Wer lesen kann …

… ist klar im Vorteil.

Nie war dieser Spruch so aktuell wie heute bei mir auf Arbeit.

Wie bekannt, arbeite ich seit mehreren Wochen an einem Dokument, anhand dessen die Geschäftsführer entscheiden sollen, wie es mit der Microsoft Lizenzierung bei uns im Unternehmen weitergeht.

Bei der Besprechung eines ersten umfangreichen Entwurfs kam es bereits wegen Nichtlesens zu einem Eklat. Im Nachgang hatte ich meinem Chef eine entsprechende Email geschickt, in der ich mich unter anderem beschwerte, dass bevor Anmerkungen zu dem Dokument gemacht werden, dieses doch bitte vorher wenigstens einmal gelesen werden sollte.

Nun gut. Die Wogen glätteten sich, das Dokument wurde weiter von mir überarbeitet, ich habe mit externen Beratern gesprochen, welche das Dokument ebenfalls überprüften und auch alle anderen Beteiligten brachten sich in den Entwurf ein. Gestern konnte ich endlich den finalen Entwurf präsentieren.

Mein Chef wollte, dass in dem Dokument zwei Entscheidungsvarianten aufgelistet werden. Bei meiner Arbeit stellte ich aber fest, dass die gewünschte 2. Option gar keine Option mehr ist, weil sie schlicht viel zu teuer ist. Also nicht nur so ein bisschen teurer, sondern so im mittleren 6-stelligen Betrag teurer. Deswegen liess ich diese weg und erklärte dies in der Informationsmail an alle Beteiligten. Ebenso erwähnte ich in dieser Email, dass ich heute erst ab 12 Uhr im Unternehmen bin, weil hier bei uns die Lehrer streiken und mein Kind erst ab 12 Uhr in den Hort kann.

Ich kam also um 12 Uhr in die Firma und sah mein Telefon wild blinken. Ich solle dringend zurückrufen. Hab ich getan, nur ging keiner ran. In meinem Postfach ebenso eine Mail mit der Bitte um Rückruf.

Als ich endlich die Beteiligten erreicht hatte, beschwerte sich BK (ausgerechnet), dass ich den ganzen Vormittag nicht zu erreichen gewesen wäre. Außerdem beschwerte sie sich, dass sich mein Chef bei ihr beschwerte, dass ich nicht zu erreichen wäre. Ja, beide haben meine Email bekommen.

Mein Chef beschwerte sich außerdem, warum denn nicht wie abgesprochen die 2 Varianten im Dokument wären. Und er wollte eine ausführliche Begründung im Dokument mit konkreten Zahlen und Verlinkungen zu den Beispielrechnungen. Das alles ist aber schon im Dokument drin, auf Seite 2. Hat er also nicht nur meine Email nicht gelesen, sondern auch das Dokument nicht, welches er heute eigentlich der Geschäftsführung vorlegen wollte.

Hab ich gestern noch gefeiert, dass diese leidige Thema endlich vom Tisch ist, darf ich heute nun wieder an diesem beschissenenwundervollen Dokument arbeiten, um die Änderungen einzubauen, die entweder keinen Sinn machen oder aber bereits drin sind.

Ich höre Schilda leise aus der Ferne grüßen …

Torpedo – Nachtrag

Ursprünglich habe ich angefangen zu bloggen, um mir Dinge von der Seele zu schreiben. Ich dachte, wenn ich meine Gedanken zu (virtuellem) Papier bringen würde, verschwinden sie aus meinem Kopf und geisterten da nicht länger herum. Das funktioniert im Allgemeinen recht gut, bei manchen Themen aber überhaupt nicht. So ärgerte ich mich gestern Abend immer wieder über besagte Kollegin und erst nach einer ausgiebigen Runde Diablo 3 wurde es soweit gut, dass ich wenigstens einschlafen konnte.

