Frauenquote und Quotenfrauen

Frauen werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt.

Bei vielen Stellenanzeigen, auf die ich mich beworben hatte, stand dieser Satz ganz am Ende und machte mir Hoffnung. Ich hab ein abgeschlossenes Studium, umfangreiche branchenübergreifende Berufserfahrung und eine erkleckliche Liste an brauchbaren Zertifikaten und Weiterbildungen. Ich bin flexibel und gewillt, 40 Stunden Vollzeit arbeiten zu gehen. Sollten Bereitschaften gefordert werden, übernehme ich auch diese. Ich bin selbstbewusst, arbeite mich schnell in neue Themengebiete ein, bin im zwischenmenschlichen Bereich nicht völlig unbrauchbar (andere würden es teamfähig nennen), entscheidungsfreudig, mit analytischem Verstand und guter Intuition.

Mit diesen Voraussetzungen sollte es doch ein Leichtes sein, einen ordentlichen, gut dotierten Job mit Aufstiegschancen zu finden. Leider sieht die Realität völlig anders aus, bislang reichte es immer nur zur Assistenz. Und das, obwohl ich mich durchaus auf die anspruchsvollen Positionen beworben habe, die mit der Führungsverantwortung oder im Projektmanagement. Letztendlich habe ich die Assistenzjobs angenommen, um überhaupt etwas zu haben und weil ich dachte, dass ich bei guter Leistung und dem praktischen Nachweis meiner Fähigkeiten innerhalb des Unternehmens aufsteigen könnte. Wieder leider ging dieser Plan nicht auf, ich blieb Assistentin, ganz egal, welch vorzüglichen Leistungsbeurteilungen ich von meinen Chefs auch bekam.

Nun könnte das daran liegen, dass ich einfach Pech hatte. Oder die Beurteilungen geschwindelt waren. Oder dass ich eine Frau bin.

Nachdem ich in den letzten Tagen über eine Reihe Artikel gestossen bin, die genau dieses Thema aufgreifen, glaube ich immer weniger an Pech und Schwindelei.

Jetzt mag bei mir noch erschwerend hinzukommen, dass ich in einem eh schon sehr männerlastigen Berufsfeld unterwegs bin. Frauen in der Informatik sind zugegebenermassen eher selten, wodurch rein statistisch die Wahrscheinlichkeit von Frauen in Führungspositionen geringer ist. Wobei sich wiederum die Frage stellt, warum der weibliche Anteil gerade hier so niedrig ist. Liegt es nicht an der überholten Vorstellung, dass Frauen bevorzugt soziale Berufe ergreifen, weil sie entsprechend sozialisiert wurden und dass der Frauenanteil in technischen Berufen sprunghaft ansteigt, wenn eine solche Sozialisierung nie stattgefunden hat, wie bpsw. in der Sowjetunion oder auch der DDR, wo es ganz selbstverständlich Programmiererinnen und Mathematikerinnen gab. Würde also ein größerer Bestand an qualifizierten Mitarbeiterinnen auch den Anteil an weiblichen Führungskräften erhöhen?

Die Wirklichkeit kann das eindeutig mit Nein beantworten. Wenn ich in die Bereiche mit Frauenüberschuss schaue, ist das Bild in den oberen Etagen ebenso männerlastig. Verwaltungsfachkräfte sind vorwiegend weiblich, der letztjährige Abschlussjahrgang einer zufällig ausgesuchten Verwaltungsfachhochschule hatte doppelte so viele weibliche Absolventen wie männliche. Wenn ich in Ämter und Behörden schaue, dann werden meine Anliegen fast immer von Frauen bearbeitet, der Abteilungs- oder Amtsleiter ist hingegen männlich.

Woran liegt es denn nun und kann eine Quote helfen?

In den Artikeln bin ich über folgenden Satz gestolpert:

Menschen in Führungspositionen fördern Menschen mit einem ähnlichen sozialen Hintergrund, mit ähnlichen Eigenschaften.

