, Betriebliche Steuerlehre, Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre gehabt. Ich habe dort Prüfungen ablegen müssen und habe alle bestanden. Wo ist das bitte keine Qualifikation, um im Finanzbereich arbeiten zu können?

dass Susi ihren Arbeitsplatz in demselben Büro hat […] aber den begrenzten örtlichen Möglichkeiten geschuldet

Rein zufällig hab ich ein ganz gutes geografisches Gedächtnis und weiß, dass mindestens ein Büro frei geworden ist, in das Susi hätte umziehen können, um auch eine räumliche Trennung vom IT-Bereich vorzunehmen. Und mit Sicherheit übernimmt sie auch keinerlei finanzfremde Aufgaben, nachdem sie bereits längerfristig dem IT-Chef unterstellt war und immer noch in dessen Büro sitzt.

Wen wollen die eigentlich verscheißern?

Der Einsatz Ihrer Mandantin war hingegen auf den reinen IT-Bereich beschränkt.

Ähm. Ja. Nein!

Weil ich immer nur in der IT rumgehangen habe, haben mich die Buchhaltungs- und Controllingkollegen auch nie zu Geburtstagsfeiern eingeladen. Klar, die lassen immer artfremde Kollegen ihre Kuchen und Mettbrötchen wegfuttern, weil sie einfach so wahnsinnig nett sind.

Ich hatte durchaus Aufgaben aus dem Finanzbereich, mehr als einmal kam die kaufmännische Leiterin auf mich zu und bat mich um Zahlen und Hilfe. Die Leiterin übertrug mir ebenso Aufgaben wie mein direkter Chef und sie war mir weisungsbefugt.

Nochmal: wen wollen die verscheißern?

Dies ist mit den von Susi ausgeübten Tätigkeiten nicht vergleichbar.

Ja ne, ist klar.

Leider kann ich derzeit nicht besonders viel tun, weil meine Anwältin gerade im Urlaub ist. Ich werde meine ehemaligen Kollegen befragen, vielleicht können mir diese ein paar Antworten geben.
Als kleines Highlight fand ich allerdings, dass wegen des Urlaubs unter dem Anschreiben der Anwältin tatsächlich stand:
„nach Diktat verreist“ 🙂

Ring Frei – Zwischenstand

Ich hatte also am Montag den Termin mit der Anwältin, um zu klären, welche Möglichkeiten und Chancen ich habe, da nun meine Schwangerschafts- und Elternzeitvertretung immer noch im Unternehmen war, während ich der Arbeitslosigkeit entgegen sehe.

Bevor es losgehen konnte, musste ich diverse Formulare ausfüllen, haufenweise gespickt mit juristischen Formulierungen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass wenn meine Rechtsschutzversicherung nicht für die Kosten aufkommt, ich automatisch meine Seele verkauft habe, zusammen mit meinem Sparbuch. Je nachdem, was mehr wert ist.

Die Anwältin nahm sich dann der Sache an, studierte meinen Arbeitsvertrag und die Kündigung, ließ sich von den näheren Umständen berichten und besprach dann mit mir meine Optionen.

Da in der Kündigung bereits eine Abfindung vereinbart wurde, so ich denn keine Klage gemäß Kündigungsschutzgesetz erheben, sind meine Möglichkeiten ein wenig begrenzt. Durch diese Formulierung hat sich das Unternehmen quasi freigekauft, aber das widersprach der Berufsehre der Anwältin, die sich generell recht kampfeslustig gab.

Ich kann natürlich jederzeit auf Wiedereinstellung klagen und hätte damit vermutlich sogar Erfolg, müsste dann aber mit den Konsequenzen leben, die laut der Anwältin sehr häufig in Mobbing und über kurz oder lang einer Kündigung durch den Arbeitnehmer, diesmal dann ohne Abfindung, münden würden. Es hat schließlich Gründe gegeben, warum man mich nicht mehr haben wollte. Würde ich in einem großen Unternehmen arbeiten, wo ich nur ein oder zwei Mal im Jahr mit dem Vorgesetzten zu tun habe, könnte man durchaus klagen. Da ich mir aber mit meinem Chef ein Büro teile und jeden Tag mit ihm zusammen arbeite, würde sie von einer Klage abraten. Das entspricht auch meiner Einschätzung und ich hätte sowieso nicht mehr dort arbeiten wollen. Ich finde, so eine Kündigung ist deutlich genug in der Aussage.

Allerdings könnte sie versuchen, eine höhere Abfindung herauszuschlagen, auch wenn ich darauf an sich keinen Anspruch habe. In der Kündigung wurde als Abfindung 0,5 Monatsgehälter pro Jahr Betriebszugehörigkeit vereinbart, was wohl üblich und gesetzeskonform ist. Die Anwältin würde ein Schreiben aufsetzen, in dem sie 1,0 Monatsgehälter fordert und dann warten wir einfach ab, was passiert.

Mein Risiko ist dabei überschaubar, da ich eine Rechtsschutzversicherung ohne Selbstbeteiligung habe und mir so aller Wahrscheinlichkeit keinerlei Kosten entstehen. (Es gab auch da wieder jede Menge Klauseln, dass bestimmte Aktionen nicht von der Versicherung gedeckt sind, aber ehrlich, mir ist das alles zu hoch, ich vertraue einfach darauf, dass ich da ohne Eigenleistung davon komme.) Die Erfolgsaussichten sind 50:50. Wenn das Unternehmen sich auf die höhere Abfindung einlässt, gut, wenn nicht, hab ich zumindest nichts verloren und es immerhin probiert.

In diesem Zusammenhang betonte die Anwältin immer wieder, dass ohne Rechtsschutzversicherung das finanzielle Risiko recht hoch ist. Die Gebühren richten sich nämlich nach dem Streitwert und es ist in der Vergangenheit mehr als einmal vorgekommen, dass die herausgeschlagene Abfindung nicht mal die Anwaltskosten deckte.

Wir haben uns also darauf geeinigt, dass die Anwältin ein knackiges Schreiben aufsetzt und wir aufs Beste hoffen.
Zwei Tage später hat sie mir per Email eine Kopie des Schreibens geschickt und das war in der Tat knackig. Wäre ich das Unternehmen, ich würde die Abfindung sogar noch freiwillig auf 1,5 oder sogar 2 erhöhen 😉

Meine Versicherung hat sich in der Zwischenzeit auch gemeldet und bestätigt, dass sie sämtliche Kosten, bis auf die üblichen verklausulierten Ausnahmen, übernehmen, ich sie doch aber vor Klageerhebung bitte erneut kontaktieren sollte.

Jetzt bleibt nur noch die Reaktion der Gegenseite abzuwarten, von der ich natürlich berichten werde.