Erstaunlich ausgeruht und gut gelaunt ging ich heute auf Arbeit, nur um direkt in meinem Büro ebenjene Kollegin vorzufinden, die mit der Assistentin meines Chefs (mit der ich mir das Büro teile) versuchte, einen Termin zu finden, an dem wir gestern durchgesprochenes Dokument finalisieren können. Sie überlegten hin und her und fanden dann einen Termin. Sie fragten mich, ob ich an diesem Termin könne, was ich verneinen musste. An diesem Tag haben wir eine ganztägige Besprechung mit einem externen Berater, den BK (besagte Kollegin) vereinbart hatte und auch mit daran teilnehmen wird.

Könnt ich mich schon wieder aufregen, dass man solche eigenen Mammuttermine nicht auf dem Schirm hat. Dass halbstündige Termine über weniger wichtige Themen untergehen, kein Ding, aber ein ganztägiges Meeting komplett ausblenden?
Nun gut.
Es wurde ein für alle geeigneter Termin gefunden und die Sache war erstmal erledigt. Bis BK auf mich zukam mit einem Vorgang, den an sich sie zu erledigen hat, den sie aber mir aufs Auge drücken wollte. Als ich fragte, warum ich das machen sollte, meinte sie, das wäre eben meine Aufgabe als Lizenzmanagerin. Schulterzuckend nahm ich das Papier entgegen, in der Fülle meiner Aufgaben macht das Ding das Kraut nun auch nicht mehr fett.

BK fragte mich dann, ob was mit mir sei. Und ob was mit mir ist. Zugegebenermassen heftig erklärte ich ihr, was ist. Wie sehr es mich geärgert hat, dass ich bei der Bearbeitung des Dokuments komplett allein gelassen worden bin. BK verneinte dies sofort, meinte, sie und Teammitglied 3 hätten während meiner Abwesenheit zusammengesessen und sich über das Dokument unterhalten und Anmerkungen gemacht. Ich fragte, wo denn diese Anmerkungen sind. Na, die stünden doch in dem Dokument. Darauf erwiderte ich, dass eben nichts in dem Dokument geändert wurde, dass sämtliche Versionen von mir stammen und dass sie, so sie denn tatsächlich Änderungen gehabt hätten, diese per Änderungsverfolgung einarbeiten oder mir per Mail hätten schicken können. Nichts davon ist aber passiert, also solle sie jetzt nicht behaupten, sie hätten an dem Dokument gearbeitet.

Ich führte weiter aus, wie wütend es mich gemacht hat, dass als ich meinen Vortrag begann, sofort der erste Abschnitt als falsch hingestellt wurde. Ja, das hat sie gar nicht gemacht.

Mittlerweile war ich echt richtig sauer. Mir Fehler im Dokument während meiner Präsentation vor meinem Chef vorzuwerfen ist eine Sache, aber hinterher noch abstreiten, genau dies getan zu haben, ist nochmal ein ganz anderes Kaliber. Ist ja nicht so, dass sie das irgendwie diplomatisch geäußert hätte, sondern sie sagte knallhart „das ist aber falsch“. Ich äußerte mich entsprechend und auch entsprechend laut.

Ich solle mich doch beruhigen und sie wüsste gar nicht, warum ich mich so aufrege. Ja, Mädel, DAS ist genau dein Problem. Du hast KEINE Peilung, was du sagst, was du schreibst, was du anrichtest. In deiner kleinen rosaroten Welt machst du alles richtig und alle anderen machen die Fehler.

Hab ich natürlich nicht gesagt, ich war viel zu wütend, um überhaupt noch reden zu können. Mir zitterten die Hände, mein Herz raste und ich hätte am liebsten geweint. Mir war hundeelend zumute. Ich schwieg und wartete, bis sie von alleine gegangen war.