Und der größte gemeinsame Nenner aller Personen, mal vom allgemeinen Menschsein abgesehen, ist das Geschlecht. Ich kenn das selber, Frauen bin ich grundsätzlich erstmal aufgeschlossener gegenüber, ist ja quasi meine Spezies und unser Frausein das zunächst verbindende Merkmal. Mehr als genug stellt sich schnell heraus, dass ich die Frau dann doch doof finde oder es außer unserem gemeinsamen Frausein keine weiteren Gemeinsamkeiten gibt, aber der Grundbonus ist erstmal vorhanden.

Männer werden genauso ticken und warum auch nicht. In einer Welt voller Unwägbarkeiten braucht es solche Kleinigkeiten, um sich wenigstens ein bißchen sicher fühlen zu können. Schwierig wird es dann, wenn dieser Grundbonus immer besteht und nie verrückt oder aufgebraucht werden kann, wenn er den Blick für vielleicht wichtigere Dinge verstellt oder eine Kurskorrektur bzw. Meinungsjustierung blockiert.

Männer bauen sich Netzwerke auf, zu vornehmlich anderen Männern. Klar, ähnliche Themen und Interessen, Männer lieben nunmal Fußball und Frauen können nicht mal Abseits erklären.

Ich habe kein Netzwerk. Ich finde das heuchlerisch, mit Menschen nur Kontakt zu halten, weil ich mir später daraus einen Vorteil erhoffe. Wenn ich Kontakt halte, dann weil ich die Menschen mag, weil ich gerne Zeit mit ihnen verbringe. Meine Freunde sind aber keine Aufsichtsräte oder Topmanager, sie sind Angestellte, Arbeiter, Hausfrauen, Studenten. Ich kann mir gut vorstellen, dass es anderen Frauen ähnlich geht und das Netzwerk aufgrund eines so unbrauchbaren Kriteriums wie Sympathie erstellt wurde.

Es mag im Ansatz sogar nachvollziehbar sein, wenn der Unternehmensberater bei der NZZ darüber philosophiert, dass eine Frauenquote nur das Leistungsprinzip negieren würde und den Frauen letztendlich mehr schade als nütze. Die Quote bewirke nur, dass irgendeine beliebige Frau einen Posten besetzt, der sonst von einem fähigen Mann bekleidet wäre.

Die Förderung spricht Frauen implizit die Fähigkeit ab, ihre Ansprüche aus eigener Kraft durchzusetzen. Nur wo Schwäche ist, muss man fördern.

Nun, die Schwäche könnte auch schlicht daran liegen, dass die Paritätsförderung (siehe obiges Zitat) eben Frauen grundsätzlich benachteiligt. Dies ist ein Missstand und diesen gilt es zu bekämpfen. Es gibt die gleich- oder höherwertig qualifizierten Frauen, die aufsteigen wollen, die fähig sind und ihren Aufstiegswunsch klar kommunizieren. Aber entweder werden sie nicht gehört, weil sie sich nicht wie ein Silberrücken laut auf die Brust trommeln, um Aufmerksamkeit zu erregen oder sie werden bewusst übergangen, weil dem Entscheider der männliche Kollege eben doch näher ist.

Was man daraus keinesfalls ableiten sollte, ist die Annahme, dass bei einer Frauenquote nur unfähige Weibchen auf verantwortungsvolle Positionen gehievt werden, die dort nichts zu suchen haben. Andererseits möchte ich nicht ausschließen, dass dies doch hin und wieder passieren wird, aber die unfähigen gibt es unter Männern genauso.

Den ganzen anderen Mist von wegen Frauen fallen öfter aus, werden schwanger, müssen sich um die Kinder kümmern und Führungskraft geht nicht in Teilzeit schenke ich mir. Ich halte das alles für vorgeschobene Argumente, die sich bei einer wirklich gleichberechtigten Herangehensweise an dieses Thema in Wohlgefallen auflösen würden, sobald Männer ohne Gesichts- und Karriereverlust ebenso in Elternzeit gehen können und Frauen in signifikanten Anteilen Führungspositionen besetzen.

Damit sich dieses gleichberechtigte Bild in den Köpfen der Kinder einprägt und dort zur Selbstverständlichkeit heranwächst, so dass in Zukunft das Geschlecht wirklich nur noch darüber entscheidet, welche Toilettenräume man benutzt, damit sich Mädchen und Jungen bei ihrer Berufswahl nur danach richten, was sie tatsächlich gerne machen möchten und was ihren Fähigkeiten entspricht und nicht, was typisch für sie ist, dafür braucht es die Frauenquote, denn dieses Bild lässt sich am effektivsten nur im praktischen Erleben vermitteln.