An Arbeit war erstmal nicht mehr zu denken, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, so verletzt, gedemütigt und allein fühlte ich mich. Im Büro konnte ich auch nicht bleiben, denn die Assistentin ist soooo dicke mit BK, da war auch kein einordnendes Gespräch möglich. So machte ich mich auf, meinen Kollegen aus der ISO27001-Zertifizierung zu besuchen. Der war auch öfter schon mit BK zusammengerasselt und der würde mich verstehen oder zumindest meinen Ärger ansatzweise nachvollziehen können.

Konnte er auch und ich beruhigte mich ein wenig. Wir konnten sogar noch ein paar Lizenzthemen auf dem kurzen Dienstweg klären.
Wieder zurück am Platz überlegte ich, was ich machen könnte. Mich belastet die Situation dermassen, dass ich immer noch heulen könnte und ich das nicht als allerbeste Grundlage für konstruktive Zusammenarbeit in der Zukunft erachte. Ich dachte daran, meinem Chef eine Email zu schreiben, ihm die Situation zu erläutern und darum zu bitten, BK aus dem Lizenzteam zu nehmen. Zuvor allerdings wollte ich mit meinen alten Kollegen drüber sprechen, am liebsten hätte ich mit meinem ehemaligen Chef geredet, aber der steckte wie üblich in jeder Menge Terminen fest.

Die Mädels aus meinem alten Team waren aber auch hilfreich. Sie hörten zu und sie sagten ihre Sicht der Dinge. Und was ich ihnen hoch anrechne, sie redeten mir nicht nach dem Mund. Sie sagten mir offen ihre Meinung, waren aber auch grundsätzlich der Ansicht, dass das Verhalten so gar nicht geht. Das (vermeintliche) Bloßstellen vorm Chef nicht, das Abstreiten hinterher erst recht nicht. Ich solle das Wochenende abwarten und drüber schlafen, am Montag wäre immer noch genug Zeit. Sie schafften es sogar, mich zum lachen zu bringen, wofür ich sehr dankbar bin.

Doch nun sitze ich wieder am Platz. An Arbeit ist nicht zu denken und das Bedürfnis zu heulen, ist so stark wie zuvor. Keine Ahnung, wie ich den Tag überstehen soll 😦

Torpedo

Wenn man in Interaktion mit anderen Menschen tritt, kann es passieren, dass man auf jemanden trifft, mit dem man jetzt nicht so gut kann. Wenn derjenige nicht zum eigenen Team gehört, kann man die Antipathie gut umgehen. Wenn doch, wird es ein wenig schwieriger.

Nun gibt es eine Kollegin, die es sich außerhalb ihrer Abteilung mit so ziemlich jedem verscherzt hat, mit dem sie zu tun hatte. Sie verkompliziert Dinge unnötig. Ihr muss man Sachen 2 oder 3 Mal erklären und dann hoffen, dass sie es verstanden hat. Sie bringt immer wieder unqualifizierte Einwürfe, die gar nichts mit der Sache zu tun haben. Oder verbessert einen, hat aber selber keine Ahnung.

In der Vergangenheit hatte ich nur selten mit ihr zu tun, war aber jedes Mal genervt. Seit meinem Upgrade zur Lizenzmanagerin allerdings gehört diese Dame zum Lizenzmanagementteam, damit sie die Sichtweise der Beschaffungsabteilung bei diesem Thema vertreten kann.

Vor Weihnachten bin ich bereits zweimal mit ihr richtig heftig zusammengerasselt, weil sie mir in ihrer dummdreisten Art mächtig gewaltig ans Bein pinkeln wollte. Das erste Mal hat sie in unserem Ticketsystem einen von ihr geschriebenen Kommentar dahingehend geändert, dass ich angeblich die Freigabe für ein bestimmtes Produkt erteilt hätte. Der ursprüngliche Kommentar wurde 5 Tage nach meiner Ernennung gemacht, zu einem Zeitpunkt also, wo ich mir nicht mal ansatzweise anmaßen würde, einen halbwegs tiefreichenden Einblick in die Materie zu haben, um eine solche Freigabe erteilen zu können. Leider werden diese Kommentaränderungen nur per Email erfasst, aber sind im Ticket selbst nicht mehr inhaltlich nachvollziehbar.

Da dieses Vorgehen nicht nur gegen meine Ehre, sondern auch gegen meinen Kragen ging, bat ich die Kollegin, die fragliche Passage wieder zu löschen. Was sie vehement ablehnte, denn ich hätte ihr mündlich während einer Schulung dies wohl bestätigt und sie hätte das nur aufgeschrieben. Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an diese Aussage erinnern, schon gar nicht in diesem Zusammenhang und bat erneut um Löschung. Wieder vergeblich. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr mitzuteilen, dass ich den Vorgang an meinen Chef eskalieren werde und zack, schon änderte sie den Kommentar.
Zudem wies ich darauf hin, dass in Zukunft nur ich selbst solche Freigabe-Kommentare verfasse.

Zum Glück war dann erstmal Weihnachten und wir konnten alle ein wenig verschnaufen, bis der Wahnsinn im neuen Jahr in die nächste Runde ging.

Es steht die Verlängerung des Microsoft-Lizenzvertrages an, der uns, je nach Entscheidung, für bis zu 3 Jahre in nicht unerheblichem Umfang an die Softwareschmiede knebeln würde. Wer sich mal zuhause die Lizenzbestimmungen für sein Windows durchgelesen hat, wird gemerkt haben, dass es da jede Menge Kleingedrucktes gibt. Das gibt es für Firmenkunden auch, nur gibt es dort noch verschiedene Rahmenverträge, Lizenzmodelle, Lizenzversionen und Abhängigkeiten kreuz und quer durch die gesamte Produktpalette. Also nichts, was man mal an einem Nachmittag gemütlich bei Kaffee und Kuchen durchblickt und entscheidet.

Weil es hier um sehr hohe 6-stellige Beträge geht, haben wir uns zwei externe Beraterfirmen ins Boot geholt, die mit ihrer Erfahrung und anderen Einblicken wertvolle Tipps geben konnten. Das Ziel war, dass am Ende ein übersichtliches Schriftstück herauskommt, anhand dessen die Geschäftsführung entscheiden kann, was wir machen. Außerdem wollte mein Chef, der eine Stufe unterhalb der Geschäftsführung steht, ein Dokument, mit dem er dann gegenüber den obersten Bosse sämtliche Varianten und Optionen erklären kann.

Ich habe also die letzten zwei Wochen fast nichts anderes gemacht, als jenes Dokument für meinen Chef zu erstellen, aus dem dann die Übersicht für die Geschäftsführung gebastelt werden kann. Es war kompliziert, es war nervenaufreibend und arbeitsaufwändig. So sehr, dass ich so viele Überstunden in den zwei Wochen angesammelt habe, wie im gesamten letzten Jahr. Immer wieder stellte ich die aktuellsten Versionen ins Intranet, informierte die Kollegen darüber und bat um Anregungen und Feedback.

Immer wieder stimmte ich zusätzlich die Ergebnisse mit den Beratern ab, auch in persönlichen Meetings, bei denen eben auch jene Kollegin dabei war. Diese Besprechungen hatten immer ganz enge Themen, je nachdem, was gerade dran war. Immer wieder grätschte die Kollegin dazwischen mit Themen, die entweder bereits geklärt oder zeitlich unkritisch waren. Durch diese Störfeuer ging immer wieder wertvolle Zeit verloren.

Am Ende eines der letzten dieser Meetings, als ich bereits einen ersten Entwurf für besagtes Dokument vorlegen konnte und auch signalisiert hatte, weiterhin an diesem Schreiben zu arbeiten, kam die Kollegin auf mich zu, meinte like a boss, ich müsse da ganz dringend dieses Dokument erstellen und müsste spätestens am nächsten Tag damit anfangen.