Wenn das Bild dann Realität geworden ist, wird sich die Diskussion um die Frauenquote von ganz allein erledigen. Und ich würde vielleicht nicht mehr bloß Assistentin sein.

 

Zerrbild

Dresden steht in letzter Zeit wegen Pegida im Fokus der Öffentlichkeit. Gierig stürzen sich die Medien auf sämtliche Nachrichten zu dem Thema, endlich wieder ausländerfeindliche Nachrichten aus dem Osten, nach dem es dort schon seit einiger Zeit ruhig geworden war, könnte man meinen. Warum dabei so viele Menschen an den „Spaziergängen“ mitmachen, ist mir ein Rätsel, da ich Dresden als weltoffene und vielfältige Stadt kenne. Ich vermute, dass die Veranstaltung als das Original viele Anhänger von außerhalb anzieht und ich weigere mich, dies als repräsentativ für die Dresdner Bevölkerung anzusehen.

Was mich aber derzeit richtig wurmt ist die Berichterstattung über ein geplantes Asylbewerberheim in Dresden, welches durch Anwohnerproteste nun doch nicht eröffnet wird. Als indirekter Anwohner, meine Eltern wohnen 300 Meter vom Ort des Geschehens entfernt und ich bin öfter für mehrere Tage dort zu Besuch, finde ich das, was die Medien, allen voran ARD und ZDF, da veranstalten unter aller Sau.

Es wird in jedem zweiten Satz ein Bezug zu Pegida oder zum Rassismus hergestellt. Schaut man sich allerdings die Hintergründe ein wenig genauer an, und dafür muss man gar nicht großartig recherchieren, entsteht ein ganz anderes Bild.

Im Dezember 2014 beschließt die Stadt Dresden, dass sie ganz dringend Flüchtlingsheime braucht und findet ein Dutzend Örtlichkeiten. Diese werden ohne Einbeziehung der Bevölkerung einfach so festgelegt, Hauptsache, man bekommt die gewünschte Quote an Flüchtlingen untergebracht.

Eine dieser Örtlichkeiten ist das 4-Sterne-Hotel „Prinz Eugen“ im Stadtteil Laubegast. Dieses Hotel ist derzeit immer noch als solches in Betrieb und es gab nie Hinweise, dass es in wirtschaftlicher Schieflage oder zu gering ausgelastet war. Die Anwohner von Laubegast fühlen sich ob der Entscheidung ein wenig vor den Kopf gestoßen und möchten gerne informiert werden, wie denn die Unterbringung der Flüchtlinge genau erfolgen soll und welche Betreuungskonzepte es gibt.

Dazu wurde eine Ortschaftsratsversammlung (o.ä.) anberaumt, diese aber kurzfristig und ohne Angabe von Gründen wieder abgesagt. Der Dresdner Stadtrat beschließt kurz danach ganz offiziell, dass der „Prinz Eugen“ Flüchtlingsunterkunft wird. Wenige Wochen danach zieht der Betreiber des Hotels angeblich auf Drängen der Anwohner seine Zusage wieder zurück, dass Hotel bleibt weiterhin Hotel.

Soweit das bisherige Geschehen.

Was aber die Anwohner umtreibt, sind die Dinge, die nicht angesprochen worden.

  • In dem Heim sollten ausschließlich Männer untergebracht werden, über 90 Personen
  • es wird einmal die Woche ein Sozialarbeiter für einen halben Tag zur Betreuung der Flüchtlinge zur Verfügung gestellt
  • ein weitergehendes Betreuungskonzept gibt es nicht

Da kommen also Männer aus Kriegsgebieten, die wahrscheinlich schreckliches erlebt haben und traumatisiert sind, in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht sprechen und dessen Kultur ihnen fremd ist. Die Männer gehören verschiedenen Religionen und Bevölkerungsgruppen an, möglicherweise sind diese untereinander verfeindet. Sie sind von ihren Familien getrennt, was sicher nicht zu einer Entschärfung der Lage beiträgt. Diese Menschen werden die meiste Zeit sich selbst überlassen in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und in der es so gut wie keine Freizeitmöglichkeiten gibt.