Ich war so baff ob dieser Anweisung, dass ich gar nicht reagieren konnte.

Wie auch immer, ich werkelte an dem Dokument, schlug mich weiter mit den Beratern rum, die mir ständig falsche oder wenig brauchbare Informationen schickten und las Lizenzbestimmungen noch und nöcher. Ich war so sehr in das Thema vertieft, dass ich sogar nachts davon träumte.
Da für heute eine finale Abstimmung angesetzt war, und ich gestern erst um 16 Uhr die Preislisten, die für eine qualifizierte Entscheidungsgrundlage elementar sind, erhalten hatte, saß ich also bis 19 Uhr auf Arbeit, geschlagene 11 Stunden, während daheim meine Familie wartete.

Nun gut, ausnahmsweise geht sowas auch, aber traurig fand ich es schon, weil meine Kinder sehr enttäuscht waren, dass ich sie gerademal ins Bett bringen konnte.

Während all dieser Zeit arbeitete ich quasi im Blindflug. Keine meiner Emails wurde beantwortet. Es gab keine Kommentare oder Änderungen am Dokument. Nichts. Nur Stille.

Heute nun war mein Chef im Abstimmungsmeeting dabei, um sich die Ergebnisse zeigen zu lassen. Als Erstes stellte er die Frage in die Runde, ob mir denn jemand geholfen hätte. Schweigen. Die zweite Frage war, ob irgendjemand das Dokument überhaupt gelesen hätte. Das Schweigen wurde lauter.
Ich begann, das Dokument zu erläutern und gleich beim ersten Abschnitt quatschte die Kollegen rein und meinte, dass das, was ich aufgeschrieben hätte, gar nicht mehr gültig wäre.

Ich schloss die Augen, sammelte mich kurz und las, entgegen meiner eigentlichen Absicht, den einleitenden Satz nach der Überschrift „Historischer Abriss“:

Bei der initialen Entscheidung für Vertrag XY wurden die folgenden Argumente als ausschlaggebend erachtet: […]

Beim zweiten Abschnitt das gleiche Spielchen. Mir wurde unterstellt, einen Sachverhalt fehlerhaft dargestellt zu haben. Wieder kurzes Sammeln, wieder Vorlesen eines Satzes, der den beanstandeten Punkt eineindeutig erläuterte.
Danach gab sie erstmal Ruhe und ich konnte den Vortrag ungestört beenden.

Mein Chef hatte ein paar Fragen, kleinere Punkte fehlten und bei den Berechnungen wollte er noch zwei weitere Alternativen haben. Nix weltbewegendes, krieg ich alles morgen hin.
Er bedankte sich für das Dokument, lobte Inhalt, Ausführlichkeit und Struktur. Wir stimmten noch den weiteren Zeitplan ab. Da die Kollegin zu diesem Zeitpunkt wieder mit den Störfeuern begann, verabschiedete ich mich eilig, weil ich den Großen aus dem Hort abholen müsse.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass mein Chef sich auch bei meiner nächsten Mitarbeitereinschätzung an all das erinnern wird. Dass ich das Teil im Alleingang gewuppt habe  – geschenkt. Aber dass dann trotzdem noch versucht wird, mich zu torpedieren, um selber nicht ganz so doof dazustehen, finde ich ganz unterste Schublade!

Wie ich aus Versehen freiwillig Lizenzmanagerin wurde

Aber was ist schon freiwillig? Jedenfalls war es nicht so, dass alle Mitarbeiter in einer Linie aufgestellt wurden, dann jemand fragte, ob es Freiwillige gibt und ich in bester Katniss-Manier nach vorne stürmte.