Die Anwohner machen sich Sorgen, welche Probleme daraus erwachsen können. Vielen sind die Vorfälle vor wenigen Wochen in Chemnitz noch gut im Gedächtnis, wo 5 männliche Flüchtlinge miteinander in Streit gerieten, dieser eskalierte und am Ende 2 Menschen tot waren. Reicht es, wenn es im Hotel rund um die Uhr einen Wachdienst gibt? Verhindert das solche Situationen?

Meine Eltern berichteten von einer Bekannten, die in einem dörflichen Supermarkt beobachtete, wie ein Flüchtling versuchte, ein paar Sachen einzukaufen. Er suchte sich seine Waren zusammen, ging zur Kasse und hielt der Kassiererin einen 20-Euro-Schein, den er als Taschengeld erhalten hatte, hin. Er verstand aber nicht, dass er noch Wechselgeld zurück bekam und die Kassiererin, gestresst und auf die lange Schlange an der Kasse schauend, reagierte ungehalten und verständnislos. Beide diskutierten einige Zeit lang ergebnislos, bis sich die Bekannte, die hinter dem Mann in der Schlange stand, einmischte, das Wechselgeld nahm, ihre Einkäufe bezahlte und dann dem Mann in Ruhe und mit viel Geduld, aber ohne gemeinsame Sprache, versuchte zu erklären, wie das mit dem Geld funktioniert. Übernimmt der Sozialarbeiter die Einweisung in solch praktische Dinge?

Das sind ganz praktische Probleme, an die vermutlich die wenigsten, schon gar nicht die Entscheider, denken. Laubegast wurde zwar vor gut einem Jahrhundert eingemeindet, hat sich aber über all die Jahre seine dörfliche Struktur bewahrt. Weder beim Fleischer noch beim Bäcker wird es Verkäufer geben, die Englisch können und ob die Kassierer in den örtlichen Discountern das können, ist auch eher fraglich. Und wer sagt denn, dass die Flüchtlinge mehr als ihre Muttersprache sprechen. Stehen überhaupt genügend und die richtigen Dolmetscher zur Verfügung?

Ich denke, dass sind ganz normale und berechtigte Sorgen, die nichts mit Rassismus zu tun haben. Natürlich gibt es unter den Anwohnern auch welche, die Fremde ganz grundsätzlich ablehnen, aber es werden dort nicht mehr wie anderswo sein. Genauso bin ich der Überzeugung, dass wenn man die Anwohner frühzeitig mit einbezieht, sich ihrer Ängste, Sorgen und Bedenken annimmt und ganz viel erklärt, Stichwort Transparenz, dass man dann auch gemeinsam Konzepte finden kann, wie die Flüchtlinge untergebracht und betreut werden können. Es wird sicherlich Freiwillige geben, die sich um die Menschen kümmern möchten und tatkräftig zur Seite stehen können.
Die Anwohner aber einfach vor vollendete Tatsachen stellen, stößt alle möglichen Helfer vor den Kopf und vergiftet das Klima. Leider passiert dies viel zu oft und nicht umsonst wird dieser Punkt gerne von Pegida aufgegriffen, er kommt nicht von ungefähr.

So beruhigend es für die Flüchtlinge sein mag, eine ordentliche Unterkunft in einem kriegsfreien Land zu haben, so reicht das alleine eben nicht aus für ein menschenwürdiges Leben. Ich bin der Überzeugung, dass die allermeisten Flüchtlinge bereit sind, sich hier ein neues Leben aufzubauen, zu arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen. Nur so ganz ohne Hilfe wird dies sehr schwer. Allein die Traumabewältigung dürfte für viele ein unüberwindbares Hindernis sein und die Hilfsangebote stoßen bereits jetzt an ihre Grenzen.

Vor diesem Hintergrund ärgert mich die Berichterstattung, weil da ein Stadtteil völlig zu Unrecht in Verruf gebracht wird. Viel besser wäre es, wenn die Vorgänge der Dresdner Stadtverwaltung näher beleuchtet und die fehlende Transparenz der Entscheidungen sowie die mangelnden Betreuungskonzepte angeprangert werden.

Aber die rechte Ecke ist so viel quotenträchtiger!