Vielmehr war die Ausgangslage so, dass das Thema Lizenzen bisher im Unternehmen nebenbei erledigt wurde. Es gab einen Mitarbeiter im IT-Service, der ganz viele Scheine von Microsoft hatte und vorgab, sich gut mit Lizenzierung im Allgemeinen und Speziellen auszukennen. Da er aber nicht als Lizenzmanager eingesetzt wurde, konnte  er die anfallenden Aufgaben nur nebenbei erledigen. Irgendwann fiel dem obersten Management auf, dass eine solche Konstellation eher suboptimal ist und spätestens, als Microsoft ankündigte, jetzt mal genauer auf unsere eingesetzte Software und die dazugehörigen Lizenzen schauen zu wollen, wurde jener Mitarbeiter offiziell zum Lizenzmanager ernannt, bekam den Titel aufs Visitenkärtchen gedruckt und durfte einen Großteil seiner Arbeitszeit mit dem Thema verbringen.

Was er dann auch tat. Manchmal. Wenn er Lust hatte. Oder gerade ein wichtiger Termin anstand.

Weil das nicht so häufig vor kam und derjenige generell mit der Gesamtsituation höchst unzufrieden war, hat er im Herbst gekündigt. Seit diesem Zeitpunkt suchte die Firma verzweifelt einen Nachfolger, denn die Lizenzprüfung hatte wesentliche Lücken offenbart, die dringend geschlossen werden sollten.

Nur meldete sich niemand auf die Stellenanzeige. Nun könnte das auf den vorherrschenden Fachkräftemangel geschoben werden. Oder auf das eher schwierige Thema an sich. Oder aber darauf, dass hier grundsätzlich nur befristete Verträge angeboten werden und das Einstiegsgehalt eher unterdurchschnittlich ist. Aber ich glaube, dass die letzte Begründung unwahrscheinlich ist.

Als sich abzeichnete, dass es keine aussichtsreichen Bewerber gibt, fragte ich meinen Chef, was denn ein Lizenzmanager können muss. Er zählte verschiedene Punkte auf, wie verstehendes Lesen, technisches Hintergrundwissen und Kreativität. Ich meinte scherzhaft, dann könnte ich das ja machen, nur hatte mein Chef den Witz nicht verstanden und mich dem oberen Management vorgeschlagen.

Mangels Alternativen bekam ich Anfang November den Lizenzhut aufgesetzt und darf mich seitdem mit diesem Thema auseinandersetzen.

Nach der langen Zeit des Darbens wurde meine Ernennung wie eine Verheißung aufgenommen und alle Probleme und Fragen, die sich in der Vergangenheit aufgestaut hatten, wurden postwendend auf meinen Tisch geknallt. Zu einem Zeitpunkt, wo ich gerade mal wusste, wie man Lizenz buchstabiert.

Die meisten Kollegen musste ich vertrösten, da ein einzelnes Thema oberste Priorität hat. Im Frühjahr läuft nämlich unser toller EA-Vertrag aus und die Geschäftsführung muss eine qualifizierte Entscheidung treffen, wie weiter verfahren werden soll. Da das Thema Lizenzen bei Microsoft durchaus komplex ist, muss man jede Menge lesen.

Zur besseren Vorbereitung wurde mir ein Weiterbildungskurs gesponsert und seit Kurzem darf ich mich Certified Microsoft Licensing Professional nennen.

Mit diesem Wissen ausgestattet, widmete ich mich unserem bestehenden Vertrag mit Mircosoft, weil Microsoft bei der Prüfung im Sommer eine Lücke zwischen gekauften und eingesetzten Lizenzen gefunden hatte, die erhebliche finanzielle Kosten nach sich ziehen würde, wenn sie denn durchgesetzt werden könnte.

Nach meinem rudimentären Rechtsverständnis ist die entsprechende Passage in unserem Vertrag so schwammig formuliert, dass man sie je nach Blickwinkel so oder so auslegen kann. Beim Vertragsstudium entdeckte ich allerdings einen anderen, bis dahin geflissentlich von allen Seiten übersehenen Passus, der uns richtig viel Geld kosten könnte. Beide Erkenntnisse meldete ich umgehend meinem Chef, der dies ebenso umgehend durch einen externen Berater bestätigen ließ und zur Geschäftsführung weiter meldete.

Da ich erst am Thema Microsoft weiter arbeiten kann, wenn diverse Entscheidungen von der Geschäftsführung getroffen worden sind, konnte ich mich den restlichen Problemen zuwenden.

Eines davon war die Überprüfung der korrekten Lizenzierung eines bereits seit einem Dreiviertel Jahr im Einsatz befindlichen Oracle-Servers. Völlig anderes Thema, völlig neue Bedingungen, jede Menge Fallstricke. Aber mein Vorgänger hatte sich da auch schon umfangreich eingebracht, weswegen ich zunächst verwirrt war, warum ich das alles nochmals prüfen sollte.

Nun gut, ich arbeitete mich in die Thematik ein, durchforstete Internetseiten und Foren, las unseren Vertrag und das Kleindgedruckte und siehe, die Kollegen hatten Recht mit ihrer Vermutung, die Lizenzierung war in der Tat nicht korrekt. Durch die Verkettung unglücklicher Umstände wurde statt eines Servers mit einem 4-Kern-Prozessor ein Server mit einem 10-Kern-Prozessor bestellt, bezahlt, geliefert, eingebaut, umgebaut, installiert, nochmals installiert und mit der Datenbank bestückt, ohne dass irgendjemandem diese Diskrepanz aufgefallen wäre. Obwohl immer und immer wieder betont wurde, dass es nur 4 Kerne sein dürfen.

Ich sollte nun herausfinden, wer denn der Schuldige in dieser ganzen Kette ist. Zum Glück ist der Fall über ein Jahr her und zwei Drittel der Beteiligten sind nicht mehr im Unternehmen.

Und ich sollte eine Lösung finden, wie wir schnellstmöglich eine saubere Lizenzierung hinbekommen. Der wohl preiswerteste Vorschlag ist, den bösen Prozessor durch einen guten zu ersetzen, der auf das vorhandene Mainboard passt und unseren Supportvertrag nicht gefährdet. Anderswo nennt man das die Quadratur des Kreises, bei uns Alltag.

Weil ich meine ganzen Erkenntnisse fein säuberlich in unserem Ticketsystem kommentiert habe, fühlte sich die Beschaffungsabteilung angepisst, weil diese aus meiner neutralen Formulierung, in der keinerlei Schuldzuweisung stattfindet, herausliest, dass die Beschaffung Schuld wäre. Daraufhin machten die eine große Welle und eskalierten das Thema an meinen Chef, weil ich – Achtung, kein Witz – 5 Minuten lang nicht per Telefon zu erreichen gewesen wäre. Sie wollten mich anrufen, um die Formulierung zu klären, wählten zweimal meine Nummer, drückten mir einen Rückruf rein und als ich 3 Minuten später anrief, war das Ding schon eskaliert.

So sieht gute Zusammenarbeit aus!

Dass der Fall, in dem ich um Angebote für den 4-Kern-Prozessor gebeten habe, seit Tagen in Kritischem Status unbearbeitet bei denen rumliegt und ich nicht direkt ein Fass aufmache, scheint den Kollegen entgangen zu sein.

Wie auch immer, ich hoffe, dass die anderen Kollegen, die mir ihre Lizenzangelegenheiten auf den Tisch gelegt haben, kooperativer und netter sind, auch wenn ich sie immer mal wieder vertrösten muss. So schnell kann ich mich nicht in SemTalk-, NetApp-, JIRA-, FastViewer- oder VMware-Lizenzbestimmungen einlesen. Und ich möchte gerne die Falschaussagen und beinahe-Katastrophen meines Vorgängers vermeiden.

Denn so ganz grundsätzlich macht mir der Job schon Laune, auch wenn es eben manchmal anstrengend ist!

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Spuren von Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen. Und GIFs 😉